Verdi auf Dächsisch

21. Februar 2025. Mit welchem Stoff verabschiedet man sich von einem Amt, das man 22 Jahre ausgefüllt hat? Ulrich Greb, Intendant an Nordrhein-Westfalens kleinstem Stadttheater, wählt Kafka. Und belässt die Erzählung in seiner Adaption bei allen aktuellen Anspielungen im Reich der Kunst.

Von Gerhard Preußer

Kafkas "Der Bau" in Ulrich Grebs Regie am Schlosstheater Moers © Jakob Studnar

21. Februar 2025. Wer Kafka verständlich machen will, ist fehl am Platz oder in der Schule. Jedenfalls nicht im Theater. Einen Kafka-Text auf die Bühne zu bringen, das bedeutet, eine weitere poröse Zeichenschicht über die Sprache zu legen. Ulrich Greb potenziert Kafkas Mehrdeutigkeit in seiner Inszenierung von Kafkas später, unabgeschlossener Erzählung "Der Bau". Es ist die letzte Regiearbeit als Intendant des Schlosstheaters Moers, bevor mit Jakob Arnold und Daniel Kunze in der nächsten Spielzeit zwei junge Regisseure das Amt übernehmen.

Nordrhein-Westfalens kleinstes Stadttheater, das Ulrich Greb 22 Jahre lang leitete, spielt wirklich in einem Bau, den Kellergewölben des nur noch teilweise erhaltenen Moerser Festungsbaus. Sich verzweigende Gänge, ein versteckter Eingang, ein Burgplatz mit Vorräten, das alles gibt es im Moerser Theaterchen wie in Kafkas Erzählung. Aber auf der Bühne sieht man etwas ganz anderes: ein Quadrat mit dicht herabhängenden, durchsichtigen Plastikstreifen. Ein Raum gefüllt mit Material und doch unscharf durchschaubar (Bühne und Kostüme: Birgit Angele).

Röhrenbau als Teil des Selbst

Kafkas Erzähler ist ein Tier, ein Dachs, sein riesiger unterirdischer Röhrenbau ist so sehr sein Werk, dass er ihn als sein eigenes Selbst versteht. Am liebsten würde er sich zugleich selbst beobachten, vor dem Bau, und ganz bewusstlos er selbst sein, im Bau. Aber im Bau überrascht ihn ein seltsames Zischen, dessen Ursache er nicht finden kann, und deshalb imaginiert er einen großen Feind, der ihn bedroht. Doch er selbst ist der Zischer. So kann man die Erzählung verstehen. Die Literaturwissenschaft glaubt im "Bau" Kafkas Nachdenken über sein eigenes literarisches Werk zu finden oder die Bewusstseinsverblendung der Menschheit.

DER BAU 3 c Jakob StudnarTheatertiere: Matthias Heße, Marissa Möller, Leonardo Lukanow, im Hintergrund Ludwig Michael © Jakob Studnar

Das Theater sieht es anders. Vier Figuren gibt es hier (Matthias Heße, Leonardo Lukanow, Ludwig Michael, Marissa Möller), nicht eine. Vier monströse Wesen zwischen Tier und Mensch, mit unförmigen Wülsten aufgebläht, mit Pelzmänteln wie Fellen, Silberschmuck und hochhackigen Pumps. Die Sicht auf sie ist zugleich erschwert und verdoppelt. Die Plastikstreifen schwingen und spiegeln im Licht, eine tragbare Kamera projiziert Großaufnahmen der Gesichter auf eine hintere Wand. Kafkas monologischer Text ist auf diese vier verteilt. Nicht der vereinsamte Einzelne, sondern die vertierte Gesellschaft spricht.

Traumbild und Panikduett

Und wir sehen Szenen aus dem Leben der Dachse: wie sie sich streiten, einander an die Gurgel gehen, sich mit ihren Afterdrüsen besprühen, kopulieren, fäkalisieren, sich mit röchelnden Kehllauten anbellen, sich aneinanderkuscheln. Die Berührungspunkte zwischen Textebene und Aktionsebene sind selten, dann aber spürbar. Wenn das Tier ruhig in seinem Bau schläft, steigen die vier Mischwesen auf herabhängende Steigbügel und schweben so still, sanft schwankend über dem Boden inmitten der glitzernden Plastikstreifen. Ein ungeahnt bizarres, wahrhaft unterirdisches, aber suggestives Traumbild.

DER BAU 7 c Jakob StudnarLeonardo Lukanow im Gewirr des Baus © Jakob Studnar

Dann glaubt das Tier das Zischen zu hören. Wir hören zunächst gar nichts. Das gefährliche Geräusch ist nur ein paranoides Bewusstseinsphänomen. Bruchstücke eines Walzers von einer knisternden alten Schallplatte erklingen. Die vier Wesen fangen an zu zittern, gehen über zu einem Gezappel, dann zu einem wilden, minutenlangen, sich beschleunigenden Stampfen. Wut und Panik: der Feind wird gesucht, der man doch selbst ist. Höhepunkt der Grenzverwischung von Tier und Mensch ist ein Opernduett zwischen zwei Wulstwesen, wortlos schrill und sonor mit animalischen Lauten gesungen. Ein Verdi auf Dächsisch.

Leise Stimme, laute Trommel

Aktuelle Anspielungen lassen sich finden ("einen Verteidigungsplan hätte man ausarbeiten müssen – viel zu spät"). Aber die Inszenierung gibt keine Deutung preis. Zum Schluss wird mit einer künstlichen Kinderstimme ein Brief Kafkas an seine Freundin Milena verlesen: "Leise Stimmen werden besser vernommen", heißt es dort, "wenn zugleich eine laute Trommel gerührt wird".

Welche leisen Stimmen kann man unter dem Getöse hören? Der gesamtgesellschaftliche Bau ist gelungen, aber er bietet keine Sicherheit und kein Wohlbefinden, solange ihr nicht eure eigene Existenz rechtfertigt? "Alles verständlich, denn ich bin es selbst", schreibt Kafka. Doch nicht nur er, sondern wir sind es selbst.

Der Bau. Topographie eines Dilemmas
von Franz Kafka
Inszenierung: Ulrich Greb, Bühne und Kostüme: Birgit Angele, Choreografie und Bewegungsleitung: Alessia Ruffolo, Video: Felix Hecker, Dramaturgie: Sandra Höhne.
Mit: Matthias Heße, Leonardo Lukanow, Ludwig Michael, Marissa Möller.
Premiere am 20. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schlosstheater-moers.de

Kritikenrundschau

Für die Rheinische Post (22.2.2025) berichtet Anja Katzke: "Mit der Kafkas Parabel serviert Ulrich Greb dem Publikum wahrlich schwere Kost und eine düstere Inszenierung, in der die befreienden und komischen Elemente, um das Bedrückende einfach weglachen zu können, dieses Mal zu kurz kommen – bis auf den La Traviata-Wettstreit zwischen Marissa Möller und Leonardo Lukanow vielleicht. Und so blieb der Applaus der Zuschauer am Ende nachdenklich und verhalten. Der Funke sprang nicht über."

Bei "fundamentaler Erkenntnis-Skepsis, im Wissen um die Unschärferelationen menschlicher Einsichten" landet Jens Dirsken von der Westfälischen Rundschau (22.2.2025) mit den Figuren dieses Abends. "Dazwischen verfallen Marissa Möller, Matthias Heße, Leonardo Lukanow und Ludwig Michael vom Reden ins Zischeln, Fauchen und Jaulen wölfischer Menschen. Gegen Ende werden sie wie Marionetten ihrer Ängste in den Seilen hängen. Die allzu sichtbare Leerstelle des Stücks – menschliche Solidarität – bildet einen unsichtbaren Hoffnungsschimmer."

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