Spielbälle im Schwerelosen

8. Januar 2026. Ein Triumph: Thorsten Lensing ist zurück und mit ihm sein Star-Ensemble aus Ursina Lardi, André Jung, Sebastian Blomberg und Karin Neuhäuser. Aus Motiven des US-Schriftstellers Denis Johnson haben sie einen Abend gezaubert, der die Last der Existenz leicht werden lässt. Vor der großen Tour stand jetzt die Vorpremiere in Münster.

Von Andreas Wilink

"Tanzende Idioten" von Thorsten Lensing im Theater im Pumpenhaus © Armin Smailovic

8. Januar 2026. Denis Johnson (1949 bis 2017) hat einen Sammelband seiner Reportagen über Afrika "In der Hölle. Blicke in den Abgrund der Welt" betitelt. In den Abgrund der Welt schaut auch Thorsten Lensing mit seinen vier Schauspieler*innen, auf dass dieser – himmlisch – zurücklächelt. Der Regie-Autor und seine All-Star-Group mit Ursina Lardi, Sebastian Blomberg, André Jung ist ergänzt um Karin Neuhäuser, deren resolut-ruppige Direktheit und herzwarme Kaltschnäuzigkeit zusätzliche Farbe in das Spektrum bringt. Sie werfen flackerndes Licht auf die dunkle Seite des Lebens und, siehe, es leuchtet um die Versehrten, Kaputten und Überwinder. 

Lensing hat nicht etwa Romane oder Erzählungen des Amerikaners Johnson dramatisiert, sondern deren Fluidum destilliert. Da gibt es die elf Stories im Buch "Jesus' Son", die kein Gramm zu viel ansetzen und deren herbe Lakonie und Dringlichkeit das Dazwischen von Nüchternheit und Rausch besetzt. Da ist "Resuscitation of a Hanged Man" (Wiederbelebung eines Gehängten), da sind die fünf Short Stories in "The Largesse of the Sea Maiden" (Die Großzügigkeit der Meerjungfrau).

Passagiere auf den Narrenschiffen

"Tanzende Idioten". Das meint hier keine klinische Kategorie, sondern liefert gewissermaßen künstlerische Bezeichnung. Denken wir an Dostojewski, Sartre oder Lars von Trier. Wir kennen viele Passagiere auf den Narrenschiffen, die Meere bereisen und an Land gehen – oder vielleicht zum Mond fliegen. Lensing hat auch NASA-Protokolle studiert und lässt Neil Armstrong sprechen, der 1969 den großen Schritt für die Menschheit getan hat und darum sagt: "Wir sind hochgerüstete Affen."

Erneut zeigt Lensing sich – wie in seinem gefeierten Stück "Verrückt nach Trost", in dessen Titel ebenfalls das Balancieren auf der Borderline von geradlinig normal und Neben der Spur-Sein anklingt – als Großmeister des Kleinteiligen. Ein theatraler Minimalist und Miniaturmaler. Ein Sammler von Augenblicken, deren Wimpernschlag Weltzeit herstellt. Das Episodische schafft eine humane Maßeinheit. Hören wir im "Tanzen" des Titels nicht ein Echo Nietzsches? "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch. ... Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?" – so fragt der letzte Mensch und blinzelt."

Tanzende Idioten 2 CArmin Smailovic uSammler der Augenblicke: André Jung, Sebastian Blomberg, Willi Kellers, Ursina Lardi © Armin Smailovic

Lensings Theater erschafft einen solitären Spielraum, dehnt ihn elastisch, macht aus wenig viel, erkennt im Atom das Ganze, bietet das Freigehege für "Verwilderung" auf der Bühne und eine ethisch fundierte Zoologie. In "Verrückt nach Trost" lernten wir eine Oktopus-Lady kennen. Nun tritt Kater Apollo auf: als Naschkatze mit einem Fisch als Beute. So wie Sebastian Blomberg pantomimisch auf leisen Strumpfsohlen eine leicht bauchige Aristocat hintatzt und -striegelt, muss ein Gott, ein Götze, ein Clown hinter seiner Maske wohnen.

Auf Du und Du mit dem Tod

Goldie, sein Frauchen, begegnet uns, als sie Bauarbeiter anweist, ein Haus mit riesiger Glasdecke zu errichten und die Bettlägerige mit einem Gabelstapler hochzuhieven. Aus herumliegenden Brettern wird ein Stück Wand gezimmert. Im Jahr der ersten Mondlandung geboren, gehorchen ihr heutzutage die Beine nicht mehr; darum lässt sie sich Mobilität im Raum schaffen und dem Himmel nahe bringen. Goldies Wunsch, "einfach nicht zu sterben" macht sekundäre Ziele und Bestrebungen obsolet. Dabei ist sie so krank, dass "der Tod sie schon duzt". Ursina Lardis Vitalität im Kampfduett mit Goldies brüchiger Existenz und einer Holzlatte erhebt sie zur wundersam profanen Heiligen der letzten Tage.

Ihr Vater Tony, der sich lieber Hunter nennt, hat sich nach mehreren Ehen mit Vivian zusammengetan, die, bevor sie neu zu leben anfing, Rosa Olivia hieß. Die begnadete Illusionslosigkeit, in der die Zärtlichkeit der Zwei, André Jung und Karin Neuhäuser, füreinander gedeiht, ist beinahe der Weisheit letzter Schluss.

Tanzende Idioten 3 CArmin Smailovic uBrüchige Behausung: Ursina Lardi © Armin Smailovic

Short Cuts in Dialog und Monolog. Skizzen über das Alter(n), den Herzschlag, das Fatum Liebe, Schuld und Vergebung, die Würde des Individuellen. Darin Sätze wie dieser: "In mir war immer etwas, das erst noch geboren werden wollte, doch ich habe es nicht zugelassen, weil es zu schön für diese Welt war."

Existenzielle Fragen

Das Aufrührende, Unbedingte und Erregende der dramatischen Etüden von eigentümlich schwerelosem Gewicht liegt begründet in ihren existenziellen Fragen: Was formt das Geschenk des Lebens vom ersten Tag seit der Geburt, woran sich ein Menschenkind nicht erinnern kann? Goldie aber möchte, dass Tony ihr "erstes Gesicht", den ersten Laut, die ersten Schritte als Baby vormacht. Da grimassiert und schreit André Jung zum Gotterbarmen. Was bedeutet es, dass der Tod (auch im Versuch, Hand an sich zu legen) die Grenze markiert, von der aus man die Gabe des Lebens betrachtet? Wie ereignet sich das kaum Mögliche, dass zwei Menschen sich einander mitzuteilen vermögen – wissend, dass man "im Schmerz allein" ist?

Noch aber hebt Goldie – eine Frau Luna jenseits von Operette – ab und gerät ins Schwitzen: Lensing betätigt den Temperaturregler bis zum Extrem. Das Wunder der Erde vom All aus betrachtet: Lardi und Blomberg, der Neil Armstrong zum Helden einer kosmischen Farce hinbiegt, sind Spielbälle im Schwerelosen. Wieder mit den Beinen auf irdischem Boden, schwingen sich alle in einer furiosen musikalischen Sauna-Session aus, die Willi Kellers mit allen Fasern des Körpers instrumentiert. Es folgt die Katastrophe. Mit jedem Tod stürzt eine Welt ein. Das letzte Miau gehört der einsam trauernden Kreatur.

 

Tanzende Idioten
von Thorsten Lensing
Regie: Thorsten Lensing, Mitarbeit Regie: Benjamin Eggers-Domsky, Musik: Willi Kellers, Bühne: Gordian Blumenthal, Ramun Capaul, Kostüme: Anette Guther, Nuria Heyck, Dramaturgie: Dan Kolber, Thierry Mousset, Dramaturgische Mitarbeit: Anne Inken Bickert.
Mit Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi, Karin Neuhäuser.
Vorpremiere am 7. Januar 2026 am Theater im Pumpenhaus Münster
Premiere am 15. Januar 2026 im Haus der Berliner Festspiele
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

berlinerfestspiele.de
festwochen.at
theatres.lu
kampnagel.de
schauspiel-stuttgart.de
asphalt-festival.de
kurtheater.ch
pumpenhaus.de

Kritikenrundschau

"Originelle Dialoge und tragikomische Szenen" sah Helmut Jasny bei der Vorpremiere in Münster und lobt in den Westfälischen Nachrichten (9.1.2026) eine "durch und durch gelungene Inszenierung".

"Es ist ein sperrigerer, überhöhterer Abend als Lensings letzte Arbeiten," so Barbara Behrendt nach der Berliner Premiere im rbb (16.1.2026). "Das Leiden an der Existenz, die wir alle nicht begreifen können, wird zwar leicht und spielerisch inszeniert, bleibt aber letztlich unbegreifbar. Es ist ein Blick in den Abgrund. Doch vom irren, kindlichen Spiel des Ensembles wird man gehalten, statt in diesen Schlund hineinzustürzen. Ein tröstliches Existenztheater, das tatsächlich zu tanzen beginnt – wenn man es lässt."

"Alles ist dinglich und trocken und hell", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (17.1.2026) und sah eine "unerschrockene Sterbeübung am Rand der Rampe, frei von Geheimnistuerei. Mutig, weil es nichts zu begreifen gibt." An diesem dreistündigen Abend "passiert nicht viel, aber in jedem Vorgang, jedem Wort öffnet sich eine Welt".

"Tanzende Idioten" ist "Theater, wie man es nur selten erleben kann, mit einem großartigen Ensemble, hervorragenden Dialogen, tollen Tempowechseln, vor allem aber: einem echten Anliegen. Am liebsten hätte man mitgetanzt. Aber tut man das nicht ohnehin?", schreibt Felix Müller in der Berliner Morgenpost (17.1.2026).

"Das ist, auch rein stilistisch, das wichtigste Element in Lensings Arbeit: der Genuss am Theatermoment. Tanzende Idioten dauert inklusive Pause drei Stunden, die Darstellerinnen und Darsteller haben viel Zeit, sich grandios zu entfalten – im Tragikomischen", berichtet Peter Kümmel in der Zeit (€ | 17.1.2026) und lobt in höchsten Tönen: "Sterben auf der Bühne darzustellen ist immer riskant, oft wird es peinlich. So berührend wie hier gelingt es selten."

Simon Strauss lobt in der FAZ (20.1.2026) insbesondere Sebastian Blombergs Spiel des Katers: "Blomberg verleiht seinem Körper die Anmutung eines eingebildeten Pfotentiers, das genau weiß, wie schön und wichtig es ist. (…) Wenn es einen Sonderpreis für herausragende Tierdarstellungen gäbe, hierfür müsste er ihn bekommen." Und resümiert: "Ein Abend, der mit pragmatischer Poesie auf die Einsamkeit einer Sterbenden schaut. Der unter Vorspiegelung harmloser Harmonietatsachen die größte Gewalttat behandelt: den Abschied vom Leben."

Kommentare  
Tanzende Idioten, Berlin: Pflegen ihren Stil
Ihren ganz eigenen versponnenen Stil pflegen Thorsten Lensing und eine kleine, aber sehr feine Truppe von Mitstreiter*innen. Ein Markenzeichen der Truppe ist es, dass sie regelmäßig in Tier-Rollen schlüpfen. In früheren Arbeiten erschöpfte sich dies oft in stolz ausgestellten Kabinettstückchen, die recht beliebig aneinander gereiht wurden, diesmal fügen sich diese komödiantischen Tier-Imitationen besser in den Abend ein.

Ausgiebig darf Sebastian Blomberg demonstrieren, wie er sich die Pfoten leckt oder einen Fisch verschlingt. Der Kater lebt bei Goldie (Ursina Lardi), die todkrank ist und ihren Weg finden muss, diese Diagnose zu verarbeiten. Sie hat sich vorgenommen, kein Apfelbäumchen zu pflanzen, sondern an einer Holzkonstruktion zu werkeln. Dafür kommandiert sie ihre beiden Arbeiter herum.

Im Zentrum dieser tragikomischen Stückentwicklung, die auf Motiven aus Erzählungen und Romanen basiert, die der US-amerikanische Schriftsteller Denis Johnson in den 1990er Jahren veröffentlichte, steht die Meditation über und die Einübung in das Sterben. Schaubühnen-Star und Regisseurs-Gattin Ursina Lardi gehören die stillen und leisen Momente.

Polternd werden diese immer wieder von Karin Neuhäuser, lange Jahre im Ensemble des Hamburger Thalia Theaters, durchbrochen. Sie spielt Vivian, die neue, mittlerweile vierte Frau von Goldies Vater (André Jung). Die beiden rüstigen Rentner sind abenteuerhungrig, wollen die restliche Lebenszeit aktiv genießen und üben mit leidlichem Erfolg das synchrone Paddeln im Kajak. Die sterbende Goldie, die sie an die Schattenseiten des Lebens erinnert, passt so gar nicht in ihre Pläne vom gemeinsamen Rentner-Glück. Neuhäuser mit ihrem schnoddrig-lakonischen Ton ist als einziger Neuzugang der bewährten Stammtruppe eine sehr willkommene Bereicherung, da sie das manchmal zu Versponnen-Ätherische, Selbstreferentielle der Lensing-Crew zuverlässig erdet.

Vor der Pause sind die „Tanzenden Idioten“ überraschend stringent. Während „Verrückt nach Trost“ 2022 als Nummernrevue noch zerfaserte, sind hier Figuren und Anliegen deutlich erkennbar. Trotz einiger Längen auf der gesamten Spielzeit von fast drei Stunden und ein paar angedeuteten Sketchen, die man in der zweiten Hälfte nach dem „Kill your darlings“-Prinzip ohne Verlust streichen könnte, entsteht diesmal ein runder Abend, der sich von den üblichen Routinen des Theaterbetriebs abhebt und in eine skurrile Parallelwelt einlädt.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2026/01/17/tanzende-idioten-thorsten-lensing-theater-kritik
Tanzende Idioten, Berlin: Förderprogrammatik
Ein schöner, entspannter Theaterabend im besten Sinne. Es ist mir nur nicht ganz klar, warum ausgerechnet solch ein Abend - der ebenso an der Schaubühne, dem BE oder dem DT hätte stattfinden können - gleich von mehreren Festspielen produziert werden muss. Wäre es nicht eigentlich Aufgabe der Festspiele (der Name sagt es ja eigentlich schon) die großen, sperrigen und nicht stadttheaterkompatiblen Formate zu fördern? So wie früher die Produktionen von Mnouchkine, Brook, etc… ist für solche großformatigen Gastspiele kein Geld mehr da oder warum hat sich da die Programmgestaltung so verändert?
Tanzende Idioten, Berlin: Theaterrealität?
@2:
Mit demjenigen, in dessen Theaterrealität das "normal" ist, möchte ich gerne tauschen...
Aber Spaß beiseite, uch wüsste ehrlich gesagt nicht, welches Theater sich so ein Ensemble auf die Bühne stellen könnte?
Mal ganz zu schweigen von den Realitäten, wie im Theaterbetrieb mit Schauspieler:innen im Alter umgegangen wird.
Tanzende Idioten, Münster: BE muss sich nicht verstecken
# 3 Der schlechte Umgang mit älteren Schauspielern ist ja nicht zwangsläufig an die Form des Stadttheaters gebunden. Das hängt ja eher von der jeweiligen Leitung ab. Was die Qualität des Ensembles angeht: das ist natürlich Geschmacksache. Aber - um nur ein sehr aktuelles Beispiel zu gebrauchen - die Besetzung der aktuellen BE-„Antigone“ (Harzer-Becker-Morgenmeyer) muss sich da meines Achtens nicht verstecken.
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