Umgeben von Gewalt

17. Mai 2024. Der Berufsalltag von Polizist*innen ist Gegenstand der neuen Dokumentartheaterarbeit von werkgruppe2, die bei den Ruhrfestspielen Premiere hatte. Recherchiert wurde unter anderem im Rahmen der Klimaproteste in Lützerath – nur auf Polizeiseite. Eine kluge Entscheidung.

Von Sarah Heppekausen

"Hier spricht die Polizei" von werkgruppe2 bei den Ruhrfestspielen © Kerstin Schomburg

17. Mai 2024. Die Liste der Trigger ist recht lang für diesen Abend: Tod, Verletzungen, Gewalt gegen Frauen, psychische Erkrankungen, Rassismus. Das alles bringt die Arbeit bei der Polizei mit sich. Und um die geht es in dieser Inszenierung. Das Künstlerinnenkollektiv werkgruppe2 widmet sich immer wieder Menschen und sozialen Gruppen, die sonst selten sichtbar sind auf Bühnen. Sie beschäftigten sich schon mit Frauen aus der Arbeiterklasse ("Arbeiterinnen / Pracujace kobiety", 2021), mit Reinigungskräften in Hotels ("Bitte nicht stören", 2023) und Roma in Europa ("Gypsies", 2017). Für "§ 218" haben sie Frauen befragt, die abgetrieben hatten. Und diesmal: 20 Polizist*innen. Aus deren Interviews entwickelten sie eine Stückfassung – und die hier von Mitgliedern aus dem Ensemble des Schauspiel Hannover gespielten Figuren. 

Recherche bei der Räumung des Klimacamps in Lützerath

Da ist zum Beispiel Easy ("die Polizei mag Spitznamen"), Bereitschaftspolizist und schon lange dabei. Bei seinem ersten Einsatz am 1. Mai in Berlin hat er "den blanken Hass" in den Augen der jungen Demonstrierenden gesehen. Oder Aida, Dienstälteste des Abends, sie erzählt von rassistischen Äußerungen ("Rotationseuropäer", "Kanake") und von ihrem Einsatz bei der Loveparade in Duisburg, bei dem sie Angehörigen vom Tod ihrer Kinder berichten musste. Oder Mango, der der Institution Polizei durchaus kritisch gegenüber steht, der auch mal miese Kolleg*innen meldet und dann als "Nestbeschmutzer" gemieden wird. Wir hören ihre Sicht auf die Zustände – auf krawallfreudige Hooligans, auf "Umweltfuzzis", die im Baum hängen, auf schlagende Familienväter, auf Linke, die bei Demos gerne Katz-und-Maus mit der Polizei spielen, auf die Angst, wenn sie mit Molotowcocktails beworfen werden.

Bei einer Diskussionsveranstaltung der Ruhrfestspiele und des DGB zum Thema "Solidarität" hörte die Dramaturgin Silke Merzhäuser Schilderungen darüber, was es für Polizist*innen bedeutet, mit "Scheiße beschmissen" zu werden. In Lützerath starteten sie und Regisseurin Julia Roesler dann ihre einjährige Recherche. Sie waren bei der Räumung des Klimacamps im rheinländischen Braunkohlegebiet dabei – auf der Seite der Polizist*innen. Sie begleiteten die Gewerkschaft der Polizei, die für die Versorgung der Gruppen zuständig war.

Neutralität und Molotowcocktails

Auf der Kleinen Bühne im Ruhrfestspielhaus haben Lea Dietrich und Viva Schudt ein wenig reizvolles Setting gebaut. Karge weiße Wände, Spindschränke und blauer Teppich für den tristen Charme eines Bürokomplexes. Ein stimmungsloser Unort, der zu Neutralität verpflichtet. Ab und an verändert sich das Licht den Raum, wenn Emotionen durchbrechen. Oder Bühnennebel steigt auf – als Rauch der Molotowcocktails.

Hier spricht die Polizei Foto Kerstin Schomburg 212538Polizist*innen in Partylaune © Kerstin Schomburg

Auch Sound und Songs unter der musikalischen Leitung von Insa Rudolph bleiben eher unspektakulär. Mal streichen die Musiker ihre Bögen an Gitterstäben hin- und her, mal singen sie zu Bass und Gitarre (zum Beispiel "It Takes a Lot to Know a Man" von Damien Rice), einmal gibt’s Karnevalshits für die Partylaune (auch feiern kann die Polizei, das Feierabendbier allerdings gehört wohl eher der Vergangenheit an). 

Kluge Monoperspektive

Es ist nicht die Performance, die von diesem Abend im Gedächtnis bleibt. Es ist die geballte Ladung an O-Tönen, es sind die Stimmen, die nachhallen. Werkgruppe2 konzentriert sich konsequent auf die Seite der Polizist*innen. Demonstrierende, Opfer, Kritisierende kommen ausschließlich in deren Erzählungen vor. Diese kluge Entscheidung der Monoperspektive ermöglicht eine eigene Haltung, weil nichts vermeintlich ausgeleuchtet und ausdiskutiert wird. Das vermutete "Bildungsbürgertum", wie das Publikum in der Inszenierung angesprochen wird, das mit der Polizei sonst allenfalls als Diebstahlopfer o.ä. in Kontakt kommt, darf darüber nachdenken, was es bedeutet, im Berufsalltag stets von Gewalt (auf beiden Seiten!) umgeben zu sein. Werkgruppe2 fordert zum Zuhören und Hinsehen heraus. Es bleibt spannend, welches Thema, welche Menschen sie als nächstes ins Bühnenlicht setzen.

Hier spricht die Polizei
von werkgruppe2
Regie: Julia Roesler, Musikalische Leitung: Insa Rudolph, Recherche & Text: Silke Merzhäuser, Julia Roesler, hne & Kostüme: Lea Dietrich und Viva Schudt, Dramaturgie: Silke Merzhäuser, Lovis Fricke.
Mit: Fabian Dott, Servan Durmaz, Anja Herden, Alrun Hofert, Sebastian Nakajew, Live-Musik: Christian Decker, Dominik Decker, Uli Genenger.
Premiere am 16. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.werkgruppe2.de 

www.ruhrfestspiele.de

 Kritikenrundschau

Von eine bemerkenswerte Produktion, "die von großer Empathie getragen ist, die eine Perspektive zeigt, die sonst, wenn überhaupt, nur durch einen Filter vorgefasster Meinungen präsentiert wird," spricht Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (17.5.2024). Eine Produktion, die sich sehr bewusst darüber sei, "wer da im Publikum sitzt: Bildungsbürger, 'die eben nicht mit uns in Kontakt kommen, weil sie sich in Lützerath am Baum festbinden', wie Aida festhält. Sondern weil ihnen etwas geklaut, weil ihnen das Auto gestohlen, weil die Reifen platt gemacht wurden, kurz, weil sie 'irgendwie Opfer geworden sind': 'Den einen können wir nicht schnell genug da sein, und die anderen sagen: Bleib mir bloß weg - auf dieser Spanne bewegen wir uns, wisst ihr?'. Dass an diesem Abend diese ganze Spannbreite gezeigt wird, macht ihn in einer Weise relevant, von der viele andere politisch apostrophierte Theaterprojekte nur träumen können."

"Acht Darsteller und Musiker verkörpern, was die Werkgruppe 2 über Monate in 'wortwörtlichen Interview-Aussagen' aufgenommen hat. Sie sprach mit Polizistinnen und Polizisten vom Ruhrpott bis nach Niedersachsen. Das Ergebnis ist zum Lachen, es ist grausig, es ist der Abgrund," schreibt Lars von der Gönna in der WAZ (17.5.2024). Die Adaption ist allerdings aus Sicht des Kritikers nicht ohne Schwächen. "Je theatralischer die Szenen werden mit Songs in Uniform, mit ins Hässliche verrutschenden Kollegen-Partys, desto ferner rückt die Tatsache, dass hier Schauspieler für Menschen stehen sollen, deren Schicksal die seltsame Zwitterschaft von Täter und Opfer ist. 

Kommentare  
Polizei, Ruhrfestspiele: Nächste Folge
Als nächstes könnte man ja Personen aus der Bundeswehr oder von Frontex auf die Bühne stellen. Dann können die auch mal erzählen wie schwer sie es haben...
Polizei, Ruhrfestspiele: Invektivität
@#1 was für ein ätzender Kommentar. Genau diese Generalverurteilung von Menschen, dieser Aufruf zur Empathielosigkeit mit Menschen die tagtäglich viel leisten, um ALLE zu schützen vor Gewalt, ist es die vielen Menschen diesen anstrengenden Job verleiden. Ich habe gerade wieder den Begriff "Invektivität" gelesen, so wie ihn Marina Münkler definiert, und das ist vielleicht gut, dass nochmal zur Kenntnis zu nehmen: "Die Wissensgesellschaft zeichnet sich nicht durch eine allgemeine Verbreiterung des Wissens aus, sondern durch ein generalisiertes Misstrauen gegenüber Experten und Institutionen. Sie zeichnet sich nicht durch eine gesteigerte Rationalität von Kommunikation aus, sondern durch gesteigerte Emotionalität, nicht durch Anerkennung, sondern durch Herabsetzung. Invektivität, also die Logik der Herabsetzung, die sich quasi ubiquitär in unterschiedlichen Konstellationen und mit zunehmender Dynamik verbreitet, ist damit zu einem zentralen Modus gesellschaftlicher Kommunikation geworden." Foren über Theaterarbeiten sollten meiner Meinung nach dieser Art von Kommunikation keine größere Bühne geben. Die tägliche Dosis an hate-speech, die ich so abbekomme, reicht mir persönlich. Aber wahrscheinlich unterschätze ich gerade den diskursiven "Nährwert" von Antons Kommentar.
Polizei, Ruhrfestspiele: Ab September in Hannover
Es könnte ergänzt werden, dass die Inszenierung ab September vom mitproduzierenden Schauspielhaus in Hannover gezeigt wird.
Polizei, Ruhrfestspiele: Werkgruppe 2 auf nachtkritik
Einige Arbeiten von werkgruppe2 sind auf Nachtkritik besprochen.

Zum Film „Arbeiterinnen:
https://www.nachtkritik.de/nachtkritiken/deutschland/nordrhein-westfalen/ruhrfestspiele-recklinghausen/arbeiterinnen-ruhrfestspiele-der-theaterfilm-von-werkgruppe-2-zeigt-deutsche-und-polnische-arbeiterinnenbiografien

Zum Stück „§218“:
https://nachtkritik.de/nachtkritiken/deutschland/nordrhein-westfalen/oberhausen/theater-oberhausen/218-oder-leben-wie-im-mittelalter-theater-oberhausen-werkgruppe2-praesentiert-eine-grossartige-dokumentarische-inszenierung-am-theater-oberhausen

Zu „Soldaten“:
https://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5820:soldaten-ein-szenisch-musikalischer-einsatzbericht-&catid=332&Itemid=100372

@Anton: vielleicht mal reinlesen?
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