Non-existent - Staatstheater Mainz
Immer in Angst
27. Oktober 2024. Wer nicht im Krieg ist, ist im Exil längst nicht in Sicherheit. Das erzählt Natalka Vorozhbyts "Non-existent" anhand einer Familie und drei Frauen-Generationen. Die bitterböse Komödie über die schwierige Situation hat Marc Becker jetzt in Mainz inszeniert.
Von Leopold Lippert
Natalka Vorozhbyts "Non-existent" am Staatstheater Mainz von Marc Becker inszeniert © De-Da-Productions
27. Oktober 2024. “Leichte Szenen vor dem Hintergrund des Krieges” heißt es im Untertitel von "Non-existent", einem Stück der ukrainischen Dramatikerin Natalka Vorozhbyt, das im Februar in Essen uraufgeführt wurde und nun im Staatstheater Mainz auf die Bühne kommt. Leichtfüßig sind sie wirklich, diese Szenen voll intimer, häuslicher Themen.
Großmutter Marija (Iris Atzwanger), Mutter Orysja (Tanya Kargaeva), Tochter Daryna (Leandra Enders): drei geflüchtete Frauen in einer improvisierten kleinbürgerlichen Wohnung. Sofa, Kühlschrank und Kruzifix (Ausstattung für wenig Geld: Christina Kirk), irgendwo in einem "europäischen Land", das unschwer als Deutschland zu erkennen ist, soviel, wie hier verboten ist. Zudem hat Olaf Scholz (Anneke Gies) einen kurzen Auftritt als Herrgott, der die Waffen gibt (aber nicht zu viele).
Abgründe des neuen Alltags
Ansonsten geht es um den Lebensmitteleinkauf, die Blumen im Park, knarzende Dielen, den Schulausflug, verbotene Flirts und auch ein bisschen Sex. Ein griesgrämiger Kater (sehr cute: Armin Dillenberger) ist auch dabei und freundet sich mit dem Nachbarkater an, der ausgerechnet Tschechow heißt.
Einen Herrgott braucht es, der Waffen gibt: "Non-existent", von Marc Becker inszeniert © De-Da-Productions
Es ist eine scheinbar harmlose, kammerspielartige Revue ohne wirklichen Handlungsbogen, die Vorozhbyt zum Angriffskrieg auf die Ukraine schreibt. Die Frauen sind ein wenig verunsichert, weil sie nicht alles verstehen, was die Deutschen sagen. Sie schrecken auf, als es an der Tür klopft, denn vermutlich will sich jemand beschweren, weil sie den Müll nicht richtig getrennt haben. Sie vergessen Worte, die früher ganz alltäglich waren, und lernen dafür neue dazu. Sie bändeln an mit Schulkamerad:innen und Zufallsbekanntschaften. Und sie sind irritiert von der Selbstbezogenheit der Deutschen, die ihre eigenen Alltagsproblemchen ganz wichtig nehmen, während sie für die Ukrainerinnen nur abgelutschte Solidaritätsphrasen übrig haben. Aber Diskriminierung oder gar Gewalt, wie sie viele andere Geflüchtete erfahren, das passiert dieser Familie nicht.
Kein Entkommen
Und doch: Während dieses Sitcom-Alltags tobt ein Krieg, und für den hat Regisseur Marc Becker ein großes Loch in der Wohnzimmerrückwand vorgesehen. Dahinter steht eine Projektionswand (Video: Frederick Werth), auf der die Bomben einschlagen. (Manchmal landen aber auch putzige Fallschirme mit Big Macs in einer Bergkulisse.) Ein Fenster nach draußen ist außerdem der Flachbildfernseher, auf dem sich der Vater (Henner Momann) per Videotelefonie zuschaltet.
Wer nicht im Krieg ist, ist trotzdem im Krieg: Armin Dillenberger in "Non-existent" © De-Da-Productions
Der sitzt zwar zuhause in der Kyjiwer Wohnung (Selbstbeschreibung: "Schisser"), tut aber so, als wäre er im Krieg, damit sich die Tochter nicht über ihr neues Leben in Deutschland beschwert. Und so kann auch er nicht wirklich etwas vom Krieg erzählen, dafür vielmehr mit seiner Frau streiten, die unbedingt die Wohnung renoviert haben will, bevor sie zurückkommt. Ein durchaus schwieriges Unterfangen, denn "der Parkettleger ist leider umgekommen, ich würde dir sowieso Laminat empfehlen!".
Kammerspiel mit Pointen
So geht das dahin. Marc Becker inszeniert das Kammerspiel ohne viel Aufhebens herunter, der Kater faucht, die Pointen landen, die ukrainische Schauspielerin Tanya Kargaeva sorgt für die authentische ukrainische Aussprache der Dramatikerin, und nach hundert pausenlosen Minuten ist es auch wieder vorbei. Vermutlich entspricht diese inszenatorische Zurückhaltung am ehesten dem Geist der Textvorlage, die ja eben die Unaufgeregtheit in den Vordergrund rückt, um den Kontrast zur geopolitischen Realität härter zu machen.
Aber irgendeinen inhaltlichen Zugriff hatte man sich dann doch gewünscht, zumal das Stück ja, von seiner grauenhaften Dringlichkeit einmal abgesehen, thematisch relativ generische Diaspora-Themen abhandelt. Immerhin ist für die Zugänglichkeit gesorgt: Die Aufführung ist komplett ukrainisch übertitelt.
Non-existent
Leichte Szenen vor dem Hintergrund des Krieges
von Natalka Vorozhbyt
Deutsch von Lydia Nagel
Inszenierung: Marc Becker, Ausstattung: Christina Kirk, Sounddesign, Video: Frederick Werth, Dramaturgie: Rebecca Reuter.
Mit: Iris Atzwanger, Armin Dillenberger, Leandra Enders, Anneke Gies, Tanya Kargaeva, Henner Momann.
Premiere am 26. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-mainz.com
Mehr zu Natalka Vorozhbyt:
- Uraufführung von "Non-existent" am Schauspiel Essen im Februar 2024
- Interview mit Natalka Vorozhbyt im Mai 2024
Kritikenrundschau
"Ein galliger, bisweilen grotesk überschäumender Humor ist der Grundton des Abends, groteske, absurde, surreale Elemente stehen neben alltäglichen Dialogen und Banalitäten", berichtet Matthias Bischoff in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.10.2024 | €). Der Kritiker verzeichnet bewegende Moment, hat aber auch Einwände: "Nicht alles in diesen Szenen, die ab und an durch sehr befremdlich animierte Videos unterbrochen und begleitet werden, ist für den deutschen Zuschauer nachvollziehbar, einige Passagen stehen isoliert und wirken verzichtbar."
"Pfiffig" nehme Mac Becker den magischen Realismus in Vorozhbyts Stück auf, schreibt Stefan Benz in der Allgemeinen Zeitung Mainz (29.10.2024) über die "slawische Sitcom" mit Bombenkrater im Wohnzimmer-Hintergrund. Der traumatisierte Kater in langer Unterhose krächze wie eine Krähe und bediene sich aus dem Kühlschrank, der Helge Schneiders "Katzenklo" spiele. Vorozhbyts Leichtigkeit im Umgang mit den schweren Themen Flucht und Krieg aber ermögliche es, politische Positionen aufblitzen zu lassen, ohne dass es nach Proseminar klinge. Der Postbote bringe neben Katzengras auch Empfehlungen für Friedensverhandlungen in der Ukraine mit, die Badezimmerberaterin spreche sich für ein Ende der Sanktionen gegen Russland aus. Und die Mainzer Inszenierung leben von den "ebenso humor- wie liebevoll gezeichneten Figuren".
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