Tod eines Handlungsreisenden - Saarländisches Staatstheater
Flucht ins Private ist zwecklos
6. April 2025. Willy Loman ist so etwas wie der Urvater des scheiternden Angestellten am American Way of Live. Regisseur Christoph Mehler fährt in seiner Saarbrücker Inszenierung von "Tod eines Handlungsreisenden" entsprechend groß auf.
Von Uwe Loebens
Christoph Mehler zeigt Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" in Saarbrücken © Martin Sigmund
6. April 2025. Nichts als Selbsttäuschungen, fehlgeleitete Erwartungen und falsche Ansprüche an sich selbst und andere – das kann nur böse enden. Und wie böse es enden wird, daran lässt die Saarbrücker Inszenierung von "Tod eines Handlungsreisenden" von Beginn an keinen Zweifel. Willy Loman, der Handlungsreisende, kommt nach einem Autounfall müde und abgekämpft nach Hause. Dass es kein zufälliges Unglück, sondern ein, vielleicht unbewusster Versuch war, aus dem Leben zu scheiden, wird schnell deutlich. Denn dieser Mann ist am Ende, seine Vorstellungen von einem besseren Leben sind auf ganzer Linie gescheitert. Erfolglos im Beruf, die Familie am Zerbrechen, und das Statussymbol Eigenheim – noch nicht abbezahlt – treibt die Schulden hoch.
Regisseur Christoph Mehler dreht in seiner bildgewaltigen Interpretation des amerikanischen Theaterklassikers von Arthur Miller inszenatorisch das ganz große Rad. Er stellt ein Einfamilienhaus samt Obergeschoss und kleinem rückwärtigem Garten mit weißem Lattenzaun auf die Bühne (Bühnenbild Stefano Buduo). Das Erdgeschoss mit Küche, Schlafzimmer und Büro ist zum Publikum geöffnet, die Vorderfront von Jugendzimmer und Bad in der oberen Etage, bis auf die Fenster geschlossen.
Katz-und-Maus-Spiel ums private Glück
Eine Kamera folgt den Schauspieler:innen auf Schritt und Tritt und überträgt ihre Nahaufnahmen live auf eine große Projektionsfläche zwischen Bad und Jugendzimmer. Intimität, Heimlichkeit, Rückzug sind hier unmöglich. Selbst in Jugendzimmer und Bad stehen Überwachungskameras. Das schambesetzte Scheitern wird zu einer öffentlichen Angelegenheit.
Wechselspiel familiärer Nähe und Distanz: "Tod eines Handlungsreisenden" in Saarbrücken © Martin Sigmund
Und für das Publikum zu einer visuellen Überforderung. Soll man dem Geschehen auf der übermächtigen Leinwand wie einer tristen Fernseh-Soap folgen oder doch den real handelnden Figuren auf der realen Bühne. Ein Wechselspiel von Distanz und emotionaler Nähe. Nur wenn die Akteure an den Bühnenrand treten, folgt ihnen keine Kamera.
Mehler verzichtet auf naheliegende, vom Trump'schen Irrsinn motivierte Aktualisierungen des Stoffes. Selbst die in ihm liegende spezifische Kritik am gnadenlos kapitalistischen American Way of Live bleibt dezent im Hintergrund. Vielmehr fokussiert sich Mehler vor allem auf die psychische Disposition, die zur Selbsttäuschung von Willy Loman und seinem Zusammenbruch führt, und dem daraus resultierenden Generationenkonflikt mit seinen beiden Söhnen.
Frage nach dem gelungenen Leben
Was macht ein gelungenes Leben aus? Karriere, bescheidener Wohlstand, ein Eigenheim? Dreißig Jahre hat sich Willy Loman (in seiner Brüchigkeit und Getriebenheit überzeugend gespielt von Fabian Gröver) dafür krummgelegt, nur um jetzt "ausgepresst wie eine Zitrone" gefeuert zu werden. Den Crash seines Lebensmodells kann er ebenso wenig eingestehen wie die Hilfsangebote eines Nachbarn annehmen. Stattdessen flüchtet er sich in Illusionen und Tagträume, wird zunehmend psychotisch. Bildverfremdungen der Projektionen auf der großen Leinwand verdeutlichen es.
Fabian Gröver als Willy Loman, Martina Struppek als Howard Wagner © Martin Sigmund
Vergangenheit und Gegenwart verwischen zu einer alptraumhaften Szenerie. Sein verstorbener Bruder (überzeugend Gregor Trakis), der auf zweifelhafte Weise zu Reichtum gekommen war, drängt sich jetzt wie ein dämonisches Über-Ich in Lomans Gedanken und wartet großmäulig mit Empfehlungen auf.
Seine beiden Söhne, ein ungleiches Brüderpaar, sperren sich gegen den Selbstbetrug des taumelnden Vaters. Ihnen ist seine Idee eines besseren Lebens in ihrer ganzen kleinbürgerlichen Verlogenheit zuwider. Happy (glänzend Jonathan Lutz) sieht nüchtern und desillusioniert seine Karriere davonschwimmen. Besonders Biff (ebenso glänzend John Armin Sander) lebt einen Gegenentwurf, hangelt sich unstet von Job zu Job, driftet in die Kleinkriminalität ab. Seine größte Sehnsucht ist, als der gesehen zu werden, der er ist, eine "Drei-Groschen-Existenz", und nicht als das Wunderkind, das sein Vater in ihn projiziert.
Treue Ehefrau
Die Einzige, die emphatisch auf Lomans Verfall reagiert, ist seine Frau Linda. Sie verteidigt ihn auch dann noch, als es nichts mehr zu verteidigen gibt. Nachdem sich Loman nun doch in einem fingierten Autounfall das Leben nimmt, um mit der dann fälligen Lebensversicherung sein Lebenswerk, das Haus zu retten, steht sie verloren auf der nun leergeräumten Bühne.
Bei Lomans Beerdigung blieben die Freunde und Kollegen aus. Die letzte Rate des Hauses ist bezahlt. Es sind nur wenige klapperdürre Worte und ein tiefer wissender Blick. Mehr braucht Christiane Motter als Linda nicht, um grandios die ganze Tragödie einer gescheiterten Existenz zusammenzufassen. War es das alles wert? Definitiv nicht.
Tod eines Handlungsreisenden
von Arthur Miller
Regie: Christoph Mehler, Bühnenbild und Video: Stefano Di Buduo, kostüme: Jennifer Hörr, Musik: Jacob Suske, Licht: Patrik Hein, Dramaturgie: Gesa Oetting, Live-Kamera: Ghazal Aldakr.
Mit: Verena Maria Bauer, Fabian Gröver, Jan Hutter, Jonathan Lutz, Christiane Motter, John Armin Sander, Martina Struppek, Gregor Trakis.
Premiere am 5. April 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.staatstheater.saarland
Kritikenrundschau
Millers Stück "ist eine Geschichte über den American Dream und das Scheitern daran, über Selbstdarstellung und Identitätsfindung im Kapitalismus und über Vater-Sohn-Beziehungen, die durch gegenseitige Erwartungen zugrunde gehen", so Isabell Schirra in der Saarbrücker Zeitung (7.4.2025). "Christoph Mehler ist es in seiner Saarbrücker Inszenierung gelungen, all diese Fäden aufzunehmen. Und sie überdies als packenden Angriff auf die Nerven, als kaum auszuhaltende Neurose zu zeigen". Schirra beschreibt die Inszenierung außerdem als "spannendes Multimediaprojekt, in dem sich Film und Bühnenkunst tatsächlich gegenseitig befruchten".
mehr nachtkritiken
- Handlungsreisender, Saarbrücken: Menschlichkeit, Würde, Achtung
- #1
- Rohrdommel
- Handlungsreisender, Saarbrücken: Polleschs Analyse
- #2
- Ion
- Handlungsreisender, Saarbrücken: Politik der ersten Person
- #3
- Rohrdommel
- Handlungsreisender, Saarbrücken: Stichworte
- #4
- Ion
- Handlungsreisender, Saarbrücken: Ursprung des Spontispruchs
- #5
- Rohrdommel
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Deutsche Märchen, Leipzig Erfolgssträhne
-
Hermann Nitsch Danke
-
Deutsche Märchen, Leipzig Doppelerfolg
-
Thyra Uhde Tiefstes Mitgefühl
-
Wokey Wokey, München Virtiosität schlägt Inhalt
-
Frauenliebe und - sterben, Hamburg Leichte Irritation
-
Nach dem Leben, Nürnberg Empfehlung
-
Die Quelle, Wien Claquere unterwegs
-
Leser*innenkritik Black Rider, SHL Flensburg
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut




