Von Norden rollt ein Donner - Theater Magdeburg
Heil den Heidschnucken
21. September 2025. In Markus Thielemanns letztes Jahr buchpreisnominiertem Schäferroman kehrt nicht nur der Wolf zurück, sondern mit ihm auch das völkische Denken. Jan Friedrich macht daraus in Magdeburg bestes Literaturtheater.
Von Vincent Koch
"Von Norden rollt ein Donner" in der Inszenierung von Jan Friedrich in Magdeburg © Gianmarco Bresadola
21. September 2025. Dass die deutsche Heide oft verklärt wird, versteht man am besten, als Daniela auftritt. Daniela ist eine sehr engagierte NDR-Reporterin und möchte einen Beitrag über den Schäfer Jannes (19) und seinen Großvater drehen. Im rosa Blazer und mit High Heels stakst sie bei Anton Andreew in der Heidelandschaft herum und hat vor allem eines im Sinn: den perfekten Drohnen-Shot. Also kommandiert sie die beiden herum, während ihr Team die Drohne startet, es läuft "Rather Be". Dann stellt sie noch ein paar oberflächliche Fragen. Jannes antwortet brav. Sein Großvater berichtet ungleich stolzer: "Auf der Lüneburger Heide, in dem wunderschönen Land, ging ich auf und ging ich unter." Nur am Rande kommt zur Sprache, dass in dem idyllischem Dorf Unterlüß gerade etwas anderes für Aufruhr sorgt, das keinen Schäfer mehr ruhig schlafen lässt: Die Rückkehr der Wölfe.
Alle spielen den Schäfer
So beschreibt es Markus Thielemann in seinem Anti-Heimat-Roman "Von Norden rollt ein Donner", der letztes Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. In Magdeburg hat sich Jan Friedrich, der zuletzt mit "Blutbuch" beim Theatertreffen landete, der Uraufführung des Stoffes angenommen. Auf der Bühne hängen zwei Reihen mit hohen Balken, die spitz aufeinander zulaufen. Darüber flimmern Videos von endlosen Wäldern und Schafherden. Jannes treibt die Tiere über die Fläche, weil ihm die Arbeit in die Wiege gelegt wurde, er kennt hier jeden Winkel.
Es ist der erste Clou, Jannes nicht nur mit einem Spieler zu besetzen, sondern ihn von allen spielen zu lassen. Manchmal steht nur einer auf der Bühne, manchmal gibt's ihn sechsmal. Allesamt gekleidet in einer Kombination aus weiter Hose und Jeans, der Kragen des Karohemds ragt aus dem weißem Pullover (Kostüme: Vanessa Rust). Außerdem sprechen die Figuren mal in der Ich-Perspektive, bevor sie dann wieder in die dritte Person springen. Diese Durchlässigkeit sorgt für einen sehr aufrichtigen, lebendigen Umgang mit den Figuren, sodass der Abend nie bloße Roman-Nacherzählung ist.
Es knackt, raschelt, blökt
Die heile Welt des Heidekrauts ist schnell verflogen. Der titelgebende Donner stammt von einem riesigen Waffenübungsplatz nebenan, der Rheinmetall gehört. Die Waffengeräusche sind allgegenwärtig, scheinen aber niemanden zu stören. Sie animieren viel eher Jannes' Großvater, den Philipp Kronenberg in grünem Jägerhut und niedersächsischem Nachdruck anlegt, die Wölfe mit der eigenen Flinte abzuknallen. Ständig knackt, raschelt, blökt und surrt es auf der Bühne – eine ganz eigene, abgeschottete und auch etwas gruselige Welt, die Jan Friedrich hier erschaffen hat. Dass im Unterholz dieser Gemeinde etwas verborgen liegt, spürt man schnell. Immer wieder lässt Friedrich deshalb kleine Szenen auf der Hinterbühne spielen, die man durch die Balken nur erahnen kann, allerdings per Live-Kamera übertragen werden.
Schäfersein als Kollektivaufgabe: Oktay Önder, Anton Andreew, Philipp Kronenberg, Robert Lang-Vogel, Niklas Hummel © Gianmarco Bresadola
So geistert seine demente Oma durch die Bäume. Die Projektionen strukturieren den Abend und sind kunstvoll montiert: wackelige, schnelle Einstellungen von einer Halloween-Party wechseln sich ab mit minutenlangen Close-Ups einzelner Spieler*innen, die sich die Cam weiterreichen, einmal zocken alle gemeinsam ein Videospiel, sogar ein paar Jumpscares mit riesigen Mündern sind dabei. Es ist die Unmittelbarkeit des Geschehens, die Jan Friedrichs Abende so fesselnd machen.
Die nie verheilte Wunde
In einer schlaflosen Nacht fällt Jannes das Lüßblatt, die Gemeindezeitung, in die Hände. Dort entdeckt er zufällig den Brief einer Holocaust-Überlebenden, die es wirklich gab. Nora Buzalka trägt diesen Brief in voller Länge vor. Edith Balas war Professorin in den USA und richtete sich 2013 an die Einwohner*innen von Unterlüß. Sie machte darauf aufmerksam, dass sie Gefangene eines Frauenlagers "im Wald Ihrer Gemeinde" gewesen sei und dort Zwangsarbeit verrichten musste. Danach wurde sie ins KZ Bergen-Belsen deportiert. Es ist das erste Mal, dass jemand davon erfährt. Jannes scheint nicht mehr derselbe zu sein, als er erfährt, dass im beschaulichen Unterlüß einst NS-Verbrechen begangen wurden, die bewusst vertuscht werden sollten. Dort geht das Leben weiter. Gegen die Wölfe errichtet man jetzt große Feuer und hält Reden, weil man sich von der Politik im Stich gelassen fühlt. Auf einem Transparent taucht die Wolfsangel auf, ein offenkundiges Nazi-Symbol, kurz danach wehen Deutschlandfahnen.
Die idealisierte Heidelandschaft ist Nährboden für Nationalismus geworden und verhindert eine Erinnerungskultur. Jan Friedrich hat es einfach raus, mit diesem grandiosen Ensemble und einem starken Text innovatives Theater zu machen. Sein finsterer Abend endet poetisch: "Sie schießen ihre Fotos von der Landschaft, die so lieblich blüht in rot und violett, den Farben des Hämatoms, der nie verheilten Wunde."
Von Norden rollt ein Donner
von Markus Thielemann
In einer Fassung von Jan Friedrich
Regie: Jan Friedrich, Bühne: Jan Friedrich, Max Schwidlinski, Kostüm: Vanessa Rust, Musik: Friedrich Byusa Blam, Video: Nico Parisius, Dramaturgie: Bastian Lomsché
Mit: Iris Albrecht, Anton Andreew, Nora Buzalka, Niklas Hummel, Philipp Kronenberg, Robert Lang-Vogel, Oktay Önder, Laurids Schürmann.
Uraufführung am 20. September 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
www.theater-magdeburg.de
Kritikenrundschau
"'Von Norden rollt ein Donner' ist eine sehenswerte Inszenierung. Sie ist gut und genau gearbeitet. Das Timing, das hier Video-, Sound- und Textebene zusammenhält ist nahezu perfekt. Schauspielerisch ist es eine sehr gute Ensembleleistung", sagt Stefan Petraschewsky auf MDR Kultur (21.9.2025). "Es ist eine Inszenierung, die in die Zeit passt; und ist quasi doppelt gelungen, weil sie sich auf keine Seite schlägt, sondern eine Situation analysiert, die unserer Gesellschaft gerade schwer zu schaffen macht." Schön sei auch, dass Stück und Inszenierung die Themen Rechtsruck und Demokratieverdrossenheit nicht schon wieder im Osten Deutschlands verorten, sondern in der Lüneburger Heide. "So sind vorschnelle Schuldzuweisungen nicht nötig."
In der Magdeburger Volksstimme (22.9.2025) zeigt Rolf-Dietmar Schmidt sich angestrengt von der "Videopräsenz", findet die Inszenierung aber thematisch "brandaktuell".
"Das gesamte achtköpfige Ensemble überzeugt in den 150 Minuten Spieldauer mit schweren und dennoch auf den Punkt gespielten Monologen und kreiert eine lauernde Ernsthaftigkeit", schreibt Lena Schubert auf Tag24 (22.9.2025).
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(Anm. Redaktion: Grob gesagt, eine Form von Theater, die einen literarischen Text ins Zentrum rückt, der auch außerhalb der Bühne (per Lesen) zugänglich wäre. Im Gegensatz zu etwa performativen, karnevalesken, zirzensischen, tänzerischen etc. Theaterformen. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow)