Griff ins Universum

3. November 2024. Wie wahrscheinlich ist es, dass einem ein Meteor auf den Kopf fällt? Auf Basis von Gavin Extences Bestseller-Roman stellt Marisa Wendt in "Das Universum vs. Alex Woods – Die Zeit läuft" die ganz großen Fragen. Holle Münster hat das Stück jetzt inszeniert.

Von Georg Kasch

Marisa Wendts "Das Universum vs. Alex Woods - Die Zeit läuft" nach Gavin Extences Bestseller-Roman von Holle Münster inszeniert in Annaberg-Buchholz © Dirk Rückschloß / Pixore Photography

3. November 2024. Was ist das nur für eine wundersame Bühne! Da hängen lauter Gegenstände in der Luft wie an einem großen Mobile: Pflanzen, Stühle, Bücherstapel, Lampen, eine Bombe, ein Plattenspieler. Sie alle haben einen Bezug zur Geschichte des titelgebenden Alex Woods, und einige werden nach und nach auch spielerisch zum Einsatz kommen. Aber wie sie da zu schweben scheinen, geheimnisvoll ausgeleuchtet, sind die Dinge zunächst einmal ein Versprechen: dass alles einen Platz, vielleicht auch einen Sinn hat.

Das Versprechen trügt. In der Mitte hängt jener Meteor, der Alex Woods auf den Kopf fällt, als er zehn Jahre alt ist – ein äußerst unwahrscheinlicher Fall. Ähnlich unwahrscheinlich ist, dass bei Alex' großväterlichem Freund Mr. Peterson eine seltene, tödliche Krankheit entdeckt wird. Wo ist da der Sinn? Wie das in eine Debatte über Sterbehilfe mündet und wie sehr Alex an all dem wächst, hat Gavin Extence 2014 in seinem Roman "Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat" geschildert.

Wahrscheinlichkeits-Fragen

Man kann sich das Buch als eine Art englischen "Tschick" vorstellen, sprachlich nicht ganz so fein gezeichnet, aber doch ein guter Coming-of-Age-Roman, der seinen Helden mit ethischen Fragen konfrontiert: Wie entwickelt man Prinzipien? Was ist ein gutes Leben? Gibt es das Recht auf einen selbstbestimmten Tod?

Jetzt hat das Eduard-von-Winterstein-Theater im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz die Bühnenversion des Romans uraufgeführt. Die stammt von der preisgekrönten Jugendstücke-Autorin Marisa Wendt und rafft die knapp 500 Seiten so, dass das Wesentliche erzählt wird, man sich dazu aber auch gut starke Bilder denken kann. Am besten ist "Das Universum vs. Alex Woods" immer da, wo Wendt einen eigenen Zugriff findet, etwa indem sie die im Roman nur am Rande erwähnten Tralfamadorianer – Außerirdische aus den Romanen Kurt Vonneguts, eine gemeinsame Leidenschaft von Alex und Mr. Peterson – zu Figuren macht, durch deren Augen auch der Tod ziemlich relativ wird.

Coming-of-Age-Geschichte, in der auch die Tralfamadorianer ihren Platz haben: "Das Universum vs. Alex Woods" © Dirk Rückschloß / Pixore Photography

Allerdings wurde der Text für die "Annaberger Fassung" noch einmal deutlich gekürzt – und nun wird's sehr knapp. So wie Regisseurin Holle Münster die Uraufführung durchaus humorvoll auf die Bühne bringt, hat man den Eindruck, als müsste die große Uhr, die zwischen all den anderen Gegenständen auf der Bühne hängt, pausenlos vor sich hinrasen (worauf auch der zweite Teil des Titels verweist). Drei der vier Spielenden teilen sich sieben Rollen in den nur noch schlaglichtartigen Szenen, durch die Rouven Klischies' Alex stolpert wie ein reiner Tor. Kaum kommt Ruhe in die Sache, weil er sich endlich mit Udo Pruchas granteligem, dauerkiffenden Mr. Peterson angefreundet hat, muss Alex ebendiesen Mr. Petersen schon vorm Selbstmord retten. Die gemeinsame und im Roman wesentliche Reise zum assistierten Suizid in die Schweiz ist komplett gestrichen und durch ein schönes Bild ersetzt: Da verschwindet Mr. Peterson winkend hinterm Vorhang.

Die Uhr tickt

Diese Bilder, die insbesondere von Saskia Göldners Bühne und Kostümen leben, können allerdings Alex Entwicklung vom Naturwissenschafts-Nerd zum Menschen mit Haltung und das Aufblühen seiner Freundschaft zu Mr. Peterson nicht ersetzen. Dass hier so aufs Tempo gedrückt wird, begreift man natürlich – (zu) kurz ist das Leben, wenn man es nicht so gelassen betrachtet wie die Tralfamadorianer. Allerdings geraten einige Szenen arg zugespitzt. Wenn den Spielerinnen aber Raum gelassen wird für die Figurenentwicklung, freut man sich über die souveräne Ruhe, die Gisa Kümmerling als Alex' Tarotkarten legende Mutter verströmt und über Anna Bittner als angemessen aufgekratzte Freundin Ellie.

DasUniversumvsAlex Woods4 1200 Dirk Rueckschloss Pixore PhotographyGisa Kümmerling, Anna Bittner und rechts Rouven Klischies als Alex Woods © Dirk Rückschloß / Pixore Photography

Was bleibt? Viele gute Einfälle wie die oft stumm die Bühne querenden Tralfamadorianer (auch die Souffleuse scheint eine zu sein). Der Moment, in dem Alex überfordert zwischen all den Gegenständen auf der Bühnenschräge herumstolpert, während die Erwachsenen auf der Vorderbühne vorbeiflanieren wie Spieldosenfiguren. Klangwolken, in denen Alex' komplexe Gedanken Platz finden. Die Neonfarben der Bühne im Schwarzlicht. All die unerzählten Details des Romans – Mr. Petersons Hund, Alex' Fernrohr – die im Bühnen-Mobile wundersam aufgehoben bleiben.

Von Menschlichkeit erzählen

Und natürlich, dass hier eine Geschichte erzählt wird, die von Menschlichkeit handelt, vom Offenbleiben für andere Positionen, vom Nicht-Verhärten. Das passt wunderbar ins Annaberger Winterstein-Theater, das sich geradezu prophetisch "Werden wir wachsam gewesen sein?" zum Spielzeitmotto erkoren hat und Stoffe zeigt, die Haltung zeigen, von Toleranz und Humanismus erzählen. Und damit eine Art Gegenprogramm aufstellen zur politischen Situation vor Ort: Bei den jüngsten Landtagswahlen haben hier knapp 40 Prozent für die AfD gestimmt.

Das Universum vs. Alex Woods
von Marisa Wendt
Nach dem Roman "Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat" von Gavin Extence
Uraufführung
Regie: Holle Münster, Sounddesign: Markus Teichler, Ausstattung: Saskia Göldner, Dramaturgie: Marco Süß.
Mit: Rouven Klischies, Anna Bittner, Gisa Kümmerling, Udo Prucha.
Premiere am 2. November 2024
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, eine Pause

www.winterstein-theater.de

Kritikenrundschau

"Regisseurin Holle Münster hat ordentlich im Text von Marisa Wendt gestrichen, um auf der Bühne unter einer anderthalb Stunde zu bleiben", Katja Lippmann-Wagner in der Freien Presse (5.11.2024). "Die spannende Geschichte des Alex Woods im Roman wird an mancher Stelle der kurzweiligen Stückfassung 'geopfert' . Das Thema Sterbehilfe wird nur angerissen, aber nicht in seiner ganzen Breite beleuchtet und erst recht nicht diskutiert."

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