Die Farbe Blau

9. Juni 2025. Das Stück schrieb Brecht 1941 im Exil und wollte damit den Aufstieg Hitlers erklären. Jetzt, wo schon wieder so einiges aufsteigt, wird es viel gespielt. In Altenburg hat es Alexander Flache inszeniert. Aber kann das Stück, das aus den Nazis Mafiosi im Chicago der 1930er Jahre macht, tatsächlich noch unsere Gegenwart erklären?

Von Tobias Prüwer

"Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" von Bertolt Brecht am Theater Altenburg Gera © Ronny Ristok

9. Juni 2025. "Hmmmm, hmmmm." Der Chor summt vor sich hin, dreht sich weg, als die blutüberströmte Frau Anklage erhebt. Keiner will helfen oder die Verletzte überhaupt zu Kenntnis nehmen. Schließlich wendet sie sich ans Publikum. Das schaut in diesem starken Moment dabei zu, wie alle wegsehen. Dabei war "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" alles andere als unvorhersehbar. Am Theater Altenburg hatte Bertolt Brechts Stück in der Reihe "Wieder das Vergessen" Premiere. Die Regie von Alexander Flache setzt zur Aktualisierung auf eine dominante Farbe und extra komponierte Bühnenmusik.

Blau wirkt als Farbe auf viele Menschen kalt. Obwohl oder vielleicht gerade deswegen ist sie die Farbe vieler rechter Populisten und extremer Rechter – in Deutschland und weltweit. Man denke nur an die Selbstinszenierung Donald Trumps bei der Papstbeerdigung in Rom, wo er als einziger im unpassenden blauen Anzug auftrat. Oder an die AfD, an der sich die Inszenierung in Altenburg ästhetisch merklich abarbeitet.

Gewalt, Erpressung, Mord

Der Bühnenboden ist eine blaue Fläche. Viel Blau zeigen auch die abstrakten Kulissenteile, die sich wandelbar zu verschiedenen Raumsituationen, meistens Hintergründe, zusammenschieben lassen. Blaue Würfel dienen als Sitzgelegenheiten. Immer wieder sind rote Lichtstreifen zu sehen – klare Referenz auf ein bestimmtes Parteilogo. Wir erinnern uns: Brecht wollte den Aufstieg Hitlers mit dem Text parallelisieren und ein Stück weit warnend erklären.

ArturoUi 4 Givola Valentino Fortuzzi Roma Marie Luis Kiessling Mordlustige Nazi-Mafiosi, hier wird einer gespielt von Valentino Fortuzzi © Ronny Ristok

Ein bisschen wie Verschiebebahnhof wirkt das Auftreten der vielen Figuren, wobei Darstellende oft mehrere Rollen geben. Es geht um Blumenkohlabsatz und -logistik, so viel wird klar. Und den Aufstieg des Ui durch Gewalt und Intrige, Erpressung und Mord. Wer da stets wer ist und welche Funktion hat, verschwimmt. Das ist nicht schlimm, die Moral der Brechtschen Parabel wird auch so übertragen; ob sie noch trägt, bleibt eine Leerstelle.

Weinerlicher Potentat

Recht leer und hohl sind viele Gesten, arg holzschnittartig das Spiel. Das Stück soll eine Farce sein, also greifen Regie und Darstellende zu Schablonen. Ein speichelleckender Informant tritt mit Rückenkrümmung und eingezogenen Schultern auf. Uis Paladine sind TV-Mafiosi aus Siebziger-Jahre-Serien. Das stetige Auf- und Abtreten und Aufsagen gewichtiger Sätze nimmt dem Abend Drama und Tempo. Jakob Spiegler gefällt als Arturo Ui. Manchmal ist er zu manisch, aber als Potentat kann man nicht manisch genug sein.

Die Spur Weinerlichkeit, die er sich für seine Figur mutmaßlich bei Björn Höcke abgeschaut hat, passt gut. Unterstützt wird seine Präsenz durch die körperlichen Anlagen, die er mitbringt: groß, drahtig, blond. Einen schönen Konterpunkt setzt Marie-Luis Kießling als Ernesta Roma. Sie bricht teilweise aus dem gestelzten Farce-Spiel aus, mischt ihm eine eigene Note bei. Überhaupt ist es ein guter Regieeinfall, die Rolle umzugendern und dem Männerverein eine starke Frau beizustellen.

Arturo Ui 2 Jakob Spiegler Jakob Spiegler ist Arturo Ui – hier mit Neele Schmidt als Frau Dullfee © Ronny Ristok

Ebenso gefällt die Idee, den Abend mit Livemusik zu rahmen, die der Schauspielkapellmeister Olav Kröger extra komponiert hat. Sie lehnt sich lose an Broadway-Melodien an, wofür mit dem Philharmonischen Orchester Altenburg Gera und dem Opernchor des Theaters groß aufgefahren wurde. Sie begleiten stimmig die Übergänge. Atmosphärisch und stimmungsvoll gelingen einige Momente. Etwa wenn Arturo Ui anfangs nackt aus dem Grab steigt. Die Warnung in Farce-Form aber bleibt blass angesichts der politischen Gegenwart.

Von der Wirklichkeit entstellt

Denn inhaltlich fehlt die Analyse. Zu sehr ist Brechts Stoff der Dimitroff-These verhaftet, die Faschismus und (Finanz-)Kapitalismus engführt. Andere Komponenten wie Rassismus und Antisemitismus blendet sie aus. So mag der Abend für manche eine emotionale Warnung oder ein spätes Aufrütteln sein. Er funktioniert als Predigt zu den Überzeugten. Das Manko steckt schon im Stück, was die Frage seiner Spielbarkeit berührt. Damit rang in der vergangenen Spielzeit schon Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig, der der Trump-Gegenwart einen Spiegel vorhielt, der schnell beschlug. Brechts Parabel wird von der Wirklichkeit entstellt. Wenn die Farbe Blau etwa in Thüringen für ein Drittel neue Normalität ist, dann ist nicht nur der Schoß fruchtbar noch.

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
von Bertolt Brecht
Bühnenmusik von Olav Kröger
Regie: Alexander Flache, Musikalische Leitung: Olav Kröger, Bühne, Kostüme: Petra Linsel-Mahrer, Dramaturgie: André Hinderlich.
Mit: Jakob Spiegler, Marie-Luis Kießling, Thomas C. Zinke, Thorsten Dara, Ines Buchmann, Peter Prautsch, Manuel Struffolino, Neele Schmidt, Bruno Beeke, Antonia Marie Waßmund, Adam Michal Brusznicki, Andreas Veit, Claudia Müller, Michael Rieger, Jaeyoung Lee, Annick Vettraino, Kathrin Rieger-Loeck, Roman Koshmanov, Petar Proytchev, Valentina Koshmanova, Ji-Young Im, Heiko Retzlaff, Valentino Fortuzzi, Philharmonisches Orchester Altenburg Gera, Opernchor des Theaters Altenburg Gera
Premiere am 8. Juni 2025
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

theater-altenburg-gera.de

Kritikenrundschau

Regisseur Alexander Flache stelle den "Bezug zum Heute eher in der aktuell modischen Kleidung der Akteure" und mittels nachrichtendystopischer Übertitel her, berichtet Ellen Paul in der Osterländer Volkszeitung (10.6.2025). Da Flache sich entschieden habe, am jambischen Originaltext festzuhalten, wirke der Abend "bei aller Dramatik der Geschichte oft steif und irgendwie unnahbar". Der junge Schauspieler Jakob Spiegler meistere die Titelrolle "mit Bravour".

Kommentare  
Arturo Ui, Altenburg: Korrektur
Hallo ihr Lieben,
Mein Name ist nicht unter den Darstellenden mit aufgeführt leider.
Liebe Grüße aus Altenburg,
Valentino Fortuzzi

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Lieber Valentino Fortuzzi, das tut uns leid und das Versäumnis wurde umgehend behoben. Viele Grüße aus der Redaktion.
Arturo Ui, Altenburg: Me culpa
Lieber Valentino Fortuzzi,

dass ich Sie nicht genannt habe, war keine Absicht. Der Fehler tut mir leid. Bestes, tp
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