Angela antwortet nicht

4. April 2025. Die politischen Fronten sind verhärtet im ostthüringischen Kana. Aber es gibt einen, der unermüdlich Briefe an Angela Merkel schreibt und vor Ort redlich vermitteln will in László Krasznahorkais Roman, den Daniele Szeredy am Theaterhaus Jena für die Bühne adaptiert. Ein unterschätztes Knuffelchen, das eine unerwartete Entwicklung nimmt. 

Von Marlene Drexler

"Herscht 07769" von László Krasznahorkai am Theaterhaus Jena © Joachim Dette

"Herscht 07769" von László Krasznahorkai am Theaterhaus Jena © Joachim Dette

4. April 2025. Florian Herscht wirkt wie ein von Grund auf liebenswürdiger Typ. Einer, der keiner Fliege etwas zuleide tun könnte. Wie er da sitzt und in seiner naiven Art Briefe an Angela Merkel schreibt. Mit flattriger Hand und Schweiß auf der Stirn. Er ist einer der Guten, denkt man. Oder wie es in seiner Thüringer Heimat heißen würde: "Der isn Gudder". Hinter seinem Rücken würden wahrscheinlich viele sagen: ein gutmütiger Trottel. Zu seinem arglosen Charakter gehört auch, dass er jedem eine Chance gibt. Auch seinen Bach-Musik liebenden Chef "Boss" verteidigt er, obwohl der ein ausgewiesener Nazi ist. Florian Herscht und Brandmauern – das ist eindeutig kein Match. Später wird klar: Seine Mitmenschen haben ihn kolossal unterschätzt. Im Guten wie im Schlechten.

Ein Antiheld als Protagonist

Der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai hat für seine apokalyptische Schein-Parabel "Herscht 07769" einen Antihelden als Protagonisten geschaffen, der eine unerwartete Entwicklung nimmt. Das Theaterhaus Jena hat den Roman des Ungarn, der als Meister der melancholischen Mystik gilt, für die Bühne adaptiert. Nach Rudolstadt ist es das zweite Thüringer Theater, das sich den Stoff seit der Veröffentlichung im Jahr 2021 vornimmt. Im Rahmen eines Theateraustauschs ist eine Koproduktion mit dem ungarischen Theater Örkény Színház in Budapest entstanden. Es spielen neben zwei Spielerinnen aus dem Jenaer Ensemble auch ein Spieler und eine Spielerin aus Ungarn.

Herscht 07769 3 CJoachimDette uMit Unbedingtheit und unterschwelligem Witz: Máté Borsi-Balogh als Herscht am Theaterhaus Jena © Joachim Dette

Krasznahorkais Text bühnengerecht zu machen, ist kein leichtes Unterfangen. Schon allein deshalb, weil auf den gut 400 Seiten nur exakt ein Punkt existiert und gesetzt ist– und zwar ganz am Ende. Krasznahorkai kreiert ein spezielles Leseerlebnis: atemlos und soghaft. Das Produktionsteam rund um Regisseur Daniele Szeredy hat die Vorlage deutlich gekürzt und gekonnt verdichtet. Gesprochen wird auf Deutsch und Ungarisch. Der Ort des Geschehens muss nicht behauptet werden. Krasznahorkai, der zeitweise auch in Berlin lebt, lässt die Geschichte in "Kana" spielen. Der Beschreibung nach liegt es in Ostthüringen. Die schon rein phonetische Assoziation zu dem realen, knapp 7.000 Einwohner starken Städtchen Kahla, gelegen südlich von Jena, ist dabei wohl kein Zufall.

Ein Ort jedenfalls, der zwar über schick sanierte Straßen verfügt, dem aber die jungen Leute – und damit die Zukunft – abhandengekommen sind. Sinnbild der Tristesse ist eine heruntergewirtschaftete Bockwurst-Bude, in der sich die Dorfbewohner versammeln: Freunde und Feinde. Dem Nazi "Boss" (Luana Velis), steht als Antipode die Figur "Ringer" (Tünde Kókai) gegenüber. Man registriert sich, man provoziert sich, man schweigt sich an.

Materie und Antimaterie 

In dieser oft als vermeintlich rückständig bemitleideten ostdeutschen Provinz will Florian Herscht zwischen Fronten vermitteln – ein Kampf gegen Windmühlen. Zunehmend verzweifelt versucht er seinen Mitmenschen klarzumachen, dass etwas Bedrohliches im Gange ist, etwas zu kippen scheint. Nur verheddert er sich bei seinen Erklärungen in komplizierten physikalischen Vorträgen über Materie und Antimaterie. Máté Borsi-Balogh verleiht der Figur einen unterschwelligen Witz und eine Unbedingtheit, die berührt. Mal bebt die Brust ob seiner dringlichen Worte, mal ist sein Körper in Ohnmachtsgefühl versteinert. Ventil sind für ihn die Briefe an Angela Merkel – wenngleich er vergeblich auf Antworten wartet.

Herscht 07769 4 CJoachimDette uIn der Bockwurstbude: Das ungarisch-deutsche Ensemble auf Luca Szabados' Bühne © Joachim Dette

Ein intimer Moment entsteht mit Saba Hosseini, die als migrantische Tankstellenbesitzerin von einem sexuellen Übergriff durch einen der Dorf-Nazis berichtet. Ein Moment, der durch die vergrößerten Live-Kamera-Bilder ihres Gesichts eine konzentrierte Intensität schafft, die dem Abend an anderen Stellen fehlt. Regisseur Daniele Szeredy begegnet den Abstraktheiten des Textes mit verschiedenen technischen Mitteln. Komplexe Licht-, Musik- und Video-Arrangements wechseln sich mit chorisch vorgetragenen Textabschnitten ab. Vor allem im Mittelteil nehmen die häufigen technischen Eingriffe Dynamik und lassen das Spiel streckenweise etwas hölzern, das Konzept kopflastig wirken.

Rachefeldzug in Zeitlupe

Die Unberechenbarkeit der Figur des Florian Herscht reicht als Faszinosum über den Abend hinaus. Ein Dörfler, der zwischen den Lagern vermitteln möchte, aber scheitert. Mit zulaufender Handlung wird die Stimmung immer düsterer: Wölfe streifen durch die Stadt und greifen Menschen an, ein jüdischer Physiklehrer verschwindet, eine Nazigruppe probt den Aufstand. Wer annimmt, der Stoff entwickle sich damit zu einem antifaschistischen Mahnmal, täuscht sich jedoch. Im letzten Drittel mutiert Florian Herscht vom harmlosen Knuffelchen zu einem blutrünstigen Mordwerkzeug. Es folgt ein anarchistischer Rachefeldzug ohne Sinn und Verstand, der im Kontrast zur hemmungslosen Brutalität effektreich in andächtiger Zeitlupe abgespult wird. Der Antiheld gibt die Hoffnung auf die Rückkehr der Menschlichkeit auf und macht den Anarchismus zu seinem Ordnungsprinzip. 
 

Herscht 07769
von László Krasznahorkai
Regie: Daniele Szeredy, Dramaturgie: Zsófia Varga, Ausstattung: Luca Szabados, Live-Musik: Thari Kaan, Video: Davide Di Lorenzo.
Mit: Máté Borsi-Balogh, Tünde Kókai, Saba Hosseini und Luana Velis.
Premiere am 3. April 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterhaus-jena.de

Kritikenrundschau

Eine "anspruchsvolle und intensive Jenaer Inszenierung, die zweifelsohne nachwirkt", hat Ulrike Kern für die Ostthüringer Zeitung (5.4.2025) gesehen. "Den Zuschauern wird einiges abverlangt, um bei drei Sprachen, Geräuschen, Videos, Stroboskop–Effekten und Bühnenumbauten konzentriert bei der Sache zu bleiben. Doch das ist dringend notwendig, will man die Zusammenhänge auch ohne Kenntnis des Romans verstehen, denn der Stoff ist komplex."

Der Duktus des Romans sei "sehr schön" auf der Bühne erhalten, sagt Georg Kasch in "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (3.4.2025). Die Zweisprachigkeit und Übertitelung des Abends sei gleichwohl auch "angstrengend“" Die Arbeit wirke manchmal etwas "verkopft", gewinne aber über ihren Protagonisten (Máté Borsi-Balogh als Herscht) "eindringliche Momente".

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