Rivalität in Bonbonfarben

15. Juni 2024. Mozart als frecher Bub mit extravagantem Auftreten, Komponisten-Konkurrent Salieri als sympathischer Antiheld mit überbordenden Emotionen: Henriette Hörnigk inszeniert Peter Shaffers Theaterstück, die Vorlage für Miloš Formans ikonischen Amadeus-Film, als Screwball-Dramödie.

Von Marlene Drexler

"Amadeus" am Staatstheater Meiningen © Christina Iberl

15. Juni 2024. Es eilt ihm voraus: das schrille, gackernde Lachen. Daneben der immerzu erwartungsfreudige Blick, der das Gegenüber zu einer neckischen Kitzeleinlage aufzufordern scheint. Dieser extravagant auftretende neue Shootingstar am Musikhimmel namens Wolfgang Amadeus Mozart (Leo Goldberg) mischt den Wiener Hof ziemlich auf. Es ist das erste Treffen mit dem österreichischen Kaiser, als dieser den jungen – in ganz Europa als Wunderkind bekannt gewordenen Komponisten – bittet, ihm etwas auf dem Klavier vorzuspielen. Ehe es sich der dumpfbackige Joseph II. (Christine Zart) und sein Stock-im-Arsch-Hofstaat (rührend aufrichtig: Rico Strempels niederländischer Baron) versehen, wirft sich Wirbelwind-Wolferl welpenhaft verspielt auf den Boden. Und kriecht dann ganz ohne Not und putzmunter zwischen den Beinen und Mänteln der kaiserlichen Berater hindurch. Warum? Naja, irgendwie muss man den Weg zum Klavier ja überwinden!

Charakterskizze eines Überfliegers

Frech, quirlig und hinreißend unkonventionell – so wird Mozart in der Meininger "Amadeus"-Inszenierung eingeführt. Eine charakterliche Skizze des genialen Komponisten, dem der Schauspieler Tom Hulce im gleichnamigen Film aus dem Jahr 1984 ein ikonisches Denkmal gesetzt hat. Leo Goldberg gelingt in der Titelrolle eine durchaus gelungene Reminiszenz auf das filmische Original, wenngleich die exaltierten Momente immer etwas müheloser entstehen, als die nachdenklichen. Drehbuch und Theaterstück (das einige Jahre früher erschien) zu "Amadeus" stammen aus der Feder des Briten Peter Schaffer. In teils wortgleichen Szenen berichtet er darin über Mozarts Wiener Jahre ab 1781 bis zu seinem Tod zehn Jahre später.

Amadeus1 1200 Christina Iberl uKonkurrenten in trauter Einigkeit: Jonas Hackmann, Leo Goldberg © Christina Iberl

Das Besondere an der Geschichte ist, dass sie in der Rückschau und aus der ganz persönlichen Sicht von Antonio Salieri erzählt wird. Salieri ist zu jener Zeit Hofkomponist in Wien. Der Italiener empfindet für Mozart zugleich: glühendste Verehrung und aus Neid geborenen, unbändigsten Hass. Hass darauf, dass Mozart ihn selbst zum Mittelmäßigen macht.

Salieris Sünden

Das Meininger Staatstheater hat für die Rolle des "alten Salieri" Jürgen Hartmann (auch bekannt als Rechtsmediziner im Stuttgarter Tatort) engagiert. Im samtenen Morgenmantel, ungepflegt und mit zerzausten Haaren führt Hartmann humorvoll und in direkter Ansprache des Publikums durch Salieris Sünden. Eine schwerwiegende Liste. Denn nach dem ersten Aufeinandertreffen mit Mozart wird es Salieris Lebensziel, dem Konkurrenten zu schaden, mehr noch: Mozart zu zerstören.

Mal flüstert er, dann schreit er plötzlich markerschütternd, oftmals direkt an Jesus am Kreuz gerichtet. Hartmann versteht es, innerhalb von Sekunden seine Haltung zu wechseln: auf rasende Wut über erinnerte Erniedrigungen folgt Frustration über die eigenen Fehler, am Ende klopft das schlechte Gewissen an, das wiederum Platz für Demut macht. Immerhin hat Salieri Mozart um über 30 Jahre überlebt. Hartmann macht aus Salieri – trotz aller Schuld, die dieser auf sich lädt – den Antihelden, den das Publikum am Ende mindestens genauso liebt wie Sympath und Lichtgestalt Mozart.

Perspektivwechsel fürs Publikum

Neben der Rahmenhandlung gelingt es der Regisseurin Henriette Hörnigk aber auch, eine erstaunliche Dichte und rasante Dynamik in der aktiven Handlung zu schaffen. Kennzeichnend für den Abend ist der Wechsel nachdenklicher und eigentümlich witziger Szenen. Herausgehoben erwähnt sei Matthis Heinrichs Darstellungen verschiedener Gesangsschülerinnen. Seine Tanz- und Gesangsperformances fegen jedes Mal wie ein Sturm durch die Zuschauerreihen und lassen einen – huch, was war das denn!? – fasziniert, atem- und auch ein bisschen ratlos zurück. Verstörend, betörend!

Amadeus2 1200 Christina Iberl uFuriose Gesangsschülerin: Matthis Heinrich mit Ensemble © Christina Iberl

Apropos Zuschauerreihen. Die bleiben an diesem Abend leer. Denn hier ist verkehrte Welt angesagt: Das Publikum nimmt auf der Bühne Platz, wo Stuhlreihen aufgestellt sind; das Ensemble spielt im Zuschauersaal. Den Blick ist so die meiste Zeit in den hellblau und goldfarbenen mit reichlich Stuck verzierten Raum gerichtet – eine durchaus passende Kulisse zu dem aufgerüschten Rokoko-Kostümbild. Auch wenn der spielerische Mehrwert dieses Kunstgriffs nicht über die Maßen groß erscheint, freut sich der ein oder andere Zuschauer sicher über den wortwörtlichen Blick hinter die Kulissen. Zudem erzählt ja auch das Stück über den Blick hinter die Fassade von Ruhm und Erfolg.

Peter Schaffer hat "Amadeus" als eine Mischung aus Fakt und Fiktion geschrieben. Der Abend in Meiningen malt die geniale Geschichte mit so bunten Farben aus, dass man meinen könnte, es habe sich tatsächlich genau so zugetragen. Aber nein – zur Ehrenrettung des italienischen Hofkomponisten bleibt zu sagen: Die Rivalität zwischen Salieri und Mozart, die am Ende bis aufs Blut gehen wird, ist hinzuerfunden.

 

Amadeus
von Peter Shaffer
Regie: Henriette Hörnigk, Bühne: Christian Rinke, Kostüme: Susanne Cholet, Dramaturgie: Katja Stoppa, Sound Design: Bernd Bradler, Choreographie: Axel Carle.
Mit: Jürgen Hartmann, Jonas Hackmann, Leo Goldberg, Alonja Weigert, Christine Zart, Erik Studte, Rico Strempel, Matthis Heinrich, Ulrike Knobloch.
Premiere am 14. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-meiningen.de

Kritikenrundschau

"Hörnigks Inszenierung, die aufs Komödienhafte zunächst mehr dringt und drückt als es herauszufordern und zu -kitzeln, wirkt im ersten Teil noch wie eine angestrengte Exposition, die erst nach der Pause zur weitaus überzeugenderen Durchführung gelangt", urteilt Michael Helbling in der Thüringer Allgemeinen (16.6.2024, €). "Nebst Reprise und kurzer Coda" könne sich "das alles am Ende dann doch sehen und hören lassen".

Kommentar schreiben