Das Rheingold - Staatstheater Meiningen
Durch wilde Wogen nach Walhall
28. März 2026. Großer Premierenauflauf in Meinigen: Malerfürst Markus Lüpertz inszeniert Teil eins von Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen". Und stattet den Abend auch selber aus. Generalmusikdirektor Killian Farrell dirigiert die Meininger Hofkapelle. Ein Gesamtkunstwerk, das sich sehen und hören lassen kann!
Von Marlene Drexler
"Das Rheingold" von Richard Wagner, am Staatstheater Meiningen inszeniert und ausgestattet von Markus Lüpertz © Christina Iberl
28. März 2026. Die Neugier, einen ersten Blick hinter den Vorhang zu werfen, ist an diesem Abend besonders groß. Zugleich wächst die Vorfreude in eine Welt einzutauchen, die – so kann man schon antizipieren – aus kühnen, unerschrockenen Pinselstrichen geschaffen sein wird: mystisch, surreal und zugleich wohltuend unverkitscht. Ganz in der unverwechselbaren Form- und Farbsprache von Markus Lüpertz, der hier nicht nur Regie führt, sondern auch die Ausstattung geschaffen hat. Und dessen Kunst mit ihrer scheinbaren Schemenhaftigkeit in der Wirkung stets höchste Präzision entfaltet.
In diese Gebanntheit erklingt dann das sich sanft und unaufdringlich entwickelnde musikalische Vorspiel von Wagners "Das Rheingold" und der Vorhang hebt sich. Während die Orchesterklänge – zunächst noch lieblich entrückt und getragen von den Bläsern, wenig später von aufbrandenden Streichern abgelöst werden, öffnet sich der Blick auf einen großen, gemäldeartigen Prospekt auf der Vorderbühne. Darauf zu sehen: die Rheinlandschaft, am Himmel in der Ferne "Walhall", das Zuhause der germanischen Götter.
Der Künstler als Welt-Beobachter
Die Romantik der Szenerie allerdings ist durch eine Fabrik und eine Autobahn am Horizont gestört. Im Fluss finden sich zwei Antipoden: der Tod als Sensenmann in einem Kanu und eine muskulöse Meerjungfrau, die sich, durch die wilden Wogen kraulend, der industriellen Vereinnahmung der Natur entgegensetzt. Ein Bild mit vielen Lesarten.
Hängen bleibt der Blick aber schließlich am linken Rand: Dort steht mit dem Rücken zum Betrachter ein Mann im langen Mantel, mit Hut und Stock. Das Motiv erinnert an Caspar David Friedrichs "Der Wanderer über dem Nebelmeer", der Mann indes an den regieführenden Künstler selbst: Markus Lüpertz, der bekanntermaßen öffentlich auch gerne ähnlich extravagant auftritt. Inszeniert er sich hier also selbst – und das recht dramatisch – als großer Betrachter der Gegenwart und ihrer Zerwürfnisse?
"Wo ich bin, ist keine Provinz!"
Klar ist: Markus Lüpertz will mit seinen bald 85 Jahren nicht nur von der Seitenlinie beobachten, sondern immer noch mitreden in der Kunstwelt – ja, sogar neue Ufer erschwimmen. Sein Regiedebüt gab der Künstler, der als einer der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Maler gehandelt wird, 2021 mit Puccinis "La Bohème". Und zwar auch schon am Staatstheater Meiningen während der Intendanz Jens Neundorff von Enzbergs. Nun also als zweite Regiearbeit "Das Rheingold", Wagners Parabel über menschliche Gier und verderbliches Machtstreben und wieder in der Südthüringer Provinz. Oder wie Lüpertz einmal konterte: "Wo ich bin, ist keine Provinz."
Vor einem Lüpertz-Prospekt: David Steffens, Marianne Schechtel © Christina Iberl
Lüpertz zeichnet auch diesmal für alles verantwortlich: Regie, Bühne und Ausstattung. Schon bei seiner ersten Regiearbeit legte er den Malerblick nicht ab und wagte das Experiment, sich der Dreidimensionalität der Bühne zu verweigern: Bühnenteile und Requisiten waren flach, die Kostüme erinnerten an bemalte Leinwände.
Lustvoll auf den Punkt dirigiert
Sein Rheingold-Abend kommt nun etwas figurativer daher: Der böse Zwerg Alberich (Boaz Daniel), der den Rheintöchtern das Rheingold stiehlt, trägt Camouflage-Anzug zu schweren Militärstiefeln. Die Wasserwesen selbst haben grüne Haare und sind in Tutu-ähnliche Röckchen und helle Strümpfe gekleidet. Die Götter um Wotan (David Steffens) und seine Frau Fricka (Marianne Schechtel) wiederum treten in fröhlichen Farben mit Plateauschuhen und goldenen Flügelchen am Kopf auf.
Zusammen mit den wechselnden großformatigen, von Lüpertz bemalten Prospekten auf der ansonsten kahlen Bühne, ist das reizvoll anzusehen. Zumal Generalmusikdirektor Killian Farrell die Meininger Hofkapelle präzise auf den Punkt führt, die Sängerinnen und Sänger zu einem klaren, nie ausufernden Gesang anhält – um die musikalisch poetischen Momente dann umso lustvoller auszukosten.
Stumme Zeit, starre Kulisse
Jedoch will der Abend szenisch im wahrsten Sinne des Wortes nur schwerlich von der Stelle kommen. Gespielt wird größtenteils auf der Vorderbühne im Frontalstil. In ausgedehnten Passagen wie jener, in der die Götter mit Hilfe des listigen Loge (John Heuzenroeder) mit den Riesen einen Deal aushandeln, tun einem all die Figuren, die weniger zu singen haben, fast schon etwas leid. Sie wirken sich selbst überlassen, überbrücken die stumme Zeit mit oberflächlich illustrierenden Mimiken und Gesten.
Etwas dynamischer geht es bei den Rheintöchtern zu: Sie untermalen ihren Auftritt mit einen Tanz. Dabei schieben sie drehbare Aufsteller auf Rollen umher. Auf der einen Seite sind Nymphen abgebildet, auf der anderen glänzt das Material golden wie der Schatz im Rhein, den sie hüten. Irgendwie wirkt dieser Aufstellertanz dennoch unbeholfen: Als seien die gemalten Nymphen eben im Malsaal entstanden und hätten dann in irgendeiner Form noch auf die Bühne gebracht werden müssen.
Alberich und die Rheintöchter: Boaz Daniel, Hannah Gries, Monika Reinhard, Julia Rutigliano © Christina Iberl
Die malerische Welt von Lüpertz ist zweifellos ein großer Genuss. Doch das Bühnenspiel profitiert in der Regel davon, wenn ein Bühnenbild nicht nur starre Kulisse ist, sondern Räume öffnet. Diese Räume bleiben hier verwehrt und auch die Figuren wirken wie eindimensionale Abziehbilder. So entfaltet das Drama insgesamt wenig Wirkung. Oder ist das als maximaler Eskapismus zu verstehen?
Gesprächsstoff mit Altkanzler Schröder
Markus Lüpertz sagt, er lehne Theaterabende ab, die alte Stoffe zeitgenössisch übersetzen. Nichts sei schlimmer als eine Inszenierung, die nach Tatort aussieht. Er suche im Theater eine Gegenwelt zur Wirklichkeit. Rheingold bietet dafür eine geeignete Projektionsfläche – kann dieser Sichtweise folgend aber auch zur schlichten Märchenerzählung verführen. Das Eröffnungsbild, mit dem im Laufe des Abends immer wieder Umbauten überbrückt werden, kann die geschaffene Erwartung letztlich nicht erfüllen. Es wird nicht klar, was uns Lüpertz als Chronist unserer Zeit mitteilen will.
Für das Meininger Staatstheater geht die Wette auf den Malerfürsten als Opernregisseur trotzdem auf, da es an diesem Premierenabend mit über dreißig Journalistinnen und Journalisten einen großen Medienrummel erlebt. Zusätzlich sorgt die Anwesenheit von Altkanzler Gerhard Schröder, langjähriger Freund von Markus Lüpertz, für Gesprächsstoff. Und auch die bislang angesetzten Vorstellungen sind schon nahezu ausverkauft.
Das Rheingold
Vorabend zum Bühnenfestspiel "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner, Dichtung des Komponisten
Regie, Bühne, Kostüme: Markus Lüpertz, Musikalische Leitung: Generalmusikdirektor Killian Farrell, Regieassistenz: Ulduz Ashraf Gandomi, Umsetzung Kostüme, Ausstattungsassistenz: Almut Echtler, Dramaturgie: Matthias Heilmann
Mit: David Steffens, Mark Hightower, Garrett Evers, John Heuzenroeder, Marianne Schechtel, Lubov Karetnikova, Tamta Tarielashvili, Boaz Daniel, Tobias Glagau, Keith Klein, Selcuk Hakan Tiraşoğlu, Monika Reinhard, Hannah Gries, Julia Rutigliano, Statisterie des Staatstheaters Meiningen, Kinderstatisterie, Meininger Hofkapelle
Premiere am 27. März 2026
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-meiningen.de
Kritikenrundschau
"Ein Kasperletheater im positiven Sinne" hat Stefan Petraschewsky von MDR Kultur (28.3.2026) gesehen. Wagners Libretto sei "offenherzig", und schon Thomas Mann habe die Nähe zum Kasperletheater bemerkt. Bei Lüpertz entspreche auch das Schauspiel dieser Kasperl-Idee, träten die Sänger*innen doch stets von der Seite auf, liefen fast immer zur Mitte und drehten sich nach vorne, auch wenn sie miteinander sprächen. "Die Konsequenz, mit der die Darsteller dieses sehr statische Theater mitspielen, aber dann auch in kleinen Gesten sehr exakt kommentieren und spielen, das ist wirklich große Klasse", so Petraschewsky. Killian Farrell arbeite die musikalischen Motive schön heraus und begleite die Sänger*innen mit einem zügigen Tempo, das dem Sprechrhythmus entspreche. In seinem Dirigat sei "viel Dynamik, viel Farbe".
Ein "neues Wagner-Wunder in der Provinz" sah Regine Müller für die Rheinische Post (30.3.2026). "Mit Personenregie hat Lüpertz nicht viel am Hut, das war klar. Es wird viel herumgestanden, aber das macht nichts, denn es gibt trotzdem viel zu sehen, außerdem sorgt der Generalmusikdirektor Killian Farrell im Graben für atemberaubende Spannung. Der Saal mit 726 Plätzen hat ideale Maße für ein Mehrspartenhaus, für Wagner ist er eigentlich zu klein. Aber die fabelhaft transparente Akustik erlaubt feinste Detailarbeit und verbietet gravitätisches Auswalzen. Farrell hat in jeder Sekunde das Geschehen im Griff, wählt rasante Tempi, ohne zu überziehen, meidet Pathos und entfesselt doch enorme Schlagkraft. Und er hat penibel mit dem Ensemble gearbeitet, das durch die Bank famos ist und niemals schleppt."
"Das Kriegskind Lüpertz benutzt für seine Botschaften keinen Holzhammer, sondern das sichtlich wenig schwergewichtige Werkzeug, das sein Donnergott eher orientierungslos schwingt", berichtet Dorothee Baer-Bogenschütz in den Badischen Neuesten Nachrichten (30.3.2026). "Die nahezu requisitenfreie Inszenierung ist gerade dieses Umstandes wegen dann stark, wenn Lüpertz Action befiehlt, der Riesenkopf des erschlagenen Fasolt auf den Bühnenboden kracht, Alberichs beringte Goldhand: eine Kreuzung zwischen Boxhandschuh und Reliquiar, zu Wotan wechselt – dem das Gold ebenso wenig Glück bringt."
"Es ist ein großer Abend für Markus Lüpertz. Und ein großer Abend auch für das Meininger Theater", berichtet Peter Lauterbach für das Meininger Tagblatt (30.3.2026) und würdigt das "Gesamtkunstwerk" und die "Fantasie, mit der Lüpertz sein Publikum überfällt. Wieder hat er die Bühnenbilder selbst gemalt, wieder die Kostüme entworfen und bemalt, wieder Regie geführt. Und das auch noch bei einer Wagneroper, die zwar nicht zu den opulentesten und anspruchsvollsten gehört, aber immerhin den erste Teil der berühmten 'Ring'-Saga darstellt."
Einen "grandiosen Coup" feiert Wolfgang Hirsch in der Thüringer Allgemeinen (30.3.2026). "Lüpertz will gar nicht mit Regiekniffen, Umdeutungen oder Aktualisierungen des mythologischen Stoffes aufwarten. Vielmehr entwirft er Fantasy-Welten von irisierender Schönheit und erzählt den in sich abgeschlossenen Teil Eins der 'Ring'-Tetralogie in Bildern, in einer zauberhaften Reihung von Tableaux vivants: ein bisschen naiv, durchaus märchenhaft und malerisch auf höchstem Niveau."
"Markus Lüpertz klangmalt wieder am Meininger Theater", und unter "der Leitung von Killian Farrell wird daraus ein musikalischer Wurf", vermeldet Joachim Lange in der Südthüringer Zeitung (30.3.2026). "Die Figuren wären hier ganz gar auf diese Kostüme reduziert, wenn sie nicht auch singen würden. Und wenn Kilian Farrell die Geschichte im Graben nicht mit einer atemberaubenden, manchmal wuchtigen Spannung erzählen würde. Auf der Bühne beschränkt sich der Abend nämlich auf Bebilderung in aparten Farben."
Wolfram Quellmalz berichtet für die Dresdner Neusten Nachrichten (30.3.2026): "Markus Lüpertz' Bilderwelt gleicht nicht nur Kinderzeichnungen, sie ist geradezu kindgerecht, was dem Stück im Zweieinhalbstundenformat Einsteigerqualität verleiht. Manches scheint dennoch simpel, die Statik mancher Szenen (es fehlt eben doch eine echte Regie) zum Beispiel oder die Ausstattung der Figuren (Donner mit einem Hammer, Froh im Pierrot-Kostüm, trotzdem trifft das einen Charakter). (…) Klassische Theaterkunst also, wenn auch ein bisschen (zu) konventionell."
Für BR Klassik (28.3.2026) berichtet Peter Jungblut: "Klar, von Lüpertz war am Staatstheater Meiningen keine Inszenierung im engeren Sinne zu erwarten. Er malt Bilder, buchstäblich und im übertragenen Sinne. Als sein eigener Ausstatter entwarf er die Kostüme und Prospekte, ansonsten wird fast keine Requisite benötigt. Dennoch wurde der Abend ein lautstark beklatschter Erfolg, weil dieser altertümliche, aber fesselnde Bilderreigen zur fulminanten musikalischen Leistung aller Beteiligten passte. Die Textverständlichkeit war überragend, die Solisten allesamt wie entfesselt, als ob sie vorführen wollten, wie mitreißend Sänger sein können, wenn sie nicht auf Schritt auf Tritt die mal plausiblen, mal kruden Detailanweisungen von Regisseuren befolgen müssen."
Inge Kutsche schreibt für opernfreund.de (28.3.2026): "Selbst wer bislang kein Wagnerfan war, könnte nach Killian Farrells hochsensibler Rheingold-interpretation süchtig werden. Wagner – hörte er sie – würde ihm ob der naturalistischen, vielschichtigen Passagen die Füße küssen. Selbst wenn man die Augen schlösse, würden die Bilder präsent werden. Die Musik erschafft die Bilder fließenden Wassers von der plätschernden Quelle bis zum reißenden Strom. Der gewaltige Auftritt der Riesen, das launige Spiel der Rheintöchter, die harte Arbeit unter Tage: Alles, was auf der Bühne geschieht, hat sein Pendant im Orchester. Nie werden die Sänger überspült, und dennoch ist viel Raum für rauschhafte Fulminanz."
Die "optischen Reize" der Produktion hebt auch Michael Kaminski für concerti.de (27.3.2026) hervor. "Alles dies will nichts sein außer Theater. Autonome Kunst. Angesichts der gegenwärtig allenthalben gegenüber den Künsten erhobenen Forderung nach Empowerment geradezu ein Befreiungsschlag." Die Musik gerate einnehmend.
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Thyra Uhde Tiefstes Mitgefühl
-
Wokey Wokey, München Virtiosität schlägt Inhalt
-
Frauenliebe und - sterben, Hamburg Leichte Irritation
-
Nach dem Leben, Nürnberg Empfehlung
-
Die Quelle, Wien Claquere unterwegs
-
Leser*innenkritik Black Rider, SHL Flensburg
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend




