Don Karlos - Schiller-Theater Rudolstadt
Falsche Spiele
14. September 2025. Nach acht Jahren Sanierung ist das Theater in Rudolstadt wiedereröffnet und umbenannt in Schiller-Theater. Entsprechend wird Schiller gespielt: Henriette Hörnigk hat das Polit-Ränkespiel "Don Karlos" inszeniert und zeigt einen jungen Thronfolger, der am Ende nicht mehr der gleiche ist.
Von Marlene Drexler
Friedrich Schiller "Don Carlos" von Henriette Hörnigk in Rudolstadt inszeniert © Anke Neugebauer
14. September 2025. Hinter höfischen Gemäuern gedeihen Geheimnisse bekanntlich besonders gut – stets begleitet vom parasitären Beiwerk der Gerüchte. Das Problem: Wenn solche höfischen Geheimnisse ans Licht dringen, geht es selten nur um gekränkte Eitelkeit. Häufig steht gleich alles auf dem Spiel: Leben oder Tod. Thron oder Galgen. Ungünstig also, wenn die königlichen Hallen so gebaut sind, dass immer irgendeine ungebetene Gestalt ihr Ohr ins falsche Gespräch halten kann.
In dem dynamischen Bühnenbild von Henrike Engel mit seinen Emporen, den sich verändernden Wänden und Fluchten wird jedenfalls schnell klar: Pikante Informationen wie die, dass der Prinz Don Karlos seine Stiefmutter liebt, werden hier nicht lange unter Verschluss bleiben. Schillers "Don Karlos" ist ein Werk von gewaltiger Dichte und Dichtung. Entlang der Geschichte des spanischen Thronfolgers Don Karlos, Sohn von König Philipp II., greift das Drama Fragen nach Macht und legitimer Herrschaft auf – und erzählt zugleich einen Generationenkonflikt.
Nach acht Jahren Sanierung
Das Theater Rudolstadt hat dieses Schwergewicht nicht nur als Auftakt der neuen Spielzeit gewählt, sondern auch als Eröffnungsstück für das frisch sanierte Haus. Über acht Jahre – und damit deutlich länger als ursprünglich geplant – musste das Ensemble auf seine Spielstätte verzichten. Mit der Wiedereröffnung gibt es nun auch einen neuen Namen: Schiller-Theater. Den Anlass liefert der Umstand, dass Schiller in der thüringischen Kleinstadt eine kurze, aber biografisch prägende Zeit erlebte: Er lernte dort seine spätere Ehefrau Charlotte kennen.
Es ist etwas faul am Hofe: "Don Karlos" von Henriette Hörnigk in Rudolstadt inszeniert © Anke Neugebauer
Für die Regie dieser besonderen Premiere hat das Haus Henriette Hörnigk engagiert, langjährige Chefdramaturgin, stellvertretende Intendantin und Regisseurin am Neuen Theater in Halle. Sie kitzelt aus Schillers dramatischem Gedicht zunächst überraschend viel Komik heraus – und das, obwohl die historische Epoche wenig Anlass zur Heiterkeit bietet: Der spanische König Philipp II. herrscht mit harter Hand. Zentrales Instrument der Machthaber zur Einschüchterung und Kontrolle: die Inquisition.
Von einem Gefühlsausbruch zum nächsten
Zur ersten skurrilen Attraktion geraten die Hofdamen der Königin Elisabeth (Klaudia Raabe). Eine Horde verlebter, aber mit allen Wassern gewaschener Schabracken. Ihr Anblick macht neugierig: Wie haben die wohl ihre letzte Nacht verbracht? Für die Handlung wichtig wird eine von ihnen: Fürstin Eboli (Anne Kies), die mit einer einseitig getönten Brille piratenhaft ein fehlendes Auge kaschiert und auch sonst ziemlich beschädigt wirkt. Sie liebt Don Karlos – soll jedoch zur Mätresse seines Vaters werden. Unfreiwillig gerät sie zwischen die Fronten und wird vom Prinzen zum Druckmittel gemacht, um seine eigene, verbotene Liebe zur Stiefmutter zu legitimieren. Klingt verwirrend? Ist es auch!
In der Rudolstädter Inszenierung wird der von Liebeskummer geplagte spanische Thronfolger von Lina Habicht verkörpert. Die geschlechtliche Umdeutung hat jedoch keine weiteren Auswirkungen – auch sprachlich nicht: Don Karlos bleibt ein "Er". Lina Habichts Prinz ist ein ungestümer Charakter. Gefühlt ist noch keine Minute vergangen, da kniet er schon auf dem Boden und reißt sich theatral die Bluse vom Leib, dass die Knöpfe nur so fliegen. Als er sein Liebesprojekt in der Sackgasse sieht, lässt er sich von seinem Freund und Vertrauten Marquis von Posa von einem politischen Projekt begeistern. Aber halt!
Posa (Johannes Geißer) und Don Karlos (Lisa Habicht) © Anke Neugebauer
Vorher ohrfeigen sich die beiden Männer erst einmal gegenseitig, um zu testen, ob man wirklich voreinander steht. Dann schlägt Posa vor, dass Don Karlos doch in das von den Spaniern besetzte Flandern gehen könnte, um dort als Reformer zu wirken und den Flamen Freiheit beizubringen. Ein hehrer Plan, mit dem sich Don Karlos allerdings gegen den eigenen Vater stellen würde – da ist Widerstand vorprogrammiert.
Leidenschaftliche Plädoyers
Die Figur des Posa, gespielt von Johannes Geißer als geheimnisvoller, bis zuletzt undurchschaubarer Strippenzieher, liefert im weiteren Verlauf leidenschaftliche Plädoyers gegen Repression und für Selbstbestimmung. Schiller legt ihm das wohl berühmteste Zitat des Stücks in den Mund: "Geben Sie Gedankenfreiheit!". Eine Forderung, die Posa direkt an den König (Markus Seidensticker) richtet und tatsächlich ein Nachdenken auslöst. Beim Zuschauen erwächst die Erkenntnis: Viel wert, wenn ein Tyrann wenigstens noch einen letzten ehrlichen Menschen um sich herum hat. Einen, der nicht duckmäusert, sondern das Risiko der Wahrheit trägt.
Henriette Hörnigks Inszenierung findet in der ersten Hälfte erstaunlich lässig Zugang zu Schillers herausforderndem Stoff. Die Erzählweise: souverän und konzentriert auf das Wesentliche, verbunden mit einer prägnanten, ästhetisch durchdachten Sprache.
Am Ende Hysterie
Nach der Pause jedoch verheddert sich der Abend zunehmend in Schillers voltenreicher Szenenarchitektur und zu vielen Fußnoten: Fernsehbilder der Gegenwart werden an eine Leinwand projiziert, oberhalb der Bühne läuft ein Live-Ticker mit Nachrichten-Meldungen.
Das bis dahin vielschichtige Spiel des Ensembles kippt in einen Zustand fast permanenter Hysterie. Insbesondere Lina Habichts Don Karlos agitiert, atemlos, eingesperrt im Königskerker, von einem Gefühlsausbruch zum nächsten. Erst die allerletzten, dann ruhig gesprochenen Sätze lassen die innere Reise des Protagonisten erahnen und spüren: Dieser junge Don Karlos ist nicht mehr der gleiche wie zu Beginn des Stücks.
Don Karlos
von Friedrich Schiller
Regie: Henriette Hörnigk, Bühne und Kostüme: Henrike Engel, Dramaturgie: Michael Kliefert, Oliver Mörchel, Sound: Bernd Bradler.
Mit: Markus Seidensticker, Klaudia Raabe, Lina Habicht, Franka Anne Kahl, Clara Sindel, Anne Kies, Johannes Geißer, Johannes Arpe, Jochen Ganser, Franz Gnauck, Verena Blankenburg, Thüringer Folkloretanzensemble.
Premiere am 13. September 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
www.schiller-theater.de
Kritikenrundschau
"Regisseurin Henriette Hörnigk, die erstmals in Rudolstadt inszeniert, schlägt mit diesem Dramenklassiker geschickt die Brücke in die jüngere Vergangenheit und bis unsere Zeit, lässt dafür Videosequenzen und Schlagzeilen auf dem Bühnenbild durchlaufen", schreibt Ulrike Kern in der Thüringer Allgemeinen (16.9.2025). "Ein tiefgründiges, bewegendes Stück, das in Rudolstadt von einem großartig spielenden Schauspielensemble und kreativen Inszenierungsteam auf die Bühne gebracht wird."
Regisseurin Henriette Hörnigk "verweigere" ihren Schauspielern "den hohen Ton in der ästhetisch und funktional guten Bühne von Henrike Engel", meint Henryk Goldberg im Meininger Tagblatt (14.9.2025). Aber das Stück habe "nicht seiner Klugheit", sondern "seines Feuers wegen" 250 Jahre Theatergeschichte überlebt: "Und wenn eine wie auch immer durchdachte Konzeption ihm das nimmt, dann nimmt sie ihm seine Einzigartigkeit, seine, mit Verlaub: Seele." Schließlich wolle man nicht zu den "Festen der Konzeptionen geladen werden, sondern zu denen der Schauspieler", so der Kritiker.
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Der Coup dieser Inszenierung aber ist die Besetzung des Don Karlos mit der Schauspielerin Lina Habicht. Dass diese Entscheidung für einen weiblichen Karlos folgenlos bliebe, wie Frau Drexler oben schreibt, stimmt einfach nicht. Richtig, im Text finden keine Anpassungen des Geschlechts statt. Aber so wie vor Jahren Angela Winkler den Hamlet auf weibliche Farben durchlässig machte, so gelingt das hier Lina Habicht mit dem Karlos – und das grandios! In Habichts Darstellung wirkt Karlos wie ein ganz junger Mann bzw. Mensch oder eben wie eine Frau, dessen/deren Wankelmut und Schwärmerei mitunter fast kindlich anmuten – Mozarts Cherubino könnte hier Pate gestanden haben. Ihre begeisterte Hingabe hüpft in Blitzesschnelle, aber immer unter vollem Einsatz von den Flandern zur geliebten Elisabeth und zurück. Und so fährt dieses immer ganz in der Gegenwart agierende und auf die Gegenwart ungeschützt reagierende Wesen mit vollem Tempo an die Wand – und genau deshalb ist der zweite Teil mit seinen extremen Ausschlägen (die Frau Drexler nicht sehr zutreffend Hysterie nennt) und seinem Tempo völlig konsequent. Mit Karacho rast dieser Karlos (und Posa natürlich mit ihm) auf den Abgrund zu, Lina Habicht zieht dabei alle Register, durchlebt Brüche, die nicht gesetzt, sondern immer plausibel wirken – und zeigt so eine Leistung, die unbedingt an eine große Bühne gehört. "Bin ich nicht stark", lassen Schiller und Regisseurin Henriette Hörnigk Karlos/Habicht am Ende fragen. Allerdings. Sehr stark.
Im Gegensatz zu Marlene Drexler halte ich den 2. Teil für sehr gelungen, sowohl die Damen mit den Ausschnitten aus dem "Schaubühnen-Text", als auch die Einblendung der Autodafé-Szene aus Verdis "Don Carlos". Man spürte sehr, dass Schillers "Karlos" geradezu danach verlangte, als Oper vertont zu werden.