Bücherverbrennung auf dem Schulhof

26. August 2025. Theresia Walsers neues Stück "Von allen Geistern" feiert Uraufführung beim Kunstfest Weimar und erzählt von der Radikalisierung einer Schule unter einer rechten Regierung. Torsten Fischer hat es inszeniert – mit dem rollenwechselfreudigen Darsteller*innenduo Steve Karier und Judith Rosmair.

Von Vincent Koch 

Judith Rosmair in "Von allen Geistern" von Theresia Walser beim Kunstfest Weimar © Thomas Müller

26. August 2025. Im Goethe-Gymnasium hat man jetzt Zwitscherboxen installiert. Sie wissen schon, die kleinen Lautsprecher in Sanitäranlagen, in denen Vogelgeräusche laufen, um die Zeit auf dem stillen Örtchen erträglicher zu machen. Auf der fiktiven Schule in Theresia Walsers neuem Stück "Von allen Geistern" in Frankfurt/Oder gelten sie als Vorzeigeprojekt: "Wer im Goethe kackt, dem singen jetzt die Amseln!" Allerdings können die nicht verschleiern, dass es auf den maroden Toiletten schimmelt und stinkt wie die Pest. Und das ist das geringste Problem. In Walsers Setting regieren "die Rechtsextremen", was sich auch an der Schule bemerkbar macht. 

Kommunikation mit Sicherheitsabstand

Im Lehrer*innenkreis befinden sind auch Ella und Tim, gespielt von Judith Rosmair und Steve Karier. Sie: Geschichte, er: Schulleiter, privat: ein Paar. Theresia Walser nutzt den Mikrokosmos der beiden, um zu erzählen, wie dünn das Eis auf den Schulfluren geworden ist. Während Tim zunächst Ella mit seinen Faust-Monologen auf die Nerven geht, beschwert sie sich bereits über die Aufmüpfigkeit ihrer Schüler*innen. Walser webt mit Fred und Paula noch zwei weitere Lehrkräfte in die Handlung. Sie werden ebenfalls von Rosmair und Karier verkörpert. In flinken Wechseln tauschen sie dabei auch Geschlechter: noch fläzt Anzug-Tim im Sessel, da hat er schon Paulas Perücke und Sonnenbrille auf. Das ergibt eine spannende Doppelbödigkeit, weil es die Grenzen verschwimmen lässt, wer hier noch Freund ist und wer Feind. 

VonAllenGeistern c ThomasMueller 13In vier Lehrer*innenrollen: Steve Karier und Judith Rosmair © Thomas Müller

Torsten Fischer inszeniert diesen Schlagabtausch in einem breiten Bühnenraum, bei dem sich das Publikum in zwei Stuhlreihen gegenübersitzt. In der Mitte, wo die Fetzen fliegen, steht ein sehr welker Baum, hinten ein Polylux. An den Wänden hängen Gazen mit Formelsammlungen in Kreide-Optik. Oft stehen sich Rosmair und Karier mit großem Abstand gegenüber. Das Kommunizieren scheinen sie verlernt zu haben. Stattdessen sind sie auf Brass und werfen sich Vorwürfe zu wie Tennisbälle. Manchmal schnappt sich jemand ein Mikrofon und berichtet im Stand-Up-Format von den Strapazen als Paar; der Traum einer neuen Turnhalle wird als wilder Monolog mit der Zimmerpflanze performt. Es sind kleine Ausbrüche aus dem ansonsten eher puren und mit bester Naturalismus-Hand geführten Abend, der in erster Linie etwas verhandelt anstatt szenisch aufregend zu sein. 

Die bewegliche Grenze des Sagbaren

Genauso wie die Chemie der beiden Spielenden erst allmählich spürbar wird, braucht auch der Text eine Weile, um seinen Fokus zu finden. Mit Dialogen über’s Gendern lässt sich schon lange kein dramatischer Blumentopf mehr gewinnen. Auch die vielen Faust-Zitate wirken etwas bemüht (Goethe-Jubiläum!), wenngleich Faust von rechts vereinnahmt wird. Walser bleibt ihrem abgründigen Humor wohldosiert treu: die Leberwurstschnitten aus der 6a und die Zunahme von Vorhautphimosen tauchen ebenso auf wie smarte Faschos und rassistische Wörter, die man jetzt wieder sagen dürfe. Fred zerreißt sich das Maul über die Bio-Lehrerin Levski, weil sie ihrem Unterricht von Meeresschnecken erzählt habe, die ihre Geschlechtsteile abwerfen. Sie sei nun auf Kur, weil Eltern sie bedroht hätten. 

VonAllenGeistern c ThomasMueller 6Paula (Steven Karrier) und Fred (Judith Rosmair) © Thomas Müller

Zunehmend entsteht der Eindruck, dass es Walser um die rasende Verschiebung der Grenze des Sagbaren geht. Der finale Part ist dann auch stärker als der Beginn, der manchmal unter den seichten Klaviertönen etwas stockt. Die Handlung spitzt sich zu, als Ella sieht, wie ihre Schüler*innen auf dem Schulhof Geschichtsbücher verbrennen. Einer begründet es mit dem Satz: "Zu viel Holocaust." Ella ist erschüttert. Sie fürchtet, dass die NS-Zeit komplett aus dem Lehrplan verschwinden wird: "Wozu schlecht gelaunt im Bus nach Buchenwald fahren, wenn man auch ein Picknick unter Bismarcktürmen machen kann?" Ihre Kollegin findet, das sei normal, anderswo sei es schlimmer. Ella macht ihrem Schüler im Unterricht einen Prozess. Paul in seiner Funktion als Schulleiter kündigt ein Disziplinarverfahren an. Ella sagt, das wäre vorauseilender Gehorsam. Als Paul sie bittet, sich bei besagtem Schüler für die Strafe zu entschuldigen, lehnt sie das ab.

Brandaktuelles Dilemma

Judith Rosmair gelingt mit dieser couragierten und wachen Ella die plastischste Figur des Abends, weil sie von einem brandaktuellen Dilemma erzählt. Man denkt schlagartig an die Berichte zweier Lehrer*innen aus Brandenburg, die ihre Schule verließen, weil sie nicht mehr wussten, wie sie mit den Hitlergrüßen auf dem Schulhof umgehen sollen. Geschickt spielt Theresia Walser einmal durch, was passiert, wenn die Prophezeiungen über AfD-Wahlgewinne wahr werden. Als Ella einmal Klassenarbeiten über die "ideale Stadt der Zukunft" vorliest, haben ihre Schüler*innen ähnliche Träume: Mauern, Pfosten, Gartenzäune.

Von allen Geistern
von Theresia Walser
Regie: Torsten Fischer, Bühne & Kostüme: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos.
Mit: Judith Rosmair und Steve Karier.
Uraufführung am 25. August 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Koproduktion Kunstfest Weimar, Stadttheater Fürth und Kleist Forum Frankfurt (Oder)

www.kunstfest-weimar.de

Kritikenrundschau

Das Stück "spielt in einer nahen Zukunft, die gar nicht sehr dystopisch, sondern eher erschreckend realitätsnah gezeichnet ist", berichtet Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (28.8.2025). "Walser schickt ihre Figuren in eine Aporie, in der manche mit neuen Träumen, andere mit innerer Leere landen. Die Konturen dazwischen verschwimmen. Nur Ella, die in dieser Rolle flamboyant spielende Judith Rosmair, gibt nicht auf." Walsers Stück, so Tholl, "sei dringend zum Nachspielen empfohlen".

"Der Raum schafft Kraft und Struktur, die deutlich überambitionierte Konstruktion von Stück und Inszenierung verwischt sie aber wieder", sagt Michael Laages auf Deutschlandfunk (26.8.2025). Besonders die Doppelbesetzung mit zwei Schauspieler*innen "wirkt nicht wirklich zwingend" auf den Kritiker. "Vielleicht wird Walsers jüngster Text ja klarer und zupackender wirken, wenn vier Figuren die Autorin beglaubigen bei der nächsten Inszenierung des Textes. Das Thema bleibt uns ja absehbar erhalten."

Kommentare  
Von allen Geistern, Weimar: Gastspiel?
Sehr geehrte Damen und Herrn,

da ich im Kulturhaus im Bosco in Gauting die Sparte Schauspiel leite, bin ich auf die Inszenierung "Von allen Geistern" aufmerksam geworden. In der letzten Saison hatten wir Judith Rosmair in "Eines langen Tages Reise in die Nacht" bei uns und sind natürlich begeistert von ihr. Gibt es denn einen Mitschnitt von "Von allen Geistern"?
Und wird dieses Stück weiter aufgeführt? Wäre ein Gastspiel denkbar?

Beste Grüße, Anna Fichert (fichert@theaterforum.de)

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Liebe Frau Fichert, die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Theater Fürth und dort Ende des Monats auf dem Spielplan https://www.stadttheater.de/programm/kalender/stueck/vonallengeistern2526
Viele Grüße aus der Redaktion.
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