Spiel mir das Lied vom schönen Altern

12. April 2025. Was für eine Altersheim-Crew! König Lear, der geizige Harpagon und Onkel Wanja, aus dem eine Tante geworden ist. Regisseurin Rebekka David versetzt die Drei in ein Sanatorium, in dem die Furcht vor dem Alter ausgetrieben wird, und sie sind wie es im Stücktitel heißt: Immer noch da.

Von Reinhard Kriechbaum

"Immer noch hier" von Rebekka David & Ensemble am Schauspielhaus Graz © Joe Ambrosch

12. April 2025. Am Ende wird's dunkel, und die letzte verbliebene Kerze wird auch noch ausgeblasen. Einmal ist das Leben ja doch zu Ende, und dann ist's aus mit aller Diskutiererei und auch mit der mehr oder weniger begründeten Furcht vor dem Alter. Und mit den Schrullen auch. Aber bis es so weit ist ... Es ist Tag der offenen Tür im "Institut zur Überwindung der Angst vor dem Alter", darum dürfen wir zuschauen bei der Therapie, die bei echten Seelendoktoren unter dem Fachbegriff Psychodrama laufen würde. 

Dr. Rudi empfängt uns und erklärt die Sache: Die Heilmethode ist, einen auf Alt zu machen. Auf sehr alt. Es ist, als ob wir im falschen Film gelandet wären. Tschechows Onkel Wanja (Sarah Sophia Meyer) stakst am Stock daher und hadert damit, dass vor lauter Arbeit das Leben ungelebt vorbei gezogen ist. Harpagon (Mario Lopatta), Molières "Geiziger", hustet und nörgelt vor sich hin.

Etwas andere Schocktherapie

Dann kommt noch Lear (Simon Kirsch), der seine Virilität kaum bezähmen kann und sich auf der Suche nach seinen Töchtern gleich mal in den Zuschauerraum verirrt. "Der neue König geht mir jetzt schon auf den Sack", sagt Wanja. Schocktherapie, sich und die anderen und ihre festgefahrenen Marotten so sehen zu müssen: Wieder Wanja: "Scherbenhaufen. Das ganze Leben ein Scherbenhaufen." Aber die Belegschaft dieser Anstalt ist ja auch nicht so ohne. Dr. Rudi (Rudi Widerhofer) ist eher der erste Patient als Therapeut. Er schaut zwar listig durch seine dunkle Brille, erklärt und argumentiert munter vor sich hin, aber Sonja (Anna Klimovitskaja) muss ihm die Medikamente nachtragen. Ein bisserl vergesslich scheint der alte Knabe auch schon.

Immer noch hier 3 1200 Joe AmbroschUnerwartetes Zusammentreffen: Mario Lopatta als Harpagon (2 v.l.), Sarah Sophia Meyer als Wanja (auf dem Boden), Simon-Kirsch als Lear (rechts) in "Immer noch hier" © Joe Ambrosch

Sonja ist die einzige und mithin ganz und gar nicht unterbeschäftigte Pflegerin. Einmal dreht sie voll durch und schreit ihren ganzen Frust raus. Der Aspekt Überforderung der Care-Kräfte darf nicht fehlen, auch nicht in einem Pseudo-Altersheim. Und dann ist da noch eine witzige junge Dame: Frosine (Dominik Puhl) weiß alles, auf dass ihre Klientel im Alter so richtig gut dastehe. Sie ist so etwas wie eine Influencerin in Sachen gesunde Lebensweise ("Zucker ist Benzin für die Zellalterung") und hat immer die rechten Vorschläge oder die rechte Medizin bei der Hand. Am Geizhals Harpagon beißt sie sich aber auch die Zähne aus.

Lieber nicht Forever Young

Und dann sind da noch sieben Statistinnen und Statisten, ein Oldie-Chor, "fast alle über achtzig", laut Programmheft. Auch diese aus dem echten Leben gecasteten Personen hat Rebekka David mitreden lassen bei diesem mit dem ganzen Ensemble erarbeiteten Stück. Drei markante Alte aus dem Theaterkanon sind konfrontiert mit Realitäten und Vorurteilen übers Altern. Die drei jungen Probanden wachsen hinein in ihre Rollen, heben wacker an mit Monologen, aus denen sie aber gleich wieder rauskippen. Brechungen zuhauf, die einen schmunzeln lassen. Gelegentlich plakativ und platt, deutlich öfter aber mit Raffinement und Hinterlist. Theater eben, das sich am echten Leben misst – und besteht, weil eben beides nicht so selten absurd und bizarr daherkommt.

Immer noch hier 2 1200 Joe AmbroschDer Chor in "Immer noch hier" © Joe Ambrosch

Es schrammt stets an der Farce, wie da Motive und Text-Stückwerk von Molière, Shakespeare und Tschechow montiert und in inklusives Theater übergeführt werden. Man übertreibt und parodiert auf Teufel-komm-raus, aber Rebekka David spannt auch Fangnetze, in denen sich die Komödiantik verfängt. Das anfangs so sachlich gehaltene Bühnenbild von Robin Metzer löst sich auf, wir schauen in den Anstaltsgarten. Eine alte Dame strickt, eine andere fischt im Seerosenteich.

Das "Forever Young", das sie alle angestimmt haben, würde man denen allen sowieso nicht als Ziel abnehmen, den literarischen Figuren nicht und den echten Oldies schon gar nicht. Im Umgang mit denen zeigt Rebecca David Fingerspitzengefühl. Oft dürfen sie einfach nur dasitzen und den Jungen zuschauen beim Alt-Spielen. Schon da schleicht sich hintergründige Ironie ein, die – an der sehr positiven Reaktion des Premierenpublikums gemessen – auch gut angekommen ist.

Aufgeschichtete Zeit

Niemand wird bloßgestellt, auch Wanja, Lear und Harpagon nicht. Die drei bekommen zuletzt noch ausufernde Monologe. Lear beschwört den Generationenvertrag, der in seinem Fall so gar nicht funktioniert. Er sieht sich als "Kind, nur andersrum". Sollten die Töchter nicht für ihn sorgen? Harpagon ist plötzlich mit einem Doppelgänger konfrontiert, der sein im Teich verstecktes Geld entdeckt und es unter anderem in geriatrische Forschung investieren will. Von einem "Körper aus aufgeschichteter Zeit" ist einmal die Rede. Eine beruhigende, positive Perspektive aufs Alter.

 

Immer noch hier. Von Ängsten und Alten und alten Ängsten
von Rebekka David & Ensemble mit Texten von Molière, Shakespeare und Tschechow
Regie: Rebekka David, Bühne: Robin Metzer, Kostüme: Anna Maria Schories, Musik: Camill Jammal, Dramaturgie: Male Günther, Licht: Viktor Fellegi.
Mit Simon Kirsch, Anna Klimovitskaya, Mario Lopatta, Sarah Sophia Meyer, Dominik Puhl, Rudi Widerhofer.
Premiere am 11. April 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com

Kritikenrundschau

Das Altersheim verkomme an diesem Abend nie zur Karikatur, lobt Christian Ude in der Kleinen Zeitung (13.4.2025). Das sei "ein Trumpf dieser beim Publikum sicher polarisierenden und nicht leicht verkaufbaren Aufführung – auch für alle, die ein Altenheim durch sehr regelmäßige, ja tägliche Besuche über Jahre kennen." Zu feiern sei überdies das "brennende, großartige und für alle Irrlichter bereite Ensemble" des Grazer Schauspielhauses, so der Kritiker.

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