Am Wasser gebaut

7. Juli 2025. Ein Panorama verschiedener Gesellschaftsschichten, herrlicher Marotten und eigenwilligster Lebensstrategien: Viele halten Heimito von Doderers Roman um die britische Industriellenfamilie Clayton für seinen besten. In Reichenau ist eine Dramatisierung geglückt, bei der alles stimmt. 

Von Gabi Hift

Heimito von Doderers "Wasserfälle von Slunj" bei den Festspielen Reichenau © Lalo Jodlbauer

7. Juli 2025. Heimito von Doderers Roman "Die Wasserfälle von Slunj" beginnt um die Jahrhundertwende mit der Hochzeitsreise eines britischen Paars von Wien hinunter nach Kroatien. Der Mann, Robert Clayton, läuft im Zug von einem Fenster zum anderen, begeistert wie ein Kind von dem technischen Wunder der damals noch neuen Semmeringbahn. Seine junge Frau Harriet bleibt derweil ungerührt im Abteil sitzen. Da ahnt man schon, dass es mit dieser Ehe nicht gut gehen wird. Jahrzehnte später verliebt Robert sich Hals über Kopf in die Freundin seines Sohnes, als sie von eben dieser Semmeringbahn schwärmt, und das führt zur Tragödie.

Die Dramatisierung von Nicolaus Hagg ist ein Glücksfall. In Reichenau wurden bereits seine Versionen der "Strudlhofstiege" und der "Dämonen" gezeigt. "Die Wasserfälle von Slunj" – von vielen für Doderers besten Roman gehalten – eignet sich aber ungleich besser zur Dramatisierung. Es ist wesentlich kürzer als die beiden Mammutwerke, hat weniger Personal, die Vater-Sohn-Geschichte als zentralen Handlungsstrang, und Doderer hat hier erstmals (fast ganz) auf die kommentierende Erzählerstimme verzichtet. Nicolaus Hagg ist es gelungen, den Roman in eine stringente Abfolge aus Spielszenen zu übersetzen, in denen wirkliche Menschen miteinander reden. Man kann nicht unterscheiden, wo es sich um originale Doderer-Dialoge handelt und wo etwas von Hagg dazu erfunden ist. Jede einzelne Szene hat einen Bogen, so dass es häufig Szenenapplaus gibt, und das Ganze funktioniert wie ein genuines Theaterstück.

Abstraktes Gefühl eines Abgrunds

Das schlichte Bühnenbild der Arenabühne (Alexandra Burgstaller) in Beverly Blankenships Inszenierung greift die durchgehende Wassersymbolik des Romans auf: Er beginnt und endet mit den herabstürzenden Wasserfällen. Die Tatmenschen in der Geschichte sind von der Gewalt des Wassers fasziniert. Die Andersgearteten, Lebensuntüchtigeren haben Alpträume von senkrechten Wasserwänden. Ein Kind fällt in den Donaukanal und wird von zwei Huren, die begeisterte Schwimmerinnen sind, gerettet. Die Bühne ist zu einer Hälfte mit einer schwarz glänzenden Plane bedeckt, die wie tiefes, dunkles Wasser aussieht. Der Holzboden der anderen Hälfte hat eine unregelmäßige Uferlinie, zwei Holzstege führen aufs Schwarze hinaus. Das ist in manchen Szenen der Donaukanal, in anderen ein mehr abstraktes Gefühl eines Abgrunds.

Wasserfalle 01 1200 Lalo JodlbauerGespräch auf brüchigem Steg: Markus Freistätter und Sona MacDonald in Alexandra Burgstallers Bühnenbild © Lalo Jodlbauer

Doderers Figuren kommen aus ganz verschiedenen Schichten, haben unterschiedliche Nationalitäten, sehr verschiedene erotische Vorlieben, herrliche Marotten und seltsame Strategien, um durchs Leben zu kommen. Doderer macht sich gnadenlos über seine Figuren lustig, ist aber auch ein brillanter Seelensezierer. Weil er einem die Figuren bis in die kleinsten Verästelungen zeigt, versteht man sie besser als sie sich selbst und fühlt mit ihnen mit. (Doderer: "Bei den meisten Menschen reicht zur Selbsterkenntnis ihre Intelligenz einfach nicht aus.") Hagg hat das ausgezeichnet in Dialoge übersetzt, und die vielschichtigen Figuren machen denen, die sie spielen, ganz offensichtlich viel Freude. Daniel Jesch als Robert Clayton ist einer, den die eigene überschäumende Vitalität regelrecht zum Tanzen bringt. Er kann seine Frau und seinen lebensuntüchtigen Sohn, denen er die Luft zum Atmen nimmt, einfach nicht begreifen. Er balanciert wunderbar mit seinen Schuldgefühlen, die er blitzschnell verschwinden lassen kann, ein charmanter Zauberkünstler.

Ein frischer Wind von Wirklichkeit

Wunderbar sind seine beiden Adlaten, Milhonic, ein Kroate, der vom Tellerwäscher zum Hotelier aufsteigt (Rafael Schuchter), und sein Freund Chwostik (David Oberkogler), der zwischen die Fronten von Vater und Sohn gerät, die er beide gern hat. Ungewohnt und sehr angenehm ist der Umgang mit der österreichischen Sprache: Oberkogler redet als Chwostik tiefsten Wiener Dialekt, Schuchter hat als Milhonic einen fetten kroatischen Akzent. So etwas ist man auf der Bühne nur bei Dialektstücken gewohnt, nicht aber als Charakteristikum von einzelnen Figuren, während andere gemäß ihrer Schicht Hochdeutsch sprechen. Es wirkt wie ein frischer Wind von Wirklichkeit. Besonders schön ist, dass weder Schauspieler noch Figuren sich im mindesten für ihre Sprache genieren und sie ihrem Aufstieg auch nicht im Weg steht.

Wasserfalle 02 1200 Lalo JodlbauerSchwimmerinnen mit Lebensweisheit: Finy (Johanna Arrouas, links) und Feverl (Bettina Schwarz, rechts) mit Johanna Mahaffy als Monica Bachler in der Mitte © Lalo Jodlbauer

Die wohl am meisten geliebten Figuren aus allen Doderer-Romanen sind die beiden gutmütigen, simplen Schwestern Finy und Feverl – Johanna Arrouas und Bettina Schwarz. Die beiden sind aus dem Burgenland nach Wien gekommen und betreiben in zwei kleinen Zimmern der Chwostik'schen Wohnung ihr Gewerbe als Prostituierte. Ihre Dialoge sind derart lustig und die beiden gehen so auf in ihren Beschäftigungen – sie sind, wie erwähnt, begeisterte Schwimmerinnen, haben aber auch viel Lebensweisheit –, dass man sie einfach lieben muss. Die beiden sind einfach zu großartig, um ein Klischee zu sein, sie schwimmen tatsächlich im Leben wie Fische im Wasser – und auch sie sprechen tiefstes Wienerisch.

Verliebt in die Figuren

Die Schauspieler*innen spielen allesamt hervorragend, und noch dazu lassen sie es so aussehen, als sei das ganz normal und einfach. Nichts ist forciert, aber auch nichts allzu zurückhaltend. So dass es einem auch beim Zusehen vorkommt, als sei es ganz normal, dass man atemlos einer Handlung folgt, von der man schon weiß, dass sie übel ausgehen wird, dass man schallend lacht, in die Figuren verliebt und am Ende zu Tränen gerührt ist. Dass man also denkt: Ja, sehr gut, genau so ist das im Theater, und völlig vergisst, wie selten das ist, dass alles passt, alles stimmt, und alles große Freude macht.

Die Wasserfälle von Slunj
Von Heimito von Doderer in einer Dramatisierung von Nicolaus Hagg
Regie: Beverly Blankenship, Musik- und Tonkonsulentin: Rebecca Blankenship, Bühne und Kostüme: Alexandra Burgstaller, Licht: Marcus Loran, Dramaturgie: Angelika Messner.
Mit: Daniel Jesch, Emese Fay, Skye MacDonald, Johanna Mahaffy, Sona MacDonald, Markus Freistätter, David Oberkogler, Andreas Milohnic, Rafael Schuchter, Günter Franzmeier, Johanna Arrouas, Bettina Schwarz.
Premiere am 6. Juli 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.festspiele-reichenau.at

Kritikenrundschau

Einen "fein gearbeiteten Schauspielabend" sah Margarete Affenzeller vom Standard (7.7.25).
Nicolaus Hagg habe aus Doderers Roman "ein Stück destilliert, das auf viel Zeitkolorit und Nebenschauplätze verzichten muss, aber doch ein fassbares Panorama einer Wiener Gesellschaft bietet", so die Kritikerin. "Der historische Stoff und seine mit uns verbundene versunkene Zeit fanden beim Publikum in Reichenau sofort Gefallen."

Nicolaus Hagg führe mit seiner Dramatisierung beispielhaft vor, wie Romane für die Bühne zu adaptieren seien, urteilt Thomas Kramar in der Presse (8.7.25). Er zöge "aus den kunstvoll verknäuelten Handlungsfäden Doderers" den "stringentesten" – heraus und spanne ihn neu. So sei das Drama "in der Form zeitgebunden" aber "im Inhalt höchst aktuell".

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