Ein Fest für die Gräben

24. November 2024. Gender-Transition, Corona-Leugnerschaft, Islam-Freundlichkeit - ganz schön viele Bescherungen kommen zusammen in Eva Spreitzhofers Film-Komödie über eine Patchwork-Familie an den Festtagen. Die Adaption hat die Regisseurin selbst inszeniert. Weihnachten kann kommen. 

Von Patricia Kornfeld

"Wie kommen wir da wieder raus?" von Eva Spreitzhofer auf Basis ihrer Filmkomödie jetzt am Landestheater Niederösterreich St. Pölten inszeniert © Luiza Puiu

24. November 2024. Es waren dunkle Zeiten, damals vor etwa drei Jahren. Ein unberechenbares Virus fegte über den ganzen Planeten und legte alles offen, was lieber im Verborgenen geblieben wäre. Während Krankenhäuser an ihrer Kapazitätsgrenze kratzten und es Ärzt*innen Morddrohungen ins Postfach spülte, spazierten Corona-Leugner*innen mit Rechtsradikalen durch die Gassen und dubiose Quellen empfahlen noch dubiosere Mittel, um den Erreger auszutreiben.

Es ist eine Zeit, über die man eigentlich nichts mehr hören, lesen oder sagen will – und schon gar nichts sehen. Dennoch versetzt Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Spreitzhofer erneut in die Krisenjahre zurück. Ihr Theaterstück "Wie kommen wir da wieder raus?" auf Basis ihrer Filmkomödie, von ihr selbst am Landestheater in St. Pölten inszeniert, spielt in der trügerischen Heimeligkeit einer Wohnküche. Dort vereint sie eine Gruppe höchst unterschiedlicher Charaktere, die – sei es durch Schicksal oder Pech – familiär miteinander verstrickt sind.

Schräge Patchwork-Familie

Obwohl die Wellenlänge zwischen manchen stark in Schieflage geraten ist, hat die Patchwork-Familie aus unerfindlichen Gründen beschlossen, zusammen zu feiern. Zunächst den Geburtstag von Chirurgin Wanda in deren Wohnung. Und weil das so herrlich daneben ging, auch gleich noch Weihnachten am selben Ort. Ein friedliches Fest, bei dem die gut durchdachten Tabuthemen nicht als Trampelpfad missbraucht werden, ist alles, was Wanda wollte. Natürlich soll sie es nicht bekommen. Obwohl sie ihren Vater – von der Nicht-Existenz von Corona und der garantierten Schon-Existenz von Reptiloiden überzeugt – vorsorglich ausgeladen hat.

 Verkündungen unterm Weihnachtsbaum: Eva Spreitzhofers "Wie kommen wir da wieder raus" in St. Pölten © Luiza Puiu

Ebenbürtigen Ersatz liefert Sissy, die neue Freundin von Wandas Ex-Mann Harald, die heimlich Impfausleitungen anbietet – hervorragend nervtötend gespielt von Laura Laufenberg. Oder Peter (Julian Tzschentke), der mit seinem Bruder – Wandas neuem Künstlerfreund Tony – eine Businessidee verfolgt: "ungeimpftes Sperma" verkaufen! Auch sonst ist er ein ganz Lustiger: Wenn es in Debatten um Geschlechtsidentitäten geht, lockert er die Stimmung auf – seiner Meinung nach. "Man muss heutzutage die ganze Zeit aufpassen, was man sagt: ich meine, die Spachtel ist weiblich, aber hat nix mit Frauen zu tun und die Matratze ist weiblich, ist aber auch nur selten eine Frau." Witze dürfe man ja wohl noch machen. Da kommt Weihnachtsfreude auf.

Islam-Konvertion und andere Bescherungen 

Alles getoppt von Tochter Nina (Caroline Baas), die ihren atheistischen Eltern gleich zu Beginn des Stücks eröffnet, online zum Islam konvertiert zu sein und Hijab zu tragen: drei Tage pro Woche aus Solidarität mit allen, die das freiwillig tun. Die restliche Zeit nicht, um die iranische Revolution zu unterstützen. Später verkündet sie, dass sie eine Transition zum Transmann erwägt. Den strapaziösen Drahtseilakt Wandas fängt Julia Kreusch durch ihr rastloses Umherlaufen, ihre Mimik und stimmliche Breite hervorragend ein – in Letzterem kommt sie der filmischen Wanda-Darstellerin Caroline Peters sogar erstaunlich nah.

Genügend Konfliktpotenzial ist also vorhanden. Und genau das scheint auch das Hauptthema in Spreitzhofers Stück zu sein. Die Vorliebe fürs Streiten hat sie schon 2018 und 2023 in ihren Culture-Clash-Komödien "Womit haben wir das verdient?" und "Wie kommen wir da wieder raus?" ausgelebt, für die sie sowohl Drehbuch als auch Regie verantwortete. Aus beiden Filmen kreierte sie nun ein Mash-up für die Bühne.

WieKommenWirDaWiederRaus 3 CLuizaPuiu uWanda (Julia Kreusch) und ihr neuer Freund (Tobias Artner) mit der prima Geschäftsidee, ungeimpftes Sperma zu verkaufen © Luiza Puiu

Trotz der schauspielerisch einwandfreien Leistung gerät die inhaltliche Ebene zu kurz. Im eifrigen Schlagabtausch werfen sich die Protagonist*innen Buzzword um Buzzword an den Kopf; auch Themen wie Klimakleber und Veganismus werden ausreichend abgegrast. Vor allem in der zweiten Hälfte entwickelt sich ob der großen Diskussionswut kaum ein ordentliches Gespräch. Alles versandet in der oberflächlichen Streitkultur, die man auch aus Kommentarspalten Sozialer Netzwerke gewohnt ist. Interessante Ansätze (z.B. Wie geht man mit der wachsenden Wissenschaftsskepsis in Österreich um?) werden nur angekratzt, anstatt sich länger damit zu beschäftigen. Dadurch wird das Stück stellenweise zwar kurzweilig, büßt aber auch gehörig an Mehrwert ein.

Viele Anliegen auf einmal

Wirklich ernst nehmen kann man auch die Protagonistin Nina nicht: vor allem, weil sie ihre Anliegen selbst nicht ernst nimmt. Am wichtigsten ist ihr nämlich "Fatimas" Auftritt auf Social Media – ihr neuer Künstlerinnen-Name. Dass eine ihr nahestehende Person als Transmann lebt, fällt ihr nicht einmal auf. Das lässt sie wenig glaubwürdig erscheinen, ihre Adoptivschwester Klara (Jasmin Weißmann) jedoch umso mehr: die attestiert Nina ein Aufmerksamkeitsdefizit.

Es ist aber nicht nur für das Bühnenwerk ein Verlust, eine so unauthentische Figur zu kreieren, sondern vergrößert auch die Gefahr, die Debatten rund um Transgender und Co. auch in der Realität ins Negative zu verzerren. Zu mehr Toleranz oder Reflexion wird es überdies nicht anregen.

Zu viele Köche verderben den Brei, besagt ein überstrapaziertes Sprichwort. Auch in diesem Fall passt es gut: Zu viele Themen verhunzen die Story. Oder hatte Spreitzhofer eine wirkliche Analyse unserer Gesellschaft im Sinn? Die wäre dann jedenfalls gelungen: Niemand redet miteinander, alle nur aneinander vorbei, permanent auf sich selbst fixiert und ohne das Gegenüber da abholen zu wollen, wo es sich gerade befindet. Und im Endeffekt lernt niemand etwas dazu.

Wie kommen wir da wieder raus?
Nach der Filmkomödie von Eva Spreitzhofer
Uraufführung
Regie: Eva Spreitzhofer, Bühne: Miriam Busch, Kostüme: Martina List, Musik: Iva Zabkar, Dramaturgie: Julia Engelmayer, Regieassistenz: Marco Honeder, Ausstattungsassistenz: Naomi Bhamra, Dramaturgieassistenz: Niklas Knüpfling.
Mit: Tobias Artner, Caroline Baas, Julia Kreusch, Laura Laufenberg, Michael Scherff, Felix Rank, Julian Tzschentke, Jasmin Weißmann.
Premiere am 23. November 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.landestheater.net

Kritikenrundschau

"Das vor Klischees berstende Hochgeschwindigkeitsspiel (…) liefert noch einmal alles, was die Spielfilme mit Caroline Peters in der Hauptrolle dargelegt hatten", schreibt Margarte Affenzeller im Standard (25.11.2024). "Nur oberflächlicher und verkürzter." Der Abend versammele "etliche Reizthemen unserer Gegenwart" und versuche, "den hochemotionalen Umgang mit ihnen komödiantisch zu lösen", so die Kritikerin. "Das bleibt in den 90 rasant ablaufenden Minuten zwar äußerlich turbulent, ist aber so überzeichnet, zugespitzt und berechenbar, dass der Abend in seiner Aufgeklärtheit bemüht wirkt und letztlich auch ein wenig hinterherhinkt, da die Pandemie als Thema längst passé ist. Und auch der Diskurs-Overkill seinen Zenit inzwischen überschritten hat."

"Insgesamt ist der Abend thematisch überlastet, arbeitet sich an zahlreichen Klischees ab und schafft es nicht, den einzelnen Aspekten die Tiefe und den Raum zu geben, mit denen sie sich nachhaltig in den Köpfen der Zusehenden festsetzen könnten", urteilt ein*e namentlich nicht genannte Kritiker*in in der Niederösterreichischen Zeitung (25.11.2024). "Das Publikum dankt dem achtköpfigen Ensemble dennoch mit langem Premieren-Applaus und zahlreichen Lachern ab Minute eins."