Die verschissene Zeit - Kosmos-Theater Wien
Balkan im Brutalmodus
12. Dezember 2025. Barbi Marković ist die Autorin der Stunde, nicht nur beim Leipziger Buchpreis, sondern auch auf den Bühnen allüberall. In "Die verschissene Zeit" schleudert uns Marković in die 1990er, ins zerfallende Jugoslawien, den Krieg, den Horror. Ein Trip wie im Videospiel oder bei Marcel Proust. Mit eingebautem Gewaltcode.
Von Jakob Hayner
Barbi Markovićs "Die verschissene Zeit" am Kosmos Theater Wien © Bettina Frenzel
12. Dezember 2025. Es sind große Aufgaben, vor denen die Jugendlichen in "Die verschissene Zeit" von Barbi Marković stehen. Es sind die 1990er Jahre in Belgrad und die Zeit ist aus den Fugen. "Wir müssen die Zeit reparieren", lautet das Credo mit Anklängen an "Hamlet". Also machen sich die drei Teenager, die Erzählerin Vanja mit ihrem verschusselten Bruder Marko und der variantenreiche Fluchkaskaden ausstoßenden Kasandra aus der Roma-Siedlung, auf die Suche nach der verlorenen Zeit, die hier die verschissene Zeit der "Allneunziger" ist. Sie sind nämlich in einer Zeitschleife gefangen, einem scheinbar endlosen postjugoslawischen Albtraum.
Es ist ein wilder Trip der 1980 in Belgrad geborenen Autorin, aus eigener Anschauung und sprudelnder Fantasie zugleich gewonnen. Wie Shakespeares Dänenprinz und Marcel Proust beim Nintendo-Zocken, und zwar "Mortal Kombat" im Brutalmodus.
Stehlen, Schimpfen, Spielen
Der Stern von Marković am Theaterhimmel steigt. Kein Wunder, dass "Die verschissene Zeit" nun am Wiener Kosmos-Theater auf die Bühne gebracht wird. Seit dem Preis der Leipziger Buchmesse für ihren so komischen wie abgründigen Band "Minihorror" steht sie – von Köln über Magdeburg und Graz bis demnächst auch Zürich – immer öfter auf den Spielplänen.
"Die verschissene Zeit" erschien 2021, zwei Jahre vor "Minihorror", und wurde pünktlich kurz vor der Uraufführung als Hardcover neu aufgelegt, mit einem Nachwort des bekennenden Marković-Fans Clemens J. Setz. Es bietet alles, was die Autorin in ihrer vergangenes Jahr veröffentlichten Poetikvorlesung als Kern ihrer Literatur ausgemacht hat: "Stehlen, Schimpfen, Spielen". Mit Fokus auf die letzten beiden Aspekte: Es wird geflucht (und wie!). Und es wird gespielt. Beziehungsweise wirkt der Text, den Marković selbst mit Anna Laner für die Bühne bearbeitet hat, wie ein einziges großes Videospiel.
Die "Diesler" kommen: das Ensemble in Kostümen von Ivana Kličković © Bettina Frenzel
Und es beginnt auch wie ein Videospiel. Regisseur Imre Lichtenberger Bozoki, ein Jahr vor Marković im heute serbischen Novi Sad geboren, bittet das Ensemble wie Avatare eines Games zum Vorstellungstänzchen. Barča Baxant, Aleksandar Petrović, Simonida Selimović, Tamara Semzov und Daniel Wagner präsentieren in den Kostümen von Ivana Kličković eine klare Typologie der 90er: Das blasse, depressionsanfällige Kind im Kurt-Cobain-Style mit Nirvana-Shirt und Converse-Sneakern. Der ungelenke Junge mit Röhrenjeans und vielfarbiger Polyester-Sportjacke. Das als verhaltensauffällig verschriene Mädchen im pinken Jogginganzug. Und dann die "Diesler": Diesel-Shirt, Bomberjacke, fiese Visage, endloser Speichelfluss, Kommunikation durch Urlaute und Fäuste, später noch Plüschkampfhunde dazu. Sie sind Produkte, Profiteure und Treiber einer allgemeinen Brutalisierung, ausgelöst durch die plötzliche Ankunft der freien Marktwirtschaft, für die ein gleichermaßen rätselhaftes und umkämpftes Amulett steht.
Blut und Terror freigeschaltet
Während sich die Protagonisten durchs stählerne Klettergerüst hangeln – nach oben schauen und nach unten treten (Bühne von Monika Rovan) –, laufen auf zwei alten Röhrenfernsehern dokumentarische Aufnahmen zum jeweiligen Jahr des unfreiwilligen Zeitstrudels. Landesfahnen werden geschwenkt, die nur wenige Jahre zuvor kaum eine Rolle spielten, Kriegsgerät aufgefahren, das zuvor in den Kasernen verstaubte, und Leute erschlagen, die zuvor Nachbarn waren. Als hätte jemand den Gewaltcode für die Realität eingegeben, sagt Vanja, die im Buch und auf der Bühne als Erzählerin fungiert. Bei Videospielen umgeht der "Gewaltcode" den Jugendschutz, um das Pixelblut freizuschalten. So fühlt es sich für die Jugendlichen in der Zeit der Jugoslawienkriege an, verbunden mit dem Zwang, sich als zugehörig zu einem nationalen Kollektiv zu bekennen: "Auf wessen Seite wir stehen, das ist die Frage unseres Lebens."
Düsterer Blick nach Westen
Den hinreißenden Sound zur Zeitreise liefern der als Musiker ausgebildete Regisseur Bozoki mit Vladimir Kostadinović und Jelena Popržan, von Nintendo-Klängen bis Balkan-Pop. So werden Spannung und Tempo gehalten, auch wo die szenische Gestaltung manchmal zu kleinteilig, das Spiel zu wenig ausladend gerät.
Hier entsteht ein charmanter Abend, der formal zwar nicht nach den Sternen greift und doch – nicht zuletzt dank der Discokugel – den Saal und das Premierenpublikum zum Leuchten bringt. Warum man heute noch von den 90ern auf dem Balkan erzählt, wird am Ende auch klar. Und zwar nicht nur mit Blick auf die Bilder von den heutigen Protesten in Serbien und deren Vorgeschichte, sondern auch mit Blick auf das westlicher gelegene Europa, das längst Anzeichen einer "Balkanisierung" zeigt: einer Tribalisierung im Zerfall. Trotz Weihnachtszeit gibt es keine frohe Botschaft: Nach der verschissenen Zeit kommt nur eine andere verschissene Zeit.
Die verschissene Zeit
nach Barbi Marković
In einer Fassung von Barbi Marković und Anna Laner
Konzept & Regie: Imre Lichtenberger Bozoki, Bühne: Monika Rovan, Kostüme: Ivana Kličković, Musik: Jelena Popržan, Video: Moritz Wallmüller, Dramaturgie: Olga Dimitrijević.
Mit: Barča Baxant, Aleksandar Petrović, Simonida Selimović, Tamara Semzov, Daniel Wagner.
Live-Musik: Vladimir Kostadinović, Imre Lichtenberger Bozoki, Jelena Popržan.
Premiere am 11. Dezember 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
kosmostheater.at
Kritikenrundschau
Einer "vergnüglichen und auf originelle Weise roh wirkenden Inszenierung" wohnte Margarete Affenzeller vom Standard (13.12.2025) bei. Barbi Marković, eine "der wildesten Ausschweifenden in Plotfragen", grundiere ihre Story mit "deftigem Millennials-Sprech, der sich gegen die kapitalistischen, nationalistischen, Umwelt-ignoranten Prozesse dieses neu gestalteten Europas richtet"; und das Ensemble "setzt das Comichafte dieses Romans mit hinreißender Körperlichkeit und Stimmgewalt frei".
Eine "Produktion, der man viele Zuseher wünscht", sah Thomas Kramar von der Presse (13.12.2025). Barbi Marković zeige eine "verzweifelte Situation. So verzweifelt, dass sie schon wieder komisch ist. Auch im Roman, der allerdings, intensiv konsumiert, durchaus bedrückend wirken kann. Das tut die Inszenierung im Kosmos-Theater nicht, sie lässt auch im krassen Unglück das Lachen siegen." Der Abend warte mit verteilten Rollen auf, "knackigen, auch rhythmisch stimmigen Dialogen und Straßenbandenballett".
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