Eugen Onegin - Bühnen Bern
Einsam unter Hedonisten
20. Januar 2025. Er ist aus der Zeit gefallen, der Titelheld in Árpád Schillings Inszenierung der "Lyrischen Szenen" von Tschaikowski. Eugen Onegin passt nicht in den Systemwandel von sozialistischer Diktatur zu kapitalistischer Demokratie, den Schilling als Folie über den Stoff legt. Wie dieser Wandel die Gesellschaft verändert, zeigt er mit feiner Beobachtungsgabe.
Von Andreas Klaeui
"Eugen Onegin" von Árpád Schilling in Bern © Rob Lewis
20. Januar 2025. Unverändert bleibt einzig Onegin. Der im ersten Akt die Liebe von Tatjana verschmäht und im dritten, nachdem sie in der Zwischenzeit in die High Society eingeheiratet hat, von ihr zurückgewiesen wird. Vor dem letzten Akt vollzieht sich in Árpád Schillings Inszenierung ein gesellschaftlicher Wandel. Der Regisseur erinnert im Programmheft-Interview an den Fall der Sowjetunion und den daraus resultierenden Systemwandel von sozialistischer Diktatur zu kapitalistischer Demokratie, den er als Ungar selbst miterlebt hat: "Das sozialistische System war zwar metaphorisch gesprochen ein Dschungel, mit vielen Gefahren und Risiken, aber wenn man seinen Weg fand, konnte man es auch genießen. Nach dem Wandel … ist die Situation zwar sicherer für den Einzelnen, aber der Preis ist die Freizügigkeit und das Anarchische."
Aus einem Jane-Austen-Roman
Was ein wenig nach Ostalgie klingt – so weit muss man aber gar nicht gehen. Unbestreitbar bleibt der soziale Bruch, wie er auch in anderen politischen Zusammenhängen (zum Beispiel zu Tschaikowskis Zeit) vorstellbar ist. Was vordem der leicht heruntergekommene Kiosk von Tatjanas Familie war, ein formloser Treffpunkt aller möglichen Freunde mit verwilderter, überwucherter Beton-Pergola – es ist jetzt eine zum Gefrieren gestylte Champagnerlounge in Weiß und Silber, der bunte Aufzug der skurrilen Freunde dem kalkulierten Defilee einer bizarren Modenschau gewichen.
Onegin (Jonathan McGovern) und Tatjana (Verity Wingate) © Rob Lewis
Nur Onegin ist immer noch derselbe in seinem zerknitterten Existenzialisten-Trenchcoat, mit seiner inneren Unruhe und seinem Drang. Er gehört nirgends so richtig dazu, weder – die Hände in den ausgebeulten Hosentaschen – in Tatjanas Familie noch zu Tatjanas späterer Hochglanzkarriere. Es ist klar, Schillings Sympathien gehören ihm, dem unkonventionellen romantischen Liebenden, der in der Berner Version eher in einen Roman von Jane Austen passen würde als in Casanovas Memoiren.
Spaßgesellschaft genau beobachtet
Der Sänger Jonathan McGovern verkörpert ihn mit einem warmen lyrischen Bariton, der der Figur zusätzliche Noblesse verleiht. Auch dies ein Alleinstellungsmerkmal: Denn nobel ist Onegins Umfeld nicht, das zeigt Schilling deutlich, weder in der armen noch in der reichen Ausgabe. Beide Male erweist es sich als oberflächliche und hedonistische Spektakelgesellschaft. Nicht der arme Triquet (Fabian Meinen), der unbeholfene Schwärmer, der sein französisches Liebeslied zum Gaudi aller vorträgt, ist die lächerliche Figur, sondern die grölende Spaßmeute um ihn herum.
Gruppenbild mit Liebesschwur © Rob Lewis
Schillings Inszenierung überbordet von derart fein beobachtenden Deutungen im Kleinen, sprechenden Haltungs- und Handlungs-Details: wenn Kiosk-Betreiberin Larina (Claude Eichenberger) über dem Abrechnungsbuch zur Schnapsflasche greift oder wenn sich gleich darauf auch Tatjana (Verity Wingate) am Schreibtisch ein Gläschen einschenkt, um sich Lockerheit anzutrinken, bevor sie ihren gewagten Liebesbrief an Onegin verfasst. Wenn die verliebte Tatjana plötzlich im gleichen Modell Studentenmantel auftaucht wie Onegin. Oder wenn Lenski (Michał Prószyński) zum pathetischen Liebesschwur auf die Theke springt wie im Nachtclub. Eine Vielzahl kleiner, kluger Gesten.
Kammermusikalische Klarheit
Zum Ereignis wird der Berner Onegin aber auch musikalisch. Die junge Dirigentin Anna Sułkowska-Migoń erarbeitet mit dem Berner Symphonieorchester einen drängenden, den Emotionen orchestral Nachdruck verschaffenden "Onegin", der gleichwohl fein durchhörbar ist, oft mit Betonung der Mittelstimmen. Das ist ein lyrischer Orchesterpart, wie er Tschaikowski wohl vorschwebte, der sein Werk nicht als große Oper bezeichnete, sondern als "Lyrische Szenen". Einzig mit dem kaum aus dem Fortissimo-Bereich wegzubewegenden Chor gab es bei der Premiere noch einige Koordinationsschwierigkeiten. Das Orchester hat oftmals eine beinahe kammermusikalische Klarheit – kann aber auch gehörig sinfonisch zupacken, zum Beispiel in der Polonaise, die den dritten Akt eröffnet. Das ist ungemein spannungsvoll, und die Sänger:innen stehen dem im Ausdrucksspektrum nicht nach – die kokette Olga (Evgenia Asanova), der väterliche Gremin (Christian Valle), die elegante Larina. Die britische Sängerin Verity Wingate ist eine Tatjana mit dunkel timbriertem Sopran, bruchlos geführt und dabei ausgesprochen differenziert im emotionalen Ausdruck. Zum Höhepunkt wird die Briefszene, in der die von der Leidenschaft überwältigte Tatjana ihre Liebe zu Onegin niederschreibt. Den Liebesbrief an einen Unzeitgemäßen.
Eugen Onegin
Lyrische Szenen in drei Aufzügenvon Peter Tschaikowski, Dichtung von Konstantin Schilowski nach Puschkin (in russischer Sprache)
Musikalische Leitung: Anna Sułkowska-Migoń, Regie: Árpád Schilling, Bühne: Juli Balázs, Kostüme: Axel Aust, Choreografie: Craig Davidsson, Licht: Berhard Bieri, Chor: Zsolt Czetner, Dramaturgie: Rebekka Meyer.
Mit: Claude Eichenberger, Verity Wingate, Evgenia Asanova, Jordanka Milkova, Jonathan McGovern, Michał Prószyński, Christian Valle, Xiang Guan, Fabian Meinen, Chor und Extrachor der Bühnen Bern, Symphonieorchester Bern, Kinderstatisterie der Bühnen Bern.
Premiere am 19. Januar 2025
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
buehnenbern.ch
Kritikenrundschau
"Was den Bruch mit der Vorlage und Textscheren betrifft, verlässt sich die Inszenierung großzügig auf die eigene Stimmigkeit – im Großen und Ganzen mit Erfolg", schreibt Herbert Büttiker auf oper-magazin.de (22.1.2025) Im Einzelnen bleiben Fragen, etwa zum Kostüm. Der Einfall etwa, die Polonaise im dritten Akt als Modenschau zu bespielen, werde mit freakigem Kostümplunder arg strapaziert. "Die musikalische Stringenz des Chors macht das ebenso vergessen, wie die darstellerische Präsenz der Protagonisten." Fazit: "Als besonders glücklich erscheint die Idee nicht, Eugen Onegin als Kritik an der kapitalistischen Wende in Osteuropa zu inszenieren. Einen starken Abend erlebt man trotzdem."
Árpád Schillings Regiearbeit überzeuge nur nur ansatzweise, "obschon eine durchaus kluge und agile Personenführung keinen Grund zum Mäkeln liefert und die Gartenbeiz mit ihrem Art-déco-Pavillon einen
gewissen Reiz hat", so Peter Wäch auf Plattfom J (21.1.2025). Die Grundelemente des Bühnenbilds in der Form eines Oktagons bleiben bis zum dritten und letzten Akt bestehen. "Aus der Gartenbeiz wird am Schluss ein moderner Ballsaal, wo sich eine hochnäsige Gesellschaft eine ziemlich überdrehte Modenschau
zu Gemüte führt. Postsozialistische Dekadenz?"
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