Hinten lauert der Tod

1. Juni 2024. Wer ist Hedda Gabler? Darüber streiten sich die Literatur- und Theatermenschen seit etwa 130 Jahren. In St. Gallen inszeniert Heike M. Goetze sie als eine Frau mit wenig Spielraum.

Von Julia Nehmiz

"Hedda Gabler" in St. Gallen © Jos Schmid

1. Juni 2024. Der Mann im blaugrünen Seidenhemd und passender flatternder Hose poltert den Rollkoffer durch den Zuschauerraum. "Huhu, ich bin wieder da!" Rauf in den Rang, runter ins Parkett, hoch auf die Bühne, nächster Koffer. Minutenlang. "Huhu, ich bin wieder da!" Wie lange und laut kann man auf sich aufmerksam machen? Ein paar Zuschauerinnen und Zuschauer winken und rufen zurück. Da schleppt der Mann eine Frau über der Schulter auf die Bühne, huhu!, und wirft sie auf den Boden.

Krachende Komik

Der Mann, der grob die Koffer und die Frau auf die Bühne wuchtet, ist Jörgen Tesman. Seine Frau, die wie tot neben dem Sofa auf dem Boden liegt, ist Hedda Gabler. Im Hintergrund ein Bett, an dem Tante Julle ihre kranke Schwester mit Herzmassage wiederbelebt. Das alles zu melancholisch dahingetupften Gitarrenklängen, die die groteske Einstiegsszene konterkarieren und in eine Ernsthaftigkeit überleiten.

Das Theater St. Gallen zeigt Henrik Ibsens "Hedda Gabler" in einer knackig-kurzen Inszenierung. Heike M. Goetze, die zum ersten Mal in St. Gallen Regie führt, hat den Klassiker klug gekürzt, ein bisschen sprachlich verknappt und modernisiert ("huhu", "Moini", "City"), und knallig auf die Bühne gestemmt. Keine psychologischen Vorgänge, kein 19. Jahrhundert, keine sich in Widersprüchen und Lebensfragen verhakenden Figuren. Stattdessen krachende Komik.

Vorne wäre das Leben

Einzig Hedda Gabler darf eine Entwicklung durchleben. Die anderen sind holzschnittartige Karikaturen der steifen Gesellschaft. Der Ehemann ein feiger Karrierist, der Hedda brutal klein hält (Martin Weigel). Die Tante eine aufopfernde Care-Kümmerin, der Ex-Liebhaber ein eitler Wichtigtuer. Die frühere Schulkameradin verliert sich in blinder Verliebtheit und Selbstaufgabe, der Hausfreund ist ein schmieriger, übergriffiger Emporkömmling.

Hedda Gabler 2 CJosSchmid uHedda im häuslichen Korsett: Annabel Hertweck, Marie Bonnet, Manuel Herwig © Jos Schmid
Hedda Gabler, die nach Leben und Lebensfreude und Sinn gierende junge Frau, gefangen in Ehe und sinnlosem Dasein, wird in St. Gallen zu einer Art Borderlinerin. Doch man schaut Marie Bonnet gerne dabei zu, sie spielt die Hedda wehrhaft, eigensinnig, lebenshungrig – und an diesem Lebenshunger scheitert sie. Immer wieder krümmt sie sich im erstickten Schrei. Als wäre sie von einem Dämon besessen. Auch ihr Kostüm (Ausstattung: Heike M. Goetze) macht deutlich, dass hier jemand um ihr Dasein kämpft: Hedda trägt einen zerfetzten Pullover zur hautfarbenen Unterhose.

Die Inszenierung spielt in einer modernen Vergangenheit. Die anderen Figuren sind bunt gemustert, die Frauen tragen geblümte Kleider, die Männer flatternde Hosen und Hemden. Überall Naturmotive. Goetze hat dazu eine Art Loft-Atmosphäre auf die Bühne gestellt. Zwei mächtige Felsbrocken bilden schicke Wohnwände und teilen die Bühne in ein Vorne und Hinten. Von der hölzernen Decke hängt ein Design-Cheminée. Hinten lauert der Tod im Krankenbett. Vorne auf den hölzernen Stufen wäre das Leben. Doch niemand weiß, wie man das so richtig lebt und genießt.

Diese Hedda ist einfach so

Goetze lässt Hedda nach einem Sinn suchen, doch ihr Ausbruch aus den Konventionen mündet in Manipulation, Machtausübung, Selbstmord. Eine Erklärung dafür, eine psychologische Herleitung strebt Goetze nicht an. Diese Hedda ist einfach so. Und diese Gesellschaft lässt ihr keine andere Möglichkeit. Viel wird geschrien, Haltungen und Konventionen werden ausgestellt, Ansichten prallen aufeinander. Hedda kann gar nicht anders, als sich schließlich zu erschießen. Sie will keine der Rollen, die für sie vorgesehen sind, erfüllen. Und eine eigene kann sie nicht einnehmen. Wenn sie die Zügel einmal in die Hand nimmt, scheitert nicht nur sie, sondern auch ihr früherer Geliebter.

Dass man dem eine Weile gerne zuschaut, liegt an den Schauspielerinnen und Schauspielern. Heike M. Goetze hat die Hälfte der Darstellenden mit Gästen besetzt. Alle sechs spielen zupackend, körperlich, genau. Da sitzt jeder Gedanke, jeder Blick, jeder Griff. Unter der Oberfläche brodelt es.

Dass der Funke trotzdem nicht überspringt, hat mit dem überdeutlich ausformulierten Regiezugriff zu tun. Der Krimi, den Ibsen durchdekliniert, ist in St. Gallen von Anfang an klar. Wenn Standpunkte plakativ aufeinanderprallen, kann man nicht einhaken, weder gedanklich, noch emotional.

Hedda Gabler
von Henrik Ibsen
Nach der Übersetzung von Christel Hildebrandt, Fassung von Heike M. Goetze
Regie und Ausstattung: Heike M. Goetze, Musik: Fabian Kalker, Licht: Andreas Volk, Dramaturgie: Laura Friedrich/Stephan Müller.
Mit: Marie Bonnet, Martin Weigel, Diana Dengler, Annabel Hertweck, Manuel Herwig, Simon Brusis.
Premiere am 31. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.konzertundtheater.ch

 Kritikenrundschau

Lautstärke sei "eine (etwas ermüdende) Konstante der Inszenierung, ein hoher Energielevel, eine Überspannung, beim Sprechen ebenso wie in der körperlichen Präsenz der Schauspielerinnen und Schauspieler", schreibt Bettina Kugler im St. Galler Tagblatt (4.6.2024). "Sie stecken fest in ihren Rollen – abgesehen von Hedda, die keine passende für sich gefunden hat." Was sie antreibe, bleibe weitgehend offen. Dass es immer wieder Momente gebe, in denen sich die Figuren selbst beim "Hedda Gabler"-Spielen beobachteten, habe Witz, sei aber zugleich so leer wie das Leben, das Hedda anödet.

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