Schändende, geschändete Familie

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 26. Oktober 2012. Wie eine Raubkatze den Dompteur belauert sie ihn, schleicht sie entlang eines unsichtbaren Käfigs aus unüberwindbaren Worten, Vorwürfen, Erinnerungen. Sie schiebt den Unterkiefer vor, fixiert ihn aus den Augenwinkeln, presst die blutroten Lippen aufeinander, wenn er mal charmierend, mal aufbrausend auf sie einredet, um Kontrolle wiederzuerlangen. Doch hat er längst die Macht über sie verloren, das weiß er, das spürt er. Er ist alt geworden. Und als die Tochter ihren Vater auffordert, seine Hose herunterzulassen, wie er es damals tat, als sie noch ein Kind war, verstummt er. Sie fragt: "Das möchtest du? Mich ficken, – deine Tochter?" Und er stammelt nur noch ein leises "Ja", während auch sie ihre Kleider ablegt. Und sie fragt nochmals: "Wirklich, Albert?" Und er antwortet: "Ja".

staller 280h sonjarothweiler uSilia Bächli ist Beppi  © Sonja RothweilerGewalt höhlt Sprache aus

So endet ein denkwürdiger, aber auch bedenklicher Premierenabend mit zwei Stücken über den sexuellen Missbrauch Minderjähriger. Die Uraufführung von Stephan Kaluzas Konversationsstück "3 D" über eine Wiederbegegnung von Vater und Tochter wird vor der Pause von "Stallerhof" gewissermaßen vorbereitet, der Zuschauer sprachlich sensibilisiert. Franz Xaver Kroetz' grantelnde, rhythmisch im bayuwarischen Kunstdialekt komponierte Volkstheaterstudie macht die Ohren frei für Kaluzas elegant vorgetragene, sich steigernde Tiraden. Hier liegt die Betonung auf dem Satz und dem heuchlerischen Ego-Gequassel, dort auf dem einzelnen Wort und seinem dumpfen Echo, dem Verstummen. Stephan Kimmig hört genau hinein in die Texte wie ein Arzt in kranke Lungen, will ergründen, wie ansteckend Gewalt ist und wie sie die Sprache der Menschen aushöhlt.

Bei Kroetz wird die geistig zurückgebliebene Beppi von ihren Eltern als Schande empfunden. Sebastian Kowskis Staller sitzt bei einer Flasche Bier, gafft in die Zeitung, kläfft gelegentlich etwas in den von ihm geschaffenen Angstraum. Seine Frau, die Stallerin, ist bei Marietta Meguid eine beängstigende, gottesfürchtige Luftguckerin mit dem Blick einer Besessenen. Was die beiden Bauern emotional verbindet, bleibt ein Rätsel.

Knuddeliger Anti-Liliom im Overall

Beppi ist es jedenfalls nicht. Silja Bächli spielt sie als kurzsichtigen, wimmernden Sonderling mit Knieschonern, eine Unberührbare. Einzig Sepp, der Knecht, nähert sich ihr unvoreingenommen, nimmt sie mit auf den Rummel, gibt ihr ein Gefühl, liebenswert zu sein. Trotzdem oder gerade deshalb vergeht er sich an Beppi. Dieser Sepp von Martin Leutgeb lässt wenig Wünsche offen, er fühlt sich sauwohl im Dialekt, die Wörtern kollern nur so aus seinem mächtigen, masturbierenden, Mofa fahrenden Körper, er ist einfach überall, die Handkamera kann ihm kaum einfangen. Wer kann ihm böse sein, diesem knuddligem Anti-Liliom im Overall, nicht einmal als er sich nach der Geisterbahn von hinten ans Mädchen drückt. Und doch ist er ein Schwein. Beppi wird schwanger, der Staller zerknüllt wutentbrannt seine Zeitung und stellt Sepp zur Rede. Nicht um die Tochter geht es ihm, sondern um "die Ehr". Allein der Dialog, in welchem der Staller dem Sepp die Funktionsweise eines Schwangerschaftstests erklärt, lohnt den Besuch des Theaters: Loriot out of Rosenheim.

staller 560 sonjarothweiler uInside Stallerhof   © Sonja Rothweiler

Showdown auf leergeräumtem Quadrat

Die mögliche These, im Elend der Provinz schändet es sich leichter, konterkariert der Regisseur Kimmig klug durch Stephan Kaluzas Familiendrama aus der britischen Upper-Class. Elmar Roloffs Albert sehnt sich nach langer Trennung nach Bette. Er hat seine Firma verkauft, ihm geht es prächtig, in Jeans und Polohemd gurrt er um die Gunst seiner Ex. Dass sich unter der wasserstoffblonden Perücke seine vermeintlich verstorbene Tochter Clara versteckt, ahnt er anfangs nicht. Als Minna Wündrich in der Doppelrolle die Maske fallen lässt, vibriert der Wohlstandsbauch, überschlagen sich die Stimmen. Die etwas fragwürdige Peripetie – warum sollte ein Mann seine frühere Frau mit einer zwanzig Jahre Jüngeren verwechseln? - führt schließlich zum Showdown auf einem fast leergeräumten Quadrat (Bühne: Oliver Helf). Ein Podest, das im Stück zuvor mit einer Plastikplane bedeckt war und mit der überdimensionierten Kunststofftischdecke symbolisch jenen Küchentisch symbolisiert, auf dem der Zerfall der Familie verhandelt wird.

stallerhof 560 sonjarotweiler uElmar Roloff und Minna Wündrich im Upper-Class Familiendrama "3 D"  © Sonja Rothweiler

Stephan Kimmig arbeitet präzise, lässt beide Stücke miteinander "sprechen", führt das Ensemble - ohne Ausnahme - sicher und konzentriert durch ein mit Tabus und Klischees vermintes Gelände. Die Regie macht aus den Peinigern keine Monster.

Der männliche Blick

Und dennoch bleibt da ein ungutes Gefühl. Denn sowohl in "Stallerhof" als auch in "3 D" dominiert der männliche Blick die Szenerie. Der weibliche Körper wird bei Beppi wie auch bei Clara ausgestellt, entblößt, erotisch aufgeladen. Mit Hilfe einer rituellen Waschung soll sich Beppi auf Geheiß ihrer Mutter von den Sünden reinigen, steht also auf einem Tisch und seift ihren nassen, nackten Körper ein. Minna Wündrich als Clara wiederum provoziert ihren Vater Albert, indem sie schmollmündig das Höschen hinunterzieht. Pornographische Posen, die aus Zuschauern Draufschauer machen wollen. Nicht dass die Männer nicht ebenfalls blank ziehen. Doch sind sie hässlich. Und ihr Geschlecht bleibt verborgen. Die effekthascherische Präsentation weiblicher Verfügbarkeit irritiert und stört. Nackt ist anders.

 

Stallerhof / 3 D (UA)
von Franz Xaver Kroetz und Stephan Kaluza
Regie: Stephan Kimmig, Dramaturgie: Kekke Schmidt, Bühne und Video: Oliver Helf.
Mit: Sebastian Kowski, Mariett Meguid, Silja Bächli, Martin Leutgeb, Elmar Roloff, Minna Wündrich.
Dauer: 2 Stunden, 45 Minuten, eine Pause.

www.schauspiel-stuttgart.de

Kritikenrundschau

Kimmig bemühe sich um ein Höchstmaß an Ambivalenz bei einem Thema, das naturgemäß zu Eindeutigkeit einlädt, so Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (29.10.2012) über "Stallerhof". Das sei die Herausforderung ebenso wie die immer lauernde Gefahr des voyeuristischen Rausches des Entsetzens. Was aus einem geschändeten Mädchen werde, wenn es erwachsen ist, "verhandelt Kimmig dann nach der Pause in der Uraufführung von Stephan Kaluzas' '3D'". Kaluza meide die Härte des Leugnens – es komme zu einer Art Katharsis, immerhin mit einem offenen, bizzarren und fröstelnd machenden Ende. Fazit: "Die Spannung ist enorm, der Abend ein Thriller."

Fast vier Jahrzehnte liegen zwischen beiden Stücken und ästhetische Welten freilich auch, so Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (29.10.2012). Während "Kroetz mit einem langsamen und schweren Naturalismus das graue Feld von Blut & Hoden durchpflügt, durchrauscht der 48-jährige Kaluza den schnellen und leichten Boulevard der glänzenden Leben & Lügen." Man staune, wie Kimmig das inszeniert, "auf fast altmeisterliche Weise mit einem derart perfekten Handwerk, dass sich die zunächst Stückkombination wie von selbst versteht". Kroetz' "kantig und wie mit der Axt aus dem Außenseiterleben gehauenes Stück" sei "eigentlich unspielbar, würde Kimmig nicht mit feinem Gehör und genauem Blick den Reichtum aufspüren". "Nur selten", so Roland Müller, "hat ein Regisseur diese finsteren Sexualthemen, all dies Hosenrunterlassen und Missbrauchen, so behutsam behandelt wie Stephan Kirnmig direkt und doch diskret zugleich. Er löst in Stuttgart keinen Skandal aus, dafür aber eine ungeheure produktive Verstörung."

Sehr viel stärker noch als "Stallerhof" gehe "3D" unter die Haut, findet Elisabeth Maier in der Esslinger Zeitung (29.10.2012). Das Stück spiele mit Perspektiven ebenso wie mit Spannungsmomenten. Täter und Opfer seien ebenso wenig klar wie die Frage, ob es den Missbrauch und das Kinderzimmer überhaupt gegeben habe. "Regisseur Stephan Kimmig untersuche jeden Satz genau, findet mit den brillianten Schauspielern starke Körperbilder. Auch an den Stellen, die Kaluza eine Spur zu seicht geraten sind, zeigt sich in der Uraufführung Kimmigs große Kunst, hinter sprachlichen Fassaden die existenziellen Konflikte der Figuren aufzuspüren."

In beiden Stücken, die Kimmig zeige, sieht man nackte Männerhintern und nackte Frauenbrüste, schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (30.10.2012). Aber vor allem, wenn der Regisseur dann "3D" inszeniert, "wird daraus etwas, das es in Deutschland und insbesondere in deutschen Dramaturgien nicht geben darf: Ein sauber geschriebenes, intelligentes, packendes Konversationsdrama. Achtung: Hier gibt es realistische, psychologisch durchgearbeitete Personen, die doch tatsächlich so sprechen, wie Menschen sprechen." Es bewähre sich Kimmigs Kunst der Feinzeichnung. "Kimmig hat einen Lauf, er inszeniert ein Stück nach dem anderen, 'Stallerhof/3D' ist seine dritte Aufführung diese Spielzeit, in vier Wochen folgt eine weitere Uraufführung am Burgtheater. Trotz dieser Serienproduktion wird man sich schwer tun, irgendwo andere Aufführungen zu finden, die präziser und subtiler durchgearbeitet sind als die von Stephan Kimmig."

Unter Stephan Kimmigs Regie hörten die beiden Dramen auf, miteinander zu fremdeln, schreibt Roland Müller in der Zeit (31.10.2012) – "und fügen sich zu einem beklemmenden, Gewissheiten ins Wanken bringenden Ganzen". Kimmig gehe dabei bis an die Grenze des Zeig- und Sagbaren, ohne je in Effekthascherei abzurutschen. Vor der Skandalisierung bewahre den "souveränen Regisseur" seine kunstvoll stilisierte Erzählweise, "die mit genauem Blick, Konzentration und Beharrlichkeit dorthin leuchtet, wo der Schmerz sitzt."

In der Tageszeitung Die Welt (2.11.2012) schreibt Jan Küveler: Stephan Kimmig habe die "im Theaterapparat standardmäßig eingebaute Voyeurismus-Schraube" um "zwei Drehungen angezogen", so dass es "dem Betrachter das Herz zuschnürt". "Bestürzender als die Brutalität der beiden Täter" sei unsere Identifikation mit ihnen. Die süddeutsche Provinz in "Stallerhof" sei kein Ort, "eher ein längst vergangenes Erdalter: das Bajuwazoikum". Martin Leutgebs Sepp ein "dicker, fetter Blaumann" voller "vorzivilisatorischem Leben", Silja Bächlis Beppi "ganz staunendes Tier". In "3D" spiele Minna Wündrich die Bette "roboterhaft, beinahe wie der E.T.A-Hoffmann'sche Olimpia-Automat". Der Clou, der Eindeutigkeit schafft, ist gleichzeitig die "größte schauspielerische Leistung des Abends": Wündrich "entkleidet sich ihrer Perücke, schließlich ihres Kleids. Die Automatenhülle fällt ab, nackt tritt der traumatisierte Mensch hervor." Das habe Kraft, auch wenn der Kroetz-Teil der stärkere sei, weil er "die grausame Ambivalenz von Vergewaltigung und Emanzipation zulässt, vor der Kaluza politisch korrekt die Augen verschließt".

"Die beiden Texte ergänzen sich bestens", findet Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (17.11.2012). Ruhig und konzentriert erzähle Stephan Kimmig "Stallerhof", verzichte auf Drastik und platten Realismus, "als wolle er nüchtern die Schäbigkeit des Seins konstatieren. Die Abgründe der Figuren werden nur angedeutet, sodass sie wie Chiffren wirken, während eine Kamera das Geschehen riesenhaft auf die Rückwand projiziert". Auch in "3D" komme Kimmig nah genug an das Leid der Figuren heran, ohne Klischees zu bedienen. Am Ende beider Stücke allerdings gebe Kimmig die Distanz auf. Er kappt den Schluss von '3D' gekappt und lässt Clara als Opfer enden, das sich erneut auf den kranken Sex mit dem Vater einlässt. "Im Original verführt Clara den Vater zwar, aber nur um Rache zu üben. Da kann man schon ins Grübeln kommen, ob die im Stück Missbrauchten letztlich nicht auch von der Regie missbraucht werden."

 

 
Kommentar schreiben