nachtkritik-Theatertreffen 2026: die Nominierten
Sie haben die Wahl!
5. bis 8. Januar 2026. Das nachtkritik-Theatertreffen präsentiert 35 Top-Stücke der Saison 2025. Welche der Arbeiten haben Sie gesehen, welche kriegen Ihre Unterstützung? Zehn Favoriten des nachtkritik-Theatertreffens 2026 werden gekürt.
Hier geht's zur Nominiertenliste und zur Abstimmung
5. Januar 2026. Wir haben unsere Korrespondent:innen und Redakteur:innen gefragt: Welche Produktion im Zeitraum vom 1. Januar 2025 bis 24. Dezember 2025 war die für Sie persönlich die Wichtigste? Welche Inszenierung ragte in der Spielzeit heraus?
Jede:r hatte eine Stimme, Doppelungen wollten wir nicht ausschließen, viele Stücke wurden mehrfach nominiert. Wir listen hier die 35 Nominierungen alphabetisch und nach Ländern geordnet. Wenn man die verlinkten Titel anklickt, klappen jeweils die Begründungen für die Auswahl auf.
Und nun sind Sie, liebe Leser:innen, gefragt: Welchen Nominierungen schließen Sie sich an? Welchen Produktionen wollen Sie Ihre Unterstützung geben? Am Ende dieser Seite können Sie bis 8. Januar 2026 für eine bis maximal zehn Inszenierungen stimmen.
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Das 10er-Tableau des nachtkritik-Theatertreffens 2026 wird am 9. Januar 2026 veröffentlicht.
Baden-Württemberg
Eine runde Sache nach Tomer Gardi
Regie: Noam Brusilovsky
Premiere am 20. September 2025 am Schauspiel Stuttgart
Regisseur Noam Brusilovsky hat die Zweiteilung von Tomer Gardis Roman beibehalten. Die erste Hälfte knüpft an die Tradition des Dadaismus und des intelligenten Blödelns an. In ihr treffen, in einem Wald aus Stoffstreifen, an einer schäbigen Bushaltestelle und vor einem agilen Bundesadler, das Bühnen-Ich des Autors Tomer in militärischem Outfit, der in gereimten Versen mit klassischen Zitaten deklamierende Erlkönig, die Intendantin und der Hund Rex, der gebrochenes Deutsch spricht, aufeinander. Die zweite Hälfte des Theaterabends erzählt die Geschichte des indonesischen Malers Raden Saleh, der aus Java in die Niederlande geholt wurde, um Porträts der Herrscherhäuser zu malen, und schließlich, nach Java zurückgekehrt, der Vergessenheit anheimfiel. Dieser zweite Teil, der sich stilistisch so radikal vom ersten unterscheidet, ist nicht weniger als eine Kolonialgeschichte am Einzelbeispiel. Belehrend und keinen Augenblick langweilig. (Thomas Rothschild)
Im Ferienlager von Olga Bach
Regie: Jessica Glause
Premiere am 11. Januar 2025 am Schauspiel Stuttgart
In keinem Theaterabend des vergangenen Jahres habe ich so treffend und so differenziert die allgemein herrschende Verunsicherung unserer Gesellschaft gespiegelt gesehen wie in Olga Bachs "Im Ferienlager" in der Regie von Jessica Glause. Der Plot spielt in den 1920er Jahren rund um ein "Ferienlager an einem recht abgeschiedenen Örtchen", wo die Chorleiterin Luise Jugendlichen die Zeit mit gemeinsamem Gesang vertreiben soll. Sie zweifelt bald an der Harmlosigkeit der Institution, die sich mehr und mehr als sektenähnlich offenbart. Die Art und Weise, wie Autorin, Regie, Ensemble und ein Spielchor aus 15 Schüler*innen die präfaschistischen 1920er in den Zeitenflow überführen, die gesellschaftliche Schnittmenge aus Desorientierung, Verschwörungstheorien, Deutschtümelei, Zukunftsängsten und autoritären Wunschträumen herausarbeiten bis hin zur Unterwanderung demokratischer Strukturen, ergibt einen unheimlich-beunruhigenden Theaterabend, der sehr lange nachwirkt. (Verena Großkreutz)
Schräge Vögel nach Aristophanes und Caren Jeß
Regie: Melanie Schmidt
Premiere am 20. März 2025 am Nationaltheater Mannheim
Warum Klassiker überschreiben, wenn man sie auch mixen kann. Melanie Schmidt kombiniert Elemente aus "Die Vögel" von Aristophanes und der Parabel-Sammlung "Bookpink" (plattdeutsch für Buchfink) von Caren Jeß zu einer sehr unterhaltsamen Angry Birds Show. (Steffen Becker)
Bayern
Heilig Blut nach dem Roman von Gisela Elsner
Regie: Ildikó Gáspár
Premiere am 6. Juni 2025 am Staatstheater Nürnberg
Zur Nachtkritik
Die Wiederentdeckung eines Romans über Nazis im Jagdfieber: bildgewaltig und gruselig und dabei den Humor nicht zu kurz kommen lassend, ein komplett fesselnder auf den Punkt dem Text zuträglich inszenierter Abend. (Andreas Thamm)
Vier Männer im Schnee befinden sich auf dem alljährlichen Jagdurlaub im Bayerischen Wald. Dabei werden in der Dramatisierung des Romans von Gisela Elsner (erschienen 1984) Abgründe von Chauvinismus, Rassismus, völkischen Idealen und katholischer Gläubigkeit sichtbar. Für so ein zeitlos-aktuelles politisches Theater lohnt sich in jedem Fall die Eintrittskarte! Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek wären begeistert. (Wolfgang Reitzammer)
Felix Krull von Paula Kläy nach Thomas Mann
Regie: Tamara Sonja Aijamathiesen
Premiere am 14. November 2025 am E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg
Zur Nachtkritik
Besonders überzeugend ist in der Bearbeitung von Paula Kläy, wie die verschiedenen Ebenen der Erzählung zunehmend ineinanderfließen und sich dadurch besonders spannende Fragen ergeben: Wer hat Macht über wen, wer hat Kontrolle über das Narrativ, und natürlich die allgegenwärtige Frage der eigenen Identität. Dazu kommt noch die tolle Präsenz der drei Darstellenden. Durch das Setting in einem baufälligen Hotel im Jugendstil, das uneindeutig zwischen Abriss und Wiederaufbau schwebt, wird diese Auflösung von Grenzen noch verstärkt. (Svenja Plannerer)
Play Auerbach! von Avishai Milstein
Regie: Sandra Strunz
Premiere am 4. Dezember 2025 an den Münchner Kammerspielen
Es ist eine "Jud-Süß"-Geschichte aus dem (West)Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit. Und so wird der Protagonist dann auch, wie in Veit Harlans berüchtigtem Propagandafilm, am Ende in einem Käfig hochgezogen. Obwohl das eigentlich kein Käfig ist, sondern das Skelett eines Flügels, dessen zerklüfteter Corpus von Anfang an auf der Bühne steht. Es ist nichts wirklich eindeutig ausbuchstabiert in dieser Revue, die der israelische Dramatiker Avishai Milstein (mit einem Hauch von Mel Brooks) um Philipp Auerbach herum gebaut hat: Holocaustüberlebender und 1946 von der amerikanischen Besatzungsbehörde in Bayern als Staatskommissar für rassisch und politisch Verfolgte berufen. Einer der Architekten der Wiedergutmachungspolitik und schon bald in einem umstrittenen Verfahren 1952 wegen Untreue und Betrug zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. In der Nacht nach der Verurteilung hatte er sich das Leben genommen. Was Milstein leichtfüßig wie respektlos an den Gestaden deutscher Erinnerungspolitik und wieder erstarkendem Antisemitismus als Spiel im Spiel anlegt, setzt Regisseurin Sandra Strunz mit allem Sinn fürs Traurige, Abgründige und Entsetzliche an dieser Geschichte (und ihrem trostlosen Echo in unserer Gegenwart) mit Karacho in Szene. Die durchweg tollen Spieler*innen, allen voran Annika Neugart, Edmund Telgenkämper und Wiebke Puls als Antisemitismusbeauftragte Beate, die großartige Livemusik von Rainer Süßmilch und Philipp Haagen und die überbordenden wie ironischen Kostüme von Sabine Kohlstedt machen diesen Abend zum Ereignis. (Esther Slevogt)
Seit Documenta 15 und "Historikerstreit 2.0" ist die deutsche Erinnerungskultur zum Gegenstand erbitterter Debatten und Polemiken geworden – mit scheinbar verhärteten Frontverläufen. Avishai Milstein bringt mit seinem grandiosen Stück “Play Auerbach!” das deutsche Erinnerungstheater so bitterböse und klug durcheinander, dass statt Reflexen wieder Reflexion gefragt ist. Von Sandra Strunz mit einem fantastischen Ensemble auf die Bühne gebracht, ist "Play Auerbach!" der witzigste und wichtigste Theaterbeitrag des Jahres zum deutsch-jüdischen Verhältnis 80 Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft. (Jakob Hayner)
Im Jahr 2045, in dem es in Deutschland weder Jüdinnen und Juden noch offene Theater gibt, spielt eine Laientheatergruppe unter Aufsicht der Antisemitismusbeauftragten Beate eine Revue über den vergessenen Münchener Juden Philipp Auerbach. Diese Uraufführung re-organisiert das Herz Deutscher Erinnerungskultur, bis einem Hören und Sehen vergeht. Eine bittere und gleichzeitig zutiefst humane Befragung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses gewaltgeprägten Landes. Samuel Finzi als Auerbach und das Ensemble sind ein erschütterndes Bühnenereignis. (Eva Marburg)
Wallenstein nach Friedrich Schiller
Regie: Jan-Christoph Gockel
Premiere am 4. Oktober 2025 an den Münchner Kammerspielen
Zur Nachtkritik
Ein Theatertraum, ein Rausch, eine glanzvolle Ensembleleistung, begeisternd. Die Kammerspiele holen "Wallenstein" ins Jetzt und machen aus Schillers Klassiker im übertragenen und direkten Sinn Appetitliches, ohne dabei zu leicht verdaulich zu sein. (Susanne Greiner)
Mit beinahe unbekümmerter Neugier stellt Jan-Christoph Gockel die Frage nach dem Krieg, wer ihn macht, wie er funktioniert, was er mit Menschen macht. Der Russe Sergei Okunev hat dazu über Putins Koch Jewgeni Prigoschin und seine Wagner-Söldner recherchiert. Es geht ums Fressen und um Vertrauen. Macho-Männer werden von Frauen verkörpert. Der Feldherr, gespielt von Samuel Koch, ist eine Übermarionette und ein Philosoph. Hier geht nichts zusammen, keine runde Sache, alles klafft und arbeitet weiter im Kopf. (Silvia Stammen)
Berlin
Carmen von Georges Bizet
Regie: Christian Weise
Premiere am 24. Januar 2025 am Maxim Gorki Theater Berlin
Zur Nachtkritik
Kann man "Carmen" im Sprechtheater spielen? Unbedingt, wenn man es so tut wie am Berliner Maxim Gorki Theater: zur Kenntlichkeit verzerrt. Mit einer fabelhaften Band. Und mit einem Hauptdarsteller (Lindy Larsson), dessen Intensität auch im Gesang süchtig macht. All die Themen, mit denen sich "Carmen"-Inszenierungen auseinandersetzen müssen – Machismo, Femizid, Antiziganismus – begegnet dieser Abend beispielhaft. Und lässt zugleich die so oft ermordete, unsterbliche Carmen triumphieren. (Georg Kasch)
Hinkemann von Ernst Toller
Regie: Anne Lenk
Premiere am 25. April 2025 am Deutschen Theater Berlin
Wie nebenbei macht Anne Lenk Tollers "Hinkemann" zu einem Abend der aktuellen Gender-Diskurse, mit nahbaren, leidenden, individuellen und doch allgemeingültigen Figuren. Bildstark und zart zugleich inszeniert sie dieses selten gespielte Stück, besetzt mit fantastischen Spieler*innen. Allen voran Moritz Kienemann. Figuren eines Dramas, so heißt es, existieren nur im Stück und durch das Stück. Das stimmt nicht immer. Denn noch bevor in Lenks Inszenierung am Ende das Licht ausgeht, hat dieser Hinkemann, so scheint es, Tollers Stück längst verlassen. Hat an der Theatergarderobe seinen Mantel abgeholt und ist wortlos hinausgegangen. Hinaus in die Gesellschaft und mitten hinein in die Diskurse über Männlichkeit und Genderfragen, über Empathie und über Krieg. Ist durch das außergewöhnliche Spiel von Moritz Kienemann nicht Figur geblieben, sondern Mensch geworden. (Katrin Ullmann)
K. nach Franz Kafka
Regie: Barrie Kosky
Premiere am 27. September 2025 am Berliner Ensemble
"Jemand musste Josef K. verleumdet haben": Über diesen Anfangsverdacht kommt K. nicht hinaus, in Kafkas "Der Prozess" steckt er fest zwischen den Mahlsteinen der Bürokratie, deren Walten und Wirken er nicht versteht. Ein Clown des Schicksals ist diese berühmte literarische Figur, und Kathrin Wehlisch, die K. am Berliner Ensemble spielt, ist die perfekte Besetzung für die Rolle. Mit großäugiger Verwunderung gibt sie die überforderte Zeugin des eigenen Untergangs. Um sie herum hat Barrie Kosky, langjähriger Intendant von Berlins Komischer Oper und Galionsfigur einer neuen Operettentradition, in seiner zweiten Zusammenarbeit mit dem BE ein "talmudisches Tingeltangel" inszeniert, mit Live-Musik von Bach bis zu jiddischem Vaudeville und in mehreren Sprachen. Fokus von "K." ist Kafkas noch immer kaum wahrgenommenes jüdisches Erbe, zu dem der Autor in spannungsvollem Verhältnis stand und dem er sich ausgerechnet übers Theater annäherte. Von einem gesangs- und tanzbegabten Ensemble unterhaltsam auf die Bühne gebracht, wirbt "K." als historisch fundierte Revue angesichts des grassierenden Antisemitismus überzeugend für die Tatsache, dass jüdische Kultur zu Deutschland und Europa gehört. (Elena Philipp)
Mord im Regionalexpress von Milan Peschel
Regie: Milan Peschel
Premiere am 22. Februar 2025 im Theater RambaZamba Berlin
Ein Mord ist geschehen, aber die Leiche ist verschwunden. Oder war es gar kein Mord? War es nur ein "Schauspieler in einer Sinnkrise", der sich dort hinten am vermeintlichen Tatort ein Nickerchen gegönnt hat? Wie dem auch sei, es herrscht kein Grund zur Panik, denn die "Sonderkommission für unlösbare Widersprüche" macht sich an die Arbeit! – Mit heiterer Hirnverknotungskunst in der Tradition von René Pollesch reisen das Theater RambaZamba und Regisseur Milan Peschel in den Gleisbetten des höheren Nonsense: Sie starten beim Krimi, stellen ihre Weichen auf Paradoxie, rollen durchs Tal der Aphorismen und landen in einer großen Geschichte vom Verlust ostdeutscher Orte und Identitäten. Ein Abend voller Lebensfreude und Melancholie, voll postdramatischer Verve und spielerischer Wucht. Mit dem schönsten Merksatz für die Zugfahrt ins Glück: "Es gibt keine falsche Richtung, es dauert höchstens etwas länger." (Christian Rakow)
Peer Gynt von Vinge/Müller/Reinholdtsen nach Henrik Ibsen
Regie: Vegard Vinge/Ida Müller
Premiere am 25. September 2025 an der Volksbühne Berlin
Vinge/Müller sind zurück – weniger unschuldig und schwerer zu lieben als vor acht Jahren. Und doch: ein Teufelsritt durch die mit bigotter Scheiße verstopften Gedärme von Individuum und Gesellschaft, inmitten der schönsten aller möglichen Bühnenwelten, dem totalbemalten Höllenparadies von Ida Müller. Bisher gabs erst Brocken aus Akt 1 und 2 – man muss ihnen alles abverlangen! (Gabi Hift)
Auch dieses neue Unikat aus der Fabrik Vinge/Müller/Reinholdtsen & Co ist wieder von der Sorte Theater, das einen schwindelig im Kopf macht. Aus Peers und der Künstler*innen komprimierter Verzweiflung an der Welt wird große Kunst, bei der man gebannt acht Stunden lang in seinem Sitz sitzt. Jede*r sollte dahingehen, auch die, die schon wissen, dass sie es furchtbar finden werden. (Sophie Diesselhorst)
So spektakulär, luzide und derart von heute war der alte "nordische Faust" noch nie: Statt Ibsens "Peer Gynt" als übliches Stationendrama zu inszenieren, laden Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen zu einem Mega-Trip nach "Gyntiania", sprich: direkt hinein in die lebhafte Fantasiewelt des mutmaßlich größten Lügners, Hochstaplers und Ich-Dissoziierers im Theaterkosmos. Und wie in diesem Peer-Kopf, der selbst nie so genau zu wissen scheint, ob er gerade faket oder Fakten schafft, Wunsch und Wirklichkeit, Ich und Es, Tiefgang und Hochstapelei wechselweise in- oder gegeneinander driften – jeden Abend neu und anders –, das erzählt nicht nur mehr über unsere Gegenwart, als manchen lieb sein dürfte. Sondern es sieht – in der unverwechselbaren Vinge-Müller-Reinholdtsen-Ästhetik – auch noch fantastisch aus: ein Gesamtkunstwerks-Theatercomic, der klüger macht. Und süchtig! (Christine Wahl)
Wachs oder Wirklichkeit von Christoph Marthaler, Anna Viebrock, Malte Ubenauf und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler
Premiere am 13. März 2025 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin
Christoph Marthalers Handschrift ist an diesem Abend über Fake, KI, den menschlichen Makel deutlich erkennbar, alles andere wäre auch verwunderlich. Aber was er und das Ensemble hochmeisterlich auf die Bühne bringen, fügt sich nicht nur ausnehmend glücklich zusammen, sondern erhält durch die Realität ein ganz eigenes Framing. Überall wird mit so viel Aufgeregtheit über KI debattiert, dass hier ein wohltuender Abwehrzauber entsteht, der poetischere Fenster öffnet und die Idee der künstlichen Nachbildung mit dem menschlichen Makel konfrontiert. Die KI-Euphorie wird ad absurdum geführt zugunsten einer fein-humorigen Melancholie des menschlichen Scheins und Seins. (Simone Kaempf)
Brandenburg
Hamlet. Ein irres Rock-Vaudeville nach der Musik von den Tiger Lillies
Regie: Armin Petras
Premiere am 29. März 2025 am Staatstheater Cottbus
Etwas ist faul im Staate D… ja wo eigentlich nicht. Armin Petras verpflanzt seinen "Hamlet" in ein ostdeutsches Bahnwerk der Wendejahre. Vor den großen politischen Verwerfungen spielen die todtraurigen Dramen im Kleinen. Shakespeare trifft auf Heiner Müller und Tiger Lillies; Schauspiel auf Anarcho-Oper und Zwischenwelten. Die Zeit ist aus den Fugen- Petras macht daraus ein Fest, das der theatralen Raumzeit trotzt. (Sylvia Belka Lorenz)
Hamburg
Die Abweichlerin nach Tove Ditlevsen
Regie: Karin Henkel
Premiere am 12. März 2025 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Eine vielschichtige Begegnung mit einer Schriftstellerin und ein komplexer Abend, der den Blick für immer noch ungleiche Geschlechterverhältnisse schärft. Und wie Lina Beckmann durch die verschiedenen sich in Nullkommanix von der tablettensüchtigen Dichterin in den Mann der treuen Haushälterin verwandelt, der sich wiederum mal eben so per Pappfernseher zum Maigret fantasiert, ist eine Schau für sich. (Andreas Schnell)
Eine Frau auf der Rutschbahn, Depression, in den Suizid begleiten – Karin Henkel zeigt mit "Die Abweichlerin", nach Tove Ditlevsens autofiktionalem Roman "Vilhelms Zimmer", die letzte Station einer Lebenstragödie. In der scheitert eine haltlos trotzig aus kleinstbürgerlichen Verhältnissen sich empor rebellierende Künstlerin am patriarchalen Umfeld, aber auch an Angststörungen, Medikamentenabhängigkeit, Gewalterfahrungen, Psychiatrieaufenthalten, Einsamkeit, Alkoholismus. Die Regie schlägt aus der offenherzigen Selbstanalyse Ditlevsens (in Monologen) sowie der satirischen Abrechnung mit ihrem Lebensumfeld (mit surreal-grotesken Erinnerungen) und althergebrachten Geschlechterrollen reichlich verschmitzten Humor bis hin zu rotzig empörtem Spott. Darstellerin Lina Beckmann nimmt staunend den multiperspektivischen Schreibstil der Autorin auf. In ihrem differenzierten Spiel verschwimmen die Ich-Erzählerin mit der Aufführungs-Moderatorin Beckmann und eben der Protagonistin, deren freiheitsdurstige Traurigkeit zudem von Tänzerin Liina Magnea in Bewegung gehalten wird. Wobei die Bühne zwischen inneren Bildern und äußeren Räumen changiert. Lina Beckmann trägt mit ihrem kraftvollen wie verletzlichen, stets unsentimentalen Ausloten des Gefühlschaos zwischen Tragik und Komik den Abend – eine feinsinnig komplexe Empathieveranstaltung über Frauen in toxischen Beziehungen und ein anrührend verzweifelter Kampf um Selbstbehauptung. (Jens Fischer)
The Cadela Força Trilogy: Chapter II – The Brotherhood
Von und mit: Carolina Bianchi
Weltpremiere am 9. Mai 2025 beim Kunstenfestivaldesarts Brüssel, Premiere im deutschsprachigen Raum bei den Wiener Festwochen, Koproduktion mit dem Internationalen Sommerfestival Kampnagel, dem HAU Berlin und anderen
Carolina Bianchis bildstarke Abrechnung mit Vergangenheit und Gegenwart patriarchaler, misogyner und sexistischer Machtstrukturen im Kunst- und Kulturbetrieb gehört für mich zu den stärksten Arbeiten der Saison. Mit einer furiosen Mischung aus Recherchetheater, Lecture, Ritual und Performance arbeitet sie sich mit ihrem Ensemble an einem historisch gewachsenen System der "Brotherhood" ab, das auch im Theater wirkt – in Kanon, Ausbildung, Probenzusammenhängen u.v.m –, indem sie problematisiert, wie bestimmte Narrative, Ausdrucks- und Verhaltensweisen beständig reproduziert werden und damit Umgebungen des Machtmissbrauchs und sexualisierter Gewalt gegenüber Frauen begünstigen. (Theresa Schütz)
Hessen
King Arthur von Chris Jäger, frei nach Henry Purcell & John Dryden
Regie & Choreografie: Chris Jäger
Premiere am 7. Juni 2025 am Staatstheater Wiesbaden
Purcells Barockoper wandert hier in die Gegenwart und erzeugt auf diesem Wege betörende Schauwerte. Tanz, Schauspiel und Musik verbinden sich zum Bühnenereignis. Man schaut hingerissen zu und wird immer hochgestimmter dabei. Ein Abend wie eine Karussellfahrt. Nach dem Ende möchte man am liebsten gleich wieder einsteigen. (Shirin Sojitrawalla)
Niedersachsen
Das deutsche Haus von Philipp Löhle
Regie: Philipp Löhle
Premiere am 25. Januar 2025 am Deutschen Theater Göttingen
Zur Nachtkritik
Doppelbödig und mit beeindruckendem Bühnenbild behandelt Philipp Löhles Inszenierung seines eigenen Textes das Fortbestehen und die Weitergabe rassistischer und chauvinistischer Narrative in männerbündischen Studentenverbindungen. Das ist nicht nur furchtbar aktuell, es führt auch die Mechanismen vor, derer diese Narrative sich bedienen, um irgendwie alle aufklärerischen Bestrebungen zu überleben. (Simon Gottwald)
Nordrhein-Westfalen
Antigone von Roland Schimmelpfennig nach Sophokles
Regie: Ariane Kareev
Premiere am 25. Januar 2025 am Schauspiel Dortmund
Ariane Kareevs dunkel-strahlende Dortmunder "Antigone" setzt der erkalteten Welt der Lebenden um Diktator Kreon eine Spiegelwelt entgegen: aus Musik, Spiel, Farben, Körperlichkeit und Tanz. Der Haken dabei, es ist das Reich der Toten, bewohnt und fantastisch bespielt von den Artistinnen Anne und Minna Marjamäki. Dieser funkelnde Un-Ort bewahrt, was das Leben hätte sein können – eine andere Menschheit vorausgesetzt. Ein wacher, analytisch klarer und dabei unerhört ästhetischer Abend. (Cornelia Fiedler)
Das eingebildete Tier von Valère Novarina
Regie: Julie Grothgar
Premiere am 7. November 2025 am Theater an der Ruhr Mülheim
Julie Grothgar bringt das "ekstatische Menschheits-Spektakel" des französischen Theater-Stars Valère Novarina in einer so anregenden wie brillant getimten und choreographierten Inszenierung auf die Bühne, in der sich der vermeintliche Unsinn der grandiosen Sprachexperimente nicht nur immer wieder überraschend zu tiefen Erkenntnissen über das Menschsein formiert. Man darf auch die leise Hoffnung hegen, dass der gelungene Abend zu einer Novarina-(Wieder-)Entdeckung in Deutschland führt. (Max Florian Kühlem)
Guernica Guernica von FC Bergman
Regie: FC Bergman
Premiere am 19. September 2025 bei der Ruhrtriennale
Pablo Picassos Ereignisbild und Panik-Panorama von 1937, dessen künstlerische seiner kunsthistorischen und politischen Bedeutung für das 20. Jahrhundert gleichkommt, ist Projektionsfläche für eine dreigeteilte Reflexion über die Dynamik von Gewalt, Täter und Opfer, Vernichtungs-Ideologie, menschliche Ignoranz und mediale Rezeption, die den zeitgeschichtlichen und symbolischen Raum von Guernica zu unserer Gegenwart öffnet. Eine wort-, aber keineswegs eine sprachlose Performance: bildstark, intelligent, kunstintensiv. (Andreas Wilink)
Making the Story. Ukrainische Fixer im Krieg von Futur3
Künstlerische Leitung: André Erlen, Stefan H. Kraft
Premiere am 13. März 2025 am Schauspiel Köln
Zur Nachtkritik
Dies ist mein nachtkritik-Theatertreffen-Kandidat, weil das Kölner Ensemble hier meisterhaft den globalen, aktuellen Krieg der Medien mit dem russischen Angriffskrieg verknüpft, Zwänge und Zynismus des journalistischen Arbeitens mit Hilfe von persönlichen Schicksalen aus der Ukraine erzählt – die zudem akribisch und empathisch ausrecherchiert wurden. Nahbar und komplex wird Zeitgeschichte erzählt, die Kraft des Theaters als Lehrmeister der Geschichte deutlich gemacht. (Dorothea Marcus)
Mutter Vater Land von Akin Emanuel Şipal
Regie: Christina Gegenbauer
Premiere am 15. März 2025 am Landestheater Detmold
Eigentlich ist die Geschichte von Akin Emanuel Şipals "Mutter Vater Land" zu groß, um sie auf die kleine Bühne des Landestheaters Detmold zu bringen. Immerhin erzählt das Stück nicht weniger als eine bundesdeutsche Familiengeschichte zwischen Breslau, Gelsenkirchen und Istanbul. Aber die Bedingungen vor Ort engen die präzise wie feinsinnige Inszenierung von Christina Gegenbauer nicht etwa ein, sondern sorgen vielmehr für einen konzentrierten Theaterabend, den man nicht zuletzt wegen der Bühne von Frank Albert in Erinnerung behält. (Kai Bremer)
Requiem für eine marode Brücke von Anna-Sophie Mahler und Viola Köster
Regie: Anna-Sophie Mahler
Premiere am 29. November 2025 am Schauspiel Köln
Angefüllt mit allem, was eine Inszenierung lebendig machen kann, entsteht im Museum Kolumba ein kleiner, politisch fokussierter, in der beziehungsreichen Mischung von bildender Kunst, Musik, Journalismus und Theater ungeheuer wirkungsvoller Abend. Und in all der polyvalenten Interaktion der Künste erfährt man auch, wie die Infrastruktur Deutschlands zukunftsfähig gemacht werden könnte. (Gerhard Preußer)
Saarland
future 2 (lose your self) von Fritz Kater
Regie: Christoph Mehler
Premiere am 31. Mai 2025 am Staatstheater Saarbrücken
Das Stück katapultiert die Zuschauer in das Jahr 2052, in dem alle Schreckensvisionen der derzeitigen politischen, gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen wahrgeworden sind. Die Menschen leben als Humanoide, Wesen zweiter Klasse, im Grenzgebiet zur Desertzone einer total verwüsteten Erde und werden von einer übermächtigen KI tyrannisiert und versklavt. Das Stück erzählt in drei Schritten rückwärts die Entwicklung dahin. Christoph Mehler hat daraus mit einem spielfreudigen Ensemble eine bedrängende Inszenierung entwickelt, die den Vergleich mit dystopischen Sciencefiction-Filmen nicht scheuen muss und die Entwicklung zum denkbar Schlechtesten als Mahnung in den Bereich der Wahrscheinlichkeit rückt. (Uwe Loebens)
Sachsen
Der Girschkarten von Lukas Rietzschel nach Anton Tschechow
Regie: Enrico Lübbe
Premiere am 27. November 2025 am Schauspiel Leipzig
Wo die Retrotopien wuchern, ist er Landschaftsgärtner: Als Befreiungsschlag von Feuilletonzuschreibungen schuf Lukas Rietzschel eine hermetische Familienaufstellung frei nach Tschechow. Regisseur Enrico Lübbe setzte die Groteske am Leipziger Schauspiel mit viel Rhythmusgespür um. (Tobias Prüwer)
Sachsen-Anhalt
Krieg und Frieden von Roland Schimmelpfennig nach Lew Tolstoi
Regie: Charly Hübner
Premiere am 30. Mai 2025 am Theater Magdeburg
Für diese Nominierung gibt es zwei gute Gründe; eigentlich sogar drei. Zum einen praktiziert Autor Roland Schimmelpfennig (wie schon beim "Anthropolis"-Marathon mit Karin Beier in Hamburg, aber hier im Grunde noch markanter) eine herausragend kluge Form der Annäherung an "alte" Stoffe: Er "überschreibt" sie ja gerade nicht, wie es seit geraumer Zeit ja Mode ist, und er zerrt sie auch nur extrem selten in die jüngere und jüngste Vergangenheit oder gar in die Gegenwart, Stattdessen schreibt er ganz (oder wie) neu, aber eher "mit" dem Material von damals, hier dem Tolstoi-Roman. Und mit dieser Methode entsteht tatsächlich (und durchaus beispielhaft) neue schriftstellerische Qualität. Der zweite Grund für die Nominierung ist natürlich das Regie-Debüt des Schauspielers Charly Hübner. Er hat unendlich viel gelernt in Inszenierungen anderer; speziell die Optionen radikaler Freiheit, ob bei Jürgen Gosch (übrigens als Spieler von Schimmelpfennig-Texten!) oder über spätere Jahre hin immer wieder bei Frank Castorf. Die erste Inszenierung jetzt, am Theater Magdeburg, versammelt reichlich eigene Spiel-Erfahrung – und entwickelt damit ganz organisch eigenes, geprägtes und prägendes Handwerk. Großartig! (Michael Laages)
Thüringen
Wir sind das Volk von Luise Voigt und Eva Bormann
Regie: Luise Voigt
Premiere am 17. Mai 2025 am Deutschen Nationaltheater Weimar
Luise Voigt und ihre Dramaturgin Eva Bormann haben für diesen Abend über fünfzig Gespräche mit Leuten aus Weimar und Umgebung geführt. Ob Politiker*in, Pfarrer*in oder Bäcker*in von nebenan: sie alle berichten von Umbruchserfahrungen, Sorgen und Träumen. In einer soghaften Montage verkörpern die Schauspieler*innen abwechselnd diese Menschen – im Prinzip des Originalton-Theaters. Jedes Stocken, jeder Atmer ist dabei, jede Geste so präzise wie möglich. Das Nebeneinander der Stimmen, hochkonzentriert und beeindruckend vom Weimarer Ensemble interpretiert, führt zu einer krassen Reibung. Wer ist dieses von rechts vereinnahmte "Wir"? Luise Voigts Abend zeichnet ein differenziertes Bild der Weimarer Bevölkerung und hält verschiedenste Positionen aus. Und plädiert damit auch für eine Gesellschaft, die so viel weiter wäre, wenn sie einander wieder zuhören würde. (Vincent Koch)
Österreich
Der Prozess Pelicot von Milo Rau & Servane Dècle
Regie: Milo Rau
Premiere am 18. Juni 2025 bei den Wiener Festwochen
Sieben Stunden lang lesen Schauspieler*innen in einer Wiener Kirche (oder live im Stream) aus Dokumenten rund um den Prozess gegen die Vergewaltiger von Gisèle Pelicot. Das Theater wird zur Auseinandersetzung im wörtlichen Sinn. So unaufdringlich und sorgfältig wie selten entfaltet sich das Psychogramm einer kaputten Gesellschaft, deren komplizenhaftes Schweigen vom Mut einer Frau gebrochen wurde. Eine lange nachhallende Theaternacht, die durchsichtig macht, wogegen aller Verstand sich sträubt. (Janis El-Bira)
Der Schneesturm von Vladimir Sorokin
Regie: Kirill Serebrennikov
Premiere am 16. August 2025 bei den Salzburger Festspielen, Koproduktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus
Es ist ein unmöglicher Roman, und es ist eine unmögliche Inszenierung. Es gibt keine Pferde, die nicht größer sind als Mäuse, und es gibt auch kein Theater, das solche Mäuse-Pferde auf die Bühne bringen könnte. Nur Kirill Serebrennikov kann das: Er verfügt über den grotesken Humor, den man benötigt, um seines Landsmanns Vladimir Sorokins „Schneesturm“ zu adaptieren, eine großartige Parabel über den strukturellen Wahnsinn, in dessen Abgrund sich die russische Autokratie verdüstert. (Martin Krumbholz)
The Second Woman von Anna Breckon und Nat Randall
Regie: Anna Breckon und Nat Randall
Premiere am 28. Mai 2025 bei den Wiener Festwochen
Wer 24 Stunden am Stück Theater machen will, sollte sich dabei was denken. Die Australierinnen Anna Breckon und Nat Randall haben ein gewitztes Konzept, das sie außerdem noch perfekt umzusetzen verstehen. Angelehnt an den Film “Opening Night” mit Gena Rowlands aus 1977 lassen die Regisseurinnen 100-mal dieselbe Szene zwischen einer Frau und einem Mann* spielen. Bei der deutschsprachigen Erstaufführung in einer Produktion der Wiener Festwochen übernahm die formidable Pia Hierzegger den weiblichen Part, der männliche ging an 100 Personen, die in einem Call gefunden wurden und vor ihrem Auftritt wenig von dem wussten, was sie erwartete. Wer würde als nächster den hellrot ausgeleuchteten Kubus auf der Bühne betreten? Wie würde er* die Rolle anlegen? Wer reinging, ging nur ungern wieder raus. Breckon und Randall verwandeln ein Sozialexperiment in ein einzigartiges Ereignis, das ohne hochtrabenden Diskurs bis zum Urgrund der Schauspielkunst vordringt und das beste Plädoyer für ein Theater liefert, das live und vergänglich ist. (Martin Thomas Pesl)
Schweiz
Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch
Regie: Stefan Pucher
Premiere am 15. Oktober 2025 am Theater Basel
Die schematische, mittlerweile langweilige Vorlage wird zur gekonnt ausgestalteten Inszenierung der Geisterbahn genutzt, auf der es sich weite Teile des Bürgertums bequem gemacht haben. Totenköpfe, kapitalistische Kälte, Dämonen und Angst als Interieur: immer gern! Realität: bitte nicht. Jan Bluthardt verkörpert eben gerade keine beamtenhafte Bürger-Behäbigkeit mit Hornbrille, sondern eine intellektuelle Wachsamkeit, die den Biedermann das Elend früh erkennen lässt. Aber er ist zur Handlung unfähig. Das Alltags-Wahnhafte, aber auch die moralische Korrumpiertheit des Bürgers wird herausgeschält. Zudem ist der Abend sehr saftig und präzise gespielt. (Claude Bühler)
Die Glasmenagerie von Tennessee Williams
Regie: Jaz Woodcock-Stewart
Premiere am 30. Januar 2025 am Theater Basel
Fitnessgeräte legen das innere Beben der Familie Wingfield frei, auf- und abgegangen wird über einen schmalen Laufsteg entlang der ersten drei Wände. Plötzlich schwebt ein online geshoptes Bühnenbild von der Decke und setzt sich für eine Weile auf die karge Bühne, Zuckerguss auf der Prekarität, vom Morgen geborgt. Eigenwillig, aber mit liebevoller Hand arrangiert Jaz Woodcock-Stewart ihr Neurosenkabinett, den Finger am Puls der Subjekte, ohne die strukturellen Gründe ihres Daseins aus dem Blick zu verlieren. (Leo Haverkamp)
Die kleine Meerjungfrau. A fluid fairy fantasy von Bastian Kraft und Ensemble nach Hans Christian Andersen
Regie: Bastian Kraft
Premiere am 25. Januar 2025 am Schauspielhaus Zürich
Theater, das so übervoll, quietschebunt, vollgestopft, umarmend ist, das es so großartig schafft, eine Dragshow mit hochpolitischen Aussagen zu verquicken, das die richtige Mischung findet aus Feier, Party und Rausch, aus Stille, Schmerz und Sehnsucht, das jede*m und jede*r im Ensemble Raum gibt, sich zu zeigen, sich zu feiern, in dem die Gewerke – Bühne! Kostüme!!! Musik! – so perfekt ineinandergreifen – solch ein Theater gibt es nicht oft. Und sicherlich viel zu selten. (Valeria Heintges)
Il Gattopardo nach Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Regie: Pınar Karabulut
Premiere am 29. November 2025 am Schauspielhaus Zürich
Die Zürcher Schiffbauhalle wird zum sizilianischen Palazzo in Pınar Karabuluts prächtiger, kluger und schauspielerisch herausragender Auseinandersetzung mit diesem Stoff aus den Gründungsjahren des modernen Italiens. Der Feudalismus dankt ab, eine mafiöse Ökonomie kommt auf, das zynische Fazit: “Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern“. Karabulut inszeniert die Hommage an Tomasis Roman im schwelgerischen Zeitkolorit, zugleich ist alles sichtlich am Abblättern und moderne Referenzen brechen ein. Im Unzeitgemäßen erweist sich die systemübergreifende bittere Aktualität des Stoffs. (Andreas Klaeui)
- Hier geht's zum Ergebnis der Publikumsabstimmung: nachtkritik-Theatertreffen 2026: das Ergebnis
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- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
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„Foxfinder“ und „Prima Facie“ in Kiel, „Vampires Mountain“ und „Arendt“ könnten meinethalben hier auch zu stehen kommen (das Thema, daß Ewigzweite es garnicht auf so eine 35er-Auswahl hin schaffen, hatten wir bereits an anderer Stelle).
Mein Lieblingssatz...in der Aufführung.
Auf Seite 27. Zu Felix.
Von Paula Kläy nach Thomas Mann, inszeniert von Tamara Aijamathiesen am ETA Hoffmann Theater Bamberg 2025...und vorgestern...
Felix: "Löschen Sie das Licht beim Rausgehen."
Können Sie bei den Teilnehmern auch abfragen, wie viele Inszenierungen sie gesehen haben? Das würde dem Ergebnis eine „Belastbarkeitsindex“ beisteuern … das ist fast bei keiner „Abstimmung“ dabei: nicht bei „Faust“, nicht beim Deutschen Filmpreis oder bei den Oscars … bei der TT Jury, so habe ich es verstanden, wird die Quote erhöht durch die subjektive Empfehlungen der Jurymitglieder untereinander (nach dem Motto: schau dir x an, das hätte Potential) … immerhin …
Bielefeld fehlt immer; Kritiker verirren sich eher selten in diese Region.
Ihr habt etwas verpasst!
IAnders als bei vielen ins Theater gebrachten Romanen – in denen oft in der dritten Person gesprochen wird – ist es Emilia Heinrich, Jette Steckel und Johanna Höhmann hier gelungen einen dialogischen dramatischen Text zu fertigen. Dieser ermöglicht dem beeindruckend spielfreudigen Ensemble eine ausdrucksstarke mitreißende Darstellung. Die unterschiedlichen Positionen und Varianten, sich im erstarkenden NS-Faschismus zu verhalten, werden so vorgeführt und in ihren Auseinandersetzung gezeigt, dass sie jeweils subjektiv nachvollziehbar sind – also jeweils eine Identifikation ermöglichen. Dies gilt selbst für den patriotisch in die NSDAP eingetretenen Hans Miklas, auch wenn er später den Verrat seiner Ideale durch die Partei bitter erkennt und noch vor seinem angedrohten Parteiaustritt ermordet wird. Diese bedeutsamen – weil folgenreichen – politischen Differenzierungen werden mikropolitisch differenziert ausgefochten und gleichzeitig z. B. im Streit um die Essweisen von Eiern von Hendrik Höfgen und seiner Frau Barbara Bruckner szenisch so gesteigert bösartig dargestellt, dass mir – mehr noch als bei ähnlichen Szenen von Loriot – das Lachen im Halse stecken blieb. Die Stärke der Inszenierung ist – neben ihrem Wechsel oder genauer ihrer oft Gleichzeitigkeit von ernsthafter politischer Analyse und bitterböser amüsanter Überzeichnung – dass sie keine platten moralinsauren Polit-Erziehungsbotschaften enthält. Hiervon haben sich die Kammerspiele in der Intendanz von Barbara Mundel inzwischen zum Glück weitgehend verabschiedet!
Laut der Dramaturgin Theresa Schlesinger wird in der Bühnenfassung nur der Originaltext des Romans verwendet, abgesehen von wenigen eingefügten Parolen der AFD, z. B. beim Text des „Ministerpräsidenten“: „Die Vermittlung deutscher Nationalität war von Beginn an Aufgabe des deutschen Theaters.“ „Kunst, die den staatlichen Geldsegen braucht, um überhaupt erst zu existieren, die Kunst, die mit der Subvention steht und fällt, lohnt nicht der Förderung. Kunst und Kultur aus dem Volk für das Volk.“
Anders als in der oscarprämierten Roman-Verfilmung von István Szabó mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle richtet die brillante Inszenierung von Jette Steckel den Fokus mehr auf die politischen Verhältnisse und ihr unterschiedlichen Antwort- bzw. Verhaltensmöglichkeiten im aufziehenden Faschismus als auf die Zeichnung eines individuelle Psychogramms von Hendrik Höfgen/Gustav Gründgens. Hierin folgt sie der Aussage Klaus Manns: „Hier handelt es sich um kein ‚Portrait‘, sondern um einen symbolischen Typus.“ Wer dennoch an einer Zuordnung zu den historischen Personen interessiert ist, findet diese in: https://de.wikipedia.org/wiki/Mephisto_(Roman)#cite_note-2
Überzeugend ist auch, dass die zugespitzte Bühnenfassung die Handlungen konsequent in den Schauplatz Theater verlegt. Die MK reflektieren und positionieren sich hiermit in ihrer politischen Verantwortung als Theater. Begleitet wird dies von den bereits 2021/22 aufgenommenen Recherchen zur Geschichte der MK und ihrer Mitarbeiter:innen in der NS-Zeit (MK-Homepage zu „Mephisto“), vielen Veranstaltungen zum grassierenden Antisemitismus und den noch gespielten Inszenierungen „Fremd“, „Zeit ohne Gefühle“ und „Play Auererbach“. Die ehemalige Kammerspielschauspielerin Therese Giehse, mit der sich die MK umfangreich befasst haben, stellt mit ihrem 1932 zusammen mit Erika und Klaus Mann gegründeten Kabarett „Die Pfeffermühle“ geradezu einen Gegenentwurf zur opportunistischen NS-Karriere von Gustav Gründgens dar.
Die Schauspiel-Varianten, die Thomas Schmauser hier zum Besten gibt, verkörpert den von Klaus Mann erzählten Hendrik Höfgen alias Gustav Gründgens phänomenal. Neben seinen hervorragenden Leistungen in vielen anderen Inszenierungen der MK, insbesondere in „Die Freiheit einer Frau“, ist es angemessen, dass er für seinen „Mephisto“ drei hochkarätige Auszeichnungen erhalten hat.
ihr habt doch „kleiner mann, was nun ?“ gesehen und besprochen - und das war die mit abstand beste inszenierung seit langem in nürnberg !
(incl. der prolo-hüpfburg von rieke süßkow)
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(Danke für Ihre Anmerkung. Unsere Kritiker*innen vor Ort entscheiden, welche Inszenierung sie vorschlagen. So kommt das Panorama zustande, ohne inhaltliche Steuerung durch die Redaktion. Herzliche Grüße von Elena Philipp für die Redaktion)
2. Wird bei der Auszählung der Stimmen, und wenn ja, wie, berücksichtigt, wie oft und in Sälen welcher Größe die vorgeschlagenen Inszenierungen gezeigt wurden? Ist anzunehmen, dass die potentiellen Wähler innerhalb von 4 Tagen erreicht werden?
3. Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, ist es ziemlich wurscht, was wem fehlt.
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> Lieber Thomas Rothschild,
Ihre Fragen sind gar nicht so leicht zu beantworten, aber ich versuche es.
1) Das nachtkritik-Theatertreffen ist ein bisschen von allem: breiter Radar, Korrektiv, in Teilen auch "Vorglühstufe" fürs Berliner Theatertreffen. Es gibt in der Regel viele Überschneidungen mit der Longlist des Berliner Theatertreffens, aber eben auch Hits abseits davon. Schließlich lautet bei uns die Frage, was in den unterschiedlichsten Regionen unseren Autor*innen als besonders auffiel. Der Vergleich zwischen diversen Abenden, wie ihn die tt-Jury in ihren Diskussionen und der Erstellung des 10er-"Tableaus" anstrebt, ist nicht unser Punkt.
Da unser Interesse individuell ausgerichtet ist, wirken sich auch die personellen Überschneidungen zwischen unserem Autor*innenstamm und der tt-Jury lediglich individuell aus. Nicht alle Jurymitglieder geben auf unsere Anfrage hin ihr Votum bei uns ab (weil sie ihre tt-Favoriten nicht preisgeben wollen), viele aber tun es, wohl wissend, dass eine tt-Juryauswahl ja ein quasi parlamentarischer Aushandlungsprozess ist, in dem man nicht immer mit seinen je eigenen Positionen durchkommt. Warum sollte man also beim nachtkritik-Theatertreffen verheimlichen, wofür man stünde, wenn man ganz allein kuratieren könnte?
2) Die Größe der Spielstätten und die Zahl von Aufführungen wird beim Abstimmungsergebnis nicht eingerechnet. Das würde unsere Kapazitäten sprengen. Das nachtkritik-Theatertreffen ist eine Mobilisierungswahl. Die Fan-Bindung zählt. In den letzten Jahren haben wir durchaus auch den David-gegen-Goliath-Faktor beobachtet: dass manche kleinere Produktionen sich ziemlich gut gegen "die Großen" behaupten konnten. Bei St. Pauli gegen Bayern weiß man ja auch, auf welcher Seite man steht. Ich zumindest.
3) Die Frage, was fehlt, finde ich persönlich gar nicht wurscht. Für mich erweitern die Ergänzungen in den Kommentaren den Horizont wunderbar.
Christian Rakow für die nachtkritik-Redaktion
vielen Dank für Ihre ausführliche Information vom 06.01.26, 11:38 h! So kann ich auch mehr nachvollziehen.
Insgesamt möchte ich rückmelden, dass ich alle Redakteur:innen in Ihren Antworten und Erklärung als sehr wertschätzend und den Diskurs konstruktiv fördernd gelesen/erlebt habe. Dafür und für Ihre TOP-Engagement als Redaktion vielen Dank.
Wenn es nachtkritik nicht gäbe, würde mir/uns viel fehlen.
Mit theaterliebenden Grüßen
Andreas Peteranderl
da bereits zwei Produktionen der Münchner Kammerspiele vorgeschlagen wurden, "Mephisto" als Dritte zu benennen -wäre dies eventuell schwer vertretbar gewesen ?
- diese Vermutung - ist sie nachvollziehbar ? beste Grüsse SWH
Das ist ja gerade der Gag, daß es dadurch verständlicher wird, wenn zwei ebenbürtige Produktionen eines Hauses existieren (das meinte ich mit den Ewigzweiten in meinem Kommentar 7), daß die dritte möglicherweise bei allen auf Platz 2 steht und somit nicht in der Liste auftaucht. Beim realen TT würde eine Produktion, die überall auf 2 genannt wird, so mag es dann ja auch mit „Serotonin“ in Potsdam beispielsweise gehen, und so könnte es auch dem „Mephisto“ natürlich widerfahren, vermutlich kaum fehlen, sondern als zweite von 10 locker dabei sein..
(Neue Bühne Senftenberg); aber erst einmal geht es zum Longerlist-TT-Geheimfavoriten nach Potsdam, ... wenn das Wetter es erlaubt, sonst gibt es vielleicht eine andere „Schneesturm“-Inszenierung..