Apropos Schmerz (Denken Sie an etwas Schönes) - Nationaltheater Mannheim
Kunstfehler vom Bergdoktor
11. Januar 2025. Leo Lorena Wyss klärt mit "Apropos Schmerz" über die chronische Krankheit Endometriose auf. Caroline Anne Kapp bringt das Stück mit einem starken Ensemble zur Uraufführung.
Von Verena Großkreutz
"Apropos Schmerz" von Leo Lorena Wyss in Mannheim © Christian Kleiner
11. Januar 2025. Sie zeigt sich oft in krassen, kolikähnlichen Schmerzen während der Menstruation, die bis zur Bewusstlosigkeit führen können: Obwohl jede zehnte Frau an der Endometriose erkrankt, ist sie für viele Haus- und Frauenärzte noch immer eine Terra incognita. Auslöser dieser chronischen Erkrankung ist gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe, das an anderen Organen wie den Eierstöcken, dem Darm oder der Blase wuchert. Das Leiden der Betroffenen wird von den meisten Ärzten zunächst nicht ernst genommen. Es können etliche Jahre vergehen (im Durchschnitt siebeneinhalb), bis die Krankheit diagnostiziert wird. Sie ist eben zu wenig erforscht. Weil sie nur Frauen betrifft. Die Medizin ist bekanntermaßen männlich und unser Gesundheitssystem parteiisch.
Einen solchen ermüdenden, deprimierenden Diagnoseprozess durchläuft Anna Blume in Leo Lorena Wyss’ neuem Stück "Apropos Schmerz (Denken Sie an etwas Schönes)". Wyss wurde 2023 für "Blaupause" mit dem Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. In der aktuellen Spielzeit ist Wyss Hausautor*in am Nationaltheater Mannheim, auf dessen Studiobühne Werkhaus "Apropos Schmerz" jetzt uraufgeführt wurde – in der Regie von Caroline Anne Kapp.
"Ne Wärmeflasche hast Du?"
Alles beginnt mit der Fünfjährigen, die sich – während Mama den "Bergdoktor" guckt – mit Taschenlampe unter der Bettdecke heimlich das Lesen beibringt: ausgerechnet mit Mamas medizinisch-pädagogischem Ratgeber und geflasht von der Erkenntnis des Wortes "Vulvovaginitis".
Es folgen locker gereihte Szenen, in denen Annas Leidensgeschichte einerseits erzählt wird: vor allem von der großartig performenden Rahel Weiss (wann hat man schon mal jemanden das Wort "Tiefkühllasagne" so derart genüsslich breit zerkaut und vieldeutig aussprechen gehört?). Andererseits wird in den erzählerischen Flow eine Menge Dialogisches eingeflochten. Dann trifft Annas Schmerzgeschichte auf ihr Umfeld und auf die Medizin – und damit auf völliges Unverständnis. Mutter: "Wir Frauen / wir müssen die Kraft aus dem Schmerz schöpfen / nach den Kindern wird’s besser". Die Ärzt*innen: Die Schmerzen seien "normal". "Ne Wärmeflasche hast Du? / mir hilft immer auch Bewegung / leichtes Joggen / oder sanftes Yoga". Der Psychiater: "Ich würd Ihnen tatsächlich mal ein Antidepressivum verschreiben / das hilft mit der Stimmung."
Von der Krankheit eingeengt © Christian Kleiner
Niemand nimmt Annas Krankheit ernst. Dabei findet sie doch eigentlich starke Worte für ihre Qual: Vom "Messer das sticht / so mit der spitzen Klinge voraus in sie rein", spricht sie. Von "zwei Eisschollen", die "ihren Rücken auseinanderreißen", "sie in zwei Teile ziehen". Von einem "riesigen Staubsaugerrohr", "das ihr von innen alle Organe reinzieht". Auch beim Sex mit der non-binären Person Robyn samt pinkem Strap-On kommt Anna die Endometriose in die Quere. Dominika Hebel (noch in der Schauspielausbildung) spielt Anna sehr glaubwürdig: ihre Leiden, ihre Verzweiflung, ihre Resignation, aber auch ihre Lebensfreude. Toll!
Formidables Ensemble
Der Bühnenraum ist karg und steril gehalten: eine weißgekachelte Mauer, ein metallener Bettkasten. Als Requisiten dienen vor allem große Gummitücher mit blutig-gewebigem Aufdruck. Auch die Kostüme bedienen sich farblich an organischem Material, folgen aber auch der Funshirt-Kultur (vorne Doc, hinten Tor).
Regisseurin Caroline Anne Kapp kann sich auf das formidable, rollenswitchende vierköpfige Ensemble verlassen, das auch einiges zu turnen hat. Denn die Leidenserzählung wird regelmäßig unterbrochen: durch zitierte oder fröhlich parodierte Werbung, nachgespielte YouTube-Videos, Zeitschriftenslogans. Das Quartett tanzt à la Fitnessinfluencer, singt die "Bergdoktor"-Titelmelodie "Patience", arbeitet Ernährungstipps, ärztliche Fragebogen und Kreuzworträtsel ab. Gemäß dem heutigen Selbstoptimierungswahn und seinem Ideal: Hauptsache schön, schlank, gesund und glücklich.
Landschaft zum Aufblasen
Die Luft geht dem bis dahin flotten Abend dann allerdings schon nach 45 Minuten aus: Dann schrumpft das Ganze zum Hörspiel, beginnt sich im Kreis zu drehen. Aufgefangen wird das von Bildlichem: Im engen Bühnenraum beginnt sich nun ein weißer Riesenballonschlauch mit Luft zu füllen, bis er so mächtig ist, dass er beinahe die Darstellenden ins Publikum schubst. Doch erstrahlt er am Ende als imposante, blutrot leuchtende Hügellandschaft, in die hinein sich die vier versenken und ein grelles Schreikonzert anstimmen: um dem Schmerz endlich auch hörbar Gestalt zu verleihen. Wäre eigentlich ein ganz gutes Ende gewesen. Aber dann kommt noch mal der Bergdoktor ins Spiel. Und das ist dann einfach too much.
Apropos Schmerz (Denken Sie an etwas Schönes)
Von Leo Lorena Wyss
Uraufführung
Regie: Caroline Anne Kapp, Bühne: Amina Nouns, Kostüme: Carla Renée Loose, Licht: Marcel Lemmert, Sounddesign: Florian Wulff, Dramaturgie: Mascha Luttmann.
Mit Maria Helena Bretschneider, Dominika Hebel, Daniel Krimsky, Rahel Weiss.
Premiere am 10. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
www.nationaltheater-mannheim.de
Kritikenrundschau
Wyss habe "auf der Suche nach einer dramatischen Darstellungsform des Themas 'Fehldiagnose für weiblich gelesene Körper'" die Erzählung "ausgiebig mit parodistischen Realitätssplittern bebildert", findet Frank Barsch im Mannheimer Morgen (13.1.2025). Unter der Regie von Caroline Anne Kapp spiele sich Dominika Hebel "vom Kind über die Jugendliche mit erster Liebe in eine Leidensgeschichte hinein, die in eine Psychiatrie am Stadtrand führt". Aber auch wenn "das Stück kein ganz neues Thema aufgeworfen hat, bleiben doch einige Fragen", so der Kritiker.
"Über das Thema Krankheit hinaus klagt Leo Lorena Wyss' Stück die Tabuierung nicht nur der Menstruation, sondern die Verdrängung von Schmerz und die verquere Einstellung zum Körper überhaupt an", so Hans-Ulrich Fechler in der Rheinpfalz (13.1.2025). Dass es zum Schluss nochmals "in popmusikalischer Form" die Aufforderung gebe, "die Geduld aufzubringen, zu der Mediziner und Psychiater Anna Blume immer wieder geraten haben", habe eine "unüberhörbare" Ironie.
"Die Schauspielstudentin Dominika Hebel spielt die Rolle der Anna mit viel Einfühlungsvermögen in den Leidensprozess der Figur", schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (14.1.2025). Ihre und die Dynamik ihrer Ensemblekolleg*innen reiße "den schmerzensreichen Stoff aus der quälenden Krankengeschichte".
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@ Sarah: Genau, so sehe ich es auch! Großartige gesellschaftskritische Mannheimer Produktionen: "Die Volksfeindin", "Nathan", "Als wäre es gestern gewesen", "Als die Menschen Götter waren" und und und. Und jetzt eben auch "Apropos Schmerz", ein Abend, der es schafft, ein Thema auf die Bühne zu bringen, das als Gesundheitsthema eigentlich sehr schwer theatral umzusetzen ist. Das gelingt dem Team aber auf witzige, sprachlich virtuose und sehr engagierte Art und Weise. Weiter so!
Die Kritik erwähnt es doch explizit: Das Stück handelt gerade davon, wie "drängende Realitäten vieler Menschen ignoriert" werden. Die Gesellschaft und damit die Medizin wird von Männern dominiert. Wenn das nicht relevant ist.
Einmal im Monat kann ich nicht laufen vor Schmerzen und muss trotzdem auf die Bühne. Ibu 800 rein und Vorhang auf.