Vor dem Ruhestand - Landestheater Tübingen
Davon geht die Welt nicht unter
13. April 2025. Die drei Geschwister aus Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" feiern ihn immer noch: Himmlers Geburtstag. Thorsten Weckherlin hat das familiäre Gesinnungsstück in Tübingen inszeniert, mit einem Bürger:innen-Chor. Aber so einfach lassen sich damit keine Bezüge zu heute knüpfen.
Von Verena Großkreutz
Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" von Thorsten Weckherlin inszeniert in Tübingen © Tobias Metz
13. April 2025. Kathartisch, dieser Augenblick: Als der Nazi-Ekel Höller kurz vor Schluss endlich seinem Herztod entgegenröchelt, tut er das umringt vom Chor, der sanft säuselnd singt: "Davon geht die Welt nicht unter!" Lustig, befreiend. Die Idee mit dem "Chor aus Tübinger Bürgerinnen und Bürgern" ist eigentlich eine gute. Als Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" begann, hatte die Musik noch aus dem Röhrenradio getönt: Volkslieder, alte Schlager. Dann irgendwann – Überraschung – summten Leute, verteilt im Publikum, "Lili Marleen", als habe sich die Musik aus dem Radio verselbständigt, Körper gefunden.
Später formieren sich die Singenden zum Chor und marschieren auf die Bühne. Mal intonieren sie den Frühlingskanon "Es tönen die Lieder", mal gucken sie von hinten durch die Fenster ins Höller'sche Wohnzimmer. Ein netter Verfremdungseffekt, dessen Sinn sich freilich nicht ganz erschließen will im Rahmen von Bernhards familiärem Horrordrama um drei einander ausgelieferte Hass-Geschwister.
Herausgeputzt für die Geburtagsfeier
Thorsten Weckherlin, Intendant des Tübinger Landestheaters, hat das Stück um den ehemaligen SS-Offizier und KZ-Kommandanten Höller, der im Nachkriegsdeutschland unbehelligt Karriere als Gerichtspräsident machen konnte, auf der Werkstattbühne seines Hauses inszeniert. Vinzenz Hegemann hat dafür ein naturalistisches Bühnenbild gebaut: Die jährliche Geburtstagsfeier für Höllers Idol Himmler findet in einem biederen Wohnzimmer der 1970er statt – mit Röhrenradio, dunkler Holzvertäfelung, Hammond-Orgel, Filbinger-Porträt an der Wand, später folgen Himmler und Kiesinger.
Ein Ständchen in Ehren: "Vor dem Ruhestand" am Landestheater Tübingen © Tobias Metz
Weckherlin setzt in seiner Inszenierung auf oft klamottige Übertreibung, weniger auf Zwischentöne. Sein Zugriff erinnert ein bisschen an den 1970er-TV-Hit "Ein Herz und eine Seele": Höller (Andreas Guglielmetti) und seine ihm im Inzest und in der Gesinnung verbundene Schwester Vera (Katja Uffelmann) haben etwas vom Ekel Alfred und seinem Hausmütterchen Else. Uffelmann spielt Vera im Küchenkittel, hin und her flitzend, bedienend, vor allem aber in gleicher Höhenlage und Einfalt wie ihrerzeit Elisabeth Wiedemann die Else Tetzlaff – sieht man einmal ab von der erotischen Komponente: Vera umzirzt ihren Bruder gerne überdreht wie ein Backfisch, und dauernd macht sie gute Laune zum bösen Spiel.
Tragödie der Schwestern
Die Figur des Höller, der seiner nationalsozialistischen Gesinnung treu geblieben ist, seine Schwestern in die klaustrophobe Abschottung zwingt, wird auf diese Weise zur Witzfigur. Ist das angemessen, auch angesichts der ständigen unerträglichen antisemitischen Ausfälle Höllers? Die recht präzise umgesetzte Tragödie der Schwester Clara (Susanne Weckerle), Sozialistin, an den Rollstuhl gefesselt und wehrloses Opfer der Demütigungen und menschenverachtenden Fantasien ihrer Geschwister, kann dem inhaltlich nicht genügend entgegensetzen.
Katja Uffelmann und Susanne Weckerle in "Vor dem Ruhestand" © Tobias Metz
Das alles will nicht recht zusammenpassen, bleibt an der Oberfläche des Stücks. Spürbar vor allem im letzten Akt, wenn Vera und Höller, mittlerweile völlig betrunken, ihrem rituellen Anschauen des Höller'schen Fotoalbums frönen, in dem Familienfotos ("Guck ma, Clara als Nackedei!") neben KZ-Ansichten ("Was für ein schöner Baum") und Ablichtungen von toten Häftlingen, die Höller persönlich hingerichtet hat, kleben. Dann wird das grausige Geschwätz in derart langatmig minuziös ausgedehntem Normalo-Modus gespielt, dass die Worte bald wie von selbst zur Sprachmusik verschwimmen.
Aus der Zeit gefallen
So inszeniert, wirkt "Vor dem Ruhestand" wie aus der Zeit gefallen: als bloßes Zeitdokument, von Bernhard 1979 als Reflektion auf die Filbinger-Affäre geschrieben, ohne direkten Bezug zum heute. Unsere Gesellschaft hat sich grundlegend verändert. Unser Parlament auch. Die alten Höllers, die Mörder ohne Reue, die hinter verschlossenen Rollläden ihre alten Riten pflegten – sie sind ausgestorben. Heute sitzen die Faschos im Bundestag, mit eigenen Plänen im Kopf, und sorgen dafür, dass sagbar wird, was einst tabu war.
An diesem Abend möchte man andauernd die Stopptaste drücken, kommentieren, Bezüge zu heute finden. Wäre vielleicht eine Idee gewesen: kürzend verknappen, immer wieder unterbrechen, eine Gruppe heutiger Menschen kommentieren lassen. Dann hätte das Stück so vielleicht funktioniert.
Vor dem Ruhestand
Eine Komödie von deutscher Seele von Thomas Bernhard
Regie: Thorsten Weckherlin, Bühne und Kostüme: Vinzenz Hegemann, Musikalische Leitung:
Jörg Wockenfuß, Dramaturgie: Thomas Gipfel.
Mit: Andreas Guglielmetti, Katja Uffelmann, Susanne Weckerle; Chor aus Tübinger Bürgern und Bürgerinnen (Michaela Kauschke, Volker Kracht, Helga Kröplin, Alina Lieber, Konrad Münch, Stefanie Münch, Irmgard Rösler, Adelheid Schöning, Ute Steiner, Belinda Thum, Johanna Villhauer).
Premiere 12. April 2025
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
www.landestheater-tuebingen.de
Kritikenrundschau
Lob spendet Jörg Riedlbauer im Reutlinger General-Anzeiger (14.4.2025) für die mutige und in unsere Zeit passende Aufführung: Regisseur Thorsten Weckherlin "geht Bernhards gewitzt gebildeten Klischees nicht auf den Leim, reißt die Abgründe hinter dem schwarzen Humor auf. Bei eher gedrosseltem Sprechtempo. Was Bernhards zynische Sentenzen umso mehr schärft und unerbittlicher wirken lässt. Und dem rhythmisch hoch differenzierten Text große Entfaltungsräume gibt."
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… und mich gefragt, wann die Regie eigentlich das letzte Mal im Theater war. Doch sehr haltungslos für 2025.
Und genau das macht Bernhard doch so großartig. Du musst ihn nicht unterbrechen und kommentieren, seine Texte sind unverändert aktuell. Vielleicht sind die unmittelbaren Täter*innen tot, doch ist ihr Gedankengut mitten unter uns. Unsere Gesellschaft hat sich eben nicht grundlegend verändert. Im Gegenteil, sehen wir doch anhand der Wahlergebnisse in der Welt einen unglaublichen Backlash in eben diese Zeiten.
Höller IST doch auch eine jämmerliche Witzfigur, wie das Faschist*innen ja meistens sind. Sie müssen sich über andere erheben, um aus ihrer Bedeutungslosigkeit und ihrer Erbämlichkeit rauszukommen. Bezeichnete nicht auch Hannah Arendt Eichmann als Hanswurst? Genau das sind diese Figuren.
Und zu der Oberflächlichkeit der "Fotoalbum"-Szene empfehle ich übrigens "Das radikal Böse" von Stefan Ruzowitzky, der eben genau diese oberflächliche Beiläufigkeit anhand von Tagebucheinträgen und Briefen von Wehrmachtssoldaten hervorragend herausarbeitet.
Vielleicht verrät aber auch ein Blick auf den Bernhardschen Stücktitel des Rätsels Antwort…