Der Mond fällt auf die Erde

18. Dezember 2022. In Albert Camus' "Caligula" verbreitet der römische Kaiser Angst und Schrecken, aus Protest, wie es heißt. Regisseurin Lilja Rupprecht hat das Stück jetzt mit einem Tyrannen inszeniert, der den Mond vom Himmel holen will, und mit Spieler:innen des Theaters RambaZamba.

Von Iven Yorick Fenker

 

Hofstaat in Aufruhr: "Caligula" von Lilja Rupprecht inszeniert am Deutschen Theater Berlin © Arno Declair

18. Dezember 2022. Nebel zieht auf. Eine Wand, die den Blick zum Guckkasten verstellt. Vor diesen Schwaden taumelt eine Gestalt im Glitzergewand, die vor uns zusammenbricht. Ein Licht strahlt auf, erst schwach, das auf dem Nebelwall stärker und zur Schrift wird: CALIGULA. Protagonist und Titelgeber des Abends, des Stücks von Albert Camus, in dem der junge römische Kaiser in die philosophische Paranoia driftet oder weniger pathologisierend: versucht radikal frei zu sein.

Die Macht dazu hat er und sie ist uneingeschränkt. Er allein kann die Grenzen der Menschlichkeit, der gesellschaftlichen Grundvereinbarungen, der sozialen Interaktion verschieben, erweitern, aushöhlen. Es wird immer deutlicher, dass es dabei auch dem Inner Circle des Machthabers an den Kragen gehen wird. Sie stehen schon aufgereiht und bereit, sie tragen schwarze Anzüge, weiße Hemden, rote Krawatten und Gummistiefel, noch verschwommen, aber doch erkennbar. Denn der Nebel nimmt wieder ab. Er wird durchbrochen von einem gleißend hellem weißen Lichtstrahl, der den Dunst durchdringt und ins Publikum strahlt, blendet.

Griff zu den Sternen

Der Mond scheint jetzt. Die Live-Musik, die mit klirrenden Klängen begann wird lauter und melodischer. Sie begleitet den Abend, Saiten die gespielt und Tasten die gedrückt werden, aufgenommen und abgespielt in einem verzerrten Loop. Die Wand vor dem Bühnenraum bleibt bestehen, den durchlässigen Stoff füllt nun die Live-Projektion aus Mondperspektive auf das Geschehen: Caligula war fort, seine Schwester ist tot und nun will er: den Mond. Er liegt auf dem Boden und schaut sehnsuchts- und leiderfüllt hinauf und gleichzeitig zu den Zuschauer:innen.

Die Perspektive ist toll, die perspektivischen Verschiebungen und die Überlagerungen sind das Prinzip und die Stärke der Inszenierung von Lilja Rupprecht, die 2015 am Volkstheater schon einmal "Caligula" inszeniert hat.  Ihre Anlage des Abends ist aufwendig gearbeitet, präzise gesetzt und wunderbar kleinteilig. Die Wand verschwindet in den Bühnenhimmel, wandelt sich und ist doch widerständig konstant. An den Bühnen-Seiten erhebt sich eine meterhohe hohe Wölbung. Zur Bühne (Christina Schmitt) also geht es hinunter wie in ein Amphitheater, das zum Kolosseum wird. Hier fließt Blut in den Bühnenboden.

Licht und Dunkelheit

Bisher aber ist der Boden voller schwarzer Gummifetzen. Die ganze Bühne ist schwarz, alles ist dunkel, bis auf das einfallende Licht. Und irgendwann, je länger der Abend dauert und je mehr über den Boden gegangen wird, sich in den schwarzen Schnipsel also Spuren abzeichnen, wird sichtbar, dass es sogar von unten scheint.

Caligula1 Arno Declair uViel Dunkelheit und viele Spuren auf dem Bühnenboden: Caligula (Elias Arens) und der Hofstaat © Arno Declair

Der bedeckte Boden ist eine scheinende Fläche und es dringt immer mehr Licht hindurch. Licht und Dunkelheit bestimmen dieses Rom. In der Nacht wandelt Caligula. Er macht sich aus, was er noch machen kann, bis alles zu Ende ist. Er will Freiheit, radikale Freiheit. Er missbraucht, vergewaltigt und mordet. Willkürlich, aber immer nach seinem Willen. Caligula, Elias Arens, dominiert den Abend. Die Anderen spielen den Kaiser. Die Anderen, das ist der Hofstaat. Die Anderen sind stur damit beschäftigt, auf ihren Herrscher zu reagieren, bloß nicht zu viel Mimik, nicht zu viel sagen, nicht zu wenig, sonst ist der Kopf bald ab.

Die Beklemmung, die Bedrohung überträgt sich gut, sie strahlt auch bis zu den Zuschauer:innen. Die Schauspielhierachie ist klar, die Anderen sind oft etwas starr. Obwohl sie allerdings die Kostüme (von Kostümbildnerin Annelies Vanlaere) wechseln dürfen. Die Gummistiefel weichen High Heels, die schwarzen Anzüge roten, weit ausgeschnittenen, Latexbodysuits und irgendwann nur noch roten Strumpfhosen. Das verändert die Haltung. Das Crossdressing der Männer, die über den Missbrauch von Macht klagen ist eine gelungene Überschreibung. Ihr Auftreten wird vulnerabler. Ihre Körperhaltung offenbart Unsicherheit.

Falsche Sicherheiten

Denn nur der Kaiser darf machen, was er will. Er bewegt sich agil durch den Raum, springt, sprintet. Elias Arens tritt in Lichtgeschwindigkeit auf und ab. Niemand kann sich sicher sein. Niemand ist sicher. Und langsam schwindet der Hofstaat, es gibt den ersten Mord, den zweiten und das Morden geht weiter. Nur Helicon kann sich vorerst in Sicherheit wiegen, da er mit der Beschaffung des Mondes beschäftigt ist. Der absurden Aufgabe, die hier auf vier Spieler:innen (vom RambaZamba Theater: Christian Behrend, Juliana Götze, Rebecca Sickmüller, Jonas Sippel) aufgeteilt wird. Sie treten auf und ab, sprechen nacheinander, nebeneinander und zusammen. Der Mond wird auf die Erde fallen und es wird nicht heller werden. Der Abend bleibt dunkel. Es ist diese Anlage, es ist die geschickte Verwebung von Form, Spiel(hierachie) und Bühnenwandlungen, die diesen Abend zwar dunkel machen, jedoch mit erhellendem Gefühl entlassen.

 

Caligula
von Albert Camus
Regie: Lilja Rupprecht, Bühne: Christina Schmitt, Kostüme: Annelies Vanlaere, Live-Musik: Philipp Rohmer, Video: Moritz Grewenig, Choreografie: Ronni Maciel, Licht: Kristina Jedelsky, Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Elias Arens, Natali Seelig, Christian Behrend, Juliana Götze, Rebecca Sickmüller, Jonas Sippel, Guido Lambrecht, Manuel Harder, Harald Baumgartner, Jeremy Mockridge, Niklas Wetzel.
Premiere am 17. Dezember 2022
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

Kritikenrundschau

"Zum Wesen der Tyrannei gehört, dass sie undramatisch ist. Denn der Tyrann handelt nicht, wie er muss, sondern wie er will", so Ulrich Seidler in der Frankfurter Rundschau (19.12.2022). in Lilja Rupprechts Inszenierung ist der Tyrann, Elias Arens, denn auch kein besonders helles Licht, "auch wenn er am Beginn noch so glitzert in seinem Paillettenanzug". Die untergebenen Herren bringen Farbe in das Ganze mit ihren Kostümen, "bevor sie auf eine Weise umgebracht werden, dass das Theater eine Triggerwarnung für nötig hält. Aber auch diese Erwartung wird enttäuscht." Fast zweieinhalb qualvoll gespreizte Stunden suhle sich der verblasene, pathetische Abend auf der Stelle. "Dass der freigelassene Sklave Helicon, der Caligula den Mond bringen soll, von vier Mitgliedern des Inklusionstheaters Rambazamba gespielt wird, bringt einen nur für Momente zurück auf die lebensbejahende Spur. Was für ein depressiver Kitsch."

Elias Arens "ist die Rolle des wahnsinnigen Gewaltherrschers auf den Leib geschrieben" und bringe sie mit großer Klarheit und lässigem Zynismus zum Leuchten, schreibt Felix Müller in der Berliner Morgenpost (19.12.2022). "Lilja Rupprecht verlegt die Handlung in einen postapokalyptischen Sandkasten." Caligulas sich dezimierender Hofstaat ist mal in roten Strumpfhosen, mal in gerüschtem Latex unterwegs, "wie überhaupt der gesamte Abend eine große Freude am Crossdressing verrät".

Irene Bazinger kritisiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.12.2022) die Triggerwarnung des Deutschen Theaters: "Das bisschen Blut und Würgen und dezentes Begatten ist im deutschsprachigen Theater 2022 keine besondere Überraschung. Viel eher wäre eine Warnung ganz anderer Art angebracht gewesen: 'Diese Inszenierung enthält explizit keine Kunst und weiß nicht genau, warum sie überhaupt gezeigt wird, was Sie möglicherweise verstören kann, wofür wir uns schon einmal entschuldigen möchten, wir wissen es nämlich nicht besser.'“ Über Caligula und seine erstaunliche Entwicklung erfahre man nichts – alles werde sehr länglich und sehr austauschbar deklamiert.

Kommentare  
Caligula, Berlin: Schachbrettfiguren
Der „Caligula“ von Albert Camus ist mehr philosophische Versuchsanordnung als Theaterstück und stellt jede Regie vor gewaltige Anforderungen.

Dass sie diese stemmen kann, bewies Lilja Rupprecht mit ihrer Inszenierung am Münchner Volkstheater 2015/16: Max Wagner hatte damals einen fulminanten Auftritt als Kaiser, der radikal frei ist. Aus Trauer, Überdruss und Verzweiflung hat er sich von allen Bindungen an Werte und gesellschaftliche Normen gelöst. In einem eindrucksvollen Solo voller Rockmusik trieb Wagners „Caligula“ seinen Hofstaat an seine emotionalen und physischen Grenzen und buchstabierte die existentialistische, radikale Freiheit in all ihrer Konsequenz bis zum finalen Suizid durch.

Netter und menschlicher wirkt Elias Arens in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin: im Pailetten-Glitzerdress kommt er auf die vielfach verspiegelte Bühne. Auch er mutet seinen Senatoren einiges zu, lässt sie in immer neuen Crossdressing-Kostümen, Latex-Bodysuits, Strumphosen oder Slips antreten und demütigt sie mit Enteignungen oder unsinnigen Befehlen, die seiner Lust des Augenblicks entspringen, und zermürbt sie mit dem Mord an ihren Angehörigen.

Trotz Triggerwarnung des DT bleibt dies in jedem Moment nur Theater. Arens spielt als „Caligula“ den rasenden Herrscher, geht aber nie so in seiner Rolle auf wie Wagner in der Münchner Inszenierung, der über die Szenerie raste, tobte und seine Machtspiele auch vom Publikumssaal aus sichtlich genoss.

So fehlt Rupprechts „Caligula“ diesmal das Kraft-Zentrum, auf den alles konzentriert ist. Die anderen Spieler sind von vornherein nur Schachbrettfiguren, die der Kaiser nach Belieben verschiebt und wie Puppen an seinen Fäden tanzen lässt.

Während Rupprechts Münchner „Caligula“ ein rasantes Theaterfest mit einem wütenden Tyrann im Zentrum war, lotet ihre Berliner Inszenierung sieben Jahre später vor allem den Text aus.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2022/12/23/caligula-deutsches-theater-berlin-lilja-rupprecht-kritik/
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