Der Zähmung Widerspenstigkeit - Deutsches Theater Berlin
Sprung übers Jungfernhäutchen
20. Dezember 2024. Zwei Schwestern sollen verheiratet werden, die eine gegen ihren Wunsch? Autorin Katja Brunner und Regisseurin Pınar Karabulut drehen den Spieß um. "Der Zähmung Widerspenstigkeit" heißt ihr neuester gemeinsamer Abend, eine Shakespeare-Gesellschafts-Entgiftungskur, die Fragen offen lässt.
Von Jakob Hayner
"Der Zähmung Widerspenstigkeit" von Pınar Karabulut am Deutschen Theater Berlin inszeniert © Eike Walkenhorst
20. Dezember 2024. "Es war einmal eine Katharina, die gezähmt werden sollte", so heißt es bei Katja Brunner über ein Schauermärchen aus jener alten Zeit, in der das Wünschen nichts geholfen hat – insbesondere für Frauen. Gemeint ist William Shakespeares Stück "Der Widerspenstigen Zähmung", in dem die Schwestern Katharina und Bianca verheiratet werden sollen, die ältere Katharina gegen ihren Wunsch.
Was folgt, um die Heirat zu erzwingen, dürfte schwerlich mit einem Märchenende à la "sie lebten glücklich zusammen bis an ihr Lebensende" entschuldigt werden. So sieht das auch Katja Brunner: Mit ihrem neuesten Stück "Der Zähmung Widerspenstigkeit" enthüllt sie die schönrednerische Zähmung als jene Gewalt, die man bei Shakespeare bereits ahnte.
In die Revolte
Gegen Shakespeare führt Brunner – als Figur der mörderischen Konsequenz der "Zähmung" – Dorota L. ein: die Frau, die 2020 bei Potsdam von ihrem Ehemann mit einem Messer angegriffen und anschließend im Gartenteich ertränkt wurde, weil sie sich von ihm trennen wollte. In ihrem Stück wolle sie den "misogynen Humor Shakespeares mit der Realität von Femiziden" verknüpfen, sagte die 1991 in Zürich geborene Autorin vorab in einem Interview. Die Realität wird auf der Bühne als Zahl eingeblendet: 938. Das sind die Vorjahresfälle eines, wie es in Beamtendeutsch heißt, erfolgten oder versuchten Tötungsdeliktes in Deutschland, die als "geschlechtsspezifische Gewalt" gegen Frauen erfasst wurden.
Schwesternschaft: Das Ensemble in "Der Zähmung Widerspenstigkeit" © Eike Walkenhorst
Wie groß der Sprung von Shakespeare zur Gegenwart und vom Einzelschicksal zur Statistik ist, zeigt die mit kräftiger Musik unterlegte Eingangsszene der Uraufführung von Pınar Karabulut am Deutschen Theater Berlin. Katrija Lehmann als Frau auf dem Scheiterhaufen schreit heraus, was nun kommt: "eine Zerschreibung" für die Kraft des Widerstands, die aus den Eierstöcken kommt. Also bloß nicht beim Verweis auf die Opfer stehenbleiben, sondern zugleich mit einem Salto mortale in die Revolte springen. "Verschwörung am Teich" lautet der nach einem Racheschwur klingende Untertitel. Bühne frei – nicht nur, um die Schandtaten des Patriarchats zu entlarven, sondern auch für eine Gegenattacke.
Neues Patriarchiat der Dinge
Wie sieht der Bühnenaufstand aus? Wie eine feministische Nummernrevue. Die Drehbühne von Michaela Flück ist ein Panoptikum der "doppelt vergesellschafteten" Frau zwischen Selbstoptimierung und Fremdbestimmung: Im Schlafzimmer läuft Barbie-TV, vom Fitnessraum geht es ins Esszimmer mit Delfinluftballons und Torte als Kindergeburtstagsdekoration. Das groß aufspielende Ensemble – ausnahmslos Frauen, neben Selig sind das Maren Eggert, Lorena Handschin, Katrija Lehmann, Daria von Loewenich, Abak Safaei-Rad und Regine Zimmermann – springt von einer Szene in die nächste, die Kostüme von Claudia Irro erinnern mit ihren Puffärmeln an eine zeitgenössische Interpretation der elisabethanischen Mode der Shakespeare-Zeit.
Aufstand und Beschwörung: Maren Eggert, Lorena Handschin und Katrija Lehmann © Eike Walkenhorst
Den kalauernden Assoziationsfluss von Brunners jelinekesker Sprache lässt Karabulut viel über Brüche spielen. Wird gerade noch die Verfügungsgewalt des Familienoberhaupts bei Shakespeare parodiert, geht es im nächsten Moment um körperliche Verfügbarkeit im Zeitalter der massenmedialen Pornografie. Harte Kontraste, die eine geschichtliche Dialektik der Befreiung beleuchten: Gelten Frauen im klassischen Patriarchat schlicht als ein dinggleicher Fremdbesitz, sind sie als bürgerliche Subjekte zwar im Selbstbesitz, aber mit einem "Patriarchat der Dinge" (Rebekka Endler) im Kapitalismus konfrontiert. Die Unterwerfung ist weicher: Frauen sollen nach Brunner "friedlich, freundlich und floral" sein, aber auch Hure und Heilige, Mutter und Geliebte.
Befreiungs-Kaleideskop
Bekannte Motive der feministischen Kritik vergangener Jahrzehnte tauchen in Brunners Beitrag zur Entgiftungskur des Theaterkanons auf und wieder ab. So geht es beispielsweise von Bianca, der Weißen und Unschuldigen, über die weiße – nicht graue! – Friedenstaube von Picasso über Sperma im Mund bis zu einem für 3.200 Euro reparierten Jungfernhäutchen. Trotz der kurzweiligen und poppigen Inszenierung fragt man sich, wohin der Text und mit ihm der ganze Abend treibt.
Das Kaleidoskop der angerissenen Themen, die tote Frau vom Anfang ist auf der Strecke vergessen worden, endet in der Beschwörung von Schwesternschaft durch ein satanisches Ritual mit Befreiungstanz. Als Brunner zum Schlussapplaus die Bühne betritt, stöhnt eine Zuschauerin hörbar auf: "Jelinek für Arme!" Überhaupt sind Lacher und Applaus im Saal ungleich verteilt: Während bei der Premiere im Rang ein Fanclub zu sitzen scheint, reagiert das Parkett mit höflicher Zurückhaltung darauf, dass die angekündigte Bühnenrevolution als flüchtiger Theaterzauber versiegt.
Der Zähmung Widerspenstigkeit
von Katja Brunner nach William Shakespeare
Regie: Pınar Karabulut, Bühne: Michela Flück, Kostüme: Claudia Irro, Musik: Daniel Murena, Video: Susanne Steinmassl und Amon Ritz, Licht: Cornelia Gloth, Dramaturgie: Daniel Richter.
Mit: Maren Eggert, Lorena Handschin, Katrija Lehmann, Daria von Loewenich, Abak Safaei-Rad, Natali Seelig, Regine Zimmermann.
Uraufführung am 19. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.deutschestheater.de
Kritikenrundschau
"Die Stimmung ist bitterfröhlich", während sieben Spielerinnen "eine Art Hexenyoga-Asana oder ein sprachliches Zirkeltraining" ableisten, vermerkt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (20.12.2024). "Dabei erweisen sie sich als überaus fit und athletisch, was Formung und Akzentuierung der sich immer wieder selbst überholenden und karambolierenden Brunner-Sentenzen angeht." Katja Brunner "kontert die misogyne Handlung" aus Shakespeares Vorlage und "versucht die patriarchalen Motive, Konventionen und Machtkonstellationen aufzuknacken, was sich schwierig gestaltet, weil sich der männliche Blick tief in die sprachliche Struktur gefressen hat". Es sei "nicht leicht, dem immer wieder aufsplitternden Kauderwelsch zu folgen", so der Kritiker. "Zumal man sich mit jedem Zweifel an der Wirksamkeit dieser Strategie zum Mitschuldigen macht."
"Ein furioses, sehr spielfreudiges Septett" hat Katrin Pauly von der Morgenpost (20.12.2024) am DT erlebt, allerdings spiele es sich durch eine "lose Szenenfolge aus mehr oder weniger feministischen Diskursen". Der Text "klingt bisweilen leicht nach Jelinek, aber leider weniger scharf und pointiert"; einige schöne solidarische Szenen entstünden im Finale des "insgesamt eher schwachen Abends".
Die "assoziativen bis lautmalerischen Motivumkreisungen" von Katja Brunner, die sichtlich zu Elfriede Jelinek heraufschauten, seien "unglaublich anstrengend und auf Dauer ermüdend", urteilt Christine Wahl im Tagesspiegel (20.12.2024). "Alles Mögliche und Unmögliche am Frausein" würde an diesem Abend unterschiedslos "dem gleichen Sprachspiel unterworfen und so letztlich in Rhetorik aufgelöst". Im Programmzettel heiße es, "der ‚Benthamsche Wachturm‘ – Symbol modern-disziplinierender Überwachungsarchitektur – werde hier von den ‚widerständigen Frauen‘ besetzt", schreibt die Kritikerin und konstatiert. "Papier ist wirklich geduldig."
Brunner führt angestrengt ironische Diskurse irgendwo in der neu-feministischen Bubble, so Barbara Behrendt im rbb24 Inforadio (20.12.2024). "Pseudo-radikale, pseudo-wütende Sprachgirlanden sind das." Da können selbst große Schauspielerinnen nichts mehr retten. "Noch dazu paart die Regisseurin Pinar Karabulut das halbironische Diskurs-Geschwurbel mit opulenten Filmszenen." Fazit: "Ein Desaster."
In einem Überblickstext zum Thema Misogynie in neuen Stücken lobt Katja Kollmann von der taz (4.1.2025) die Produktion: "Pınar Karabulut setzt in ihrer Regie auf Empowerment. Die gewaltige Energie, die sich von der Bühne in den Saal ergießt, sollte es rausschaffen auf die Straße, in den Bundestag, in die Justiz, zur Polizei und in die Jugendämter. Denn der Protest gegen Misogynie ist, obwohl die Hälfte der Bevölkerung betroffen ist, in diesem Land keine Massenbewegung."
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Dementsprechend gehen die Blicke der Sitznachbar*innen oft zur Uhr/zum Handy-Display. In zahlreichen Schleifen und Verschachtelungen kreist Pinar Karabuluts „Der Zähmung Widerspenstigkeit“ um ihr zentrales Thema, den Mord an Frauen. Die politische Ambitioniertheit des Abends ist glasklar und voller Entschiedenheit. Künstlerisch wirkt vieles holprig, zwischen all den Bruchstücken entsteht kaum ein spielerischer Drive. Oft rettet sich die Inszenierung in den Slapstick, aus einigen Ecken des Saals folgt dann jeweils dünnes, aber doch dankbares Kichern.
In den beiden Schluss-Szenen setzt Karabulut zwei Ausrufezeichen: der Abend wird zum Totenmesse-Ritual für die gedemütigten und ermordeten Frauen, bevor er in einen letzten wütenden Empowerment-Aufschrei-Rap mündet, der vom Publikum begeistert gefeiert wird.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/12/19/der-zaehmung-widerspenstigkeit-deutsches-theater-kritik/
Bei so einem wichtigen und dringlichen Thema.
Die tiefste Langeweile strahlt in den Raum.
Die banalsten Botschaften werden als kluge Weisheiten verkauft.
Das alles grenzt an einer Beleidigung für die wirklich engagierten, und für die Kunst.