Kinder der Sonne - Stephan Kimmig siedelt Maxim Gorki im Milieu Mitte an
Ulrich, Nina und die anderen
von Wolfgang Behrens
Berlin, 15. Oktober 2010. Ein Blick ins Programmheft belehrt einen schon vor Beginn: Das Russland Maxim Gorkis findet hier heute nicht statt. Alles, was an die vorrevolutionäre russische Gesellschaft gemahnen könnte, ist sorgfältig aus dem Rollenverzeichnis gestrichen: der aufwieglerische Pöbel, die Kinderfrau, die Dienstboten, der betrunkene Anarchist, der neureiche Kapitalist - sie dürfen nicht mitspielen. Und auch auf der Bühne köchelt nicht, wie sonst so oft in Inszenierungen der russischen Klassiker, pars pro toto ein Samowar vor sich hin. Übrig bleiben nur: die Kinder der Sonne, von denen der Abend seinen Titel bezieht.

Sie heißen Pawel, Jelena, Dmitrij oder Melanija, in der Neuinszenierung des Deutschen Theaters freilich könnten sie auch Ulrich, Nina, Sven oder Katrin heißen. Denn der Regisseur Stephan Kimmig hat das Milieu der russischen Intelligenz, das bei Gorki in betriebsam geschwätziger Untätigkeit die sich abzeichnenden sozialen Verwerfungen komplett verschläft, nach Berlin-Mitte (oder Prenzlauer Berg oder Friedrichshain oder ...) geholt. Da kreiseln Ulrich, Nina und die anderen nun um sich selbst - sowie durch das von Katja Haß auf die Bühne gebaute Labyrinth aus locker arrangiertem Gestänge und Leichtmetallschienen (ein paar welke Zimmerpflanzen sind auch dabei) -, und wir sehen: die stinknormale Mittelschicht von heute. Man kennt diese Leute von nebenan. Man gehört womöglich dazu.
Lob und Preis den Spielern
Und nun gilt es zu rühmen. Denn am Deutschen Theater hat sich ein Ensemble von Darstellern zusammengefunden, das seinesgleichen kaum hat. Die beherrschte Nonchalance, die abgezirkelte Beiläufigkeit, mit der diese Schauspieler ihre Dialoge sprechen - das ist hohe Kunst, auch dann noch, wenn ihnen die zum Edelboulevard hin zwinkernde Spielfassung mit ihren neckischen Aktualisierungen auf halbem Wege - mindestens! - entgegenkommt.
Eine gewisse Fahrigkeit, die man als Zuschauer schnell mit Natürlichkeit assoziiert, wird von den glorreichen Sieben, die Kimmigs Aufführung versammelt, meisterlich in das Spiel ihrer Körper und vor allem ihrer Hände integriert. Man schaut da gerne, sehr gerne hin: ob es ein verlegen bübisches Lächeln von Ulrich Matthes ist oder ein lässiges Lehnen von Nina Hoss, ein Nesteln von Sven Lehmann oder eine verhuschte Geste von Katharina Schüttler - sie spielen das alle rasend gut.
100 kurze Minuten lang also wird man von Gorkis "Kindern der Sonne" bestens unterhalten. Doch kann es das sein? Bei aller Freude an der darstellerischen Klasse schleicht sich doch das Gefühl ein, dass Stephan Kimmig es sich und vor allem uns an diesem Abend etwas zu einfach macht. Er rückt das Stück so nahe an uns heran, dass es seine Widerhaken verliert. Schon nach ein paar Minuten hat man die Lektion gelernt: ja, da gibt es in der Mitte der Gesellschaft eine Schicht, die einstmals das Bürgertum genannt wurde und die sich nun aus jeglicher sozialen Verantwortung stiehlt, um sich stattdessen neurotisch mit ein paar hausgemachten Privatproblemen herumzuschlagen.
Die Pointe kommt, der Schmerz bleibt aus
So brillant die Inszenierung den Typus der sich um sich selbst drehenden Elementarteilchen zeichnet, so schnell verliert er auch an Interesse. Man kennt ihn nicht nur, man hat ihn auch schon zu oft gesehen. Und so weit, dass es schmerzen könnte, gehen Kimmig und seine Schauspieler nicht: Zuvor kommt immer schon die zwanglos eingestreute Pointe.
Und so wird denn die Streichung des Gorki'schen Umfelds letztlich doch zum wesentlichen Mangel des Abends. Es ist nicht der Samowar, der fehlt. Es gibt aber bei Gorki eine Außenwelt, die seine Figuren bedroht, auch wenn diese das kaum wahrhaben wollen. Gorkis Kinder der Sonne tanzen auf einem Vulkan. Dieser Vulkan indes ist bei Kimmig auf einen Hausmeister, der immerhin einmal mit einem Hammer gegen das Bühnengestänge schlägt, zusammengeschrumpft. Natürlich ist diese Reduktion der Clou der Aufführung - wir haben das schon verstanden! -, sie ist aber auch ein bisschen wenig.
Wenn Katharina Schüttler im zweiten Akt plötzlich zur großen, leicht hysterisch grundierten Standpauke ausholt - "Ihr seid so weit von den Menschen entfernt, von denen ihr sprecht" -, dann drängt sich schon die Frage auf, wer diese Menschen eigentlich sein sollen. Kimmig hat sie und mit ihnen jegliches soziale Gefälle getilgt. Und vielleicht muss man ja auch genau hier die Botschaft des Abends suchen: Eine reale Bedrohung der Mittelschicht gibt es nicht mehr, vom sozialen Gefälle geht keine Beunruhigung mehr aus. (Was man zumindest anzweifeln kann, wie die nicht enden wollenden Diskussionen der letzten Wochen zeigen.) Schüttlers Ausbruch jedenfalls verpufft auf seltsame Weise, er findet in der Inszenierung keine Resonanz. Der Rest aber ist gefällige Milieustudie.
Kinder der Sonne
von Maxim Gorki
Übersetzung von Ulrike Zemme, Fassung von Stephan Kimmig und Sonja Anders
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik:Michael Verhovec, Licht: Matthias Vogel, Dramaturgie: Sonja Anders.
Mit: Ulrich Matthes, Katharina Schüttler, Nina Hoss, Sven Lehmann, Alexander Khuon, Katrin Wichmann, Markus Graf.
www.deutschestheater.de
Mehr zu Stephan Kimmig? Lesen Sie in unserem Lexikon.
Gorkis "Kinder der Sonne" werde von den Theatern gerade "als Stück zur tagesaktuellen Eliten-Demontage" neu entdeckt, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (17.10.2010). Kimmig verorte die Leistungsträger nicht wie Perceval "auf der Freud'schen Couch, sondern – elitäre Höchststrafe – in einer Boulevardkomödie". Wem das alles "zu sehr nach Yasmina Reza" klingt, müsse dafür vor allem unsere Gegenwart verantwortlich machen. "Wir sehen gesellschaftlichen Eliten bei der Selbstoffenbarung und Selbstzersetzung zu – mit hohem Identifikationspotenzial." Das sei zwar "nicht neu, aber eine konsequente Lesart". Und dass Kimmig den Text "so bedingungslos eingekürzt und ins Heute geholt, dass es mitunter holpert", verzeihe man gern. Dem "hochkarätigen Ensemble" gelinge "die Balance zwischen Karikatur und ernst genommener Befindlichkeitsduselei über weite Strecken" sehr plausibel. Der Regisseur rücke die Leistungsträger weit von den "Niederungen der sozialen Wirklichkeit" weg, lasse deren utopischen Entwürfe "auf privates Befindlichkeitsniveau" schrumpfen. Von Gorkis Prekariat bleibe nur Hausmeister Jegor, demgegenüber Matthes die "beiläufige, buchstäblich selbstsichere Souveränität des Bürgers gegenüber dem Proleten" spiele, die sich "hervorragend mit sozialem Engagement" verträgt. Diese Skizzierung des "jovialen Bürgertums" mache den Abend auch zum "scharfsichtigen Kommentar" auf den "zeitgeistigen Theaterbetrieb", der sich ja "allzu gern mit linksromantischen Sozialentwürfen" schmücke.
Michael Laages vom Deutschlandfunk (Kultur Heute, 17.10.2010) fühlt sich in eine Fortsetzung des Tracy-Letts-Erfolges "Eine Familie" versetzt. Den sogenannten "besseren Kreisen" stehe "mit dem finstren Jegor die Unterschicht in Reinkultur gegenüber". "Am Zusammenprall dieser Schichten (...) werden beide Seiten dieser Welt zu Grunde gehen". Diesen "Zustand der Entfremdung" zeige Kimmig überaus gegenwärtig. Bei seiner starken Stück-Raffung sei "erstaunlicherweise (...) auch ein Handlungsstrang gekappt, der besonders modern wirkt": ein Geschäftemacher will Protassow das Labor abkaufen, um den Wissenschaftler als Angestellten weiter zu beschäftigen. "Aber das hätte womöglich nicht recht gepasst zu Kimmigs Idee von der Großfamilie, die sich hier gemütlich mit dem eigenen Untergehen beschäftigt". Gorkis Stück gewinne in dieser Bearbeitung "die Qualität eines angeschärft-zugespitzten Alltagsdiskurses; kein Wort zu wenig, keins zu viel. Auch deshalb sieht das nach aller klügstem Broadway aus." Die Rede von der "Star-Besetzung" im Vorfeld hält Laages für völlig verfehlt, seien die hiermit wohl Gemeinten, Hoss, Schüttler und Matthes, doch "Teil eines Ensembles, das, wenn denn dieser Begriff überhaupt benötigt wird, der Star des Abends ist". Alle zusammen markierten "ein Ensemble-Spiel, wie es keines sonst gibt in der Hauptstadt; und auch sonst im Land nur sehr selten". Vorausschauendes Fazit: "mit Sicherheit eines der wirklich großen Ereignisses dieser Saison".
Wieder mal "ein Attentat des Regietheaters auf das dramatische Welterbe"?, fragt Ulrich Weinzierl in der Welt (18.10.2010). Aber hat Kimmig Gorkis Stück wirklich "frech und respektlos, ohne Sinn für den historische Kontext" inszeniert? Aber nein! Vielmehr habe man es hier mit einer " Sternstunde nicht allein des Berliner Theaters" zu tun. Nie habe Kimmig "Besseres, in sich Stimmigeres gemacht". Klar, "Tiefe und Tragik verbergen sich hier hinter einer Edelboulevardkomödie", "eine vermeintliche Elite weiß nicht, was sie tut, schwafelt freilich hingebungsvoll". Dass einen "diese menschlichen Elementarteilchen" faszinierten, liege am "fabelhaften, perfekt und locker aufeinander eingespielten Ensemble", das die "armseligen Gestalten" bei aller Lächerlichkeit nicht an die Karikatur verrate, "wir müssen uns – ob wir wollen oder nicht – mit ihnen identifizieren". Matthes' Protassow sei ein "altes, egozentrisches Kind", eine "Monade im bürgerlichen Speck", Schüttlers Lisa "der Fleisch gewordene Jammer, reine Depression". Khuon habe mit Tschepurnoj endlich wieder eine "seinem Ausnahmetalent angemessene Rolle gefunden". Und Wichmann zeige "äußerst differenziert" das Anrührende in Melanijas "aberwitziger Verehrung Protassows". Hoss agiere "klug und präzise bis zur Schärfe". Kimmig sei mit seinem Weiterdenken Gorkis "Außerordentliches" gelungen. "Kurzum: Theaterglück." "Wir erkennen uns im Zerrspiegel und ahnen: Das ist die traurige Wahrheit und nichts als die Wahrheit."
Für Jürgen Otten von der Frankfurter Rundschau (18.10.2010) beginnt der Abend "leicht, lapidar: lakonisch", als wollten alle betonen, "dass das Leben doch nur ein Spiel sei". Kimmig führe uns "in seiner brillanten Inszenierung" die Folge des "Weltabhandengekommenseins" bei Gorki "mit größtmöglicher Ironie" vor: "Keiner versteht keinen, jeder träumt für sich seinen eigenen Lebenstraum, alle reden aneinander vorbei". Auch die Bühne von Katja Haß zeige ein "entseeltes Ambiente", mit verkümmernden Pflanzen – ein "plastisches, plausibles Bild für die Beziehungen, die hier gepflegt, oder besser: eben nicht gepflegt werden". Matthes' Pawel sei ein "nonchalant lächelndes, dabei aber im höchsten Maße versponnenes Menschenkind", Wichmanns Melanija "ein Ausbund an verrückter Naivität". Jelena fliehe in den "kontrollierten Sarkasmus", und "jeder Satz, den die luzide Nina Hoss sagt, ist eine Spitze, und mindestens jeder zweite ein giftgetränkter Pfeil". Khuon leihe Tschepurnoj eben "jene Leidenschaft, die den an der Menschheit verzweifelnden Tierarzt in den Suizid treibt. Eine famose Darbietung". Als die Nachricht von seinem und des Hausmeisters Gattin Tod eintrifft, kippe das "spöttische Spiel vollends und ziemlich abrupt um", plötzlich trete "die Wirklichkeit hinein in diesen Kirschkindergarten". Auch für Otten ist's ein "großer, ein bedeutender Theaterabend".
Einen "Schauspielhochglanzabend" hat auch Dirk Pilz von der Berliner Zeitung (18.10.2010) gesehen. "Sie sind allesamt hinreißend!", taumelten "durch die Schluchten ihrer Figurenseelen", setzten diese aber auch "in dick ausgemalte, saftige Großbuchstaben". "Glitzernder Prachtboulevard", "sehr unterhaltsam, sehr schillernd, sehr süffig inszeniert". Kimmig schaffe das "vorgeblich wirklichkeitsgetreue Gemälde einer saturiert schicken, wohlhabend zynischen Mittelschicht", zeige sich fortwurstelnde "Ich-AGler", "Tagträumer", "die in einem Gespinst von Einbildung und Weltverachtung leben, (...) bedroht aber von einer revoltierenden Außen- und Anderswelt". Diese sei hier auf Hausmeister Jegor zugespitzt, er soll "das superkritische Störmoment sein, werde allerdings zum "Alibi für eine Milieustudie, die bloß verdoppelt, was sie zu kritisieren vorgibt: die schalen Selbstgefälligkeiten, den billigen Sarkasmus einer entpolitisierten Kaste". Vielleicht sei dies tatsächlich das "treffende Porträt einer Mitte-Generation, die den Verhältnissen und Artgenossen wahlweise achselzuckend oder ausbeuterisch begegnet". Vielleicht auch fasse Kimmig nur deshalb so "beherzt ins Boulevardfach", um dem "Verzweiflungsfinale" die entsprechende Fallhöhe zu verschaffen. "Das aber verpufft", da "alles Fallen und Verzweifeln (...) wie auf Samtkissen gebettet" ist. Wo der Autor den Zuschauer so sehr habe aufrütteln wollen, "'dass er sich in seinem Sessel nicht mehr wohl fühlt'", rolle Kimmig ihm "die weichen Teppiche gefahrloser Identifikation aus".
Warum Kimmig sich Gorki vornimmt, leuchtet Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen (18.10.2010) wenig ein. Die Fassung entferne sich weit vom Stück, die Inszenierung reduziere nicht nur das Personal, sondern auch die "brisante Gesellschaftskomödie", nämlich "auf vorwiegend private Beziehungskisten". Die Schauspieler sprächen die "prahlerische Neudichtung" "als Sprechblasen auf zwei Beinen" in "so schnöseligem wie abgedroschenem Tonfall". Erst als sich "der plumpe Gegenwartszinnober" zur Mitte des Abends lege, könnten die Darsteller "aus den eitlen, dünnen Regiegeschichtsfädchen ein psychologisch grundiertes Emotionalgeflecht zaubern". Hier vermittle die Inszenierung, "offen für die Mäander dieser im (...) Niemandsland ihrer Utopien gestrandeten Heilsbringerkarikaturen", dann tatsächlich etwas "von Gorkis materiellen wie mentalen Umbruchsvisionen". Und das "zum Teil hochkarätig besetzte Ensemble" dürfe endlich "sein Können anwenden und über die Verwerfungen von Geist und Seele in den Zeiten extrem wechselnder Machtkonstellationen erzählen", statt "die Langeweile durch Langeweile, die Erstarrung durch Erstarrung" zu vermitteln. Matthes, Hoss, Lehmann und Wichmann empfindet Bazinger als "wunderbare Filigranspieler des ins Trudeln geratenen Unbewussten"; "eher grobe Skizzen" hat sie bei Schüttler, Khuon und Graf gesehen.
Dass "Kinder der Sonne" wie eine "böse-komische Milieustudie unserer Tage" wirke, liege am "glänzenden Ensemble" und an Kimmigs "psychologisch genauer Regie", die auf alle "auftrumpfenden Effekte und auf politische Rechthabereien" verzichte, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (19.10.2010). Das "Wetterleuchten" der heraufziehenden Umbrüche sei gestrichen, übrig blieben "empfindsame Akademikerseelen mit einem arg verrutschen Gefühlsleben", lauter "mal kindisch, mal leicht hysterisch vor sich hin brabbelnde Autisten - Botho Strauß auf russisch". Das sei "ziemlich komisch". Und "ziemlich traurig". Gerade indem Kimmig und sein Dramaturgin Sonja Anders Gorkis Schauspiel entpolitisierten, entwickele ihre Fassung "zeitdiagnostische Kraft". Eine kluge, "wunderbar leichte, hinter der komischen Oberfläche hoffnungslos melancholische Inszenierung".
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Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ wird wenig gespielt. Er schrieb es, seine Erlebnisse des Petersburger Blutsonntags verarbeitend, 1905 in der Haft der Peter-Pauls-Festung und verlegte die Handlung ins vorrevolutionäre Russland der Cholera-Epidemie von 1892. Erst vor einem Jahr gab es eine Version des Stücks von Luc Perceval bei seinem Antritt als Oberspielleiter am Hamburger Thalia Theater. Er hatte die russische Intelligenzia in ihrem Elfenbeinturm mit tragik-komischen Zügen ausgestattet und für seine Therapiesitzung sehr zwiespältige Reaktionen geerntet. Hier war der Gegenpart die Proleten noch in Form eines Kindermädchens und des Hausmeisterehepaars vertreten.
Am DT muss diesen Part nun der Hausmeister Jegor allein stemmen. Markus Graf gibt ihn als buckligen dauerbesoffenen Erniedrigten und Beleidigten der den Hammer schwingt. Die eigentlichen Kinder der Sonne, wie sie Gorki noch als nach dem Licht der Erkenntnis Strebende beschrieb, sind nun saturierte bürgerliche Spießer, die sich nur um sich selbst drehen und schnell ist klar, das hier nicht Russland gemeint ist, sondern die heutige Zeit in der schicken Mitte von Berlin. Stephan Kimmigs Elite, die eigentlich zum Wohle des Volkes forschen und Idealistische Kunst erschaffen wollte, ist alles nur noch unnötig und peinlich oder sie resigniert zynisch vor der Zukunft. In ihrem Mittelpunkt stehen nur ihre vergebliche Suche nach Liebe, Geld und die Angst gesellschaftlich zu scheitern. Kimmig bietet für seine Sicht auf das Mitte dieser Tage ein Staraufgebot an Bühnenschauspielern auf, wie es schon lange nicht mehr in Berlin zu sehen war. Nach seinem eher gescheiterten Lessing geht er diesmal auf Nummer sicher und hat alles richtig gemacht. Die Schauspieler allen voran Ullrich Matthes als völlig weltfremden Wissenschaftler und Menschheitsversteher Protassow tänzeln diesen Abend, auch schon mal mit russischer Folklore aus, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Es ist streckenweise atemberaubend. Nina Hoss als Protassows Frau Jelena ist hier nicht nur die leidende vernachlässigte Gattin, sie darf auch schon mal die Contenance verlieren als Protassow eher um seine Forschung und über Unannehmlichkeiten besorgt ist, als um das Glück seiner Ehefrau. Die junge reiche Witwe Melanija rutscht ebenso glatt an ihm ab, als sie ihm ihre Liebe gesteht, dabei aber eigentlich nur einen schönen Menschen für sich kaufen will. Sven Lehmann als Künstler Wagin interessiert seine Kunst schon lange nicht mehr wirklich. Das er eigentlich das Sonnenschiff, das Jelena im Traum gesehen hat malen soll, kommt in Kimmigs Inszenierung gar nicht mehr vor. Wagin poltert hier nur und als er seine Liebe zu Jelena enttäuscht sieht, gibt er einen resignierenden Kalauer mit dem Steiner-Gedicht von Robert Gernhardt zum Besten.
Beckmann sprach zu Rudolf Steiner:
"Wird mein Bild nicht immer feiner?"
Darauf knurrte Steiner: "Beckmann,
wisch den Unfug lieber weg, Mann!"
Ein weiteres vergebliches Liebespaar ist mit Katharina Schüttler als Lisa, gemütskranke Schwester Protassows und Alexander Khuon als Tierarzt Boris Tschepurnoj, Bruder von Melanija am Start. Das ist Resignation pur. Hier versagen sich zwei eine Liebe, das es einem schon das Herz zerreißen möchte. Der beginnende Wahnsinn ist Lisa schon von Anbeginn eingeschrieben, Boris, selber tief depressiv und ein zynisch vom Leben Enttäuschter, kann dem nicht viel entgegensetzen, sein Freitod aus enttäuschter Liebe ist allerdings in Kimmigs Inszenierung eher unverständlich. Der Mob der sich vor den Türen der Hauses formiert, ist hier nicht anwesend. Lisa ist die Warnerin, die als Kassandra Verschriene, die man lieber ins Bett schickt, weil man sich ihrer schämt. Als dann Jegor wieder besoffen und nicht als Anführer eines Progroms ins Haus stürzt, wird er wie ein aus der Rolle gefallener Straßenfegerverkäufer in der U-Bahn behandelt und angespuckt. Was da draußen eigentlich wirklich los sein könnte, interessiert hier drinnen niemand mehr. Kimmig entzaubert das tolerante Bildungsbürgertum konsequent, kommt aber leider über Edelboulevard nicht hinaus. Irgendwie hat man das alles schon x-mal gesehen, hier allerdings von unterforderten Bühnenstars in Höchstform. Kein Funken Utopie nichts, das Schiff der Sonne liegt vermodert in der Reede.
www.blog.theater-nachtgedanken.de
Warum sollte er es denn nicht dürfen?
Kafka sprach zu Rudolf Steiner:
"Von euch Jungs versteht mich keiner!"
Darauf sagte Steiner: "Franz,
ich versteh dich voll und ganz!"
Steiner sprach zu Hermann Hesse:
"Nenn mir sieben Alpenpässe!"
Darauf sagte Hesse: "Steiner,
sag mal, reicht denn nicht auch einer?"
Steiner sprach zu Thomas Mann:
"Zieh mal dieses Leibchen an!"
Darauf sagte Mann zu Steiner:
"Hast du's nicht 'ne Nummer kleiner?"
Rilke sprach zu Rudolf Steiner:
"Keiner ist so klein wie meiner!"
Tröstend meinte Steiner: "Rainer,
meiner ist noch etwas kleiner!"
Beckmann sprach zu Rudolf Steiner:
"Wird mein Bild nicht immer feiner?"
Darauf knurrte Steiner: "Beckmann,
wisch den Unfug lieber weg, Mann!"
(Werte Kombattanten,
Thema dieses Threads ist Kimmigs Inzenierung. Im Sinne der "Themenbezogenheit" wäre es also sinnvoll, vom gegenseitigen Bashing zurück zur Diskussion zu kommen.
Georg Kasch für die Redaktion)
El-friede sagt übrigens zum Thema Sonne: "[...] die brauchen wir jetzt einmal nicht, was die kann, können wir schon lange: mehr scheinen als sein, so grell scheinen, daß man das Sein gar nicht mehr sieht; [...]." Tja.
(Das Gernhardt-Gedicht wurde in Kimmigs Inszenierung verwendet, deshalb müsste diese Frage an den Regisseur gehen. Georg Kasch für die Redaktion)
Ich hätte da eine philologische Nachfrage zu den Steiner-Versen (auch wenn das sich jetzt nicht so sehr konkret an der Inszenierung abarbeitet). Die ersten drei Strophen sind ja fester Gernhardt-Kernbestand (aus "Besternte Ernte") - wo aber kommmen die Rilke- und Beckmann-Strophen her? Sind das Apokryphe? Oder Fakes?
Also ich denke, Kimmig hat Wagin das Steiner-Gedicht aufsagen lassen, als bissigen Seitenhieb a) auf das Bildungsbürgertum per se, dann b) natürlich noch in Bezug auf Steiners anthroposophische Weltanschauung, als Abgesang auf den Idealismus in Gorkis Stück c) schließlich als zynische Replik auf Jelena, die in dieser Fassung ja Lehrerin ist, wahrscheinlich sogar in einer Waldorfschule, würde jedenfalls passen.
@ Wolfgang Behrens
Puh, da kann ich Ihnen jetzt auch nicht weiterhelfen, ich habe Gernhardt nicht mal im Bücherschrank, obwohl ich ein großer Fan solcher Dichtung bin und es auch immer mal selbst versuche. Die Verse habe ich ergoogelt ohne jetzt speziell darauf zu achten, ob sie original Gernhardt sind oder nicht. Jedenfalls sind in allen Quellen des Internets die letzen beiden Strophen enthalten. Es gibt tatsächlich eine Internetseite, in der die Urheberschaft anzweifelt wird: kunst.elvira-von-seydlitz.de/steiner.html
Eine weitere Website mit dem Steiner-Gedicht ist: azzurro.designblog.de/thema/robert-gernhardt....41/
Man kann solche Gedichte natürlich unendlich weiterspinnen. Gernhardts Steiner-Gedicht lädt einen ja geradezu ein sich selbst zu versuchen. Siehe erste Website.
Ich denke der Dramaturg hat diese Version gewählt, weil Wagin Maler ist und die Beckmann-Verse gut passen.
Stephan Kimmig nimmt zwei zentrale Änderungen vor: Erstens verlegt er das Geschehens in die heutige Zeit (wie Gorki es in die Vergangenheit schob), zweitens blendet er den Pöbel, das einfache Volk fast vollständig aus. Übrig bleibt nur der Hausmeister Jegor, der ein bisschen pöbeln darf, einige clowneske Momente hat, aber eher lächerlich als bedrohlich wirkt. Einmal darf er mit einem Hammer den von Katja Haß gebauten Stangenwald malträtieren. Ein Bild der Bedrohung der fragilen Innenwelt durch die Gewalt der Realität, dass in seiner Einfalls- und Hilflosigkeit seinesgleichen sucht.
Mit der Beschneidung des Personals und dem Bühnenbau endet dann auch die Regiearbeit Kimmigs weitgehend. Er stellt einfach ein Ensemble auf die Bühne, das jeden Theaterliebhaber mit der Zunge schnalzen lässt. Ulrich Matthes, Nina Hoss, Sven Lehmann oder Katharina Schüttler, so meint er, werden schon etwas draus machen. Und natürlich tun sie das, jeder für sich. Matthes spielt den Protassow als weltfremden lächerlichen Jammerlappe weit jenseits der Grenze zur Parodie, Nina Hoss spielt jede Schattierung des Gelangweiltseins durch, Lehmann probiert jede Nuance aus, die seine schnarrende Stimme hergibt und ergeht sich ansonstem in einem spöttischen Lächeln, das den Eindruck erweckt, es gelte der Inszenierung selbst. Nur Katharina Schüttler fühlt sich sichtlich unwohl und erscheint irritiert ob des behaupteten Weltschmerz, den sie darstellen soll. Ihre Lisa ist in der Verweigerung des oberflächlichen Leidens vielleicht die authentischste Figur.
Ansonsten spielt man vor sich hin und nebeneinander her, wird von Zeit zu Zeit zu bedeutungsschwangeren Tableaus aufgestellt, die eher das Niveau eines Fotoshootings für "Germany's Next Topmodel" haben, und wartet ansonsten auf den Vorhang. Da ist keine Spannung, zum einen weil der Reibungspunkt der feindlichen Außenwelt, der "echten" Realität fehlt, aber auch weil sich Kimmig weigert, das ganze wenigstens als Kammerspiel, als Drama einer hermetisch abgeschotteten Parallelwelt, zu inszenieren, wenn nicht als Tragödie, dann wenigstens als Farce. Aber es ist nicht einmal eine ironische Darstellung einer überdrehten Mittelklasse von heute. Was da auf der Bühne zu sehen ist, sind Aufwärmübungen eines Schauspiel-Workshops. Machen Sie mal einen weltfremden Professor. Sehr schön. Und jetzt ist Mittagspause.
Insgesamt hat es mir sehr gut gefallen, obwohl inhaltlich sehr wenig geboten wurde. Gorki hätte diese Version vermutlich verbieten lassen, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Das kühle Interieur erinnerte stark an die von der Schaubühne präferierten Bühnenbilder.
Nun, warum war es denn so gut? Trotz des uferlosen privatistischen Beziehungsstapels gelang es Kimmig und Sonja Anders, spielwürdige Passagen und wortmächtige Dialoge einfließen zu lassen und überflüssigen Ballast herauszufiltern. Das vollständige Ausklammern sozialer Komponenten und politischer Konsequenzen wurde dadurch verzeihlich. Wenn nicht so gut gespielt worden wäre, hätte man den Blick zwangsläufig mehr auf das Inhaltliche gerichtet. Stark verbessert war Nina Hoss im Vergleich zu „Öl“. Alles, was damals in ihrem Spiel manieriert, überzeichnet und gestisch überfrachtet war, wurde jetzt auf ein wohltuendes Maß reduziert und dadurch zur Glanzleistung. Dass Matthes mehr aus sich herausholen kann als kürzlich bei „Peggy Pickit“, konnte er diesmal wieder unter Beweis stellen – bei Schimmelpfennigs kargem Text hat selbst ein versierter Schauspieler Mühe, seine Rolle halbwegs akzeptabel über die Bühne zu bringen. Hervorragend war noch Lehmann, Khuon versank diesmal in Mittelmaß und Frau Gräser fehle das Überspannte, Exzentrische, sie spielte zu „normal“.
habe katharina schüttler im november an der schaubühne als hedda gabler gesehen und da war sie schon fortgeschritten schwanger...
Erinnere mich eigenartigerweise gerade an einen anderen Thread, wo es hieß, im nachtkritik de.-Forum gäbe es keine immanente Würdigung
der Inszenierungen, sondern es herrsche -das neue Modewort: lückenlos- der Anspruch, das Wunschdenken, eine Inszenierung mit gefälliger Message geboten zu bekommen, alles Andere werde niedergemacht. So in etwa. Nicht, daß dieser Befund stimmen würde,
aber irgendwie hat mein zwiespältiger Eindruck schon damit zu schaffen, daß eine "immanente Würdigung" ohne einen Blick auf einen weitergreifenden Rahmen schlichtweg gar nicht so einfach zu haben ist. Was ich eben gesehen habe, das war eine Komödie reinsten Wassers, schon der Begriff Mitte-Komödie käme mir da merkwürdig vor, denn viel ausgreifender ließe sich das dort ausgestellte Verhalten auch sonst (außerhalb der Mitte Berlins) feststellen. Weit ist das auch garnicht von ganz allgemeinen "Schwächen" in menschlichen Gefügen, so daß das Fehlen der großen Stufe zwischen den Sonnenkindern und Nachtasylern nicht nur vom weitestgehenden Fehlen der Nachtasyler herrührt, sondern auch daher, daß hier der "Average sense of common man" auftritt im Grunde (nicht zu verwechseln mit dem common sense, der nämlich bleibt fatal ausgeblendet). Für dieses Oben/Unten findet Stephan Kimmig freilich mehr als nur diesen Hausmeister; viel besser finde ich das Bild mit dem "Händewaschzwang" nach der Visite der Jelena bei der Hausmeistergattin: großartig. Durch Immunisierung, so verschaffen wir uns heute schon eher Luft vor denen "da unten", und eigenlich ist es schon komisch, daß dieses meineserachtens viel schlagendere Bild so wenig Aufmerksamkeit in den Kritiken und Kommentaren genießt. Irgendwie sinnbildlich für das, was ich weiterhin sagen will: das geht in dem fulminanten, süffigen, gekonnten Aktionen schlichtweg unter. Ich glaube desweiteren schon, daß Kimmig hier extra nicht die große sozialrevolutionäre Trommel rührt, sondern uns geschickt einen Spiegel vorhalten will,
aber letztlich müßte er fast sagen: "Indem wir so spielen und ihr so lacht, verhalten wir uns grad ebenso wie die da Dargestellten auf der Bühne." Das aber wäre für meine Begriffe, bedenkt man die Allgemenheit des Dargestellten, die quasi reine Komödie, ein Widerspruch in sich und muß fast zwangsläufig selbst ein wenig zynisch wirken. Die Gefahr, sich in Parallelführung zur "Gokijgesellschaft", von hintenrum (qua) Komödie an die Allgemeingültigkeit des eigenen zynischen Potentials zu gewöhnen, würde ich von den strukturellen Bedingungen dieser Inszenierung her für garnicht so gering einschätzen, gerade weil der Abend so gut zu unterhalten wußte zB. in den "Überflüssig"-Szenen des Ulrich Matthes. Bleibt das zwiespältige Gefühl, aber ganz anders als zB. bei "Einsame Menschen". Ach so, auch daß am Ende ausgerechnet der Hausmeister und das junge -gerade durch den Hausmeister auch- verängstigte Wesen (auch in meinem Fall Oliva Gräser !) gewissermaßen ganz nah beeinander kauern als Verwitwete machte kurz einen starken Eindruck auf mich..