News from Beyond - HAU Berlin
Zur Geisterstunde beim Friseur
6. Februar 2025. Die Gruppe Gob Squad konfrontiert das Theaterpublikum gerne live mit dem Geschehen draußen in der Stadt. In ihrer neuen Produktion gehen sie nun auf Gespensterjagd in Berlin-Kreuzberg.
Von Janis El-Bira
"News from Beyond" von Gob Squad, Premiere am HAU Berlin
6. Februar 2025. So hätte man sich die Wesen aus dem Anderswo nun nicht unbedingt vorgestellt. Der Abend am HAU hatte schon knappe anderthalb Stunden auf der Uhr, als ein junger Mann mit Fahrradhelm auf dem Kopf die Bühnennebel durchschreitet, ein paar Runden um die dort mittlerweile ausgestellten Artefakte dreht und wortlos wieder verschwindet. Auch eine Frau mit Softdrink wird noch als stummes Orakel auftreten und ein vertrockneter Weihnachtsbaum am Haken baumeln. Dann hat der Spuk, der nie wirklich einer war, bald ein Ende.
Nachrichten ans Jenseits
Dabei hatte das doch recht verheißungsvoll angefangen. Mit Sarah Thom nämlich als äußerst charmanter Einweiserin in das Ritual der Geisterbeschwörung. Wer schon einmal an einer Séance teilgenommen habe, fragt sie, und fordert dazu auf, die Handys zu zücken und alle Fragen, die man an das "beyond" stellen wolle, per SMS an eine eingeblendete Nummer zu schicken.
Ihren Weg zu den Geistern finden die Nachrichten, deren Dringlichkeit – Publikumsbeteiligung bleibt Glücksspiel! – zwischen "Wo ist mein verlorener Schuh?" und "Warum ist alles so schlimm?" pendelt, mittels dreier menschlicher Medien aus der Gob Squad-Besatzung. Ausgerüstet mit ihren eigenen Handys schwärmen sie aus auf der Suche nach Antworten und per Voice-Nachricht kommt zurück, was sie im Zwischenreich auftreiben. Das heißt: In der Eckkneipe nahe dem HAU, beim Blick auf die Wahlplakate oder im Gespräch mit Menschen an der Dönerbude.
Funken des Zufalls
Wem das nun bekannt vorkommt, hat keine Erscheinungen, sondern bloß ein gutes Gedächtnis. Der Gang auf die Straße mitsamt Rückkopplung an das Publikum im Saal gehört zur DNA von Gob Squad. Ob in der Kultproduktion "Super Night Shot" oder dem großartigen Lockdown-Tröster "Show Me A Good Time" – oft schon schlug dieses Gespräch zwischen Drinnen und Draußen herrlichste Funken des Zufalls und der freundlichen Zwangsbekunstung Ahnungsloser. "News from Beyond" spult nun als Akustikversion dieselbe Idee ab, während auf der Bühne von Sarah Thom der Nebel zerteilt und Scheinwerferlicht zu hübschen Pyramiden geformt wird.
Die Performer als Medien © Dorothea Tuch
So vergeht die Zeit und weil sie’s ach so langsam tut, bleibt weidlich Gelegenheit für grundsätzliches Sinnieren. Darüber zum Beispiel, was los ist, wenn sich selbst eine der gedankenschärfsten Gruppen der Freien Szene nun bis zum Haaransatz einmümmelt im Possierlichen. Gerade weil die Form bekannt ist, fällt umso deutlicher auf, wieviel schärfer, lustiger, mutiger, subversiver, auch utopistischer das alles einmal war. Und man muss nicht einmal weit zurückblicken. Hatte nicht just diese Gruppe neulich am selben Ort mit "Handle With Care" einen Abend realisiert, der im Gewand eines vermeintlich schlichten Community-Kochens so elegant wie unkommentiert mehr soziale Realität abbildete als praktisch jede andere Inszenierung der Saison?
Reise in den Tag
Klar: Etwas davon transportiert sich auch in "News from Beyond". Wenn etwa die Stimme eines Friseurs aus dem Kiez über die "ungewöhnlichen" blonden Haare spricht, die der Arbeitstag brachte. Oder wenn durch Simon Wills Mund ein Mann erzählt, wie er fünf Jahre lang den eigenen Vater in den Tod begleitet und dadurch ein ganz eigenes, ihn beruhigendes Bild vom Sterben gewonnen hat. Da, endlich, scheint es um etwas zu gehen, das gar nichts mit Gespenstern zu tun hat. Der Kontaktwunsch mit den Jenseitigen wird als Sorgearbeit und Menschennähe zum Auftrag für das Hier und Jetzt. Den Geist der Putzigkeit aber, den dieser Abend sich rief, wird er trotzdem nicht wieder los.
News from Beyond
von Gob Squad
Entwickelt von: Oska Melina Borcherding, Johanna Freiburg, Mmakgosi Kgabi, Sean Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost und Simon Will, Komposition und Sounddesign: Manuela Schininà, Live-Sounddesign und Soundtechnik: Catalina Fernandez, Technische Leitung: Chris Umney, Lichtdesign: Chris Umney, Lea Schneidermann, Bühnenbild: Amina Nouns, Kostüme: Emma Cattell, Sarah Thom, Dramaturgie und Produktionsleitung: Christina Runge, Live-Übersetzung Berlin: PANTHEA – Irina Bondas, Künstlerische Mitarbeit: Helene von Schirach, Anna Zrenner, Assistenz Bühnenbild und Kostüme: Carla Lou Schäfer, Hospitanz: Jola Hauschild, Company Management Team: Heleen De Boever, Caroline Gentz, Talea Schuré, Grischa Schwiegk, mit Dank an: Sladja Blazan.
Mit: Passant*innen und vier der oben Genannten.
Premiere am 5. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.hebbel-am-ufer.de
Kritikenrundschau
Die Fragen, mit denen die Performerinnen und Performer bei der Premiere von den Zuschauer:innen ausgestattet würden, seien "nicht schlecht", befindet Patrick Wildermann im Tagesspiegel (6.2.2025). "Etwas zäh allerdings gestaltet sich die Suche nach Antworten, die als Live-Hörspiel ins schummrige HAU 1 mit seiner vernebelten Bühne übertragen wird." Vielleicht müsse man "einfach die gute Absicht des Abends anerkennen", so der Kritiker. "Es werden dieser Tage bösere Geister gerufen."
"Wie immer setzen die Performer sich selbst und ihr Konzept dem vollen Risiko des Ungeplanten aus", berichtet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (6.2.2025). Und tatsächlich entstünden auch "kurze, dichte Momente, die Brücken schlügen zwischen innen und außen", so die Kritikerin. "Und doch bleiben die Funde dieses Abends banal. Entzündet die Poetik des Alltags nur ein Miniflämmchen.
"Auch in ‚News from Beyond‘ webt das Kollektiv seine Beziehungskunst und kreiert gute Energien, auch wenn es nicht ihre stärkste Arbeit ist", urteilt Elena Philipp in der Berliner Morgenpost (8.2.2025). "Aber wie immer gelingt es Gob Squad, in dunkler werdenden Zeiten einen Funken Zuversicht zu zünden."
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