FIND-Festival 2025 - Schaubühne Berlin
Zwischen den Stürmen
13. April 2025. Heute geht in Berlin das FIND-Festival für internationale neue Dramatik zu Ende. Die zweite Hälfte zeigte exemplarisch, wie die Wogen des Weltgeschehens ans Private branden – bis hinein in winzige Wohnräume, durch deren Fenster das Publikum dieses Mal schauen durfte. Und am Ende gab es echtes Traumtheater.
Von Esther Slevogt
"Valentina" von Caroline Guiela Nguyen beim FIND © Théâtre national de Strasbourg
13. April 2025. Damals, als der Ukrainekrieg begann, und dieser westliche Reporter in irgendeiner westlichen Nachrichtensendung in die Kamera sprach, um zu Protokoll zu geben, die Ukrainer wollten leben wie "wir" und seien dabei blond und blauäugig wie "wir" und bräuchten deshalb militärische Unterstützung des Westens – damals habe sie es begriffen, sagt die junge Frau einmal: Sollte Russland auch ihr Land überfallen, werde aus dem Westen niemand zu Hilfe kommen, weil sie dem Bild der westlichen Weißen nicht entsprechen. Die junge Frau ist Teil eines Theaterstücks, das den weitesten Weg nach Berlin an die Schaubühne zum diesjährigen FIND-Festival zurückgelegt hat. "Уя (Nest)" von Chagaldak Zamirbekov kommt aus Bischkek, der über 5500 Kilometer von Berlin entfernten Hauptstadt der zentralasiatischen Republik Kirgistan, bis 1991 eine Sowjetrepublik.
Das ist ja immer wieder das wirklich Tolle an diesem Festival für internationale zeitgenössische Dramatik: dass es geopolitische Perspektivwechsel ermöglicht, Blicke in andere Gesellschaften und ihre Diskurse. Und zwar mitten am Kurfürstendamm. Und so sitzt man jetzt also in der neuen Spielstätte der Schaubühne "Kudamm 156" (dem Mendelsohn-Bau direkt gegenüber gelegen), und blickt in einen engen Hausflur. Das Publikum ist von drei Seiten um eine winzige Wohnung herum gruppiert. Von einer Seite kann es lediglich durch ein Fenster den Geschehnissen folgen. Erst sitzt in diesem Flur in einer Metallwanne noch ein Mann und berichtet, wie sein Vater einst die Familie verließ, um sich einer radikalislamischen Gruppierung anzuschließen. Eine Waisenhausleiterin erscheint und erzählt von den vielen Kindern, die sie groß zog. Man trifft die Kellnerin einer Shisha-Bar, eine junge Feministin, ganz alte und ganz junge Leute, immer von den fünf gleichen Spielerinnen und Spielern dargestellt, die mal russisch und mal kirgisisch sprechen.
Fallout der Weltpolitik
Lauter Lebensgeschichten, die virtuos ineinanderfließen und in der Summe das Porträt einer Gesellschaft ergeben, die zwischen verschiedenen kulturellen Einflüssen und geopolitischen Bedrohungen nach ihrem Ort und ihrer Identität sucht, zwischen Islam, den Machtansprüchen Moskaus und dem, was irgendwie als "der Westen" gilt, mit seinem so aggressiv propagierten Ideal von Demokratie und Menschenrecht.
Zwischendurch gibt es traditionelle kirgisische Musik – und all das erzeugt einen fast magischen Sog. Man wird angezogen vom Epizentrum dieser Geschichte, jenem titelgebenden "Уя (Nest)" eben, an dem alle geopolitischen Konzepte und Ideologien von Erster und Zweiter Welt, Ost, West oder Globalem Süden zerbröseln. Weil das Zentrum immer da ist, wo das einzelne Leben stattfindet. Das berühmte einzelne Leben und der Fallout von Weltpolitik, Ausbeutung und Kolonialismus im einzelnen Schicksal ist ein thematischer Strang der diesjährigen Festivalausgabe.
Magischer Sog: Kirgisisches Stück "Уя (Nest)" beim FIND-Festival © Ilya Karimdjanov
Die 1989 geborene belgische Theatermacherin Consolate erzählt in einer sehr intimen Performance, wie sie als kleines Kind in Burundi während des Bürgerkriegs den Mord an ihren Eltern überlebt und dann nach Belgien gebracht und von einer weißen Familie adoptiert wird. Wie sie Rassismus erlebt, Entfremdung und Vereinsamung, den Verlust ihrer Identität. Erst als Erwachsene findet sie Überlebende ihrer Familie in Burundi wieder, erfährt, dass es Alternativen zu ihrer Verschleppung und Entwurzlung gab. Die Recherchen, die dieser Performance zu Grunde liegen, zu sinistren Adoptionspraktiken (als Fortsetzung des Kolonialismus unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe), die oft den Tatbestand von Menschenhandel erfüllen, werden auch als Versuch dieser Künstlerin kenntlich, wieder das Subjekt ihres Lebens und ihrer Geschichte zu werden.
Rückeroberung der künstlerischen Hoheit
Geschichten wie die von Consolate, von der sie 2016 bereits in Milo Raus "Mitleid oder Die Geschichte des Maschinengewehrs" erzählte, und die sie sich nun auch hier zurückgeholt und unter eigene künstlerische Hoheit gestellt hat, erhellten mit den Mitteln des Theaters auch noch mal die Gültigkeit des berühmten Satzes, dass das Private politisch ist.
Wie diese Abdrücke des Politischen im Privaten politisch produktiv werden können, davon legt "Baldwin and Buckley at Cambridge" Zeugnis ab: das Reenactment der New Yorker Kompanie Elevator Repair Service einer berühmten Begegnung des afroamerikanischen Schriftstellers und Bürgerrechtsaktivisten James Baldwin mit dem (weißen) konservativen Publizisten William F. Buckley, die 1965 im traditionsreichen britischen Debatierclub The Cambridge Union stattgefunden hat. Die Fragestellung des Schlagabtauschs: Inwieweit wurde der Amerikanische Traum auf Kosten der amerikanischen Schwarzen umgesetzt, war im Grunde nur auf der Basis ihrer Versklavung und Ausbeutung möglich.
Wie Brechts fragender Arbeiter macht James Baldwin (alias Greig Sargeant) kühl und sachlich seine Punkte. Liefert ein afroamerikanisches Geschichtspanorama, eine Geschichte, wie aus Unterdrückten politische Subjekte wurden, und ein Plädoyer für Freiheit und Gleichheit. Thesen, Perspektiven und Argumente, die später Buckley aus der unverkennbaren Pose der White Supremacy zu widerlegen und zu entkräften versucht. Trotzdem geht die Abstimmung am Ende der Debatte mit großer Mehrheit für Baldwin aus.
Reenactment einer historischen Debatte: "Baldwin and Buckley at Cambridge" © Joan Marcus
Diese Debatte gilt als einer der einflussreichsten Diskursbeiträge des amerikanischen Civil-Rights-Movements der 1960er Jahre. Baldwin beschrieb den Amerikanischen Traum als Illusion und Lüge: "There is scarcely any hope for the American dream, because the people who are denied participation in it, by their very presence, will wreck it." Angesichts des aktuellen MAGA-Wahns hat dieser Satz an Sprengkraft nichts verloren.
Wenn Kinder die Eltern überholen
Höhepunkt der zweiten Festivalhälfte war das neue Stück der diesjährigen "Artist in Focus" Caroline Guiela Nguyen "Valentina". Bereits in "Lacrima" hatte sie die Niederschläge und Abdrücke globaler ökonomischer Vernetzung im einzelnen Leben untersucht.
In "Valentina", zu sehen als Berliner Preview vor der Premiere am Théâtre national du Strasbourg, geht es nun um Migration, um die Last, die Kinder tragen, die sich leichter als die Eltern integrieren können, weil sie de Sprache schneller lernen. Das Mädchen Valentina aus Rumänien zum Beispiel, das in der Schule in Windeseile Französisch lernt, während ihre schwerkranke Mutter sich der Ärztin nicht verständlich machen kann und immer lebensbedrohlicher erkrankt.
Bald kann die Tochter im Grundschulalter übersetzen, die auch für das Kind bedrohlichen Fakten werden immer überfordernder. Sie fehlt in der Schule, verstrickt sich in Lügen. Am Ende gibt es ein veritables Wunder. Bis dahin jedoch erzählt Nguyen ungeheuer packend und psychologisch genau – von den Bedrückungen des Kindes und seiner Mutter, den Bemühungen der Schulleiterin. Dazwischen gibt es Traum- und Musiksequenzen, rückt das Geschehen ins Märchenhafte, Übergültige. Wir sehen einerseits dokumentarisches Recherchetheater, in das konzises pädagogisches und soziologisches Wissen eingeflossen ist. Die Ergebnisse werden dann (mit einem tollen Ensemble) in ein bildmächtiges wie packendes Traumtheater überführt, dem man sich kaum entziehen kann.
Traumtheater: "Valentina" von Caroline Guiela Nguyen als Preview beim FIND © Théâtre national de Strasbourg
Am Ende des Festivals gab es dann noch einmal das Stück "Saigon", mit dessen FIND-Gastspiel die Entdeckung dieser europäischen Ausnahmeregisseurin 2018 begann: In einem vietnamesischen Restaurant mit dem Klischee-Namen überblendet Caroline Guiela Nguyen vielfältige Migrations- und Lebensgeschichten. Auch hier fällt bereits der für diese Regisseurin so typische Mix aus Dokumentation und Entrückung ins Fantastische auf: die Hyperrealistik, die ins Überzeitliche wächst. Und so noch einmal extra ergreift.
Уя (Nest)
von Chagaldak Zamirbekov und Ensemble.
Regie: Chagaldak Zamirbeko, Bühne Bischkek: Marat Raiymkulov, Malika Umarova, Bühne Berlin: Ulla Willis.
Mit: Asylbek kyzy Zere, Tursunbaeva Gulmira, Edigeeva Aisanat Asylbekovna, Zhusupbek uulu Emil, Kaparova Manasbek.
Icirori
von Consolate
Regie: Consolate, Bühne & Kostüme: Micha Morasse, Sound: Gaspard Dadelsen, Video: Gaspard Audouin
Choreografie: Sophie Guisset, Dramaturgie & Künstlerische Mitarbeit: Lara Ceulemans, Recherche: Annabelle Giudice, Fotografie: Mathis Bois, Licht: La COLLECTIVE CLaM (Charlotte Persoons, Lou Van Egmond, Margaux Fontaine).
Mit: Consolate.
Baldwin and Buckley at Cambridge
von Greig Sargeant und Elevator Repair Service
Regie: John Collins, Kostüme: Jessica Jahn, Szenografie: dots.
Mit: Greig Sargeant, Ben Jalosa Williams, April Matthis, Gavin Price, Christopher-Rashee Stevenson.
Valentina
von Caroline Guiela Nguyen
Regie: Caroline Guiela Nguyen, Bühne: Alice Duchange, Video: Jérémie Scheidler, Musik: Teddy Gauliat-Pitois, Dramaturgie: Juliette Alexandre, Ton: Quentin Dumay, Licht: Mathilde Chamoux.
Mit: Chloé Catrin, Loredana Iancu, Marius Stoian, Paul Guta, Angelina Iancu/Cara Parvu (alternierend).
www.schaubuehne.de
- Hier lesen sie den Bericht zum Festivalauftakt des FIND 2025.
- Ebenfalls am ersten Festivalwochenende lief "Medea's Kinderen" von Milo Rau, das nachtkritik.de bereits bei den Wiener Festwochen 2024 besprach.
- Zum Eklat rund um Milo Raus Gastspiel beim FIND lesen Sie im Spiralblog 53.
Kritikenrundschau
Über "Уя (Nest)" berichtet Katja Kollmann in der taz (14.5.2025) und lobt die Atmosphäre des Stücks: "Asylbek kyzy Zeres Spiel ist reduziert, leise und gleichzeitig intensiv." Die These der Protagonistin: "In der Ukraine sind es weiße Menschen, die bedroht sind, darum werden sie so massiv unterstützt. Mit Verve verteidigt sie ihre glückliche Kindheit in der Geborgenheit einer Einzimmerwohnung gegen die Geringschätzung der westlichen Welt."
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Hermann Nitsch Danke
-
Deutsche Märchen, Leipzig Doppelerfolg
-
Thyra Uhde Tiefstes Mitgefühl
-
Wokey Wokey, München Virtiosität schlägt Inhalt
-
Frauenliebe und - sterben, Hamburg Leichte Irritation
-
Nach dem Leben, Nürnberg Empfehlung
-
Die Quelle, Wien Claquere unterwegs
-
Leser*innenkritik Black Rider, SHL Flensburg
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen






Aus dreißig Interviews haben Regisseur Chagaldak Zamirbekov und seine fünf Spieler*innen sechs kleine Geschichten destilliert, die im dokumentarisch-komödiantischen Ton präsentiert werden. Von Islamisten über Ultra-Nationalisten, die gegen die jahrzehntelange, kulturell bis heute spürbare, russische Vorherrschaft kämpfen, bis zur vorsichtigen Emanzipation der älteren Frauengeneration reicht der szenische Bogen.
Zwischendurch wird das handverlesene Publikum häufig angespielt und direkt einbezogen: so wird der Putzlappen in einer Szene an Schaubühnen-Ensemble-Mitglied Jule Böwe weitergereicht. Es dominieren in dem kleinen Raum die Muttersprachler, die den Vorteil haben, dass sie auch die kirgisischen/russischen Improvisationen des Ensembles verstehen und sich sichtlich darüber amüsieren.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/13/%d1%83%d1%8f-nest-schaubuehne-kritik/
Szenisch ist das 65 Minuten kurze Gastspiel der Elevator Repair Service Company aus New York unergiebig: „Baldwin and Buckley at Cambridge“ ist eines dieser wortgetreuen Reenactments, mit denen US-amerikanische Gruppen regelmäßig beim FIND-Festival der Schaubühne zu Gast sind.
Geschliffen ist die Wortwahl beider Diskutanten. Irritierend ist, wie häufig und selbstverständlich das „N“-Wort von beiden Akteuren ausgesprochen wird. Hier tappt die Produktion in eine selbstgestellte Falle: da sich die Company ein ganz präzise wortgetreues Reenactment vorgenommen hat, wird auch dieses aus guten Gründen mittlerweile verfemte Wort gefühlt fast im Minutentakt wiederholt.
Als kleinen Nachklapp gibt es den fiktiven Dialog von Baldwin mit Lorraine Hansberry, einer Schwarzin Aktivistin und Autorin, über die mühsamen Schritte zu mehr Sichtbarkeit von PoC auf der Bühne. Er mündet in dem Appell an die weiße Mehrheitsgesellschaft, dass es mehr „Radicals“ als „Liberals“ brauche, um die Verhältnisse zu ändern. Fazit: Konventionelles Polit-Reenactment-Theater der Opposition gegen Trump.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/13/baldwin-and-buckley-at-cambridge-schaubuehne-kritik/
Zu Gast war mit Jan Lauwers auch einer der großen Namen des postdramatischen Theaters. „Un sublime Error“ ist eine kleine, unterspannte Fingerübung, die Esther Slevogt aus guten Gründen nicht erwähnt. Bis auf den Kurzauftritt von Jerome, der als Freiwilliger aus dem Publikum die „Magie des Theaters“ auf die Probe stellen soll, indem er sich an das aufgetürmte Glas-Bauwerk heranwagt, bieten die 90 Minuten wenig, das in Erinnerung bleibt.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/09/un-sublime-error-jan-lauwers-kritik/