FIND-Festival 2025 - Schaubühne Berlin
Die Alchemie des Glücks
6. April 2025. FIND ist das Festivalhighlight im frühen Berliner Frühling. Es bringt alljährlich wichtige Positionen der neuen internationalen Dramatik in die Stadt. Zum Auftakt 2025 gibt's ein Perlenkleid, eine Hommage an die Mutter und Misery Porn von Caroline Guiela Nguyen, Cédric Eeckhout und Enda Walsh.
Von Sophie Diesselhorst
Künstlerin im Fokus: Caroline Guiela Nguyen hier mit "Lacrima" © Jean-Louis Fernandez
6. April 2025. Es ist ein starkes Symbol für das "alte Europa" mit seinem kolonialistischen Großmachtstreben: Im Mittelpunkt der Inszenierung "Lacrima" von Caroline Guiela Nguyen steht ein Brautkleid für die britische Prinzessin. Unter Hochdruck und strengster Geheimhaltung wird es in monatelanger Arbeit an drei verschiedenen Orten auf der Welt entworfen, geschneidert, mit kostbarer Spitze und verschwenderischen Perlenstickereien versehen. Seht her, unser Reichtum, unsere Macht über Ressourcen und Arbeitskraft auf der ganzen Welt.
Das Kleid ist allerdings auch ein Symbol für die "Schönheit der Welt", an der die Menschen, unter deren Händen es entsteht, teilhaben. Gleich zweimal fällt diese Formulierung in "Lacrima", einmal sagt es die Enkelin zu ihrer Großmutter, die an der Restauration der Avençon-Spitze des kostbaren Brautschleiers mitarbeitet; einmal sagt es die Tochter zu ihrem Vater, der im indischen Mumbai die Schleppe mit 250.000 Perlen bestickt.
"Lacrima" von Caroline Guiela Nguyen
Das Bühnenbild zeigt die Mitarbeiter*innen der Pariser Luxus-Schneiderei, wo das Kleid genäht wird, bei der Arbeit. Der zentrale Arbeitstisch dient auch dem Leiter der Stickerei in Mumbai zur Präsentation seiner schillernden Erzeugnisse, deren mühsame Fertigung im Video zu sehen ist, die unermüdlichen Hände des Stickers in Großaufnahme. Eine Telefonstimme aus dem Off gängelt sie zur peniblen Einhaltung der europäischen Vorschriften für die Produktionsbedingungen. Gleichzeitig muss alles eigentlich schon gestern fertig gewesen und möglichst kostengünstig sein. Wie sie diese Quadratur des Kreises fertigbringen, ist den auftraggebenden Urenkeln der Kolonialherren egal. Es gibt keinen Dialog, sondern nur Vorschriften und Kontrollen.
Die einzigen, die man nicht bei der Arbeit sieht, sind die Spitzen-Stickerinnen im nordfranzösischen Avençon. Umso bereitwilliger geben sie Auskunft über die Geschichte und die Realität ihres aussterbenden Gewerbes und wirken dabei deutlich am entspanntesten. Vielleicht liegt's daran, dass sie sich bereits Mitte des 20. Jahrhunderts gewerkschaftlich organisiert und ihre Arbeitsbedingungen deutlich verbessert haben. Doch auch in ihnen brodelt die – mitunter destruktive – Leidenschaft für ihr Metier, der die seelische und körperliche Gesundheit gefährdende Perfektionismus, den sich eigentlich nur der Designer unbeschadet leisten kann, der mit der Fertigung seines Entwurfs nichts zu tun hat und sich das Kleid im Entstehen immer nur per Zoom-Call vorführen lässt.
"Lacrima" von Caroline Guiela Nguyen © Jean-Louis Fernandez
Die Inszenierung arbeitet viel mit Live-Video. Für die Aufnahmen, die auf einem großen Screen in der Mitte der Bühne gezeigt werden, sitzen die Schauspieler*innen am Bühnenrand in Nischen, die wie Theater-Garderoben gestaltet sind. Was für ein grandioses Ensemble Nguyen da von ihrem Theater in Strasbourg mitgebracht hat, fast alle ständig in fliegenden Wechseln zwischen Rollen und Modi (auf der Bühne vs. vor der Kamera): In höchster Virtuosität halten sie Tempo und Takt der Inszenierung, in der viele Ebenen perfekt aufeinander abgestimmt sind. Ein fast nie aussetzender schwelgender Streicher-Soundtrack verpasst dem sehr realistischen Setting und Spiel die richtige Prise Künstlichkeit.
Caroline Guiela Nguyen hat sich 2018 das erste Mal in Berlin vorgestellt und ebenfalls beim FIND-Festival ihre Inszenierung “Saigon” gezeigt, die nun auch wieder auf dem Spielplan steht. Denn sie ist "Artist in Focus" des diesjährigen Festivals, das mit "Lacrima" am zweiten Abend auf der großen Bühne eröffnete.
"Héritage" von Cédric Eeckhout
Am ersten Festivalabend liefen Kammerspiele aus Irland und Belgien. In "Héritage" holt Cédric Eeckhout seine fast 80-jährige Mutter mit auf die Bühne, eine elegante Erscheinung in hellblauem Jumpsuit, und inszeniert mit ihr eine berührende Hommage an sie. Begleitet werden Mutter und Sohn nur von ein paar alten Bildern und Videos und einer Musikerin, die manchmal diskret bei der Veranschaulichung der Erinnungs-Atmosphären hilft.
Es wird ein Leben erzählt, das sonst im Dunkeln geblieben wäre: die Biografie einer Frau, die jung heiratete, vier Kinder bekam, dabei als Friseurin stets berufstätig war. Nachdem sie sich zu einer Zeit von ihrem Mann scheiden lassen hatte, in der das in einer belgischen Kleinstadt noch unüblich war, schlug sie sich mit ihren vier Söhnen alleine durch. Die Welt verändern wollte sie nie, sagt sie, aber ein schönes Haus für sich und ihre Jungen. Als "Material Girl" bezeichnet ihr Sohn sie liebevoll, er selbst gewann mit einer gewagten Interpretation des Madonna-Songs in seiner Schule den ersten Schauspielpreis.
Zwei Szenenbilder aus "Héritage" von Cédric Eeckhout © Bea Borgers
Von dieser Performance erzählt er, während er eines der Tanzkleider seiner Mutter trägt, in dem wir sie im Video als junge Frau unbeschwert durchs Wohnzimmer des ersten Hauses kreiseln sehen. Dass er Männer liebt und als Kind schon gerne in ihre Kleider schlüpfte, hat die Mutter nie gestört. Es darf hier gerne ausgestellt werden, genauso wie die aberdutzende Elektrogeräte, die sie sich in ihrem ersten Eigenheim zulegte.
Ihr Sohn huldigt ihr als "Kämpferin", begibt sich immer wieder per Travestie in ihre Rolle und arbeitet parallel zu ihrer Autobiografie seine eigene Version der Geschichte heraus, in der sie im Gedächtnis bleibt für ihr großes Herz und ihre alchemistische Gabe, Trauer in Freude zu verwandeln und ihren Selbstwert auch unter schwierigen Umständen niemals aufzugeben.
Vergleicht man's mit dem Mutter-Sohn-Klassiker "The Silence" von Falk Richter im Repertoire der Schaubühne, ist Cédric Eeckhouts Inszenierung sehr affirmativ, holt nicht weiter aus in den Biografien der Eltern, stürzt sich nicht in Abgründe, sondern lässt den "positive thinking"-Spirit der Mutter regieren, spürt ihm aber auch nach. Der intime Abend ist anrührend und überzeugend in seiner subtilen inszenatorischen Qualität.
"Safe House" von Enda Walsh
Für die Abgründe ist am Eröffnungsabend des Festivals der irische Dramatiker Enda Walsh zuständig mit seiner Inszenierung "Safe House", in der in Form eines performativen Liederabends auch eine Biografie erzählt wird, aber diesmal eine erfundene, und das geht gründlich daneben.
Kate Gilmore spielt beziehungsweise singt eine obdachlose Frau namens Grace. Isoliert haust sie im Sperrmüll vor einer Brandmauer aus schimmligem Beton, in Video-Rückblenden sehen wir sie als kleines Mädchen im Prinzessinnen-Kleid durch eine lieblose Kindheit in ärmlichem Elternhaus irren, während sie die Tristesse der Betonwüste besingt. Später macht noch ein arschiger Lover die extrem klischierte Abstiegsbiografie komplett. Kein Wunder, dass Grace am Weinschlauch hängt.
"Safe House" von Enda Walsh © Ste Murray
Das besondere an "Safe House" ist der Gesang von Kate Gilmore, die eine tolle, klare Stimme hat, mit der sie durch den Kitsch schneidet und mit den Songs von Anna Mullarkey den ein oder anderen schönen Moment herstellt. Die Musik und auch die Darbietung erinnern ein bisschen an Björk, aber die Texte sind nicht rätselhaft, sondern schwülstig, und spätestens wenn Grace am Ende ihr "Safe House" in einem verkitschten angedeuteten Selbstmord im Sternenhimmel findet, ist der misery porn exemplarisch vollendet.
Lacrima
von Caroline Guiela Nguyen
In einer Übersetzung von Nadia Bourgeois, Carl Holland, Rajarajeswari Parisot
Regie: Caroline Guiela Nguyen, Künstlerische Mitarbeit: Paola Secret, Bühne: Alice Duchange, Kostüme: Benjamin Moreau, Video: Jérémie Scheidler, Sounddesign: Antoine Richard, Musik: Jean-Baptiste Cognet, Teddy Gauliat-Pitois, Antoine Richard, Dramaturgie: Louison Ryser, Tristan Schinz und die Dramaturgieklasse der Groupe 48 der Schule des Théâtre national du Strasbourg, Licht: Mathilde Chamoux, Jérémie Papin.
Mit: Dan Artus, Dinah Bellity, Natasha Cashman, Charles Vinoth Irudhayaraj, Anaele Jan Kerguistel, Maud Le Grevellec, Liliane Lipau, Nanii, Rajarajeswari Parisot, Vasanth Selvam und im Video: Nadia Bourgeois, Charles Schera, Fleur Sulmont, Stimmen von: Louise Marcia Blévins, Béatrice Dedieu, David Geselson, Jessica Savage-Hanford, Maya S. Krishnan.
Eine Produktion des Théâtre national de Strasbourg
Dauer: 3 Stunden, keine Pause
Héritage
von Cédric Eeckhout
Regie: Cédric Eeckhout , Künstlerische Mitarbeit: Eulalie Roux, Bühne und Kostüme: Bastien Poncelet, Dramaturgie: Nils Haarmann.
Mit: Cédric Eeckhout, Jo Libertiaux, Pauline Sikirdji.
Eine Produktion des Théâtre de Liège, DC&J Création In Koproduktion mit dem Théâtre Varia, Théâtre Les Tanneurs, Théâtre Dijon Bourgogne CDN, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Safe House
von Enda Walsh und Anna Mullarkey
Regie: Enda Walsh, Kostüme und Bühne: Katie Davenport, Licht: Adam Silverman, Video: Jack Phelan, Sound: Helen Atkinson, Regieassistenz: Eoghan Carrick, Produktion: Craig Flaherty, Stimmencoach: Andrea Ainsworth, Maske: Tee Elliott.
Mit: Kate Gilmore
Eine Produktion des Abbey Theatre
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Mehr zum FIND-Festival 2025:
- Ebenfalls am ersten Festivalwochenende lief "Medea's Kinderen" von Milo Rau, das nachtkritik.de bereits bei den Wiener Festwochen 2024 besprach.
- Zum Eklat rund um Milo Raus Gastspiel beim FIND lesen Sie im Spiralblog 53.
- Hier lesen Sie den Bericht über die zweite Festival-Hälfte.
Kritkenrundschau
Für die taz (7.4.2025) berichtet Verena Harzer vom FIND-Festival und konzentriert sich auf "Héritage“ mit seiner Zeichnung des "Vorbilds seiner mutigen Mutter", die es dem Künstler ermöglicht habe "ein bisschen mehr Frau zu sein. Politischer kann das Private kaum sein." Zum Gastspiel von Milo Rau heißt es: "Selten wurde die Grausamkeit von Kindermorden mit so viel realistischer Vehemenz auf die Bühne gebracht." Und die Kritikerin fragt: „Werden die Kinder hier nicht doch wieder nur zum Medium eines starken künstlerischen Willens?“ Zu Lacrima schreibt Harzer: "Nguyen nutzt alle möglichen Kommunikationskanäle, um die Welt auf die Bühne des großen Saals der Schaubühne zu holen: Zoom-Konferenzen, Sprach- und Textnachrichten, Radiosendungen, Telefonate. In diesem rasanten epischen Erzählfluss verkommt die eine oder andere Figur zur Karikatur, auch die Grenze zum platten Luxusbashing ist immer wieder erschreckend nah – wird dann aber doch nie überschritten."
Ebenfalls in der taz (10.4.2025) porträtiert Katrin Bettina Müller die Künstlerin im Fokus des diesjährigen Festivals:Caroline Guiela Nguyen: "Ihre Arbeiten sind von einer berührenden Emotionalität", schreibt Müller. "Caroline Guiela Nguyen arbeitet lange an ihren Stücken, oft zwei Jahre. 'Ich bin keine Maschine', kommentiert sie das, auch mit Seitenblick auf einen Theaterbetrieb, der stets Neues verlangt."
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Thyra Uhde Tiefstes Mitgefühl
-
Wokey Wokey, München Virtiosität schlägt Inhalt
-
Frauenliebe und - sterben, Hamburg Leichte Irritation
-
Nach dem Leben, Nürnberg Empfehlung
-
Die Quelle, Wien Claquere unterwegs
-
Leser*innenkritik Black Rider, SHL Flensburg
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend






Ein Makel des 90minütigen Abends ist, dass viele der Songs, die Anna Mullarkey komponierte, bis zur Ununterscheidbarkeit eintönig klingen. Auf der Zielgeraden landet der Abend des irischen Dramatikers Enda Walsh im Kitsch: im Sonnenaufgang und zu Konfetti-Regen träumt sich Grace in eine bessere Zukunft, alle Wunden sind geheilt, die Texte triefen nun vor Pathos.
Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier ist dem irischen Dramatiker Walsh lange verbunden: seine Stücke „Disco Pigs“ und „Misterman“ liefen kurz nach der Jahrtausendwende schon am Lehniner Platz, mit diesem Gastspiel des Abbey Theatre aus Dublin wird die Arbeitsbeziehung aufgefrischt. Das Sozialdrama-Pop-Oper-Kammerspiel hinterließ am Auftakt-Wochenende des FIND-Festivals 2025 jedoch keinen bleibenden Eindruck.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/06/safe-house-schaubuehne-kritik/