Immer wühlt der Maulwurf

17. Januar 2025. Vom queeren Plüschparadies zur Killer-Karriere: Meo Wulf bereitet dem Volksbühnen-Publikum gemeinsam mit der Schauspielerin Christine Groß einen trashig bunten Abend.

Von Frauke Adrians

Meo Wulfs "Conni & Clyde" an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin © Lukas Städler

17. Januar 2025. Vielleicht lässt sich die Welt wirklich nur noch im Zustand äußerster Albernheit ertragen. Das würde, was diesen Abend angeht, einiges erklären. Das Publikum: großteils ausgelassen, allzeit lachbereit, selbst matteste Scherze mit entzücktem Kichern quittierend ("klickklick, Licht an, Licht aus"). Die handelnden Personen: Conni und Clyde, ein anfangs überglückliches, wenn auch überaffektiertes Paar jederlei Geschlechts, das mit dem historischen Gangsterpärchen erst im Finale leichte Ähnlichkeit entwickelt. Die Handlung: inkonsistent und wohl nicht so wichtig, aber immerhin lassen sich drei Akte erkennen.

Im ersten leben Conni (Meo Wulf) und Clyde (Christine Groß) als zwillingsgleiche, rokokohaft-spießige Figuren in ihrem pinken Plüschparadies und könnten für immer selig sein, würde sich nicht hin und wieder – wie der leibhaftig im Balkonkasten auftauchende Maulwurf – die Außenwelt mit ihren Kriegen, Katastrophen und Bundestagswahlen in die abgeschottete Zweisamkeit bohren.

Heilung von der Kack-Phobie

Akt 2 zeigt Conni als aus dem Paradies in den Keller Vertriebenen, wie er sich selbsttätig von seiner Kack-Phobie heilt, dreiviertelnackt eine Drag-Show abzieht und befreit in den eigenen Exkrementen wühlt.

Akt 3 führt das Paar wieder zusammen. Jetzt greifen Conni und Clyde zu Waffen in Pink und Hellblau, die schreckliche Außenwelt verlangt nach Taten, Clyde hat Balaklavas gestrickt und führt eine "Killer-Liste", doch das vorerst einzige Todesopfer ist der Maulwurf. Clyde trägt Kleid und singt ihrem Liebsten "Ich liebe dich, obwohl du scheiße bist". Beide verlieren noch einige Worte zum Thema Gut und Böse, das auch im Programmheft eine prominente Rolle spielt; auf der Bühne, inmitten von Trash, Kacka-Scherzen und Wortspielen, die so flach sind, dass sich die Übersetzung in die englischen Übertitel nicht lohnt, wirkt es wie eine Pflichtübung.

Halt's Maul, das ist mein Stück

Denn viel mehr als ein Vorwand zum gemeinsamen Spaßhaben will dieser Abend nicht sein. Muss er auch nicht, denn zumindest der Schauwert ist hoch, nicht nur wegen Mayan Tuulia Franks detailverliebter Bühnenbilder.

 Das Gangster-Genre durchqueert: Christine Groß und Meo Wulf in Kostümen von Johannes J. Jaruraak "Hungry" © Lukas Städler

Meo Wulf, in Personalunion Autor*in, Regisseur*in, Drag-Artist*in, Choreograf*in und Hauptdarsteller*in, nutzt das Stück für hübsch queere 80er-Jahre-Playbacks, zunehmend akrobatische Tanzeinlagen, Herumgealbere mit akustischen Loops und ein bisschen Kacki Horror Show. "Halt's Maul, das ist mein Stück", fährt Conni seine Partnerin an, und das ist sicherlich der wahrste Satz des Abends.

Am Ende gehen Conni und Clyde in den Keller, vermutlich eher zum Killen als zum Lachen. Das Premierenpublikum feiert.

Conni & Clyde
von Meo Wulf
Text und Regie: Meo Wulf, Bühne: Mayan Tuulia Frank, Kostüme: Johannes J. Jaruraak "Hungry", Licht: Florian Brückner, Denise Potratz, Dramaturgie: Leonie Jenning.
Mit: Christine Groß, Meo Wulf.
Uraufführung am 16. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.volksbuehne.berli

 

Kritikenrundschau

"Kann man die lästige Außenwelt – sprich: das Böse – einfach abwählen, indem man es nicht zur Kenntnis nimmt?" Solche und andere philosophieaffine Fragen werden auf der Bühne nicht wirklich ausagiert, so Christine Wahl im Tagesspiegel (18.1.2025). Seien aber Spielanlass für eine Dragshow, "in der Meo Wulf im gesäßfreien kleinen Silbernen auf schwindelerregend hohen Heels spektakuläre parodistische Sprung- und Flugfiguren auf die Bretter turnt". Die omnipräsente anale Phrase werde in wirklich nichts zu wünschen übrig lassender Ausführlichkeit in szenische Trash-Einfälle übersetzt. Und: "Eingedenk der metallisch glitzernden Kostümfarbe könne man durchaus sagen, dass Meo Wulf es hier in einer sehr ausdauernden Solo-Einlage heroisch auf sich nimmt, aus Scheiße Silber zu machen".

Es werde einiges geboten, und das Zweipersonenstück werde von Meo Wulf und Christine Groß aufs Köstlichste ausgespielt, so Volker Blech in der Berliner Morgenpost (19.1.2025). "Die Affektiertheit des Pärchens wird in der Situationskomik immer wieder auf die Spitze getrieben." Aber es insgesamt kein Theaterabend tiefsinniger Diskurse, auch wenn das Programmheft allerlei Fährten auslege.

Eine "trashige Liebeskomödie, eine Mischung aus Comedy und Drag-Show" ist dieser Abend für Barbara Behrendt von rbb|24 (17.1.2024). "Der Plot ist simpel, möchte aber, das ist im ambitionierten Programmheft mit vielen Hannah-Arendt-Zitaten nachzulesen, die ganz großen Fragen stellen: Wie ist Liebe in unserer krisengeschüttelten Welt möglich?" Jedoch: "Auf der Bühne sieht man diese Themen höchstens am Rande stichwortartig verhandelt, der Text bleibt für den großen Überbau deutlich zu flach, trotz manchem Fassbinder-Zitat."

Kommentare  
Conni & Clyde, Berlin: Gelächtersalven
Danke für eine interessante und aufschlussreiche Kritik. Im Januar 2025 bin ich schon froh, wenn das Format der Drag-Show und die Tatsache der Non-Binarität überhaupt stattfinden, das "Woke-Virus" einfach als Lebensform (nicht nur als Diskurs) wenigstens auf Bühnen überwintert. Denn MAGA-Trump hat Y.M.C.A gekauft, Alice Weidel vertritt ihr völkisch-gemütliches "Familie (Mann, Frau, Sohn ODER Tochter) ist die Keimzelle" und "Adolf Hitler war Kommunist": Die Internationale des Rechtsextremismus setzt fortlaufend um, was sie "den Woken" vorwirft: Cancel Culture, kulturelle Umprogrammierung. Was die seit Jahren "George Soros" nennen, sind seit Jahren Elon Musk + X. Vielleicht kommt ja beispielsweise dem "Euro-Trash", diesem früher auch seitens liberaler US-Amerikaner*innen gerne vorgebrachtem Vorwurf gegenüber europäischem Theater, eine ungeahnte, politische Kraft zu. Vielleicht tritt beim Trash peu à peu ein kulturelles Gedächtnis potenziellen Widerstands zutage und transatlantische Unterseekabel-Rhizome entstehen. Ich muss mit einiger Selbstironie gestehen: Wie sehr ging mir diese Volksbühnen-Publikumstradition "unmotivierten" (in meinen Augen und Ohren) Gelächters seit Jahrzehnten auf den Keks. Und ich hatte viele quälende, unmotivierte Gelächtersalven bei der Mainzer Fassenacht über mich ergehen lassen müssen und sah mich strafenden Blicken der Honoratioren ausgesetzt, wenn aus mir an den "falschen Stellen" ein unpassendes Gelächter herausbrach. Aber in der Volksbühne erwacht(e) immer ein Mainzer Fassenachtsdezernent in mir und guckte für mindestens 2 Sekunden aus mir heraus grimmig vor sich/mich hin. Nun bin ich drauf und dran, nicht mit der Fassenacht, aber mit den traditionellen Gelächtersalven des Volksbühnen-Publikums meinen Frieden zu machen: Vielleicht artikuliert sich darin außerirdisches Leben, das niemals von Musk kolonisiert wird.
Conni & Clyde, Berlin: Wunderbar!
Ein wunderbarer Abend! Poetisch, akrobatisch, schön! So wichtig in diesen dunklen Zeiten! Vielen Dank!
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