Etwas kommt mir bekannt vor - Stadttheater Gießen
Melting-Pot Nachtbus
7. Juni 2025. Draußen ist es noch hell. Drinnen im Nachtbus sind die Fenster abgehängt. In simulierte bedrohliche Enge holt der aus dem Iran stammende Regisseur Izad Safaeiyan das Stück von Allex. Fassberg "Etwas kommt mir bekannt vor" und vereint Menschen, die hier viel voneinander erfahren.
Von Martin Schäfer
Allex. Fassbergs "Etwas kommt mir bekannt vor" von Izad Safaeiyan am Stadttheater Gießen inszeniert © Lena Bils
7. Juni 2025. Ein gewisses Unbehagen wird hier zum Konzept. Nicht nur gespielt und beschaut, sondern am eigenen Körper sinnlich erfahren. Zunächst streikt die Technik und der Reiseleiter wie auch Dramaturg Tim Kahn muss die 27 Zuschauenden erstmal aus dem Bus wieder hinauskomplimentieren. Denn darin ist es dunkel, und es wird stickig. Draußen ist es bei der Departure Time von 20 Uhr vor dem Gießener Rathaus noch taghell, aber dann geht es wieder hinein (alle Fenster sind abgehängt), in die klaustrophobisch-dunkle Enge des Stadtbusses. Der Motor heult auf und simuliert die Anfahrt. Es geht auf die Reise, von irgendwo nach Europa.
Wer sitzt da neben mir? Wer ist hier im Bus zusammen gewürftel? Mit welchen Rechten? Nationalitäten? Privilegien? Allex. Fassberg erzählt in "Etwas kommt mir bekannt vor" kleine Geschichten zu großen Fragen. Regisseur Izad Safeaiyan bringt das Schauspiel in der Premiere des Stadttheaters Gießen mit drei Schauspieler*innen und einer Puppe auf die Bühne, beziehungsweise in den Nachtbus.
Zusammengewürfelte Gemeinschaft
Wer einen Nachtbus über Ländergrenzen hinweg besteigt, weiß nicht immer, was auf ihn oder sie zukommt. Wird das Ziel erreicht? Habe ich den richtigen Pass? Die Geschehnisse haben etwas Zufälliges, wenn nicht gar Willkürliches. Dieses Unbehagen fangen die drei Performer*innen Nasir Formuli, Roman Kurtz und Nina Plagens wunderbar ein. Sie spielen Geschichten als Versatzstücke. Die Fahrgäste müssen diese selbst für sich montieren.
Jede*r könnte überall sitzen und zufällig in eine andere Geschichte eintauchen. Die Figuren werden auch nicht durch Namen gelabelt, eher durch ihre Erzählung und ihr Verhalten. Nasir Formuli betet den Rosenkranz, Roman Kurtz liest und zitiert den persischen Dichter und Mystiker Hafis. Pepp kommt in die Szenerie durch Nina Plagens, die eine exaltierte Touristin spielt, die eigentlich nach einem Kurzstreckenflug am Strand liegen wollte und sich durch unvorhergesehene Ereignisse im Nachtbus wiederfindet.
Fahrgäste und ihre T-Shirts: "Etwas kommt mir bekannt vor" im Gießener Nachtbus © Lena Bils
Den roten Faden in dieser Performance-Collage gibt es nicht. Allenfalls aus dem Off. Anfangs wird über Buslautsprecher und Tonband noch eine Polizeikontrolle des Nachtbusses an einer Grenze zu Deutschland eingespielt. Darauf spricht ein Kind mit seinem Vater über die Polizei als freundliche Helfer, die einen mit der Kelle durchwinken. Andere allerdings auch ausgrenzen. Das Kind wird stutzig – "Gehören wir hierhin?" – und denkt laut darüber nach, dass es selbst zwar mit deutschem Pass frei reisen kann. Doch gilt das auch für die Mutter, die außerhalb von Deutschland geboren wurde? Diese grundsätzlichen Fragen der Zugehörigkeit und Identität wird gebrochen durch eben jene Touristin, mit "italia" auf dem Trikot, die den Polizisten einfach nur "scharf" fand. Hibbelig und privilegiert, das kennzeichnet diese Person, die sich am Businnenspiegel die Lippen rot nachzieht.
Passkontrolle mitten in der Nacht
Der Kontrast zu Nasir Formulis Puppe könnte da nicht größer sein. In zwei Zwischenspielen tritt der aus Kabul stammende Puppenspieler mit seiner für die Performance eigens angefertigten Puppe an: blauer Blazer, blaue Augen, dunkler Teint. Er führt die Puppe durch die Reihen, blickt die Fahrgäste an, deklamiert einen Text in Farsi – eine weitere Ebene von persönlichem Schicksal und Betroffenheit, aber verfremdet durch das Puppenspiel.
Das Soundkonzept von Mahmoudreza Chegini unterstreicht die Dialoge und kommentiert die Szenen, etwa durch orientalische Klänge oder Beethovens schwärmerische Mondscheinsonate. Auf den Kostümen (Carlotta Schumann) sind Kritzeleien und Textteile zu sehen.
Gemischte Gesichter, verschiedene Ziele und mit Zwischenspielen des aus Kabul stammenden Puppenspielers Nasir Formuli: "Etwas kommt mir bekannt" © Lena Bils
Die Gedanken der Reisenden spiegeln Träume, Albträume, Wunsch und Wirklichkeit wider. Sie flirren durch den Bus, durch die Geschichten. Die Texte von Allex. Fassberg haben eine berührende poetische Stärke, changieren von Erzählungen zu inneren Monologen hin zu Zwiegesprächen. Allex. Fassberg ist 1985 geboren, schreibt Theatertexte und studierte Theaterwissenschaften und Dramaturgie an der Goethe-Uni in Frankfurt. Seit 2023 ist Fassberg Mitglied bei "Die Sammlung", einem Kollektiv jüdischer Schriftsteller*innen in Berlin. Mit "Etwas kommt mir bekannt vor" gewann Fassberg 2017 den Retzhofer Dramapreis.
Raus in die Stadt
Für Regisseur Izad Safaeiyan ist das Stück die erste Regiearbeit in Deutschland. In Iran geboren, studierte Safaeiyan Schauspiel in Mashad und realisierte viele Inszenierungen. Seine künstlerischen Arbeiten und kritischen Auseinandersetzungen zu sozialen und politischen Themen führten ihn 2019 zur Flucht. "Die Menschen sollen nach dem Stück nachdenken über Nationalitäten und Grenzen, und wie wir mit unterschiedlichen Farben, Religionen und Nationalitäten zusammenleben können", sagt der Regisseur zur Aufführung.
Für Dramaturg Tim Kahn ist die Inszenierung ein weiterer Schritt für das Stadttheater, raus in die Stadt zu gehen, neue Dialogräume zu öffnen und Begegnungen mit neuem Publikum zu schaffen.
Am Ende des Stücks fällt nicht der Vorhang, sondern die Nachtbustüre geht auf und entlässt die Mitreisenden und Mitfühlenden in den noch hellen Frühsommerabend auf dem zentralen, betriebsamen Berliner Platz der Stadt Gießen. Zu den Menschen und zu ihren Geschichten.
Etwas kommt mir bekannt vor
von Allex. Fassberg
Regie: Izad Safaeiyan, Bühne & Kostüme: Carlotta Schuhmann, Musik: Mahmoudreza Chegini, Dramaturgie: Tim Kahn.
Mit Ahmad Nasir Formuli (mit Puppe), Roman Kurtz, Nina Plagens.
Premiere am 6. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
www.stadttheater-giessen.de
Kritikenrundschau
„Die kollektive Erfahrung des Busfahrens wird zum Spiegel von Privilegien und Unterschieden, bringt die Reisenden näher zusammen, während gleichzeitig unsichtbare Grenzen aufscheinen", schreibt Ulla Hahn-Grimm im Gießener Anzeiger (10.6.2025) – und endet mit einer Empfehlung: „Viel ist in diesem Stück zu entdecken. Theaterfans könnten sich das Schauspiel ruhig ein zweites Mal ansehen."
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