Nurmehr Wahn

9. Juni 2024. Abschiednehmen – Regisseur Ingo Kerkhof und das scheidende Schauspiel-Team in Wiesbaden haben sich dafür mit einem unvollendeten Pirandello eines der rätselhaftesten Stücke der Theaterliteratur ausgesucht. Der Abend gerät zum Fest der Fantasie und des Theaters selbst.

Von Michael Laages

"Die Riesen vom Berge" am Hessischen Staatstheater Wiesbaden © Karl und Monika Forster

9. Juni 2024. Stimmt – das Leben ist wie eine Gurke. Nur anders… nach diesem herrlich erschöpfenden Zitat aus den rätselhafteren Tiefen der Gemüse-Geschichte (und des Internets) ist alles gesagt und tatsächlich kann jetzt nichts mehr kommen; darum steht es am Ende vom Ende. Langsam verdämmert das Licht auf der kleinen Bühne des Hessischen Staatstheaters in Wiesbaden, und das Ensemble beginnt, endgültig Abschied zu nehmen von "seinem" Theater. 

Die Intendanz von Uwe-Eric Laufenberg endet nach intensiven und für viele Beteiligte schmerzhaften Querelen mit einem echten Zauberkunststück; und das nicht nur, weil eine Art Zauberer der Bühnen- wie der Menschen-Künste eine wesentliche Rolle spielt in Luigi Pirandellos unvollendeter Fabel über "Die Riesen vom Berge". Die wären womöglich aufgetreten im dritten Akt, den der sterbende Autor 1936 nurmehr mündlich skizziert hatte im Gespräch mit dem eigenen Sohn; und wer immer sich seither mit dem zutiefst verrätselten Material befasst hat, musste immer diese Entscheidung treffen – gibt's sie oder gibt's sie nicht?

Was tun mit den Riesen?

In Bremen ließ einst Andras Fricsay Kali Son monströse Baby-Beinchen aus dem Bühnenhimmel herab die Welt wie die Kunst in Trümmer trampeln, und vor ziemlich genau drei Jahrzehnten, bei den Salzburger Festspielen im Sommer 1994, walzten für das Finale der Fassung von Luca Ronconi riesige Bau-Maschinen in die theatralische Spiel-Welt der Perner-Insel in Hallein herein. Ingo Kerkhof reserviert jetzt in Wiesbaden den Männern im Ensemble eine grotesk-wilde Show-Nummer, in der sie sich zu Teilen die Kleider vom Leibe reißen, Muskeln spielen lassen und sich protzend auf die Bäuche trommeln. Wie die verrückten Bengel im Kinderbuch-Klassiker "Wo die wilden Kerle wohnen". Sehr ulkig ist das und schnell vorbei – das Gelärme der Riesen ist nur eins von vielen spektakulären Bildern dieser sehr besonderen Aufführung.

43459 9565 riesen c forster 60Klara Wördemann, Matze Vogel © Karl und Monika Forster

Die eigentliche Fabel des Stücks, an der Pirandello über viele Jahre und bis in den Tod herum laborierte, ist eher kurz – der scheidende Schauspiel-Direktor und Chef-Dramaturg Wolfgang Behrens erzählt sie klug und klar im Programmheft. Im Zentrum steht die sonderbare Kunst-Kommune um Herrn Cotrone, den "Zauberer", in ihr sind eine gehörige Menge unanpassbarer Außenseiter versammelt. Die Gruppe, zu Hause in einer schwerst heruntergekommenen Villa am Fuße eines Gebirges, bekommt Besuch von der Gräfin Ilse, die eigentlich (und vor allem) Schauspielerin ist und begleitet wird vom Grafen sowie Resten eines reisenden Theater-Ensembles; in der Begegnung all dieser irgendwie verlorenen, aus der Gesellschaft gefallenen Wesen entsteht so etwas wie eine Lebens- und Liebes-Gemeinschaft.

Im Wirbel der Worte

Mit ihnen allen, und immer mit der funkelnd-flirrenden Ilse-Figur im Mittelpunkt, erfindet Cotrone als "spiritus rector" im zweiten Teil (und bevor irgendwann die "Riesen" kämen) ein verspieltes Panorama voll von Poesie, himmelsstürmerischer Träumereien und bedrohlichster Abgründe. Immer mal wieder in der Theatergeschichte haben ja Autorinnen und Autoren den (durchaus schwierigen) Versuch unternommen, dem Publikum zu erklären, wie Theater entsteht, nach welchen Regeln es funktioniert. Was in der Villa Scalogna geschieht, dem Zuhause der (noch einmal Behrens im Programm) "Pechvögel", veredelt Ort und Zeit und Raum zum Universum der Sehnsüchte. Nicht, dass da immer gleich Sinn zu ergründen wäre im Wirbel der Worte – stattdessen "nurmehr Wahn", wie es immer wieder heißt. Alle Sicherheit, alle Wahrheit schwindet dahin, alles verschwimmt – so sehr, dass jetzt tatsächlich "Riesen" von den Bergen herab kommen könnten; wir, das Publikum, sind ja auch schon da.

Plötzlich verwandeln sich auch die Akteurinnen und Akteure – einer wird als Regisseur Ingo Kerkhof angesprochen, die Figur mit dem riesig-finstren Kopfschmuck ganz in Schwarz mutiert zum Dramaturgen Behrens und soll (sinnloserweise) eine Einführung zum Stück halten. Die schillernde Schönheit im Glitzerkostüm vom Beginn setzt – wie eine Erzählerin – immer mal wieder zwischen den Szenen und Akten zu Erklärungen über den Fortgang der fragmentarischen Handlung an; der Graf hat sich in tiefer Verehrung für die charismatische Gräfin festgekrallt im albernen Kinderreim "Ilsebilse, keiner willse!", außerdem spielt er Bass und verfällt mit zwei der Frauen aus der Cotrone-Kommune sowie Musiker Felix Kroll, sonst am Akkordeon, jetzt am Klavier, in eine kleine Blues-Ballade.

Alkestis im Herzen

Zuvor war auch schon Edith Piaf selig präsent – mit dem Lied, in dem sie bekennt, dass sie nichts bereut. Plötzlich meldet sich dann auch der Theater-Betrieb zu Wort – Techniker räumen hin und her, der Inspizient sagt, wo's lang geht; aus der ersten Reihe klettert die Souffleuse herauf, sie wird jetzt auch auf der Bühne gebraucht.

Das Theater selbst spielt mit auf der zeichenreichen Bühne von Hana Ramujkic; während Britta Leonhardts Kostüme von Beginn an grandios und markant sind. Schließlich platzen immer wieder Luftballons mit ziemlich viel rieselndem Flitter und Glitter drin, auch im Detail wird mit kleinen und größeren Tricks gezaubert.

43466 9565 riesen c forster 278Mit allen Tricks: Ensemble © Kar und Monika Forster

Regisseur Ingo Kerkhof, in Schauspiel wie Musiktheater an vielen Häusern tätig und seit zehn Jahren regelmäßig auch in Wiesbaden, ist Pirandello mit unterschiedlichsten literarischen Anleihen auf dem Weg der Unerklärbarkeit gefolgt, nur ein klassisch-antikes Motiv wird immer wieder beschworen – das der Königin Alkestis, die sich (anders als der selbstsüchtige Rest der Familie) für den todgeweihten Gatten Admetos opfert und ihm danach zum Lohn von Götterkind Herkules wieder zurückgegeben wird: als lebende Tote.

Diesen Mythos trägt Ilse, die Schauspielerin, im Herzen; wie den toten Dichter, der ihr ein Stück wie dieses schrieb. Aber auch das ist nur einer der enorm vielen Fäden, die sich schon bei Pirandello motivisch verknäulen. Kerkhof fügt noch eine Menge hinzu – für einen Theaterabend, der dem so außergewöhnlichen, magisch-phantastischen Text unbedingt und jederzeit gewachsen ist. Die Inszenierung wird verschwinden, in Theater wie im Ensemble steht viel Umbruch bevor. Der Abschied mit diesen Riesen ist ein Ereignis.

Die Riesen vom Berge                         
von und nach Luigi Pirandello
Regie: Ingo Kerkhof, Bühne: Hana Ramujkic, Kostüme: Britta Leonhardt, Musik: Felix Kroll, Choreographie: Myriam Lifka, Licht: Steffen Hilbricht, Dramaturgie Wolfgang Behrens.
Mit: Merlin Brown, Christian Erdt, Tom Gerber, Lina Habicht, Lena Hilsdorf, Christian Klischat, Benjamin Krämer-Jenster, Felix Kroll, Matze Vogel, Sybille Weiser, Klara Wördemann sowie der Souffleuse Regine Schneider, dem Inspizienten Gerd Wehmann sowie dem technischen Personal der Aufführung.
Premiere am 9. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-wiesbaden.de

Kritikenrundschau

Von einem "versöhnlichen Abschied von den Laufenberg-Jahren" berichtet Marcus Hladek in der Frankfurter Rundschau (9.6.2024). "Obwohl Kerkhof im Geiste Pirandellos allerhand Theater-im-Theater und böse Schauspieler-Fragebögen einstreut, ist dies eine superbunte, schön und wissend arrangierte Arbeit von Graden, die den Abschied erschwert", urteilt er.

"Wo liegen die Grenzen zwischen Rolle und Person, die sie darstellt" – solche und ähnliche Fragen stellt dieser Abend für Viola Bolduan im Wiesbadener Kurier (10.6.2024). Die Bühne selbst stehe damit aber nicht in Frage, "zu überzeugend" sei die "Spielfreude aller samt grandioser Einzelleistungen". Jeder Einzlene dürfte vorkommen und bilde in der Gesamtheit "ein traumhaftes Ensemble", zeigt sich die Kritikerin begeistert.

"Man bleibt, nach mehr als drei Stunden mit Pause, etwas unentschlossen zurück, ob man das gut findet", schreibt Eva-Maria Magel von der Rhein-Main-Zeitung (11.6.2024). "In all der Überschreibung mit fremden Texten ist durchaus der poetische Geist Pirandellos zu spüren, die drängende Frage, wo und ob denn das Wirkliche sei?" Jedoch: "Das Selbstreferenzielle des Theaters in der speziellen Wiesbadener Ausformung der jüngsten Vergangenheit, das Querelen auch auf die Bühne brachte, es drängt sich auch in diese letzte Inszenierung." Die Kritikerin schließt: "Das Persönliche aber und etwas Eitle – es ist ein letztes Mal überflüssig."

Kommentare  
Riesen vom Berge, Wiesbaden: Zauberhafter Abend
Hier ist noch eine schöne Beschreibung dieses wirklich zauberhaften und großartigen Abends: https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/wiesbaden-pirandello-riesen-vom-berge/
Die Riesen vom Berge, Wiesbaden: Riesiges Erlebnis
Gestern in den "Riesen" gewesen, die wirklich ein riesiges Erlebnis waren. Ganz toll. Möchte aber noch etwas zu den Kritiken sagen, in denen man immer wieder von der "schwierigen" Laufenberg-Intendanz" oder ähnlichem liest. Aus Publikumssicht stimmt das nicht. Die Laufenbergjahre waren eine künstlerisch fürs Publikum beglückende Zeit mit tollen Leuten und tollen Ensembles. Und zum Beispiel einer super Aufführung wie der gestern von Ingo Kerkhoff, den Laufenberg immer wieder in Wiesbaden inszenieren ließ (auch ein toller Werther in der Oper zum Beispiel). Was das Schwierige an Laufenberg gewesen sein soll, muss man dem Publikum, zu dem ich mich zähle, erstmal erklären.
Riesen vom Berge, Wiesbaden: Unglaublich
Speziell mit den Riesen vom Berge, so schön sie auch anzuschauen waren, konnte ich nicht viel anfangen oder ich habe sie einfach nicht verstanden. Es sah schön aus und die Schauspieler waren gut, aber was es sollte weiß ich nicht. Ich möchte aber meinem Vorredener zustimmen, dass Laufenberg für Wiesbaden ein guter Intendant war, vor allem in der Oper hat er Unglaubliches für die Stadt geleistet.
Riesen vom Berge, Wiesbaden: Letzte Chance
In der dritten Woche in den Charts (4.,3.,4.): "Die Riesen vom Berge" in Wiesbaden. Morgen ist die allerletzte Vorstellung.
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