Männer, die die Welt verbrennen

12. Juli 2025. Die Ursünde dieser Nibelungen ist der Mord an der Natur, der getötete Drache das erste Opfer im Ökozid. Roland Schimmelpfennig hat die Nibelungen-Sage neu gedichtet: als "See aus Asche". Und Mina Salehpour findet in ihrer Uraufführung eindrückliche Querverbindungen.

Von Steffen Becker

Roland Schimmelpfennings "See aus Asche" bei den Nibelungenfestspielen Worms © David Baltzer

12. Juli 2025. Man muss sich Hagen von Tronje als schippenden Sisyphos vorstellen. Zumindest Regisseurin Mina Salehpour tut das. Autor Roland Schimmelpfennig hat den Stoff des Nibelungenliedes mit "See aus Asche" neu gefasst für die Wormser Nibelungenfestspiele. Aber vor dem ersten seiner Worte muss sich "Tatort"-Kommissar Wolfram Koch erstmal an der Bühne abarbeiten und Kies umher wuchten. Der rieselt von dem aufgeschütteten Hügel größtenteils wieder zurück.

Damit ist das Bild für die Aufführung gesetzt. Schimmelpfennig hat ein Werk geschrieben, dass anhand der Nibelungensaga den Dauerloop menschlicher Machtkämpfe seziert. In "See aus Asche" sprechen die Figuren in der 3. Person darüber, warum sie handeln, wie sie handeln, machen deutlich, warum es falsch ist – und handeln dann in der 1. Person trotzdem so, immer wieder.

Gewaltverbrechen an der Natur

In der Art der Inszenierung bricht Regisseurin Salehpour jedoch mit der Stück-Aussage, dass sich Geschichte immer wiederholt. Der von ihr gestaltete Abend ist ein Wagnis, indem er den anti-illusorischen Sound von Schimmelpfennig in entsprechende Bilder übersetzt.

Will heißen: "See aus Asche" verzichtet auf jegliches Spektakel wie sie sich sonst vor dem Dom alljährlich abspielen (lediglich der namensgebende See darf ganz am Ende tatsächlich brennen). Statt furioser Schwertkämpfen lassen die Schauspieler Siegfrieds Schwert selbst zu Wort kommen, ebenso das Lindenblatt zwischen seinen Schultern oder die Tarnkappe. Die Dinge entwickeln ein Eigenleben und lassen die Nibelungenkrieger dadurch noch fremdgesteuerter erscheinen.

Wie Sisyphos den Berg hinauf: Hans-Werner Leupelt (Gunter), Wolfram Koch (Hagen) und Eivin Nilsen Salthe (Siegfried) © David Baltzer

Auch der Drache bekommt in "See aus Asche" eine deutlich stärkere Würdigung als gewohnt. Jasmin Tabatabai warnt Siegfried eindringlich davor, sich an ihr zu versündigen. Das Stück interpretiert das Drachentöten als die eigentliche Ursünde – als Gewaltakt an der Natur, die sich der Mensch aus Angst und Gier untertan machen will. Jasmin Tabatabai gibt dann auch die Brunhild, die von Siegfried ebenfalls vergewaltigt wird. Das zeigt die gemeinsame Wurzel von Gewalt (männlicher Herrschaftsanspruch) und gehört zu den vielen klugen Querverbindungen, die die Inszenierung anlegt.

Im Hamsterrad der Selbstzerstörung

Im Falle von Hagen stellt das Werk stark auf dessen Begehren von Kriemhild ab. Wolfram Koch hebt mehrmals zu Briefen an sie an, streicht sie dann zusammen und wirft sie schließlich weg. Sein Hagen ist vor allem ein Gekränkter. Seine Handlung erklärt er mit der Frustration, dass immer einer da sein wird, der mehr haben wird als er selbst. Das Motiv findet sich auch bei Gunter (Hans-Werner Leupelt) wieder. Der Befehl des Mords an Siegfried resultiert aus der Demütigung, von diesem das eigene Unvermögen vorgeführt bekommen zu haben, eine Frau zu beherrschen.

Beide Darsteller spielen das mit einer angenehmen Nonchalance. Kein Overacting, keine Monstrositäten. Sondern "ganz normale" verunsicherte Männer (allerdings mit Macht). Ich-bezogen, patriarchal, unfähig, ihre Gefühle adäquat zu artikulieren, was sie mit Aggression überdecken. Unschwer zu erkennen, dass die Nibelungen hier Pate stehen für heutige Verhältnisse.

Opfer der naturlosen Naturburschen: Jasmin Tabatabai als Drache © David Baltzer

Aber so wenig wie Regisseurin Salehpour die Schwerter schwingen lässt, so wenig greift sie zum Zaunpfahl beim Hereinholen der Gegenwart in den Sagen-Stoff. So nüchtern wie die Schauspieler ans Werk gehen, so trocken stellt der Abend fest: Männer, die die Welt verbrennen, treiben die Menschheit ins Hamsterrad der Selbstzerstörung. Vielleicht sind auch deshalb Plastik-Stühle die Hauptrequisite des Abends. Sich einzurichten lohnt sich nicht in einer Welt, in der regelmäßig alles niedergebrannt wird.

Utopie der Liebe

Kriemhild als Frau erfährt vor diesem Hintergrund einen Schuldfreispruch. Kriemhild Hamann und Eivin Nilsen Salthe (als Siegfried) erscheinen in der Inszenierung über weite Strecken als Utopie einer gelungenen Liebe. Über Kriemhilds Rachedurst und ihren Hass geht sie rasch hinweg. Stattdessen stellt der Abend über die langsam ins Rutschen geratenen Kieshügel das An-den-Umständen-Scheitern des Paares in den Vordergrund. Das passt zwar zum roten Faden männlicher Kränkung als Wurzel allen Übels. Es hinterlässt aber auch eine Leerstelle in einem ansonsten so ruhig wie überzeugend durchkomponierten Abend.

See aus Asche – das Lied der Nibelungen
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Mina Salehpour, Bühne: Andrea Wagner, Kostüm: Maria Anderski, Musik: Sandro Tajouri, Video: Kate Ledina, Licht: Eivind Myren, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit: Andreas Grötzinger, Hans-Werner Leupelt, Kriemhild Hamann, Denis Geyersbach, Wolfram Koch, Jasmin Tabatabai, Eivin Nilsen Salthe, Lisa Natalie Arnold.
Premiere am 11. Juli 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.nibelungenfestspiele.de


Kritikenrundschau

"See aus Asche" sei eher karg, "aber ungeheuer dicht, intellektuell aufregend. Nicht das, was man als Freilufttheaterbespaßung für 1400 Zuschauer erwartete", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (14.7.2025). Schimmelpfennigs Text sei viel zu gut, um nicht von „normalen“ Theatern nachgespielt zu werden, "er bohrt sich hinein ins 'Nibelungenlied'", ein Drama, das auch Meta-Drama sei. "Regisseurin Mina Salehpour nimmt Schimmelpfennigs Angebot mutig, differenziert und sehr präzise an." Und sie füge das Puzzle hoch konzentriert zusammen. "Wolfram Koch ist ein wundervoll klarer, letztlich aber machtlos in die eigenen Ränke verstrickter Stratege." 

"Mit Schimmelpfennig kommt nun das ganze Nibelungenlied wieder auf die Bühne, als sensationelles Erzählerlebnis mit Drachen und sprechendem Lindenblatt. Wie bereits in 'Anthropolis' lässt der Dramatiker die Figuren ihre Geschichte selbst erzählen", schreibt Jakob Hayner in der Welt (14.7.2025). Für die Schauspieler sei eine dankbare Sache, auch weil es für viele komische Brüche sorgt. Doch vor allem im zweiten Teil komme die Tragik durch die Hintertür wieder herein. "Die größte Fallhöhe haben Wolfram Koch als der abgründige Hagen von Tronje, und Kriemhild Hamann als Kriemhild-" Fazit: "'See aus Asche' versucht nicht, das Nibelungenlied von problematischen Aspekten zu bereinigen, sondern lässt diese greifbar werden." 

"Die Welt der Nibelungen ist diesmal eine Kiesgrube beziehungsweise ein Kiesberg." Und Wolfram Koch beim Schippen zuzusehen, ist schon für sich genommen ein Ereignis, so Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (14.7.2025). Kochs Bühnenpräsenz sei gerade in der Untertreibung ein Knaller. Aber der Abend löse die Erwartungen nicht ein. "Er ist ambitioniert, es gibt einen starken Text von Roland Schimmelpfennig, es gibt auch eine Regisseurin, Mina Salehpour, die den Mut hat, hier kein Spektakel zu veranstalten." Das Gegenteil von Spektakel sei dann, vor allem im zweiten Teil, ein Zu-Wenig von allem, ein lakonisches bis braves Zuendebringen. Das Crescendo bleibe zu flau. Über den Abend zeige sich, wie sehr den Figuren Kontur und Zug fehlen. 

Roland Schimmelpfennig interpretiert das Nibelungenlied als Horrorvision, die aus der Sicht des fatalistischen Spielmanns Volker immer wieder neu erzählt werden muss, so Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (14.7.2025). Und das sei wahrscheinlich die Krux des Abends: "Das Lebendige der Darstellenden Kunst gerate unter die Räder  – vor allem bei einem groß dimensionierten Freiluftspektakel vor rund 1400 Besuchern." Fazit: "Besonders beseelt mutet die Produktion nicht an. (...) sprödes Erzähltheater." 

"Klar sind die Bilder, prägnant ist die Figurenzeichnung", so Stefan Benz in der Wormser Zeitung (14.7.2025). Im zweiten Teil entfalten Siegfrieds Tod und Kriemhilds Rache bei der Premiere in der Vollmondnacht eine unheimliche Faszination in einer apokalyptischen Abraumhalde. "Die Regie ist mit Action auf der Bühne so zurückhaltend wie mit plakativen Akzenten. Hat man hier schon ganz anders erlebt, ist aber keine schlechte Haltung." Dramatische Dynamik komme zwar selten auf und bricht schnell ab, "dafür entfaltet sich die bittere Botschaft ganz ohne Aktualisierung als Kommentar zu Krieg und Autoritarismus".  

Kommentare  
See aus Asche, Worms: Eleganter Jahrgang?
Kein Wort zur Kleiderordnung ? War es denn jetzt ein eleganter Jahrgang ??
See aus Asche, Worms: Gewinnmaximierung
Der Erfolg der diesjährigen Aufführung besteht wohl vor allem in der Gewinnmaximierung aufgrund des spärlichen Bühnenbildes. Weniger ist nicht mehr, weniger ist fast garnix. Mein Tip: die Stühle mit Autogramm verkaufen, Stückpreis 3000,- € und den Gewinn in die nächste Aufführung investieren.
See aus Asche, Worms: Nicht schecht
Vergessen wir den Biergarten davor und in der Pause (!), wo eine Jazzkombo laut für eine „stimmungsvolle“ Atmosphäre sorgt. Das Publikum: betreibsfestelegant, aber hallo! Und die Stimme, die nach Handyaus bittet, wird sogar freundlich beklatscht …
Der Text und die Inszenierung sind wirklich nicht schlecht. Für viele (eher ältere) Zuschauer aber eher sperrig. Dass Effekte fehlen, ist nicht bedauerlich, Schimmelpfennig erzählt eben. Da aber das Geschehen nicht dauerhaft auf Leinwänden gezeigt wird wie bei einem Popkonzert, muss es dem Publikum in der 40. Reihe unmöglich machen, etwas zu erkennen. In der 6. bis 12. Reihe optimale Sichtverhältnisse. Der Text und das Souvenir-Programmheft werden angeboten aber kaum erworben.
Ein neuer Aspekt im Text? Eher nein … Die Schauspieler sind passend, TV Koch integriert sich gut … am besten war der Norweger Salthe mit einem schönen Akzent, der den Siegfried herzlich macht. Alles ist eher freundlich, weil der Test reflektierend ist, alles hinter einem virtuellen Schleier. Die beste Niebelungeninszenierung seit langem …
See aus Asche, Worms: Stark
Ich durfte heute Abend die 12. Vorstellung dieses Stücks sehen, und möchte sehr gern meinen Senf dazu abgeben! "See aus Asche" war meine erste Inszenierung die ich bei den Nibelungen Festspielen gesehen habe und darüber könnte ich nicht glücklicher sein. Ein durch und durch starkes, fantastisches und stellungsnehmendes Stück, was jegliche Lobpreisung verdient hat. Das Regieteam hat ein meiner Meinung nach glanzvolles Gerüst erschaffen, welches durch dieses Bühnenbild, dem Licht- und Tondesign, sowie dem Live Video und natürlich der schauspielerischen Leistung des Ensembles zum Leben erweckt wurde. Gefüllt wurde. So sollte Theater sein. Starke, tiefgreifende Texte, eine immer sich verändernde Bühne die mit Technik, Spiel und Gefühl im Einklang ist; es war fast schon zu perfekt, jetzt wo ich darüber nachdenke. Die Kostüme sind nochmal ein Erlebnis für sich, mensch hat sich genug Zeit nehmen können, um sie alle im Detail zu betrachten, da die Schauspieler*innen oft alle gemeinsam auf der Bühne waren, jedoch nicht alle gleichzeitig in Aktion. Ein Fest für die Augen. Das Sounddesign ein Fest für die Ohren (!!!), und alles andere ein Fest für die Seele. Die ernsten Szenen wurden ausbalanciert mit kleinen Scherzen und den ein oder anderen modernen Anspielungen, wobei vorallem Denis Geyersbach und Lisa Natalie Arnold in die Rollen der „comedic reliefs“ geschlüpft sind und diese auch vollkommen erfüllt haben. Trotz einem Verhältnis von 5 zu 3 haben diesen Abend die Frauen getragen. Ich möchte ein großes Dankeschön an Kriemhild Hamann, Jasmin Tabatabai und Lisa Natalie Arnold aussprechen, die dieses Stück so unfassbar stark und emotional gestaltet haben und die nächsten vier Tage gestalten werden. (Dabei war das Spiel vom Rest des Ensembles natürlich nicht weniger erwähnenswert: diese drei haben mich einfach besonders berührt!) Und das nach fast 2 Wochen durchgehendem Spielen. Hut ab!

Naja, im Großen und Ganzen, „See aus Asche“ ist eine großartige Freilicht-Inszenierung, die mensch auf jeden Fall gesehen haben muss! Bravo an Alle! Ich bedanke mich enthusiastisch beim kompletten Team. Die lange Anreise hat sich gelohnt ;)
See aus Asche, Worms: Großes Theater mit Wermutstropfen
Was für eine dichte, wohl abgestimmte Inszenierung des uralten Stoffes!
Nach und nach wurden die alt bekannten, bis zum heutigen Tag wirkungsvoll zerstörerischen menschlichen Intrigen mit ihren abgründigen Folgen vor dem Langhaus des majestätischen Domes ausgespielt. Wie klein doch diese Geschöpfe namens homo sapiens sapiens vor hohem MAUERWERK wirken, solange sie sich n u r den Drachenberg hinaufquälen, darauf herumsteigen oder hinunterrutschen. Doch ihre Worte lassen den Zuschauer schnell erkennen: allesamt sind sehr gefährliche Geschöpfe, ob sie als Mann oder als Frau agieren!
In dieser Hinsicht kommuniziert und kommentiert das Stück in stringenter Weise einige überzeitliche, erschütternde Wesensmerkmal der Menschen: seine Habgier, Überheblichkeit und Mordlust. Bravo, bravo!
Dass Brünhildes Vergewaltigungserfahrung mit der groteskhaften, gossennahen Floskel des "Gestempeltseins" sprachlich gefasst wird, hätte nicht sein dürfen, so meine Haltung!
Auch einige andere floskelhaften Einschübe brachten zwar Lacher ins aufmerksame Publikum, aber auch diese Elemente wirkten wie allzu billige Anbiederungen an den Zeitgeist!
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