Die Äpfel sind entschärft

16. Dezember 2024. An der Bürgerbühne des Düsseldorfer Schauspielhauses Stadt:Kollektiv hat Kamilé Gudmonaité sich zusammen mit einem tollen achtköpfigen Laien-Ensermble von Kafkas berühmter Erzählung  zu einem leichten, genauen, schnellen und anschaulichen Theaterabend zum Thema Körperpolitik inspirieren lassen.

Von Martin Krumbholz

"Die Verwandlung" von Kamilé Gudmonaité in Düsseldorf © Sandra Then

16. Dezember 2024. Gregor Samsa muss sein Leben "neu ordnen", denn er hat sich über Nacht in ein Ungeziefer verwandelt, in ein ungeheures Ungeziefer. Und das kann er seiner Familie nicht zumuten. "Es war kein Traum", heißt es ausdrücklich in Franz Kafkas berühmtester Erzählung. Ein Traum, was sonst?, möchte man fragen, aber nein: "Es war kein Traum."

Körperpolitik

So lautet auch der Refrain in dem von Melek Beril Sargut vorgetragenen Song am Anfang dieses wunderbaren, nur gut einstündigen Abends über Körperpolitik und über das Bedürfnis, sein Leben "neu zu ordnen", den die litauische Regisseurin Kamilé Gudmonaité mit sieben Mitwirkenden für das Stadt:Kollektiv am Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert hat. Diese sieben Laien sind Menschen, an deren Körper etwas auffällig ist oder aber die glauben, an ihrem Körper könnte etwas als auffällig betrachtet werden. "Is there something wrong with me?" Sie haben sich nicht wie Gregor Samsa in einen Käfer verwandelt, auch wenn Gabriele Dittmar sich für die Introduktion, eher scherzhaft, so einen Käferpanzer aus Chinin übergestreift hat.

Verwandlung 1 CSandra Then uDas achtköpfige Ensemble © Sandra Then

Gabriele Dittmar leidet an Osteoporose, einer Knochenkrankheit. Sie wie die sechs anderen reflektiert ihre "Auffälligkeit", und hier liegt das Bindeglied zwischen ihnen und Kafkas Protagonisten, dessen Bewusstsein, dessen Empfindsamkeit und dessen soziales Gewissen sich ja nicht im mindesten gewandelt haben. Nur der Körper ist anders, allerdings so sehr anders, dass die drei Familienangehörigen sich schon fragen müssen, ob es sich überhaupt noch um ihren Gregor, ihren Ernährer handelt. Hätte der sich nicht rücksichtsvoller benommen?

Empathie? Keine Chance

Die sieben Tapferen und toll Spielenden, Singenden, Tanzenden, die hier im Kleinen Haus auf der Bühne stehen, einem schlichten, mit schlanken Stangen und Hubsystemen ausgestatteten Guckkasten, sie haben sich natürlich auch mit Nachfragen, Kritiken und Forderungen ihrer Umwelt befassen müssen, und davon erzählen sie. Eine junge Frau, Elena John, fragt uns, das Publikum, ganz unverblümt, was wir denn gedacht hätten, als wir sie auf der Bühne tanzen sahen. Wir haben vielleicht gar nicht gedacht, dass sie auffällig "dünn" ist und mal ein richtiges Butterbrot bräuchte, wir haben alles Mögliche gedacht; aber offenbar ist dieser Gedanke der, von dem Elena John aufgrund ihrer Erfahrungen glaubt, dass es der Gedanke ist, den die Menschen denken, wenn sie sie sehen. Ein auffallend dünnes Mädchen.

Verwandlung 4 CSandra Then u© Sandra Then

Theodor Pepper Meon Gatzka hat sich von einem Mädchen in einen Jungen verwandelt. In einen großgewachsenen, schlanken Jungen mit halblangen Haaren. Auch dieser Prozess hat, wenigstens bei der ersten Eröffnung, Befremden, wenn nicht gar "Ekel", wie er sich in seinem Monolog erinnert, bei den Angehörigen ausgelöst. Kafkas Protagonist nimmt ja das Befremden, den Ekel seiner "Liebsten", wie man so schön sagt, permanent vorweg, er rechnet keineswegs mit Empathie, Mitleid oder Fürsorge.

Bizarre Hyperlogik

Aber dass die Liebsten einen mit grünen Äpfeln bombardieren, von denen einer schmerzhaft im Rücken steckenbleibt, mit so etwas kann man in seinen schlimmsten Träumen nicht rechnen. Nein, es war kein Traum. Es ist die bizarre Hyperlogik einer Parabel über soziale Kälte in einer Kaufmannsfamilie in Prag in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Kamilé Gudmonaité und ihr Team führen die Metapher in die heutige soziale Realität hinüber, wobei sie Kafkas bitteren Pessimismus aushebeln. 

Verwandlung 5 CSandra Then u© Sandra Then

Von den grünen Äpfeln geht hier keine akute Gefahr mehr aus, was nicht heißen soll, dass Probleme bei der "Neuordnung" der Körperpolitik verharmlost würden. Im Gegenteil, sie sind ja das Thema des Abends. Aber seine Atmosphäre, seine Grundstimmung ist der befreiende Humor, dafür wird dieser Abend zu Recht gefeiert. Italo Calvino, ein begeisterter Kafka-Leser, hat in seinen Vorschlägen für das 21. Jahrhundert Leichtigkeit, Genauigkeit, Schnelligkeit und Anschaulichkeit als entscheidende ästhetische Tugenden benannt. Von diesen allen profitiert der Abend nach Kafkas Erzählung "Die Verwandlung". 

Die Verwandlung
nach Franz Kafka
in einer Bearbeitung von Dorle Trachternach, Kamilé Gudmonaité und Ensemble
Regie: Kamilé Gudmonaité, Bühne und Kostüm: Barbora Sulniuté, Musik: Dominykas Digimas, Choreografie: Mantas Stabacinskas, Licht: Christian Schmidt, Dramaturgie: Birgit Lengers, Dorle Trachternach.
Mit Gabriele Dittmar, Inga Flamang, Elena John, Len Königs, Theodor Pepper Meon Gatzka, Melek Beril Sargut, Adnan Zecevic.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
Premiere am 15. Dezember 2024

www.dhaus.de


Kritikenrundschau

Die litauische Theatermacherin spüre in ihrer beeindruckenden Inszenierung der Erfahrung von Entfremdung nach, so Regina Goldlücke in der Rheinischen Post (17.12.2024). "Kafkas schockierende Parabel vermengt sie mit den Körper-Geschichten der sieben Akteure, allesamt Laien-Schauspieler." So lenke der Abend den Blick auf Menschen, denen ihr Körper nicht mehr gehorche. "Dazwischen kommt Franz Kafka zu Wort, seine Textpassagen sind erkennbar und fügen sich organisch ein."

 

Kommentare  
Die Verwandlung, Düsseldorf: Besonderer Abend
Dem Stadtkollektiv ist mit "Die Verwandlung" ein wirklich besonderer Theaterabend gelungen. Dieser nachtkritik ist wenig hinzuzufügen, vielleicht nur, dass auch in der Kombination aus Bühne, Licht und Sound eine ästhetische Verdichtung und Form entsteht, die die Unmittelbarkeit der Zeugnisse und deren Verwebung mit dem literarischen Text behutsam auffängt.
Mich hat insbesondere der Tanz sehr berührt, auch einiges andere, starker Tobak, der aber nie ausgewalzt wird. Und trotzdem gibt es immer wieder einen lakonischen, ins Leben weisende und das Leben feiernden Humor. Ganz großes Theater.
Die Verwandlung, Düsseldorf: Klasse Typ
Dieser Theo ist echt ein klasse Typ, wunderbarer Mensch
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