Frühlings Erwachen - Düsseldorfer Schauspielhaus
Von Natur aus flauschig
15. Januar 2026. Bonn Parks Bühnensprache ist für feinironische, zarte Figuren bekannt, die nach einem Lebensgefühl fahnden. Am Düsseldorfer Schauspielhaus überschreibt er Frank Wedekinds Aufklärungs-Klassiker und lässt die pubertären Jugendlichen von Achtzigjährigen spielen.
Von Martin Krumbholz
Frühlings Erwachen von Bonn Park am Düsseldorfer Schauspielhaus © Thomas Rabsch
16. Januar 2026. Übertreibt er’s? Während Frank Wedekind sich in seiner sogenannten Kindertragödie "Frühlings Erwachen" von 1891 mit zwei Toten zufriedengibt, einem Selbstmörder und dem Opfer einer missglückten Abtreibung, sind es in Bonn Parks Überschreibung des Dramas ganze vier. Von der gelben Rutsche, die Julia Nussbaumers puppenstubenhafte Bühne im Kleinen Haus ziert, geht es direkt ins Grab, und es sind meist die auf Stelzen gehenden Erwachsenen, die die winzigen Särge hinabgleiten lassen und düstere Grabsteine setzen.
Zart und zerbrechlich
Bonn Park hat sich von Wedekind zu etwas Eigenem inspirieren lassen, so muss man es wohl nennen. Sein Humor ist letztlich ein ganz anderer als der des berühmten Dramatikers aus dem wilhelminischen Zeitalter: Den grellen Sarkasmus des Altvorderen mit seinen Paukerkarikaturen (Professoren Sonnenstich, Knüppeldick und Fliegentod) ersetzt unser Zeitgenosse durch seine vielbewährte subtile, fragile Ironie. Der ganze Abend ist von einer Zartheit und Zerbrechlichkeit, die nicht nur mit der sanften und schönen Gitarrenmusik von Ben Roessler zu tun hat, sondern auch damit, dass hier in den Rollen der Kinder beziehungsweise "Teenies" fünf etwa achtzigjährige Laien auf der Bühne stehen. Sie tragen auf ihrem Spielplatz bordeauxrote Uniformen und klassische Ranzen auf dem Rücken.
Ein Gruselkabinett auf dem Spielplatz © Thomas Rabsch
Auf der anderen Seite des Generationen-Schlachtfelds wirken lediglich zwei Schauspielprofis, Caroline Cousin und Valentin Stückl, als Mütter und Lehrer mit. Die Souffleuse wird unter diesen Umständen etwas öfter gebraucht als gewohnt. Bonn Parks Überlegung war folgende: Es seien heute, schreibt er, eher die jungen Menschen, die rationalisieren und auf Regeln bestehen, die zudem eine Menge Wissen aus dem Internet beziehen, während die Älteren nur Geschichten über Gefühle erzählen "und wie schön das Leben sein könnte". Mangel an Aufklärung in sexuellen Dingen, bei Wedekind das zentrale (und tödliche) Thema, ist selbstverständlich passé, mit ihr aber auch eine gewisse Heiterkeit und Unbeschwertheit den elementaren Tatsachen des Lebens gegenüber. An deren Stelle treten bei den Jungverliebten nun pseudo-abgebrühte, zaghaft vorgebrachte Sprüche wie "Ich bin cool" und "Willst du rummachen".
Unheimliche Aufklärer des 21. Jahrhunderts
Das ist kokett und gibt Applaus, hundertprozentig konsequent umgesetzt wird die verblüffende, aber durchaus einleuchtende Idee einer Generationen-Umkehrung allerdings nicht; denn Cousin und Stückl sind keine Kinder, sondern relativ junge Erwachsene. Cousin spielt eine besorgte Mama (Frau Bergmann) und eine affektiert angepasste (Frau Gabor), die von den Kindern unbedingt geduzt werden will. Stückl ist eine überdimensionierte Figur aus dem Gruselkabinett, die in ihrem Schulzimmer nur partiell zu sehen, dafür jedoch umso deutlicher zu hören ist.
Am Schluss werden die Endorphine besungen © Thomas Rabsch
Und was predigen sie, diese unheimlichen Aufklärer des 21. Jahrhunderts? Die Kinder sollten "zur Armee" und unbedingt "eisern" werden – das Wort zieht sich wie ein Mantra durch den Abend. Es ist Bonn Parks Tribut an aktuelle Debatten über Bedrohung, Aufrüstung und Verteidigungsbereitschaft, wobei, das muss man zugeben, dieser kleine Diskurs nicht unbedingt perfekt integriert wirkt in das sonst so zarte, fast lyrische Gewebe der hypersensiblen Bonn Park’schen Sprache. Aber die Todesrutsche, die die Idylle am Schluss konterkariert und zerschlägt, lässt sich so erklären.
Wo sind die Endorphine hin?
Der Autor hütet sich offensichtlich vor Eskapismus. Seine schönsten Stellen hat der Abend trotzdem bei anderen Gelegenheiten. Etwa wenn die grauhaarige Martha trotzig erklärt, sie sei eben von Natur aus "flauschig" und könne mit dem ganzen verdammten Panzerkram leider nichts anfangen. Wo sind sie hin, die Endorphine, die am Schluss besungen werden? Das fragt man sich wehmütig, während man sich noch die Augen reibt, angenehm ermattet von einer Art transzendentalen Müdigkeit, die über diesem sonderbaren Theaterabend liegt.
Frühlings Erwachen
von Bonn Park frei nach Frank Wedekind
Regie: Bonn Park, Choreografie: Rebeka Mondovics, Bühne: Julia Nussbaumer, Kostüm: Sina Manthey, Musik: Ben Roessler, Licht: Christoph Stahl, Dramaturgie: Anika Steinhof.
Mit Petra Lehmann, Hartmut Misgeld, Gregor Russ, Maria Pehe, Brigitte Fieber, Caroline Cousin, Valentin Stückl, Thorsten Drücker (Live-Musik).
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause
Uraufführung am 15. Januar 2026
www.dhaus.de
Kritikenrundschau
"Fragt man danach, was in dieser Inszenierung von Wedekinds 'Frühlings Erwachen' übrig bleibt, muss man sagen: äußerst wenig. Es ist ein anderes, wenn auch ein durchaus fein gesponnenes Stück. Das sollten die Zuschauer vorher wissen", warnt Regina Goldlücke in der Rheinischen Post (17.1.2026) ihre Leserschaft und lässt viel Irritation erkennen. Im Laufe des Abends "verstärkt sich in vielen Passagen tatsächlich der Eindruck einer Laienspielschar. Ein gewollter Effekt? Das bleibt bei diesem Stilmittel rätselhaft."
"Die Dialoge quälen sich in betulicher Langsamkeit dahin und lassen das Publikum ratlos zurück", konstatiert Michael-Georg Müller in der Neuen Ruhr-/Rhein-Zeitung (17.1.2026). Bonn Park biete eine "Mischung aus belehrendem Märchenbuch der Jahrhundertwende und groteskem Sittengemälde. Überwiegend im Stil eines Andante Melancholico: In knapp anderthalb Stunden zieht es sich dahin – verstärkt noch vom Gitarristen Thorsten Drücker, der mit reichlich mollgetrübten, spanisch anmutenden Stücken die Zuhörer und Darsteller einlullt."
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Für die Schüler, die mit dieser Inszenierung an das Theater herangeführt werden, bleibt zu hoffen, dass diese 90 Minuten nicht zu einer Ablehnung der Institution führen mögen. Verübeln kann man es ihnen danach aber nicht.
Absetzen!
Der Text bleibt stellenweise blass, nur in wenigen Spielszenen (Mutter und Tochter am Anfang, z.B.) entsteht eine eckige Dynamik, die ihm gerecht wird. Für das Spiel der alten ist nicht die richtige Form gefunden, die es einerseits für die Krassheit der Setzung braucht, und die anderseits die Spieler unterstützt. Und zum guten Schluss ist mir auch unklar, worum es dem Team eigentlich geht, der aufscheinende Hintergrund eines Krieges, der von der Jugend wieder verlangt, "eisern" zu sein, der Faschismus in der Schule, die Ignoranz der Elterngeneration sind jedenfalls mir zu unkonkret, zu hergeholt.
Es kommt stellenweise etwas wie Rührung auf, wenn eine Spielerin zu den Beerdigungen Popmusik aus den letzten zwanzig Jahren singt, aber auch hier vermischt es sich mit ein bisschen Mitleid, weil ich doch das Gefühl bekomme, hier werden Menschen eben nicht Ernst genommen, sondern sie dienen einer Inszenierungsidee. Das ist bei Profis normal, bei Laien braucht es, finde ich, eine größere Sorgfalt.
Das war vermutlich die Saisoneröffnungsinszenierung 2010/2011 in der Regie von Daniel Wahl (Premiere 29.8.2010).
Dort gab es 14 Jugendliche und 14 ältere DarstellerInnen.
Die Premiere fand 2005 am Theater Dortmund statt, die Inszenierung wurde ein Kultabend und eröffnete 2006 das „Herzrasen“ Festival am Schauspielhaus Hamburg und war 2007 auch als Gastspiel am Deutschen Theater Berlin zu sehen.
Nur daran zweifle ich, wie gesagt, ältere Rechte hat Ihr Kandidat !.
Wedekind umschreiben, weil man sich selbst für den besseren Autor hält, kann vom Wunsch nach Modernisierung oder von Überheblichkeit zeugen, das darf jeder für sich entscheiden. An diesem Abend jedoch müssen laienhafte Darsteller einen auf die Schnelle dahin geschluderten und durch nervige Wiederholungen in die Länge gezogenen Text in einer drögen "Inszenierung" aufsagen. Begleitet werden sie von eintöniger Musik in einem langweiligen Bühnenbild und die beiden einzigen (jungen) Profis, die auf der Bühne stehen, geben sich noch nicht mal Mühe so zu tun, als hätten sie den (oft völlig inhaltsfreien) Text gelernt, sondern lesen ihn z.T. einfach aus dem Textbuch ab.
Sowas passiert, wenn man Stücke Autoren / Regisseuren überlässt, die sich null für das Thema interessieren.
Eine Qual. Sonst nichts.