Liv Strömquists Astrologie - Düsseldorfer Schauspielhaus
Ersatzorakel im Weltendschungel
8. März 2025. Liv Strömquist, die Autorin feministischer Graphic Novels, ist eine Ikone der zeitgenössischen Literatur. Wie bringt man einen ihrer Comics auf die Bühne? Regisseur Philipp Rosendahl macht am Vorabend des Internationalen Frauentags aus der Vorlage eine ironische Show mit Livemusik.
Von Elisabeth Luft
"Liv Strömquists Astrologie" von Philipp Rosendahl am Düsseldorfer Schauspielhaus © Sandra Then
8. März 2025. Spätestens seit sie in ihrer Graphic Novel "Der Ursprung der Welt" die Geschichte der Vulva erzählte, ist Liv Strömquist eine der einflussreichsten feministischen Comic-Zeichnerinnen. Eine Kult-Autorin. Sie schreibt über die Liebe in der Leistungsgesellschaft oder die absurde Macht von Schönheitsidealen, in Comic-Literatur voll politischer und popkultureller Referenzen, mit einem trocken sarkastischen Tonfall. Oft wirken ihre Zeichnungen wie Karikaturen oder auch Kinderbuch-Zeichnungen, sie wechselt zwischen Schwarz-Weiß und Farbe, baut Fotos oder historische Bilder ein, variiert Schriftgrößen und -stile – und ein Journalist vom Standard hat ohnehin mal gesagt, dass Strömquists Graphic Novels wie Kabarett seien. Eine Steilvorlage für die Bühne also, sollte man meinen.
So ein typischer Stier
Übernommen hat die Theatralisierung in Düsseldorf Philipp Rosendahl – ein Spezialist für feministische Themen, seit er hier auch Suzie Millers MeToo-Gerichtsmonolog "Prima Facie" streng und eindringlich auf die Bühne brachte. Nicht unwichtig am Vorabend des Internationalen Frauentags. Aber wie kann man Astrologie zum feministischen Thema machen, jene mutmaßliche Hausfrauen-Lektüre in Frauenzeitungen, die seit einigen Jahren ungeahnte Aufschwünge in Social Media nimmt und von wahnhaften Verschwörungstheoretikern unterwandert ist?
Strömquist hat eine Art Astrologiekalender geschrieben für diejenigen, die Astrologie hassen – und analysiert damit subversiv und sarkastisch die Charaktere diverser Superpromis. Ihre Graphic Novel funktioniert im ersten Teil wie eine Art Nachschlage-Kalender und erklärt im zweiten Teil, warum die Astrologie heute so wirkmächtig ist: weil sie so beruhigend die Welt in Kategorien und Orientierungsmuster einteilt. Typische Stiere sind da etwa Bono, Cher, Queen Elizabeth II. – Meister*innen des jahrzehntelangen Beharrungsvermögens in ihrem Job. Allerdings nichts gegen Melania Trump, die "krasseste Stoikerin unserer Zeit".
Präsentieren die Sternzeichen-Show: Kilian Ponert, Tabea Bettin, Fnot Taddese, Moritz Klaus © Sandra Then
Theodor W. Adorno wiederum ist eine echte Jungfrau – sitzt "den ganzen Tag rum und überlegt, was alles falsch läuft". Das Sternzeichen Löwe dagegen – ist typisch für die allgegenwärtigen Longevity-Gurus, versucht in der Düsseldorfer Inszenierung Moderatorin Fnot Taddese zu erklären, während Moritz Klaus ihr immer wieder verbal hineingrätscht und vom letzten Sinn philosophiert, den Horoskope dem Leben verleihen in der gottlosen, durchkapitalisierten Welt.
Adorno als Astro-Analyst
Auf der Bühne funktioniert die "ironische Show mit Livemusik" wie ein prachtvolles Schaulaufen der Tierkreiszeichen in einer Arena oder illuminierten Weihehalle mit hohen Torbögen, über der Sterne kreisen (Bühne: Mara-Madeleine Pieler). Eins nach dem anderen wird vorgestellt. Und garniert mit schmissigen Songs und Song-Covers von Thorsten Drücker, der Klavier, Drums, Gitarre und Saxofon zugleich bedient, zum munteren Potpourri aus Popmusik der letzten Jahrzehnte, Rap, Kinderliedern. Helene Fischer mischt sich hier mit Schnappi, dem Krokodil.
Adorno als Pappkamerad: Tabea Bettin, Charlie Schülke, Fnot Taddese © Sandra Then
Adorno erscheint als von zwei Schauspielern geführte riesige Figur mit Pappmachékopf, Halbglatze, Jackett und Einstecktuch. Tatsächlich soll er in den 1950-er Jahren drei Monate lang die Horoskope der Los Angeles Times analysiert haben. Dass er sie als "Aberglaube aus zweiter Hand" sah, ist bei Strömquist allerdings eine Fehleinschätzung – schließlich handle die Astrologie ausschließlich von den echten Lebensfragen, funktioniere wie eine Art Ersatzorakel oder Pseudotherapie. Wer passt mit wem zusammen? Soll ich den nächsten Karriereschritt wagen? Ist er mir treu?
Frage der Einstellung
Immer wieder brechen analytische Passagen die Show, bis hin zu der steilen These, dass das astrologische Mindset echte gesellschaftliche Veränderung verhindert.
Karnevalesk und grotesk opulent sind Kostüme und Ausstattung von Johann Brigitte Schima. Der Pringles-Chips-Erfinder Frederik Baur springt aus einer riesigen Pringles-Säule, denn er ließ seine Asche tatsächlich in einer solchen bestatten. Elisabeth II. lächelt erstarrt vor sich hin, Ronaldo schlappt in Sonnenbrille herum. Da eine übergeordnete Narration fehlt, hat das Ganze zuweilen aber einige Längen. Auch Strömquists Graphic Novel ist ja eher ein Nachschlagewerk als eine Geschichte.
Und was das Ganze am Vorabend des 8. März mit feministischem Empowerment zu tun hat? Gerade, dass weder die Inszenierung noch Strömquist feministische Anliegen so explizit betonen, lässt die feministische Idee dahinter stark werden: Es geht mehr um ein selbstverständliches Mindset als um einen aktuellen Kampf. Gezeigt wird lässig und sarkastisch, wie absurd und überholt es ist, wenn Frauen sich über Männer oder Horoskope definieren und in erlernten Rollen verharren. Feminismus ist das, was als Notwendigkeit über allen Fragen des Neoliberalismus und Spätkapitalismus schwebt. Die Inszenierung wiederum macht Spaß und verbreitet soviel post-karnevalistische Heiterkeit, dass frau sich am Ende des Abends eben doch gestärkt fühlt.
Liv Strömquists Astrologie
Nach Liv Strömquist
Regie: Philipp Rosendahl, Bühne und Lichtdesign: Mara-Madeleine Pieler, Kostüm: Johann Brigitte Schima, Mitarbeit Kostüm: Ariana Moll, Musik: Thorsten Drücker, Dramaturgie: David Benjamin Brückel.
Mit: Tabea Bettin, Moritz Klaus, Charlie Schülke, Kilian Ponert, Fnot Taddese.
Premiere am 7. März 2025
Dauer: 90 Minuten, keine Pause
www.dhaus.de
Kritikenrundschau
Bertram Müller von der Rheinischen Post (11.3.2025) erkennt in der Produktion "eine Mischung aus Ernst und Veralberung, die fast nahtlos, aber auf spürbar höherem Niveau an den Karneval anknüpft". Regisseur Philipp Rosendahl reihe simpel, aber turbulent ein Sternzeichen ans andere, so dass sich niemand langweilen müsse. "Die einzelnen Sternzeichen und diejenigen, die sie mit Stolz oder eher gleichgültig tragen, reihen sich in der Düsseldorfer Inszenierung schlicht aneinander. Was sie verkörpern, findet seinen Ausdruck jedoch in so bunten, übermütigen Bildern, dass die anderthalb Stunden wie im Nu verfliegen."
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