Lass ma abhaun!

5. April 2025. Den "Götz von Berlichingen" aktuell zu überschreiben, ist eine gute Idee: Der Konflikt zwischen verschiedenen Freiheitsbegriffen, der bei Goethe verhandelt wird, könnte direkt in die Gegenwart führen. Regisseur Jan Bonny setzt vor allem auf drei Dinge, um dort anzukommen. 

Von Gerhard Preußer

Jan Bonnys und Jan Eichbergs "Eisenfaust" am Schauspiel Köln © Krafft Angerer

5. April 2025. Kunstblut, Konfetti und Bierdosen, das sind die wichtigsten Requisiten dieses Abends. Kunstblut für die aufständischen Bauern, Konfetti für die kraftlosen Ritter und Bier für alle. Dass der Konflikt zwischen Reichsrittern, Bauern und Regionalfürsten im frühen sechzehnten Jahrhundert uns heute noch etwas angehen könnte, ist keine schlechte Idee. Goethes erstes großes Drama "Götz von Berlichingen" von 1773 ist nicht nur ein jährliches Highlight für die Burgfestspiele Jagsthausen, wo einst Ex-Bundespräsident Roman Herzog als Schlossherr die Programmhefte redigierte. Den Konflikt unterschiedlicher Freiheitsbegriffe am historischen Beispiel zu zeigen, kann in die Mitte der Gegenwart führen.

Ritter Götz verteidigt die Freiheit des Einzelnen, sich zu wehren, der Bischof von Bamberg verteidigt die Gesetze, die die Freiheit aller als die Freiheit von Gleichen ermöglichen. Die Bauern fordern eine Freiheit, die von einer rein rechtlichen Gleichheit, die die faktische materielle Ungleichheit ignoriert, nicht hergestellt wird. Und heute meinen Coronaleugner, TikTok-User, Tempolimitgegner, die ukrainische Armee oder US-Vizepräsident Vance alle, ihre Freiheit zu verteidigen. Ein libertärer Autoritarismus greift um sich. In dieses Wespennest von Begriffsverwirrung hineinzustoßen, könnte einer "Götz"-Inszenierung gelingen. Aber Jan Bonnys Kölner "Eisenfaust" stochert darin nur herum, macht etwas Wirbel und klärt nichts.

Intrigen auf dem Thekentresen

Lessing nannte die "Sturm-und-Drang"-Jugend "Trunkenheit ohne Wein", Ernst Bloch machte daraus "Trunkenheit noch ohne Begriff". Das kann man fortsetzen. Diese Inszenierung des Sturm-und-Drang-Dramas Goethes ist eindeutig "Trunkenheit mit Bier". Begreifen kann man hier nichts.

Die Bühne ist ein kalkuliertes trauriges Chaos. Zwei Sperrholzgebäude deuten Götzens Burg und den Palast des Bischofs an, daneben gibt es eine Art Theke, hinter der Adelheid von Walldorf ihre Intrigen plant und einen Fernsehschrank, auf dessen Großbildschirm ununterbrochen Filme flimmern. Als großen Prospekt dahinter sehen wir den Oberteil des Gemäldes "Triumph des Todes" von Breughel d.Ä.. Auch in der Bühnenmitte steht eine Statue mit Totenkopf. Aber in der segnenden Hand hält sie – na? Natürlich eine Bierdose. Der Gipfel der durch das bekannte Götz-Zitat angeregten Phantasie des Bühnenbildners schwebt über allem: die Figur eines Mannes, der offensichtlich versucht, sich selbst "im Arsche zu lecken". So viel Selbstreferenz muss sein. Verarschen können wir uns natürlich selbst.

Ein Auto für ein Pferd: das Kölner Ensemble auf Alex Wissels Bühne © Krafft Angerer

An entscheidenden Wendepunkten der Handlung pupst dieses hochgehängte Rektum je eine Ladung Konfetti über die Bühne. Aber auch einige kanonenartige Geräte feuern immer mal wieder Konfettisalven. Zwei Autos gelten als Pferde, gelbe Westen markieren deutlich die Gegenwart. Und als Lokalkolorit gibt es sinnige Köln-Sprüche: "Köln ist eine Blase aus Ärztesöhnchen, die irgendwas mit Medien machen und sich von den Einwanderern ihre Straßen mit Geldwäscheläden zuballern lassen und sich deswegen für weltgewandt halten." Ansonsten huldigt die Inszenierung dem Prinzip der visuell-semantischen Überforderung. Warum bepinselt ein Langbärtiger ständig stumm den Palast des Bischofs mit goldener Farbe? Warum streichelt Götzens Schwester Maria immer ein ausgestopftes Wildschwein?

Vulkanismus und Kraftmeierei

Dieses ärgerliche Projekt wäre nicht so enttäuschend, wenn es nicht ein so brisantes Thema und einen so brillanten Schauspieler im Mittelpunkt hätte. Benjamin Höppner kann vieles, aber als grobianischer Kraftkerl ist er eine ideale Besetzung. Er arbeitet sich ganz ohne Blechprothese in zwei Stunden Bühnenpräsenz von bärbeißiger Selbstsicherheit zu hochmütiger Selbstüberschätzung, brutaler Übergriffigkeit und tobender Wut hinauf, und das alles mit der Darstellung wachsender Grade von Betrunkenheit. Vor dem Rat der Stadt Heilbronn, der Götz verurteilt, kann er nur noch halbnackt flach auf dem Boden liegen. Aber aller schauspielerischer Vulkanismus und alle Kraftmeierei helfen nicht der Inszenierung.

Jan Bonny und Drehbuchautor Jan Eichberg haben versucht, Götzens Geschichte deutlicher als im Original als Familiengeschichte zu erzählen. Dazu wurde aus Götzens Knappe Georg sein Sohn gemacht. Und dieser Georg wird in seiner Funktion völlig umgedreht. Aus dem jugendlichen Ebenbild des alten Ritters wird der missratene Sohn. Er wird von seinem Vater kleingehalten, herabgewürdigt, schikaniert und darf die ideologischen Gegenpositionen vertreten: Freiheit als Ergebnis sozialer Gerechtigkeit, gegen das, was Adelheid Götzens "Freund-Feind-Carl-Schmitt-Nazi-Scheiße" nennt.

Eisenfaust3 c Krafft AngererUnd ewig grüßt die Bierdose: Das Personal der Kölner "Götz"-Überschreibung bekommt es reichlich mit Aluminium-Requisiten zu tun © Krafft Angerer

Am Ende wird die Bühne leergeräumt, in der Mitte bleibt nur die Todesstatue und spendet Bier. Den weiteren Gang der Ereignisse noch nachzuverfolgen, fällt schwer. Der Gegenwartsmensch ist in geteilter Aufmerksamkeit geschult. So verfolgt man mit wachsender Gleichgültigkeit die Bühnenhandlung und mit wachsendem Interesse den Hitler-Film mit Bruno Ganz, der gerade auf der Flimmerkiste rechts zu sehen ist. Nacheinander liegen dann alle flach und tot auf dem Boden: Sohn Georg, Götzens Kumpel Selbitz, der verräterische Opportunist Weislingen, Adelheids verliebter Diener Franz, auch der Kaiser hängt schief in seinem Rollator. Götz stirbt am Rande, wie zu erwarten mit der Parole "Freiheit, Freiheit!".

Ein letzter Konfetti-Pups

Damit nicht alles so düster endet, ziehen Adelheid und Maria den Breughel‘schen Todes-Prospekt beiseite, und zum Vorschein kommt dahinter die hübsch bunt bekleckste Silhouette des vorher so geschmähten Kölns. Nur die beiden Frauen bleiben übrig, und mit ihrem "Lass ma abhaun" verläppert so eine läppische Inszenierung – nicht ohne dass ein letzter Konfetti-Pups etwas unlustigen Wind gemacht hätte.

Eisenfaust. Ein Stück deutsche Freiheit
von Jan Bonny und Jan Eichberg nach Johann Wolfgang von Goethes "Götz von Berlichingen"
Regie: Jan Bonny, Bühne: Alex Wissel, Kostüme: Ulrike Scharfschwerdt, Musik/Sound: Lucas Croon, Timo Hein, Nikolai Szymanski, Licht: Jan Steinfatt, Live-Video: Nazgol Emami, Dramaturgie: Jan Stephan Schmieding.
Mit: Johannes Benecke, Benjamin Höppner, Magdalena Laubisch, Rolf Mautz, Lisa-Katrina Mayer, Thomas Müller, Kei Muramoto, David Rothe.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Premiere am 4. April 2025

www.schauspiel.koeln.de

 

Kritikenrundschau

Raubritter, Bauern, Bischöfe und Kaiser wuseln in der "Eisenfaust" getauften Bearbeitung des Sturm-und-Drang-Stoffes "Götz von Berlichingen" mehr oder weniger gleichzeitig über die weite Bühne, so Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (7.4.2025). Regisseur Jan Bonny zeige die Scharmützel, in denen sich die unterschiedlichen Freiheitsbegriffe entladen, als Farce: "Die Kontrahenten schießen mit Konfettikanonen aufeinander und wenn sie sich gerade nicht bekriegen, trinken sie Mengen an Dosenbier." Handwerklich sei das schon sehr gut gemacht, "aber es reicht nicht, um die behauptete Kaputtheit in spannendes Theater zu verwandeln". Der Abend wäre noch frustrierender, spielte nicht der tolle Benjamin Höppner den Götz.

"Konfetti, Kunstblut und Bier gehen eine das Reinigungspersonal unnötig herausfordernde Verbindung ein", so Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (7.4.2025). Personen und Handlungsstränge seien zwar beherzt gestrichen, "dennoch bleibt die Geschichte rund um den Raubritter mit der eisernen Hand kompliziert". Das Stück habe alles, was ein guter Theaterabend brauche. "Doch dem pfropft der Kino-, TV- und Netflix-erprobte Bonny ein Regiekonzept auf, von dem man das Gefühl hat, es sei vor rund fünfzehn, zwanzig Jahren entstanden." Fazit: Man möchte es ja gut finden, es gäbe Gründe dafür. "Aber dann wird die nächste Bierdose geöffnet, und ihr Inhalt vermischt sich mit dem Konfetti zu einer pappigen Masse."

Kommentare  
Eisenfaust, Köln: Schade für die Lebenszeit
Kopfschütteln pur.
Nach Düsseldorfs Mephisto Katastrophe nun eine fast identische sinnentleerte Schauergeschichte.
Bitte meiden.
Schade für alle Beteiligten welche Ihre Lebenszeit mit diesem zu tun hatten/haben
Kommentar schreiben