Der Krug, die Wunde

1. Februar 2024. Auch das Schauspiel Leipzig hat jetzt wieder einen "Zerbrochnen Krug" im Repertoire. Regisseurin Elsa-Sophie Jach hat das Lustspiel mit viel Musik inszeniert, mit Bewegung und Zitaten aus Kleist-Briefen. Aber dann?

Von Tobias Prüwer

Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug" von Elsa-Sophie Jach am Schauspiel Leipzig inszeniert © Rolf Arnold

1. Februar 2025. "Dieser Scherbenhaufen ist die wohl lustloseste Version eines Gerichtsstücks seit es Fernsehen gibt", so lautete mein Kritiker-Urteil über die letzte Premiere von "Der zerbrochne Krug" am Schauspiel Leipzig. Das war vor 19 Jahren, als der heute gealterte Kritiker monierte: "'Barbara Salesch' fürs Theater adaptiert. Einhundertzehn pausenlos dröge Minuten: Mit Mühen nur lässt sich der Kleistsche Durchsteher ertragen, denn bei dieser Gerichtsshow ist Umschalten nicht möglich." Aufs gleiche Zeitmaß setzt heute die Inszenierung von Elsa-Sophie Jach. Sie hebt die Schullektüre mit einem Hauch von Farce ins Repertoire. Jetzt gibt eben auch den Heinrich von Kleist als Klassensatz im Parkett.

An der Wunde wird man ihn erkennen, den Lüstling, der beim Übergriff in Eves Kammer den kostbaren Krug zerschlug. Alsbald zur Gerichtssache geworden, zeigt sich das Stück als rhetorischer Schlagabtausch, dem selbst nicht viel Spiel innewohnt. Vorm Kadi – der Dorfrichter Adam, bei dem Gerichtsrätin Walter hospitiert – klagt Frau Marthe über das zerbrochene Gefäß, das angeblich Eves Verlobter zerdeppert hat. Der widerspricht, bis schließlich, nach einigem Mäandern, der wahre Schuldige bekannt wird.

Lustspiel hemmt die Spiellust

Man wohnt folglich einem Gerichtskammerspiel bei. So ist neben netten Wortspielen dem Text nicht viel abzugewinnen. Spannung wohnt ihm wenig inne, weil das Publikum den Täter von Anfang an kennt. Wahrscheinlich hat man ihn zudem bereits im Deutschunterricht gelesen und bekommt ihn in Leipzig noch einmal vorgespielt. Die Darstellenden mühen sich redlich, tatsächlich auch zu spielen. Allein es bleibt zu oft Illustration, was das Lustspiel wenig Lust-Spiel beinhaltet und daher die Spiellust hemmt. An ihrer Qualität liegt es nicht, es befinden sich Hochkaräter des Ensembles darunter.

Der zerbrochne Krug 3 Rolf ArnoldIm Stahlskelett-Haus: vorne Teresa Schergaut als Eve in der "Zerbrochne Krug" am Schauspiel Leipzig © Rolf ArnoldRolf Arnold

Anne Cathrin Buhtz macht als Gerichtsrätin Walter eine smarte Figur. Seinen Schreiber Licht gibt Denis Petković souverän: dienstbeflissen und ein Mü keck. Sonja Isemer ist als Bedienstete nicht zu beneiden, die sie mit treu-doofem Gehampel geben muss. Als vor Gericht klagende Frau Marthe gehören ihr einige Höhepunkte, etwa wenn sie Neon-Stangen des Bühnenbilds als Klettergerüst benutzt. Das ist ein Stahlskelett in Form eines Hauses und sieht schick aus. Die Funktion erschließt sich nicht. Alle Figuren haben leichte Macken in ihren Bewegungen, was wohl den Charakter der Farce hervorheben soll. Nett anzuschauen, aber ebenfalls funktionslos. Ansonsten bleibt ihnen nur, um die Hütte zu rennen oder auf- und abzulaufen, um etwas Bewegung in den Raum zu bringen.

Um Zitate aus Kleist-Briefen ergänzt

Die drei Live-Musiker wollen mit Geige, E-Gitarre und Schlagwerk Spannung erzeugen, wo sonst keine ist. Sie bleiben Illustration. Besonders schlimm ist das Seiten-Geschramme, das immer dann einsetzt, wenn Herr Licht zum Griffel greift und jedem vermittelt: Der Schreiber schreibt jetzt wirklich. Zu sehr hat Regisseurin Elsa-Sophie Jach auf den Text vertraut.

Der zerbrochne Krug 1 Rolf ArnoldGezeichnet: Denis Grafe als Adam, Denis Petković als sein Schreiber in "Der zerbrochne Krug" © Rolf Arnold

Zuletzt hat Jach am Schauspiel eindrucksvoll Wolfgang Hölls Sprachgewalt in "Niederwald" in Szene gesetzt. Nun bleibt ihr Ansatz aber blutleer. Sie würzt das zwar, indem sie Zeilen aus von Kleist Briefen und anderen Aufzeichnungen hineinschneidet. Ihn geben alle Schauspielenden abwechselnd und gemeinsam. Anfangs zweifelt er bei der Studienwahl.

Kurz vor dem Urteilsspruch werden seine bekannten erkenntnistheoretischen Zeilen zitiert, die er an Wilhelmine von Zenge schrieb. "Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün — und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört." Der gestreute Zweifel an der objektiven Wahrheit nach einem eindeutigen Indizienprozess mutet seltsam an.

Gewähr für gute Auslastungszahlen

In den ewig langen Monolog Eves, die alles ans Licht bringt, fügt Jach die Rezension einer Leipziger Inszenierung vor 200 Jahren ein. Da wird eben diese ermüdende Länge beklagt. Mit diesem plumpen selbstironischen Versuch wird aber genau jener Moment zerstört, der der ernsteste des Stücks ist: Eve berichtet von sexueller Belästigung. Darüber geht die Regie einfach weg, die Chance, hier aktualisierend anzuknüpfen, lässt sie ebenso aus, wie das Thema Korruption von Macht und Justizia auszuloten. Sie klebt beim Text: "Wird Ew. Gnaden diese Sache nicht / Ermüden? Sie zieht sich in die Länge."

Was bleibt, ist sich an Worten wie "Metze" oder "Gefispre" zu erfreuen. Deren Bedeutung hat gewiss der Deutschunterricht enthüllt sowie die Krug-Symbolik entschlüsselt. So hat das Schauspiel Leipzig eine neue Repertoire-Inszenierung, ein Abituriententheater, das für gute Auslastungszahlen sorgt. Warum man jenseits des Schulzwangs diese Inszenierung anschauen soll, begründet sie selbst nicht – weder ästhetisch noch inhaltlich. 19 Jahre lang fehlte "Der zerbrochne Krug" am Schauspiel Leipzig. Nach der Premiere heute weiß man: aus Gründen.

Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie: Elsa-Sophie Jach, Bühne: Aleksandra Pavlović, Kostüme: Johanna Stenzel, Musikalische Leitung und Komposition: Max Andrzejewski, Dramaturgie: Julia Buchberger.
Mit: Teresa Schergaut, Denis Grafe, Anne Cathrin Buhtz, Denis Petković, Sonja Isemer, Sebastian Jakob Doppelbauer.
Premiere am 31. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

Eine Formulierung im Text ist nachträchlich verändert worden.

 

Kritikenrundschau

"Es ist erstaunlich, wie geschmeidig die der Popkultur entlehnte, artifizielle Bewegungssprache korrespondiert mit den alten Versen. Das ist sehr genau gearbeitet, sehr rhythmisch von der Sprache Kleists dirigiert", schreibt Dimo Rieß in der Leipziger Volkszeitung (3.2.2025). Später werde das Spiel runder, emotionaler, psychologischer. "Auch dieser Wandel ist genau dosiert. Was man eingangs tatsächlich noch Lustspiel nennen könnte, verwandelt sich in das Drama der Opfer." Und doch vermisst der Kritiker etwas. Vielleicht sei das die Schwäche des Abends, dass er die zerbrochene Seele in diesem "Krug" zwar thematisiere, sie aber nicht so richtig spürbar werden lasse. "Auch nicht im intensiven Monolog Eves, in deren Welt es keine Worte gibt für das Unaussprechliche, für die sexuelle Gewalt Adams."

Jach kürzt das Stück stark ein und fügt einen erklärenden Prolog und Epilog hinzu, so Stefan Petraschewsky im MDR Kultur (3.2.2025). Die Bühne sei mit einer weißen Bauplane komplett verhüllt. "Immer dann, wenn die Protagonisten ihre Wahrheit, ihre Sicht auf die Dinge vortragen, reißen sie an einer Seite die Plane herunter. Man kann das dann ganz wörtlich nehmen: Sie decken auf, was im Haus passiert ist." Die Schauspieler müssen sich sehr künstlich bewegen. "Dieses Korsett, das die Regisseurin ihren Protagonisten verpasst, wirkt sehr gewollt und erschließt sich leider auch nicht", so Petraschewsky. Man könne der Inszenierung aber zugute halten, "dass hier ein junges Regieteam nach der heutigen Relevanz von Kleist sucht und dass das Team diesen Punkt findet".

"Auch dieser 'Krug' ist damit zerbrochen, denn es hatte keinen Sinn, ihn mit ganz viel anderem Kleist kitten zu wollen", billanziert Andreas Platthaus in der FAZ (3.2.2025). "Das Sprach- und Spiel-Meisterwerk wird in Leipzig zugekleistert."

Kommentare  
Der zerbrochne Krug, Leipzig: Beeindruckt
Ich war zutiefst beeindruckt von diesem Abend, das Ende- die Perspektive des Opfers von Machtmissbrauch und eines sexuellen Missbrauchs, die dann mundtot machen und das beschönigte Variant zeigen. Leider aktuell - gerade dadurch - Rechtsruck und ein scheiternder Rechtsstaat. Toll!
Der zerbrochne Krug, Leipzig: Falsches Genre
.Die Figuren kommen in weissen Anzügen auf die Bühne.-vor einem ebenso weissen Vorhang. Es entsteht ein Bild des Aseptischen. Sind die Figuren noch vor der juristischen Auseinandersetzung im moralischem Sinne rein, werden zunächst Ausschnitte aus Kleistbriefen zitiert,. Der Geichtstermin bleibt wie in einem Trojanischen Pferd verborgen. So langsam rückt das Delikt, nun dramenkonform, auf die Bühne, die, beim Fall des Vorhanges , ein relativ großes Gitterhaus mit beleuchteten Stahlstreben entbirgt. Im Laufe des Abends klettern die Spieler mit äquilibristischer Geschicktlichkeit durch das Gestänge. Was das mit dem Stück zu tun hat, erschließt sich zu keinem Zeitpunkt. Es wird deklamiert, was das Zeug hält. Die Inszenierung kapriziert sich auf das wortgenaue Deklamieren -mutmaßlich ein Angebot an die Schüler aller Deutschgrundkurse. Diese Reminiszenz bleibt niederschwellig, denn sie fordert vom Zuschauer keine Fanatasieanstrengung. Die Regie begnügt sich mit der linearen Erzählung: das Ungeheuerliche der kleistschen Farce, der Aberwitz, der aus dem dreisten Lügengebäude des Richters Adam entsteht, also Schuld und Strafe, die diesem Stück eingeschrieben sind, bleiben auf der Strecke. Das es hier um Existenzen geht, persönliche wie berufliche, zeigt sich an einem Missverständnis, nämlich im Genre. Ist das Sück Kleists als Lustspiel konzipiert, wird in der Inszenierung der Spaß, der bösartige, nicht zum treibenden Mittel genommen. Stattdessen wird geschrien und geschrien, (hier sieht man wieder das Missverständnis, wie so oft in Theaterabenden, dass Lautstärke mit Intensität verwechselt wird.) So auch hier: der stimmliche Aufwand ins "forte" zu gehen, hat den Eindruck zur Konsequenz, das hier eine antike Tragödie verhandelt würde. Die Regie hat, als Fazit, der dramaturgische Schärfe, der Unerhörtheit und Genauigkeit des Kleistschen Textes wohl nicht vertraut: die verlockende inszenatorische Möglichkeit nämlich, eine Farce zu verhandeln. Dies wäre das wahre und nachhaltigere Angebot an die Schüler und Kleistliebhaber gewesen. Hätte das Regieteam der diabolischen Dimension des Stückes vertraut, hätte etwas Ungewöhnliches gar Schmerzhaftes daraus werden können. Ins falsche Genre gerutscht zu sein, beschwert den Theaterabend unnötig. Dieser Irrtum verhindert es, Zeuge eines atemberaubenden kriminologischen Stelldicheins zu werden. Klar versucht der Abend durch das Bühnen- respektive Kostümbild die Gerichtssaalromantik zu durchbrechen. Aber die Weigerung des Regiekonzeptes -oder das Unvermögen- sich auf das Lustspiel einzulassen, macht den Abend eher überflüssig, weil Genre verfehlt.
Der zerbrochne Krug, Leipzig: Despektierlich
Unanhängig davon, ob der Abend jetzt gelungen war oder nicht: Das ist ein ziemlich despektierlicher Text. Von "treu-doofen Gehampel" zu schreiben mal ganz abgesehen, stört mich am meisten der Begriff "Abituriententheater". Was ist daran denn schlecht? Wie können Sie diesen Begriff gleich so negativ besetzt benutzen? Mit ebendiesen Abiturient*innen könnte man die Zuschauer*innen von morgen gewinnen - und sie sind es übrigens auch, die die Theater voll machen. Dass als Argument gegen einen Abend zu verwenden, finde ich wirklich daneben.
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