Love Me, Pretender!

29. November 2024. Herz-Emoji, Heiratsantrag – und plötzlich akute Geldsorgen: In ihrem Text "Hey guten Morgen, wie geht es Dir?", der gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, beleuchtet Martina Hefter das Phänomen des Heiratsschwindels im Netzzeitalter. Jetzt bringt sie den Stoff auf die Bühne. 

Von Katrin Ullmann

"Soft War" von und mit Martina Hefter am Schauspiel Leipzig © Rolf Arnold

29. November 2024. "Ich sende Dir meine ganze Liebe." Dazu jede Menge Herz-Emojis, Vollmondsticker und einen Heiratsantrag nach vier Tagen. Was will man, beziehungsweise frau, mehr? So schnell ist sie gefunden, die Liebe. Nur wahr ist sie natürlich nicht. Sie ist Fake. Professionell und in sozialen Medien erschlichen, von so genannten Love Scammern. Zunächst werden dafür authentische Profilbilder gebastelt, glänzende Biografien erfunden und romantische Ansprachen – bald darauf abstruse Notsituationen und existenzielle Geldsorgen.

Dreist zurückgelogen

Die Autorin Martina Hefter hat sich mehrere Monate lang auf diese Chats eingelassen, hat dreist zurückgelogen und schließlich den schönen, zeitgeistigen Roman "Hey guten Morgen, wie geht es Dir?" verfasst. Jüngst wurde er mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Jetzt hat Hefter – sie ist außerdem Tänzerin und Performancekünstlerin – daraus einen Theaterabend gemacht. Entstanden ist dieser während einer mehrwöchigen Künstler*innenresidenz in der Spinnerei Leipzig.

softwar 09 rolf arnoldKrieg zwischen zwei marginalisierten Gruppen: Performer Patrice Lipeb mit Bewegungschor © Rolf Arnold

Das Thema ist dasselbe: Auf der einen Seite sind da ältere, einsame und medial unerfahrene Frauen aus der westlichen Welt, die sich nach Liebe und Bestätigung sehnen. Auf der anderen Seite Männer, mal ganz grob sortiert, aus dem globalen Süden. Der Titel ist ein anderer: "Soft War" nennt Hefter den Abend – und meint damit den Krieg zwischen diesen beiden marginalisierten Gruppen. Um Lüge und Wahrheit geht es ihr darin, um Abhängigkeiten und natürlich auch um die Kolonialismus-Debatte. Also um die Frage, ob die Protagonistin ihres Romans, eine weiße westliche Frau, eben nicht auch Schuld, also eine gewisse "Erbschuld" daran hat, dass es diese Art des Liebes-Betrugs überhaupt gibt.

Der Michael-Jackson-Weg in Deppendorf

Entstanden aber ist ein leiser Abend, der eher wie ein Abbitte klingt. "Hätte ich doch bloß den Love-Scammern nie geschrieben", beginnt Hefter. Fast traurig, mit herabhängenden Armen, steht sie dann am Mikrofon, spricht zart und zweifelnd. Arglos zählt sie schließlich ihre eigenen, tatsächlich herrlichen (Gegen)-Lügen auf: die erdichteten Biografien (Putzfrau, ehemalige Nachtclubtänzerin), die vermeintlichen Wohnsitze (Schweiz), die behaupteten Berufe (überwiegend in der Astronomie) und die erfundenen Adressen (Michael Jackson Weg 26 in 1234 Deppendorf). Irgendwann aber begannen (auch) ihre Lügen hässlich zu werden, sagt sie einmal. Dann habe für sie der Spaß an der Sache aufgehört.

softwar 14 rolf arnoldWo ist die Reibungsfläche? Der Bewegungschor in Martina Hefters "Soft War" © Rolf Arnold

In diesem Bekenntnis liegt nicht nur der Spaß, sondern auch der Konjunktiv begraben: Denn hätten diese Lügen eine langlebige Schönheit, hätten diese Texte mehr frechen Raum, hätte diese Perfomancekünstlerin Martina Hefter Lust an einer theatralen Behauptung, dann hätte "Soft War" ein kluger, unterhaltsamer und streitbarer Abend werden können.

Doch Hefter zögert, aus Gründen, hinterfragt und will offenbar alles – oder eben möglichst viel – richtig machen. Will politisch korrekt sein und auf keinen Fall rassistisch (wer will das schon?), will faktenreich argumentieren (369 Fälle von Love Scammern weist allein eine Statistik des LKA Sachsen im Jahr 2023 nach), Unrechtsgefühle nachweisen (das ist Betrug), Verletzbarkeit aufzeigen (da war ein Versprechen), aber zugleich die eigenen Privilegien (weiß, westlich) hinterfragen. Das ist für einen Theaterabend ganz schön viel und zugleich auch zu wenig – Haltung. Da geht vor lauter Behutsamkeit die Reibungsfläche verloren, verliert sich der feine Text, das freche Experiment in den vielen selbst gesetzten Ausrufungszeichen.

Hey, meine Schöne, was hast du gefrühstückt?

Da hilft es wenig, dass Martina Hefter einen Teil der Texte ihrem Mit-Performer Patrice Lipeb überträgt – und diesen kurz noch die Rassismus-Debatte anteasern lässt – und einen anderen Teil (die Liebesschwüre) einem kleinen Bewegungschor. Da hilft es immerhin etwas, dass Martina Hefter an dem Abend hin und wieder als Tänzerin die Bühne betritt. Und tanzt! Mit weichen, fast organischen Bewegungen. Mit hoher Konzentration und innerer Ruhe schafft sie kleine Choreografien voll verzeihender Anmut. "Hey, meine Schöne, was hast Du gefrühstückt?", will man ihr da zurufen. Doch dann begänne vielleicht alles von vorn.

Soft War
Von Martina Hefter
Konzept / Performance: Martina Hefter, Musik / Sound / Performance: Patrice Lipeb, Performance im Video: Martina Hefter, Niko Jacobi, Patrice Lipeb, Choreographie: Kevin Albanquando Tuntaquimba Bewegungschor: Ali Schwartz, Jan Kuhlbrodt, Betta Eichner, Kevin Albanquando Tuntaquimba, Video: Marvin Großer, Stimmen: Bruno Akkan, Paulina Bittner, Aicha-Maria Bracht, Thomas Braungardt, Paula Winteler, Licht: Dominik Kaiser, Isaak Künzel, Sensitivity: Joshua Akubo Gabriel, Outside Eye: Ulrike Feibig Trailer / Video: Sophie Stephan, Produktionsleitung: Clara Hofmann, Produktionsassistenz: Mariam Ouda
Dauer: 70 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

Kritikenrundschau

Hefter gibt mit "Soft War"  eine selbstironische  Antwort auf die viel­gestellte Frage nach  dem autobiographischen Gehalt ihres Buchs, schreibt Andreas Platthaus in der FAZ (30.11.2024). Ihr Stück habe mehr als bloße Worte, "es tanzt, lärmt,  flackert – kurz: Es ist quicklebendig." Die "Soft War"-Performance führe Sinnlichkeit vor, ohne jemals frivol zu werden. 

"Der Text ist stark, persönlich, nah. Das situative, das körperliche, der Tanz könnte nun eine neue Ebene einführen. (...) Aber er bleibt verhalten, verhandelt den Körper zwischen digitaler und realer Welt. Er deutet Krieg nur an", sagt Julia Hemmerling auf MDR Kultur (29.11.2024). "Dennoch sei dieses Stück klar empfohlen. Choreograf Kevin Albanquando Tuntaquimba, Soundkünstler Patrice Lipeb und Martina Hefter konstruieren ein Spannungsgefüge zwischen sehr menschlichem Dokumentationstheater und abstrakter Performance."

"Der Abend zerrt an den Fäden und macht einige davon sichtbar. Zu entwirren vermag er die moralische Dimension nicht", schreibt Dimo Rieß in der Leipziger Volkszeitung (30.11.2024). Auch ästhetisch blieben Leerstellen, zögen sich die 70 Minuten im getragenen Diskurs phasenweise träge dahin. "Dennoch lohnt sich der nachdenkliche, im Kern spannende Abend, weil es ihm unaufgeregt gelingt, alltägliche Strukturen der globalen Ausbeutung in vermeintlich privaten Beziehungen zu spiegeln. Und weil er eine überraschende Parallele zeigt zwischen emotionaler Not der Einsamen und ökonomischer Not der strukturell Benachteiligten."

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