Die Vogtland-Revue - Theater Plauen-Zwickau
Sigmund und Silly im DeDeRon-Land
10. November 2024. Wieder eine, die weggeht aus einer ostdeutschen Schrumpfregion? Nein! In der Ermutigungstheater-Revue, die die Dokumentarfilmerin Sabine Michel dem Vogtland auf den Leib geschrieben hat, bleibt die Protagonistin vor Ort. Und handelt mit dem Kraut, das gegen die Verdrossenheit gewachsen ist.
Von Matthias Schmidt
Sabine Michels "Vogtland-Revue" am Theater Plauen-Zwickau © André Leischner
10. November 2024. Thematisch ist es ein Heimspiel. Im Publikum wird, noch bevor der Abend beginnt, diskutiert, ob der Kiel oder doch der Schneehübel der höchste Berg des Vogtlandes sei. Es ist dann doch der Schneehübel. 974,2 Meter über Null. Dann wird es Vuuchtländsch, und wer zugereist ist, hat es ab hier nicht immer leicht zu folgen.
Es herrscht Dialekt-Alarm in Sabine Michels "Vogtland-Revue", den die Regisseurin Mona Sabaschus vor Ort auf die Bühne gebracht hat. Und zwar ein sehr sympathischer, denn Ute Menzel kann es, soweit ich das bewerten kann. Als Erzählerin und zugleich als sagenhaftes Moosweiblein führt sie – manchmal auf Vogtländisch und das Publikum einbeziehend (wobei interessanterweise niemand zugibt, Vogtländisch richtig zu beherrschen) – durch diese Revue, eine Reise durch die Geschichte einer Region, an der sich die Geschichte der letzten Jahrhunderte im Brennglas sehen lässt. Bergbau, Spinnerei, Industrialisierung, Wohlstand und Niedergang, Krisen und Kriege, deutsche Teilung, Deutsche Einheit. Abwanderung. Viel Stoff, vielleicht ein bisschen sehr viel, wie sich im Laufe der zwei Stunden herausstellt. Denn es geht rasend schnell, und zwar so:
Nebel über blühenden Landschaften
Marie, eine junge Frau, hat beschlossen, ihre Heimat gen München zu verlassen. Wieder eine, die weggeht, denkt man, das ist ja kein Klischee, sondern eines der großen Kümmernisse des Ostens. Dass die Jungen gehen und die Alten bleiben. Die oft unausgesprochene Trauer darüber liegt wie ein Nebel über den vielerorts inzwischen ja tatsächlich blühenden Landschaften. Auftritt Erzählerin. Vielleicht, sagt sie sinngemäß, bleibst du ja hier, Marie, und engagierst dich, wenn du mehr über deine Heimat erfährst. Wenn du dich identifizierst mit ihr, deine Vorfahren kennenlernst und deren Kämpfe. Man ahnt es – genau so wird es kommen! Marie, die – warum auch immer – wie eine Kindertheaterfigur frisiert und gekleidet ist, wird hierbleiben, ein kleines Kräuter-Unternehmen gründen und den Zuschauern damit Mut machen.
Mutmacherin: Julia Hell springt als Marie durch die Epochen © André Leischner
Zuvor wird sie ihre bereits vor ihrer Geburt verstorbene Großmutter treffen und feststellen, dass sie deren Halsschmuck trägt, und den erst zwölfjährigen Bergmann Johann Schnabel, den sie auf ihrer Zeitreise im Jahr 1664 kennenlernt, wird sie gleich ganz mitbringen in die Gegenwart. Er wird jetzt lesen und schreiben lernen – und verstehen, dass Frauen inzwischen selbst für sich sorgen können. Zwischendurch trifft sie Napoleon, Heinrich I. (Vogt von Plauen), Goethe, Sigmund Jähn (unser Kosmonaut!) und andere, die mit dem Vogtland und seiner Geschichte irgendwie zu tun hatten.
Stück und Inszenierung machen keinen Hehl daraus, dass sie Ermutigungstheater sein wollen, und das ist in diesem Fall auch sehr gut so. Die Heimat als Thema nicht den Blauen zu überlassen, ist eine wunderbare Strategie, ein quasi subversiver Widerstand, der jüngst auch am Theater Rudolstadt zu erleben war, wo Steffen Mensching mit "Kein schöner Land" einen nur auf den ersten Blick unschuldigen, wundervollen Abend mit deutschen Volksliedern präsentierte. Wobei, das muss man sagen, die "Vogtland-Revue" nicht nur dagegen doch einigermaßen konstruiert und plakativ wirkt.
Licht an, Licht aus
Damit es nicht (noch) didaktischer wird, als es ohnehin schon ist, und es heißt ja auch Revue, wird viel musiziert. Klavier und Akkordeon, das ist angenehm und stimmungsvoll, und auch die Tatsache, dass sowohl Julia Hell als Marie als auch Claudia Lüftenegger (in verschiedenen Rollen) so gut singen, rettet diese Inszenierung bis zur Pause. Denn auch wenn bei dem einen oder anderen Lied im Publikum mitgesungen oder einmal sogar zögerlich mitgeklatscht wird, wirkt der kleinteilige Ritt durch die Epochen unorganisch und irgendwie zusammengewürfelt. Licht an, Licht aus. Bergbauschacht, Fürstenhof, Spinnstube. Warum zwischen den verhuschten Ausflügen ins Historische Pankows "Aufruhr in den Augen" oder Sillys "Fliegende Fische" (geschrieben von Tamara Danz und Gerhard Gundermann) vorgetragen werden – beides Songs mit sehr schönen, tiefsinnigen Texten, natürlich – es erschließt sich nicht. Noch nicht, denn nach der Pause fügt sich das Bild besser zusammen.
You can't always get what you want? Julia Hell und Mitglieder der Statisterie auf Susanne Wilks Bühne © André Leischner
Mit einer Collage aus Zitaten und dem Rolling-Stones-Song "You can't always get what you want" beschreibt die Inszenierung nun die Ankunft im Heute. Die Mauer fällt, woran die Plauener mit den ersten Großdemonstrationen der DDR großen Anteil hatten. Die Einheit kommt, die Fabriken werden geschlossen, erstmal blüht hier gar nichts. You can't always get what you want? Erst jetzt kann man an die Revue andocken, liegen Emotionen in der Luft, kann das Publikum sich wiederfinden in dem zuvor über weite Strecken wie eine Aufzählung wirkenden Abend. Als die Erzählerin die Geschichte des Vogtlandes in mehreren Kurzvorträgen zum Besten gab, wirkte er ein bisschen wie ein gespielter Wikipedia-Artikel. Erst jetzt, in der Gegenwart, scheint diese Revue ihre Bestimmung und auch ihre Sprache gefunden zu haben.
Catwalk mit Chemiefaser-Chic
Die Songs erklären sich, und weitere kommen hinzu. Sandows "Born in the GDR", nochmals Silly mit "So 'ne kleine Frau", Citys "Aus der Ferne" – da hallt die DDR nach, im Guten wie im weniger Guten. Was überwiegt in der Erinnerung, der Traum von einer besseren Welt oder die am Ende immer größere Beengtheit, die Freiheitsberaubung, gegen die im selbstbewussten Vogtland mehr Menschen rebellierten als anderswo? Sogar mit Komik versucht es die Inszenierung nun, unter anderem mit einer DDR-Modenschau, deren Chemiefaser-Bekleidung in der Heimat der Plauener Spitze eine besondere Pointe ist. Apropos, unvergessen: Der bügelfreie Stoff hieß DeDeRon!
Einer der letzten Sätze des Abends lautet: "Die Freiheit ist keine Frage der Himmelsrichtung mehr." Ein schönes Fazit, ein schöner Satz, wie ich finde. Transparenzhalber füge ich hinzu, dass ich befangen bin. Es ist der Schlusssatz meines Films "Mein Zug in die Freiheit", ich habe ihn 2014 geschrieben. Sabine Michel hat er wohl auch gefallen, so wie auch mehrere Zeitzeugen-Zitate aus dem Film (darunter ein O-Ton von Hans-Dietrich Genscher), die sie ebenfalls ohne Quellenangabe in ihr Stück übernommen hat.
Die Vogtland-Revue
von Sabine Michel
Regie: Mona Sabaschus, Bühne und Kostüme: Susanne Wilk, Musikalische Leitung/ Bühnenmusik: Sebastian Undisz, Dramaturgie: Isabel Stahl, Inspizienz/ Leitung der Statisterie: Elisa Ender.
Mit: Ute Menzel, Julia Hell, Lev Semenov, Claudia Lüftenegger, Daniel Koch, Hanif Idris, Lena Schicketanz, Julia Kunz, Sabrina Liedemann. Musiker: Sebastian Undisz, Heidi Steger/ Claudia Steidte. Chor/ Spielerinnen: Kerstin Hänsch, Julia Kunz, Sylvia Lehnigk, Sabrina Liedemann, Lena Schicketanz, Olaf Blechschmidt, Simon Unger.
Uraufführung
Premiere am 9. November 2024.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause
www.theater-plauen-zwickau.de
Kritikenrundschau
"Da wo eine (selbst-)kritische, mitunter auch schmerzhafte Diagnose stehen müsste, um dem Abend Biss und Relevanz zu verleihen, rutscht er in plakativen Kitsch ab", sagt Marlene Drexler auf MDR Kultur (10.11.2024). "Der Ansatz von 'Die Vogtland Revue', den Heimatbegriff nicht völkischen Strömungen zu überlassen, sondern mit ihm emanzipatorisch umzugehen, ist ein guter. Die unterkomplexe Darstellung der Realität an diesem Abend, bei gleichzeitiger Überschätzung der Möglichkeiten einzelner Individuen greift dann aber doch zu kurz."
Zu sehen sei "ein Ritt durch Zeiten und Bilder, vorbei an Herzstücken und Wunden der Vogtland-Seele und der Plauener", schreibt Nicole Jähn in der Freien Presse (11.11.2024). Es sei ein Abend, der "der neue Perspektiven herausschält, Impulse gibt, aber auch Leerstellen" lasse und "Unbequemes" nicht ausspare. Besonders hervorzuheben seien die Gesangsparts, die "neben Akkordeonklängen und dem Chor" das Stück "heben", lobt die Kritikerin.
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