Entwaffnende Sachlichkeit

4. Oktober 2025. Regisseur Nuran David Calis ist seit dieser Spielzeit Schauspieldirektor in Salzburg und widmet sich in seiner Auftakt-Inszenierung einem aufgeladenen Thema: Dem Bericht des Journalisten Amir Tibon über den Angriff der Hamas am 7. Oktober und der komplizierten Geschichte der Region.  

Von Martin Thomas Pesl

"Die Tore von Gaza" von Nuran Davis Calis nach Amir Tibons Buch inszeniert © Tobias Witzgall

4. Oktober 2025. Schnell sind die Scheiben vollgekritzelt. "Nakba", die "massenhafte Vertreibung von Zivilist:innen im arabisch-israelischen Krieg", wie der Begriff im Stücktext definiert wird; "UNRWA", das UN-Flüchtlingswerk; "1943" und "1948"; die Zahl 600.000 (warum nochmal? Ach ja, so wenige Menschen lebten anfangs im Staat Israel) und etliches mehr steht da in Weiß auf den transparenten Wänden eines zweiteiligen Würfels – ein treffendes Bild für die Schwierigkeit, den Israel–Palästina-Konflikt zu durchschauen.

Für seine erste Regiearbeit als Schauspieldirektor am Salzburger Landestheater hat sich Nuran David Calis nicht nur einen besonders schmucken Ort ausgesucht, die "Bühne 24" des traditionsreichen Marionettentheaters, sondern auch eine ungewöhnliche Vorlage. In "Die Tore von Gaza" schildert Amir Tibon chronologisch den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 aus eigenem Erleben im Kibbuz Nahal Oz. Parallel dazu gibt das 400-Seiten-Buch einen historischen Abriss der letzten 80 Jahre.

Persönliches neben Politischem 

Tibon ist Journalist. Statt Mitleid zu heischen, nutzte er die Aufmerksamkeit, die ihm als Betroffenem zuteil wurde, für eine ausgewogene Darstellung der Situation. Er führte Interviews, las Bücher, sammelte und ordnete Fakten, stellte Persönliches neben Politisches. Diese entwaffnende Sachlichkeit beeindruckte Calis wohl so sehr, dass er die Frage nach der Bühneneignung eines solchen Sachbuchs erstmal hintan stellte.

Augenzeugenbericht aus dem Schutzraum: "Die Tore von Gaza", von Nuran David Calis inszeniert © Tobias Witzgall / LTS

Tatsächlich zeigt die Inszenierung auffällig großen Respekt vor dem Ausgangsmaterial und seiner Form. Sie wechselt nicht die Ich-Perspektive, wenn Larissa Enzi, die Amir Tibons Frau Miri verkörpert, von Aaron Röll das Wort ergreift. Auch nicht bei Britta Bayer und Georg Clementi in den Rollen von Amir Tibons Eltern, die nach kurzem Austausch von Textnachrichten von Tel Aviv aus in die Gefahrenzone aufbrachen: "Mein Vater", sagt Clementi dann eben über sich.

Thriller und die Geschichte der Region

Die Buchpassagen vom 7. Oktober bauen mitunter so viel Spannung auf, dass es fast makaber ist – Cliffhanger inklusive. Diesen Thriller-Gestus greift die Inszenierung auf, garniert mit etwas Symbolik. Die schwarz gekleideten Spieler*innen haben gruselige Pupillen auf ihre geschlossenen Augenlider gemalt bekommen. Während wir hören, wie die Tibons im dunklen Schutzraum ihres Hauses ausharren und hoffen, dass ihre sehr jungen Töchter nicht die Nerven verlieren, illustriert das restliche Ensemble dies wie taumelnde blinde Seher*innen.

Schwerer scheint es, die Zwischenkapitel über die Geschichte der Region zu veranschaulichen. Enzi und Bayer ziehen, angelehnt an den Sound von Vivan Bhatti, sprachlich eine Drohkulisse auf, derweil sich die drei männlichen Schauspieler den Text auf unterschiedliche Weisen aneignen: Clementi klingt, als dächte er sich den Text gerade als strategischen Plan aus, Röll, als hielte er im jugendlichen Eifer ein Schulreferat, und Roman Kanonik, als müsse er jemanden dringend überzeugen. Zu fünft finden sie immer neue Stellungen für die beiden Würfelhälften und positionieren auch die Live-Kamera um, deren Aufnahmen auf die rechte Bühnenwand projiziert werden. Das wäre zwar nicht nötig, man sieht eigentlich überall gut hinein. Andererseits kann beim hier verhandelten Thema nicht genug betont werden, wie wichtig eine Mehrzahl an Perspektiven ist.

Die Tore von Gaza 4 C Tobias Witzgall LTSVielzahl der Perspektiven: Britta Bayer und Ensemble in "Die Tore von Gaza" © Tobias Witzgall / LTS

Dennoch erschöpft sich dieser szenische Zugang bald, auch weil klar wird, dass das Ensemble lediglich die Aufgabe hat, möglichst viel von Tibons Buch zu übermitteln. Die Grazie, von der Heinrich von Kleist in seinem Essay "Über das Marionettentheater" schwärmte, von diesen Fünfen ist sie heute trotz der Spielstätte nicht gefordert.

Update aus der Realität

So wie das Original (wenngleich im Programmheft so bezeichnet) kein Roman ist, hat Nuran David Calis auch nicht versucht, ein Drama daraus zu machen. Einen Hauch Kunst fügt er dem Text aber hinzu, indem er ihn mit Fortschreiten des Abends zunehmend seiner Erklärbärpflicht enthebt. Da kommen plötzlich Personen vor, die in der Spielfassung vorher nicht erwähnt wurden. Ach, egal, kennt sich eh niemand aus – Beklemmung herrscht. Auch der Datensalat wird am Ende gründlich weggewischt. Die Scheiben auf der Bühne sind also wieder sauber, wenn Aaron Röll aus Tibons letztem Kapitel zitiert: "Während ich dies schreibe, im Juni 2024, befinden sie", also die Geiseln, "sich noch immer in den Händen der Hamas".

Während ich nun dies schreibe, kommt eine Push-Meldung herein: "Hamas erklärt sich bereit, alle restlichen Geiseln laut Trumps Friedensplan freizulassen." Schau an. Das echte Leben hat diesem Premierenabend einen weiteren Cliffhanger verschafft.

Die Tore von Gaza
nach dem Buch von Amir Tibon
für die Bühne bearbeitet von Nuran David Calis
Uraufführung
Regie: Nuran David Calis, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Anna Sünkel, Musik: Vivan Bhatti, Dramaturgie: Clara Bender.
Mit: Britta Bayer, Georg Clementi, Larissa Enzi, Roman Kanonik, Aaron Röll.
Premiere am 3. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.salzburger-landestheater.at

Kritikenrundschau

"Das Geschehen auf der Bühne ist weniger spannend als das Autorengespräch: Ohne echte Handlung und auf Dauer anstrengend deklamieren fünf schwarz gekleidete Schauspieler (Kostüm: Anna Sünkel) fast wörtlich Texte aus den zwölf Kapiteln des Romans", berichtet Brigitte Janoschka in der Passauer Neuen Presse (6.10.2025). "Die von Nuran David Calis ausgewählten Texte wurden als choreografiertes Sprechtheater artikuliert, Fakten und Gedanken – zu Beginn auf die Glaswände geschrieben – werden abgewischt."

"Die Uraufführung ist ein schonungsloser, aber zugleich hoffnungsvoller Blick, ohne vorgefertigte Meinung", so Veronika Zangl in den Salzburger Nachrichten (6.10.2025). "Das dem Anlass entsprechend in Schwarz gekleidete Ensemble enthält sich nicht nur optisch jeglicher Meinung." Es "oszilliert zwischen den eigenen Rollen und ist zugleich das Sprachrohr der jahrzehntelangen Kämpfe, die zum Massaker geführt haben".

Kommentare  
Die Tore von Gaza, Salzburg: Nakba
Nein, "an-Nakba" (die Katastrophe) bezeichnete ursprünglich keineswegs "die massenhafte Vertreibung von Zivilist:innen im arabisch-israelischen Krieg", sondern die Bestürzung darüber, es trotz der geballten arabischen Militärmacht nicht vermocht zu haben, 1948 die Juden aus Israel zurück ins Meer zu treiben. Nachzulesen beim Schöpfer des Begriffs, dem syrischen Historiker Constantin Zureiq: „Ma‘na an-Nakba“ (dt. „Die Bedeutung der Katastrophe“, erschienen 1948). Erst nach dem Sechstagekrieg von 1967 wurde der Begriff in altbekannter Täter-Opfer-Umkehr-Manier umgemünzt, um nachfolgenden Generationen von westlichen Palästina-Fans (und Nachtkritikern, hehe) einen wohlklingenden Kampfbegriff an die Hand zu geben.
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