Eine Ballettoper - Theater am Werk Wien
"Ich war ein Schwein! Entschuldigung!"
4. April 2025. Mit Anklängen ans radikale Tanztheater von Florentina Holzinger oder Doris Uhlich widmet sich das Wiener E3 Ensemble dem Machtmissbrauch im Kunstbetrieb. Aber tut es das wirklich? Schwer zu sagen, denn das Programm ist Nonsens und DADA in Reinkultur.
Von Gabi Hift
"Eine Ballettoper" vom E3 Ensemble im Theater am Werk Wien © Thomas Steineder
4. April 2025. Was tun? Womit Publikum anlocken in diesen schrecklichen Zeiten? Das vor dreizehn Jahren gegründete Wiener E3 Ensemble ist zu einer radikalen Lösung bereit: Sie versprechen einfach alles, und alles auf einmal: klassisches Ballett UND große Oper, dazu noch eine Prise Gesellschaftskritik, alles in nur 70 Minuten in Wien Meidling.
Es geht los: Kaum tritt eine Ansagerin auf, springt die Laufschrift über der nackten Bühne schon auf "ZWEITER AKT". Von einem briefmarkengroßen Zettel liest die Person in rasendem Tempo einen Ankündigungs-Sermon vor, dem man unmöglich folgen kann, irgendwas mit posttransradikaldisruptivmultiusw und endet nach Minuten mit: "vereinfacht: Kunst". Dann kommt, was kommen muss: "ANTI-KUNST, DADA".
Mit den wildesten Perücken und heiliger Leidenschaft
Eine Truppe aus vier Damen und zwei Herren tritt auf, ihre Körper in Strumpfhosen und Tutus sind sichtlich dem Tanz geweiht, die Perücken auf ihren Köpfen große Oper, halbmeterhohe Skulpturen aus Tüll, Haushaltsschwämmen und knallrot lackierten Lockenwicklern (Kostüm: Studio Dering van Dieken).
An ihrer Seite der Komponist des Abends, Clemens Sainitzer, mit der wildesten Perücke von allen. Er bietet tatsächlich alles auf: große Opernarien, klassische Ballettmusik, Jazz-Balladen und Humtata-Schlager. All das entlockt er virtuos seinem Cello. Dazu singt und tanzt die Truppe auf Teufel komm raus. Einige haben hervorragende Gesangsstimmen, andere weniger, einige tanzgeübte Körper, andere eher nicht, aber alle agieren mit heiliger Leidenschaft.
Viel Tüll, wilde Perücken und Dada in "Eine Ballettoper" © Thomas Steineder
Nummer für Nummer stürzen sie sich wie Clowns in die Manege, untereinander kämpfen sie um ihren Platz in der Hackordnung. Die alles erklärende Laufschrift titelt: "SCHURL (GEORG)" Aber wer ist Schurl? Eine wird böse gemobbt (Michaela Schausberger): Sobald sie den Mund aufmacht, halten sich alle hysterisch die Ohren zu, zeigen mit dem Finger auf sie und tun so, als würde sie unerträglich laut sprechen. Dabei flüstert sie nur noch. Eine andere, mit bedauernswürdigem Hasenvorbiss und notorischem Übereifer (Isabelle Jeschke), versucht wieder und wieder einen Ballettsprung in die Arme eines Tänzers hinein zu wagen, aber die Herren weichen unwillig aus.
Die Vorstadt grüßt Florentina Holzinger und Doris Uhlich
Die strenge Ballettmeisterin (Antonia Dering) treibt ihre Schützlinge an der Stange mit "Rond de vous! Cheval! Cheval!" bis zur Erschöpfung, taucht danach mit dem Kopf zwischen ihre Beine und schrubbt sie trocken – die Laufschrift titelt: "WÄSCHE".
Unter dem Lauftitel "GRA GRAZIE" präsentieren alle ihre Beine und behaupten stolz: "So dünn – mein Bein!" Die Szenen wirken wie eine Hommage aus der Vorstadt an die Grandes Dames der Provokation im Zentrum von Wien, Florentina Holzinger und Doris Uhlich. Tatsächlich hat die Choreografin Katharina Senk schon mit beiden gearbeitet.
Rasant folgt Nummer auf Nummer, immer durch Übertitel erklärt. Besonders schön zum Beispiel die Laufschrift: "DER KÄSE STINKT IM KÜHLSCHRANK". Dazu erklingt eine Belcanto-Arie, bei der man aus dem Nonsens-Italienisch die Worte "Parmigiano" und "rosso" heraushört.
Der Schurl ist ein Schuft
Nach einer Weile wird das anfängliche Erstaunen weniger, das Gelächter lässt nach, und man beginnt doch insgeheim nach einem roten Faden zu suchen – obwohl es wohl der Stolz von DADA ist, genau den nicht zu bieten. Auch auf der Bühne bröckelt die Fassade, die Perücken entwickeln ein Eigenleben. Sie kippen von den Köpfen, kriechen vor ihren Besitzern davon, die sie wieder einfangen und auf die Köpfe zwingen wollen, würgen Hälse oder spreizen sich obszön. Wer keine mehr hat und im Haarnetz dasteht, sieht nackt und verletzlich aus wie ein gerupfter Vogel.
In diesen kläglichen Niedergang platzen auf einmal klare Worte: "Der Schurl ist ein Schwein." Das Laufband titelt dazu: "Ich möchte einen Vorfall melden." Während die Damen einen Cancan tanzen, fallen Satzfetzen wie "unter dem Pullover" und von den Herren kommt: "Die lieben mich trotz oder wegen meiner Brüllereien." – "Ich werde mich nicht so demütigen, dass ich mich öffentlich entschuldige." Zitate, die man in Wien in den letzten Jahren wörtlich gehört hat.
Hier stinkt nicht nur der Käse, sondern das Gebaren des Schurl © Thomas Steineder
So ist das also: Der Schurl war ein Missbraucher, und vermutlich der Leiter der jetzt verlassenen hysterischen Clownstruppe. Das war der rote Faden. Es erklingt seine große Arie: "Ich war ein Schwein! Entschuldigung! But it's not my fault!"
Auf einmal ist Antonia Dering ganz allein auf der Bühne, singt eine todtraurige Ballade von einem aus dem Körper ausgelagerten Herz. Sie hat eine wunderschöne Stimme, singt a capella, ohne Ironie, ohne Verzerrung – das hat einen surrealen Effekt, als hätte sich auf einmal eine Parallelwelt eröffnet. Sie endet mit: "I try to rip off your disguise to show them who you are", endet mitten in der Phrase und geht ab. War der Truppe dieser Aspekt also doch ernst? Die Sache mit dem Machtmissbrauch an den Theatern? Oder war das für uns, das Publikum? Nach der üppigen Dada-Performance ein kleines Stück Gesellschaftskritik – Zuckerl, zur Verdauung? Das kann man nicht wissen. Solcherart Verwirrung zu stiften, ist wiederum lupenreiner Dadaismus, dessen Programm es war und ist, keines zu haben.
Eine Ballettoper
von E3 Ensemble
Konzept: Isabella Jeschke, Gerald Walsberger, Sebastian Spielvogel, Inszenierung und Text: E3 Ensemble, Dramaturgie: Thomas Bischof, Bühne: Sebastian Spielvogel, Kostüm: Studio Dering van Dieken, Bewegungscoaching: Katharina Senk, Künstlerische Beratung: Susanne Brandt, Komposition und Live-Musik: Clemens Sainitzer.
Mit: Antonia Dering, Lilian Gartner, Isabella Jeschke, Leon Lembert, Michaela Schausberger, Gerald Walsberger.
Premiere am 3. April 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.theater-am-werk.at
Kritikenrundschau
Es war längst überfällig, jetzt habe mit dem E3 Ensemble eine Theatergruppe mutig eine frische Satire auf den Kunstbetrieb fabriziert, so Helmut Ploebst im Standard (7.4.2025). Der Abend mokiere sich über Allzumenschliches in den Kulturblasen und "wirklich treffend ist gleich der Beginn mit einem Monolog, der die Akademisierung der Kunst auf die Schaufel nimmt". Das Ensemble könne weder tanzen noch singen, doch am Schauspielen zeigen sie eine solche Freude, "dass aus ihrem Klamauk manchmal wirklich geniale Momente platzen". Aber: "Weniger vordergründige Hetz hätte mehr hintergründigen Witz gebracht", so bleibe eine kleine Enttäuschung im Abgang nach dem reichlichen Premieren-Applaus.
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