Messe menschlicher Misere

14. Februar 2026. Zwei Horváth-Stücke bringt Karin Henkel für ihr Basler Debüt zusammen: "Kasimir und Karoline" und "Glaube, Liebe, Hoffnung". Tief führt diese Montage hinab in die Tragik der Kleine-Leute-Welt. Wie wirkt's, das Elend der anderen zu betrachten?

Von Claude Bühler

"Kasimir und Karoline" in der Fassung von Karin Henkel und Inga Schonlau am Theater Basel © Ingo Höhn

14. Februar 2026. Fast tierische Laute entwinden sich dem Körper, der sich da auf der Großen Bühne hin- und herwirft. Elisabeth geht ins Wasser. Vor acht Monaten wurde sie "abgebaut", verlor ihr Zimmer, später eine Liebe, strandete als Lingerie-Hausiererin, wurde vergewaltigt, landete im Gefängnis. "Jetzt habe ich genug", resümiert sie bitter vor dem Sprung.

Der einsame Todeskampf der Kreatur eröffnet als wuchtiges Bild den Abend. Regisseurin Karin Henkel und Dramaturgin Inga Schonlau haben zwei Stücke Ödön von Horváths von Anfang der 1930er-Jahre ineinander verschränkt, ohne dass diese direkt zueinander in Beziehung treten: "Kasimir und Karoline", das Beziehungsdrama einer Büroangestellten und eines Chauffeurs, die, nachdem er entlassen wurde, auf dem Oktoberfest einander verletzen und sich schließlich trennen.

Und das Drama Elisabeths in "Glaube, Liebe, Hoffnung", das damit beginnt, dass sie ihre Leiche zu Forschungszwecken verkaufen will. Das Zusammenspiel der beiden Stücke funktioniert insofern, dass hier eigentlich nur eine Welt dargestellt wird, die Kleine-Leute-Welt, in der sich Elisabeth in unmenschlichen Paragraphen, Kasimir und Karoline in verletzenden Widerworten verstricken.

Das Elend der anderen betrachten

Wer um den eigenen Status fürchtet, schaut auf die Not der anderen: Karoline guckt mit ihrem "Neuen", dem Opportunisten Schürzinger, dem Drama der Elisabeth zu. "Dem Elend der andern zusehen, danach geht's mir immer besser", ruft sie. Ein Ausrufer warf schon zuvor die Parole ins Publikum: "Wenn Ihr Leben aufregend ist, schön und leicht, dann genießen Sie als Abwechslung die tragische Sicht der Dinge."

kasimir karoline6 ingo hoehnKalt wie auf dem Mond: die Atmosphäre von Karin Henkels Basler Horváth-Welt © Ingo Höhn

Der Blick abwärts ist Programm. Die schwarz ausgeschlagene Riesen-Bühne mit Lichtstreifen, auf der alle Menschen klein und ausgestellt wirken, lässt diese Welt als abgeschlossen, lichtlos, ja unterirdisch erscheinen. Und sie zielt auf das Exemplarische der Elendsgeschichten, ja auf etwas Sakrales, zumal wenn Kirchbänke darin aufgereiht werden und Elisabeth im Totenhemd auftritt.

Totentanz zum Selbsterhalt

Das bunte, laute Oktoberfest wird praktisch nur noch zitiert. Gelegentlich hören wir Techno-Bumm-Bumm in der Ferne und es wird gekotzt. Einmal wird die Bühne zu einer gewaltigen Rutsche, ein anderes Mal ballert Kasimir mit dem Maschinengewehr erst auf Skelette, dann auf die anderen Leute, als wären alle hier nur Schießbudenfiguren – ein Verweis auf die Schießereien, die gleichzeitig in den Straßen toben. Immer wieder tauchen Skelettbilder auf: Wir sehen hier einen Totentanz.

Das Fehlen einer menschlichen Atmosphäre, von Farbe, Licht und Schönheit, macht diese Welt, wo es nurmehr um wirtschaftlichen und moralischen Selbsterhalt geht, umso dumpfer, gröber, kälter – und darin wütet Horváths sarkastischer Dorn. Als Elisabeth zu ihrem Liebhaber, einem Polizisten, sagt, es müssten immer viele Unschuldige dran glauben, erwidert dieser: "Das läßt sich nicht umgehen in einem geordneten Staatswesen."

kasimir karoline2 ingo hoehnTristesse zum Tod © Ingo Höhn

Soziale Kälte, Abstiegsängste, politische Wirrnisse, allgemeine Verrohung: In der Fassung von Karin Henkel und Inga Schonlau finden sich vielerlei Anspielungen auf heute. Kommerzienrat Rauch stört sich am "Gesocks" im "Stadtbild", Kasimir will nur mehr radikal links oder eben radikal rechts wählen, Schürzinger schwadroniert begeistert von der Erfindung des "künstlichen Menschen".

Düstere Weltschau mit dunkler Botschaft

Und was bindet uns nun an diese Untoten? Es ist nicht nur Horváths Wortwitz, die gekonnte Inszenierung, es sind auch die Nuancen im Spiel, spielerische Agilität, die genau gezeichneten Figuren, die präzise Führung, von der inneren Regung bis zur Aussprache. Das Personal Horváths wird nicht denunziert, sondern fast liebevoll verständlich gemacht. So werden allzu arge Typisierungen unterlaufen. Das schauspielerische Niveau des gesamten Ensembles liegt in jeder Hinsicht deutlich über dem üblichen Durchschnitt. Der virtuose Gast Martin Wuttke zieht alle Register bis zur Hysterie: Szenenapplaus.

Was Wuttkes Wirkung mindert: Gegen Ende muss er eine Szene mit allzu vielen Rollenwechseln bewältigen. Er kann das, aber die Szene verliert ihre Wirkung. Der Aufführung fehlt zudem die Beweglichkeit der Handlung, und auch die Bildwechsel. Alles Geschehen ist eingebunden in eine düstere Weltschau, in einem feststehenden Raum, und das wirkt ab der Hälfte der fast dreieinhalbstündigen Spielzeit eintönig. Die dunkle Botschaft übertönt so in der Wirkung das agile Spiel. Und dieses hätte in einem kleineren Theaterraum stärker auf das Publikum gewirkt.
Nach der Pause waren die Reihen ziemlich gelichtet. Das Publikum, das blieb, jubelte zum Ende.

Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod
Schauspiel auf dem Oktoberfest unter Verwendung von "Glaube, Liebe, Hoffnung"
Von Ödön von Horváth, Stückfassung: Karin Henkel und Inga Schonlau
Inszenierung: Karin Henkel, Bühne: Thilo Reuther, Kostüm: Aino Laberenz, Musik: Yanik Soland, Lichtdesign: Thomas Kleinstück, Ton: Jan Fitschen, Janik Pokorny, Dramaturgie: Inga Schonlau.
Mit: Andrea Bettini, Carina Braunschmidt, Fabian Dämmich, Marie Löcker, Jörg Pohl, Sven Schelker, Gala Othero Winter, Martin Wuttke.
Premiere am 13. Februar 2026
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theater-basel.ch

Kritikenrundschau

Für Markus Wüest (Basler Zeitung, 16.2.2026) funktioniert die Verschränkung der beiden Horváth-Stücke nur bedingt: "Wer den Theaterbesuch wirken lässt, etwas Abstand gewinnt, kommt zur Erkenntnis, in Tat und Wahrheit zwei Stücke gesehen zu haben." Allerdings zeigt er sich gleichermaßen begeistert: Martin Wuttke sei "eine Wucht", Gala Othero Winter und Jörg Pohl hielten mit; er spricht von "großer Spiellust und Verve" und einem "eindringlichen und intensiven Stück". "Und weder Schauspieler noch Regie müssen den Holzhammer verwenden, um die beängstigende Nähe zur Gegenwart herzustellen. Details genügen", so Wüest. 

"Martin Wuttke ist der Motor dieser Inszenierung. Karin Henkels Horváth-Doppelabend prägt er als Kommentator und permanenter Unruheherd. Sieben Rollen spielt Wuttke, jede von eruptiver Energie", befindet Florian Oegerli in der Aargauer Zeitung (16.2.2026). Dass dieser Abend so konsequent über seine Darstellenden funktioniert, sei kein Nebeneffekt, sondern Programm. "Die Kälte kommt auch aus dem Zuschauerraum", resümiert Oegerli: "Darin liegt womöglich Henkels Pointe: Nicht der Inhalt ist die Zumutung, sondern die Einsicht, dass es kein unschuldiges Zuschauen gibt."

"Wie viel Systemkritik man in den Stoff lesen will", überlasse Karin Henkel dem Publikum; "umso gefälliger wirkt die Tirade gegen Frauen, den angeblichen Niedergang der Gesellschaft und das 'Stadtbild', die der wunderbar widerlich gespielte Kommerzienrat Rauch (Andrea Bettini) im Vollsuff plötzlich vom Stapel lässt", berichtet Robin Passon für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (20.2.2026). "Kurz fragt man sich, ob der Abend hier eine tagespolitische Wendung nimmt, doch er verbleibt wie die Altherrenwitze der ersten Hälfte im Komfort harmloser Pöbelei. Überhaupt erarbeitet die vage Personenregie wenige Perspektiven auf das Innenleben der Figuren. Längst scheint sich in ihren Herzen die Resignation eingenistet zu haben, für den schmerzhaften Blick in die eigene Leere, bringt niemand mehr die Kraft auf."

Kommentare  
Kasimir und Karoline, Basel: Verrenkung
Was ist das denn für eine klassistische Verrenkung: Kleine-Leute-Welt. Was soll das überhaupt bedeuten, so aus dem oben der Hochkultur herab geschaut?
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