Wie man eine Hexe ertränkt 

28. März 2025. Am Stuttgarter Schauspiel fand das erste "Europäische Theaterfestival" statt. Gastspiele aus Polen, Tschechien und der Ukraine präsentierten Spielarten der Gewalt. Auch die Produktion, für die in der Ukraine aktuell horrende Schwarzmarktpreise gezahlt werden, war zu sehen.

Von Verena Großkreutz

"Die Hexe von Konotop" © Julia Weber

28. März 2025. Wann hat das Stuttgarter Schauspielhaus schon einmal derart gebebt vor Applaus wie an diesem Abend? Die anwesende ukrainische Community ist groß: Jubel, rhythmisches Klatschen, Rufe (wohl "Es lebe die Ukraine!"), später, beim Verlassen des Saales, wird die ukrainische Nationalhymne gesungen. Alles sehr emotional und anrührend, was "Die Hexe von Konotop" hier ausgelöst hat, jener Theaterhit aus Kiew, für den es in der Ukraine einen Ticket-Schwarzmarkt zu Wucherpreisen gibt. Theater ist in Kriegszeiten für Ukrainer*innen – ob in der Heimat oder in der Diaspora – zum bedeutenden gemeinschaftsstiftenden Ort geworden.

"Die Hexe von Konotop" war das letzte Gastspiel im Programm des einwöchigen "Europäischen Theaterfestivals“ unter dem Motto "Achtung Freiheit!" am Schauspiel Stuttgart. Es fand zum ersten Mal statt – finanziert aus zusätzlichen Mitteln der Baden-Württemberg-Stiftung und des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Im Mittelpunkt stand Osteuropa mit Produktionen aus Polen, Tschechien und der Ukraine.

Das Haus in der Intendanz von Burkhard C. Kosminski führt damit konsequent sein Ansinnen weiter, auch europäisch zu denken – was etwa die Zusammenarbeit mit internationalen Regisseur*innen, mehrsprachige Inszenierungen oder das Europa-Ensemble-Projekt angeht, mit dem Kosminski als Intendant an den Start ging (und das durch Corona beendet wurde). Auch in der Förderung ukrainischer Autor*innen engagiert sich das Stuttgarter Schauspiel regelmäßig.

"Die Hexe von Konotop" nach Hryhorij Kwitka-Osnowjanenko

"Die Hexe von Konotop" – eine Produktion des Ivan Franko Nationaltheaters für Schauspielkunst Kiew in der Regie von Ivan Uryvskyi – ist ein exzellent inszenierter und grandios gespielter Theaterabend mit vielen Songeinlagen und dem einen oder anderen Kosakentänzchen. Der Plot, der auf einer satirischen Erzählung (1833) des ukrainischen Dichters Hryhorij Kwitka-Osnowjanenko beruht, spielt in einem vom Aberglauben missgeleiteten ukrainischen Dorf und kreist um das Tun zweier linkischer Tölpel, eines alten Sacks und Kosakenhauptmanns und seinem Schreiber. Ersterer ist hinter der schönen Olena her, die aber schon an den jungen, attraktiven Demian vergeben ist, der andere fädelt die letztlich ins Chaos mündenden Dates für den Alten ein. Das ist die burleske Seite dieser Komödie, in der Oleksandr Yarema und Andriy Saminin ihr Publikum durch präzise, spielwütige Körperkomik zum Lachen bringen. Die düstere Seite thematisiert das finstere Kapitel der Hexenverfolgungen, hier in Gestalt der damals üblichen "Wasserproben", die in Konotop vom tumben Schreiber initiiert werden: Für die Dürre im Land werden Hexen verantwortlich gemacht, deshalb Frauen in den Fluss geworfen, und jene, die nicht ertrinkt wird als Hexe gebrandmarkt.

hexe presse 2 2569 c julia weber"Die Hexe von Konotop" – eine Produktion des Ivan Franko Nationaltheaters für Schauspielkunst Kiew © Julia Weber

Die Handlung konzentriert sich auf sechs Figuren, das Bühnenbild (von Tetyana Ovsiychuk) ist minimalistisch: eine weiß getünchte, die ganze Bühnenbreite ausfüllende Hauswand mit einem aufklappbaren Fenster und einer Tür, ein kleines, gelegentlich ironisch aufblinkendes Holzkreuz an der Wand, eine breite Bank. Es herrschen Schwarz-Weiß-Kontraste (für Dunkelheit und Licht). Die drei später als Hexen verdächtigten Frauen sind von Beginn an als Trio präsent, beobachten das Geschehen – in wallenden Outfits und mit weiß geschminkten Gesichtern, verfremdet eckig und sich oft synchron bewegend. Vor allem aber kommentieren sie das Geschehen mit einem mystisch anmutenden Gesang, der wohl alter ukrainischer Volksmusik abgelauscht ist. Marina Dadaleva, Khrystyna Korchynska und Oksana Sydorenko singen und spielen das fantastisch, hintergründig und fein differenziert. Künstlerischer Höhepunkt des Abends ist ihre Darstellung des Ertrinkens: Ihre Körper winden sich, ziehen sich in sich zurück, um am Ende zu erstarren. Dazu bringen sie jeweils auf völlig unterschiedliche Weise ihre Stimmbänder zum Klingen: Erst singsangähnlich, dann immer gequälter, teils geisterhaft elektronisch verfremdet im Nichts verklingend. Nur die eine, die mit magischen Fähigkeiten ausgestattete Yavdokha, überlebt den "Test", wird wiedergeboren (auch das drückt ihr Singen aus), erweckt später ihre ertrunkenen Freundinnen wieder zum Leben und rächt sich an den Männern. Ein starkes Bild weiblicher Selbstermächtigung am Schluss: Yavdokha im Sturm mit wehendem Haar.

"Buna" von Vira Makoviy

Das Thema Krieg findet hier nur indirekt Beachtung (als Bedrohung durch das zaristische Russland). Das ist auch so in einer weiteren Produktion des Ivan Franko Nationaltheaters, die beim Festival im Kammertheater gezeigt wurde: "Buna" von Vira Makoviy in der Regie von David Petrosyan, das 2018 in Kiew Premiere hatte. Eine intimere, minimalistische Produktion, in der es überraschend kritisch um den Generationenkonflikt zwischen Alt (= Tradition und Anpassung) und Jung (= Freiheit und Individualität) geht. Zur Vorbereitung auf die Proben verbrachte das Ensemble einen Monat in einem Dorf in der ukrainischen Bukowina, um das lokale Leben, seine Bräuche und altes Liedgut zu studieren. Entsprechend ist das minimalistische Bühnenbild, das den Wohnraum einer Hütte andeutet, mit bunt gemusterten Decken, Holzbänken und kleinen Ikonen ausgestattet. Im hinteren Teil sorgt Anna Rudenko mit wunderbarem Gesang und Geigenspiel für die volksmusikalische Untermalung. Derweil die Buna (= Oma), ausgestattet mit Kopftuch, knorrigem Gehstock, Rosenkranz und im Dauergebetsmodus ihre Enkelin (Dana Kuz), die als Waise von ihr aufgezogen wurde, schikaniert und aufs Übelste beschimpft. Die ist schwanger vom falschen Mann, will eigentlich Schauspielerin werden und in Kiew studieren. Sie entflieht der Enge der Heimat, lässt ihr Kind in der Obhut der Oma, landet in den USA in der Ausbeutungsfalle der Billiglohnsektoren. In "Buna" taucht der Krieg auf als schreckliche Erinnerung: Gegen Ende des Stücks verwandelt sich die böse Alte (Khrystyna Korchynska) in die junge Frau, die im Zweiten Weltkrieg durch den Anblick grausam zugerichteter Leichen traumatisiert wurde. Das psychisch gestörte Verhalten der Buna – sie futtert gar ihrem kleinen Urenkel (berührend gespielt von Marichka Shtyrbulova) die Schokolade weg – findet so seine nachträgliche Erklärung. Was macht ein Krieg aus den Überlebenden?

"Elizabeth Costello" von Krzysztof Warlikowski

Eröffnet wurde das Festival sehr opulent mit einem Gastspiel des Nowy Teatr aus Warschau: "Elizabeth Costello" von Krzysztof Warlikowski. Opulent die Textmassen, die darin verarbeitet werden – nicht umsonst trägt die Produktion den Beititel "Sieben Vorlesungen und fünf Moralgeschichten". Opulent das Bühnenbild von Małgorzata Szczęśniak, das durch Nutzung des gesamten Bühnenraumes und Videoprojektionen (ob von arktischer Eisschmelze oder als Spiegelung der Vorgänge auf der Bühne) luftige Weite und fließende Übergänge schafft zwischen den zahlreichen Ortswechseln und Zeitsprüngen.

elizabeth costello presse 7 c magda hueckel"Elizabeth Costello" vom Nowy Teatr aus Warschau © Magda Hueckel

Warlikowski hat für sein komplexes Vierstunden-Opus den gleichnamigen Roman (2003) des südafrikanischen Autors J. M. Coetzee bearbeitet. Dargestellt werden Szenen aus dem Leben der fiktiven australischen Schriftstellerin und Philosophin Elizabeth Costello, einer schillernden Figur, die um die Welt reist, Preise entgegennimmt, Vorträge hält über ethische Fragen: vom respektlosen Umgang der Menschen mit Tieren bis zur literarischen Zensur. Es mischen sich Szenen im Kreis ihrer Familie, beim Essen mit Universitätsprofessor*innen oder Gespräche mit ihrem Sohn. Es werden Fragen zum Glauben, zum Vegetarismus, zum Klimawandel, zur Sexualität, zur Sprache und zum Bösen erörtert. Altersmüde wird sie mit einem Ruhm konfrontiert, mit dem sie sich kaum noch identifiziert.

Viel Text also, virtuos umgesetzt vom Ensemble. Die vielen Facetten und Altersstufen Costellos stellen mehrere Schauspieler*innen dar, darunter auch die 86-jährige polnische Theaterlegende Maja Komorowska. Ein langer Abend, von dem vor allem ein Bild in Erinnerung bleibt, eines, das Costello am Ende ihres Lebens beschäftigt: Ein Küken, das sich gerade seines Lebens bewusst wird, geht auf einem Laufband ahnungslos seinem Schreddertod entgegen.

"Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque und "Grüne Korridore" von Natalka Vorozhbyt

Eine Produktion beschäftigte sich ganz konkret mit dem Thema Krieg. Dušan David Pařízek und sein Prager Divadlo X10 Theater zeigt den Doppelabend "Diptychon 1918/2022. Von Soldaten und Frauen auf der Flucht", in dem Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" und "Grüne Korridore" der ukrainischen Autorin Natalka Vorozhbyt gekoppelt werden. Grausame Erlebnisse von Soldaten an der Front 1918 werden Fluchterfahrungen ukrainischer Frauen der Gegenwart gegenübergestellt. Unter den dargestellten Frauen ist etwa eine Schauspielerin, die in russischen Filmserien mitgewirkt hat und nun von den anderen Geflüchteten gemobbt wird, oder eine, die traumatisiert wurde durch die Gruppenvergewaltigung durch russische Soldaten.

diptychon presse 4 7596 c patrik boreck 3"Diptychon 1918/2022" vom Divadlo X10 Theater © Patrik Boreck

Der Abend funktioniert: Im Frontalspiel reihen sich kurze Szenen schnell geschnitten aneinander, das Spieltempo ist hoch. Es genügen wenige Requisiten (am Ende gibt es etwa rote Blumen für Remarques an der Front getöteten jungen Soldaten). Die Bühne ist fast leer; mittig hängt eine riesige weiße Projektionstafel, auf die über Overheadprojektoren Fotos, Muster, Schriftzüge oder blutige Farbspiele geworfen werden. In der Pause wird die riesige Styroporplatte minuziös zertrümmert und zwei Darsteller fragen sich bei einem Bier, wer eigentlich die Kriege anzettelt und was geschehen würde, wenn eine Regierung auf eine Kriegserklärung nicht reagierte. Ja, wer macht eigentlich die Kriege? Einzelne, das Volk?, fragen sie sich. Schade, dass diese so schön anarchische Szene, von den meisten gar nicht gesehen wurde, denn es war Pause und der Zuschauerraum schon bald so gut wie leer.

Es war ja eine ganz zentrale Frage, die da gestellt wurde. Eine Frage, auf die es so pauschal gestellt wohl keine Antwort gibt. Über die man stundenlang reflektieren kann. Wie über das Thema "Freiheit". Was ist Freiheit, wo fängt sie an und wo hört sie auf? Dass das Theater in Zeiten wie diesen ein probates Mittel ist, um über diese Fragen nachzudenken, hat das Europäische Theaterfestival auf künstlerisch vielfältige und emotional aufrüttelnde Weise gezeigt. 2027 soll es ein zweites geben.

 

Achtung Freiheit – Europäisches Theaterfestival

Buna
von Vira Makoviy
Inszenierung / Bühne / Kostüm / Musik: David Petrosyan
Mit: Vitaliy Azhnov, Dana Kuz, Anna Rudenko, Khrystyna Korchynska, Ivan Sharan, Marichka Shtyrbulova.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Die Hexe von Konotop
von Hryhorii Kvitka-Osnovianenko
Inszenierung: Ivan Uryvskyi; Ausstattung: Tetyana Ovsiychuk; Einstudierung Chor: Susanna Karpenko; Choreografie: Olga Semyoshkina.
Mit: Mykhailo Dadalev, Marina Dadaleva, Dana Kuz, Anna Rudenko, Andriy Saminin, Oksana Sydorenko, Oleksandr Yarema, Khrystyna Korchynska.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Elizabeth Costello

Sieben Vorlesungen und fünf Moralgeschichten
nach Texten von J. M. Coetzee
In einer Fassung von Krzysztof Warlikowski
Inszenierung: Krzysztof Warlikowski; Bühne / Kostüm: Małgorzata Szczęśniak; Licht: Felice Ross; Musik: Paweł Mykietyn; Video / Animation: Kamil Polak; Dramaturgie: Piotr Gruszczyński.
Mit: Mariusz Bonaszewski, Magdalena Cielecka, Andrzej Chyra, Ewa Dałkowska, Bartosz Gelner, Małgorzata Hajewska-Krzysztofik, Jadwiga Jankowska-Cieślak, Maja Komorowska, Hiroaki Murakami, Maja Ostaszewska, Ewelina Pankowska, Jacek Poniedziałek, Magdalena Popławska.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

Im Westen nichts Neues / Grüne Korridore
Diptychon 1918/2022. Von Soldaten und Frauen auf der Flucht.
von Erich Maria Remarque / Natalka Vorozhbyt
Inszenierung / Bühne: Dušan David Pařízek; Musik: Peter Fasching; Dramaturgie: Ondřej Novotný.
Mit: Martin Pechlát, Stanislav Majer, Gabriela Míčová, Jan Bárta, Antonie Rašilovová, Lucie Roznětínská.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

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