Im Reich verbrannter Erde

9. Februar 2025. An diesem Abend verschenkt Lear nicht nur sein Erbe, aber eine Väter-Generation hängt weiterhin am zerstörerischen Konsum, Besitz und Überfluss. Falk Richter nutzt Shakespeares Drama für die Abrechnung mit der Hinterlassenschaft eines sterbenden Vaters und schafft einen großen, komplexen Lear-Abend.

Von Verena Großkreutz

William Shakespeares "Lear" von Falk Richter bearbeitet und inszeniert am Schauspiel Stuttgart © Thomas Aurin

9. Februar 2025. Starr und schwer steht König Lear am Anfang da – wie sein Standbild hinter ihm, das im Zentrum seiner Machtzentrale thront. Noch hat er die Kontrolle, fordert und verbannt. Dann, im Verlauf seines Abstiegs und langsamen Verfalls, scheint er körperlich immer leichter zu werden, beginnt zu tänzeln, kickt Totenköpfe weg, die im letzten Akt die Bühne bedecken, um am Ende fast schon zu schweben. Seine harte, autoritäre, giftige Stimme vom Beginn ist da längst ganz weich, singend und warm geworden. Mitten im Shakespeare’schen Leichenberg gestrandet, angesichts seiner toten Tochter Cordelia, beginnt Lear zu weinen, das greise Kindischsein und jeden Wahnsinn hinter sich lassend. Lear ist ein Mensch geworden – und stirbt. Fantastisch, wie André Jung das spielt.

Falk Richter ist am Stuttgarter Schauspiel ein großer, sehr komplexer Lear-Abend gelungen. Er hat Shakespeares Weltuntergangstragödie modernisiert und auf seine Hauptpersonen reduziert, außerdem eine Rahmenhandlung drumherum gebaut: Die junge Regisseurin Karin Lind übernimmt darin die "Lear"-Inszenierung ihres Vaters Thomas Lind, eines berühmten Theaterregisseurs, der nach einem Herzinfarkt nun im Krankenhaus liegt.

Emotionales Erbe

Die Tochter, hin- und hergerissen zwischen dem Vater im Krankenhaus und der Theaterarbeit, der sie eigentlich ihre eigene Handschrift verpassen will, wird ihre Arbeit abbrechen, um dem sterbenden Vater beizustehen. Den letzten Akt des "Lear", das große Morden, übernimmt ihr junger Regieassistent. Der macht wiederum kurzen Prozess und ein köstliches Schmierentheater daraus.

Inmitten rollender Totenköpfe: Falk Richters "Lear" am Schauspiel Stuttgart © Thomas Aurin

Richter schließt den Lear mit der heutigen Zeit kurz. Lear ist auch Thomas Lind, weil beide von André Jung gespielt werden. Das eine spiegelt sich im anderen. Richter hat den Generationenkonflikt des Stücks in den Fokus genommen. Karin Lind ist auch Autorin, die gerade ihren autofiktionalen Roman "Das emotionale Erbe" veröffentlicht hat, in dem sie mit ihrem Vater, einem Tyrannen, einem, dessen sexuelle Exzesse die Familie zerstört haben, abrechnet. Sie wird dafür in der Öffentlichkeit niedergemacht, man unterstellt ihr, pietätlos das Lebenswerk ihres Vaters zerstören zu wollen.

Schuld zwischen Generationen

Wie der Vater ist auch Lear uneinsichtig. So weigern sich die Töchter Goneril und Regan, ihn im Gegenzug fürs geerbte Reich bei sich aufzunehmen. Setzen ihn vor die Tür. Klagen ihn an für sein "extrem zerstörerisches Staatsmanagement". Performen gemeinsam mit dem jungen Oswald ein eigenes innovatives "Notstandsprogramm" zur Bewältigung der von Lear ausgelösten "bevorstehenden Katastrophe". Das reicht von der "Senkung der Treibhausgase bis 2035 auf null" über die Kontrolle des privaten Benzinverbrauchs, hohe Vermögens- und Erbschaftssteuern, den verpflichtenden Sozialdienst für alle bis hin zum Verbot von Einwegprodukten oder Fleisch- und Wurstverzehr. Worauf Lear nur lacht, für ihn bedeute Freiheit "Konsum, Besitz, Überfluss".

Es geht um die Fragen, was mensch – wenn überhaupt – seinen Eltern schuldig ist, vor allem, wenn sie Unheil über das Leben ihrer Kinder gebracht haben, dabei uneinsichtig bleiben. Sich verantwortungslos verhielten. Wendet man sich ab von ihnen? Darf man sie im Alter verstoßen, gar bestrafen? Sich rächen? Oder sollte man ihnen vergeben? Und was geschieht mit ihrem Erbe? Fragen, die die Schauspielerinnen des "Lear" diskutieren. Immer wieder telefoniert Karin mit ihrem Vater im Krankenhaus, der zunehmend verwirrter wird, stellt ihn erfolglos zur Rede.

Lear 4 CThomas Aurin uAuf Konsum, Besitz, Überfluss beharren: André Jung als Lear und Rainer Galke als Gloster © Thomas Aurin

Richters Lear hinterließ seinen Töchtern ein kaputtes Land. Das drehbare Bühnenbild von Wolfgang Menardi zeigt eine freudlos-finstere Machtzentrale eines autoritären Staates. Alles schwarz: die Fahnen, die den Raum umrahmen, das Lear-Standbild, der Boden ist dick bedeckt mit Asche. Wenn sich die Bühne dreht, dient ihre Rückseite allerlei Videoprojektionen. Man sieht: den schwer atmenden Vater im Krankenhaus, Gespräche der Regisseurin mit dem Ensemble, ein lustiges Casting von Comedians, um die Rolle des Narren zu besetzen.

Fluch der Zeit

Später löst sich der Raum auf, öffnet sich für einen mit viel Theaterzauber in Szene gesetzten Sturm, in dem der halbnackte Lear verwirrt herumirrt. Ein beeindruckendes Bild auch: Rainer Galke als blinder Graf von Gloster (dem Lears Töchter die Augen ausstachen) singt vor vernebeltem Feld voller schwarzer Totenköpfe Bob Dylans "Oh, where have you been, my blue-eyed son?" – bevor sein Sohn Edgar, zuvor vom Vater verstoßen, ihn aufgabelt, bereit ihm zu verzeihen. Manchmal verschmelzen die Ebenen: etwa im krassen Albtraum Karins, wenn plötzlich etliche kranke, wirre Alte in ihren Pflegebetten auf die Bühne rollen.

Es ist ein Abend der Schauspieler*innen. Großartig etwa Michael Stiller als von Lear verbannter, dennoch loyaler Graf von Kent, der in die Rolle des Narren schlüpft, um weiter heimlich beschützend in der Nähe seines Königs bleiben zu können – immer deutlich machend, dass in der närrischen Verstellung sexistischer Witze und Gewaltbereitschaft doch immer auch der warmherzige Kent steckt. Oder Sylvana Krappatsch als Karin Lind, die einfühlsam und plastisch deren Zerrissenheit, Überforderung, Hilflosigkeit, Einsamkeit darzustellen weiß. Oder Josephine Köhler als Lear-Tochter Regan, die die Verstellungskunst so grandios beherrscht, dass sie zwecks Gefühlsheuchelei ihrem Vater gegenüber sogar ein mitreißend gesungenes "When I fall in love it will be forever" aus dem Ärmel schütteln kann. Oder Katharina Hauter als beherrschte und strenge Goneril, Felix Strobel als sensibler Edgar, David Müller als sein hyperaktiver, intriganter Bruder Edmund oder Karl Leven Schroeder als Oswald und Karin Linds Regieassistent mit großem komischen Potential.

Ja, es ist ein großartiger Theaterabend. Und wieder einmal ist er aktuell, der Satz, den Gloster spricht: "Es ist der Fluch der Zeit, dass Irre Blinde führen." In Stuttgart gab’s dafür spontan Applaus.

Lear
von William Shakespeare
Bearbeitet und mit neuen Texten von Falk Richter
Deutschsprachige Erstaufführung
Inszenierung: Falk Richter, Bühne: Wolfgang Menardi, Kostüme: Zana Bosnjak, Musik: Daniel Freitag, Video: Stefano Di Buduo, Licht: Carsten Sander, Co-Lichtdesign: Matthias Kammüller, Dramaturgie: Benjamin Große, Mitarbeit Fassung: Rita Thiele.
Mit: André Jung, Sylvana Krappatsch, Rainer Galke, Felix Strobel, David Müller, Michael Stiller, Karl Leven Schroeder, Katharina Hauter, Josephine Köhler, Mina Pecik; als Videoeinspieler: Marietta Meguid und die Comedians Niels Bormann, Nils Buchholz, Mira Fajfer, Orit Nahmias, Frank Willens, Idil Baydar.
Premiere am 8. Februar 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

Kritikenrundschau

Dass das Shakespeare-Stück bei Falk Richter "mit der parallel erzählten Zweitstory über einen Regietyrannen auch im Heute weitergedacht" werde, bezeichnet Otto Paul Burkhardt in der Südwest Presse (10.2.2025) als "Clou". Zusehends – "und intelligent kalkuliert" – verschwämmen die Geschichten ineinander, "ohne den Urtext selbstgerecht zu verschlimmbessern". Richter schaffe in seiner Inszenierung "starke, heftige Bilder mit ebensolchen Signature-Songs".

"Falk Richters Rahmung müffelt moralinsauer, wenn die leichte Ironie abhanden kommt, die er manchen politisch korrekten Einwürfen unterlegt", urteilt Nicole Golombek in der Stuttgarter Zeitung (10.2.2025). "Sie hat aber den Vorteil, dass das Drama kommentiert werden kann, wo es schwächelt."

In Stuttgart siege, mit weitem Vorsprung,"der lästige Alte, der Weltschauspieler André Jung als Lear, über die politisch korrekten Bedenkenträger der jüngeren Generation – die ja an der Vernichtung der Erde durchaus mitwirken, die sie aber den Alten vorwerfen", diagnostiziert Christian Gampert im DLF Kultur (9.2.2025)."Wie André Jung als orientierungsloser Alter durch den Sturm auf der Heide irrt, wie er als dementer Patient in seinem Bett liegt, wie er störrisch auf dem Primat seines Künstlertums beharrt – das macht den Abend groß, und das ist der beste Lear, den ich seit langem gesehen habe", so der Kritiker.

"Die Art und Weise, wie Falk Richter die Spiellust des Stuttgarter Ensembles stimuliert hat, wäre alleine schon ein Garant für großes Theater", meint Jürgen Berger in der Schwäbischen Zeitung (11.2.2025)."Da ist aber auch der Autor Richter, der Shakespeares Dialoge geschmeidiger für unsere Zeit gemacht und eine Rahmenhandlung erfunden hat, auf dass ein raffinierter Theaterabend daraus werde." Richter halte"dem Theaterbetrieb einen Spiegel vor" und zeige dem Publikum,"wie unfreiwillig komisch und absurd es hinter den Kulissen zugehen kann".

Kommentare  
Lear, Stuttgart: Neue Benchmark
Grandios- dieses Stück wird für uns zu einer neuen Benchmark. Ein ganz großes Theater Gesamtkunstwerk. Schauspielkunst, Bühnenbild, Bühneninzenierung mit perfektem Timing und dem ausschöpfen aller Möglichkeiten - einfach großartig.

Shakespeare ist an sich allein durch die Sprache immer eine Wucht und diese moderne Interpretation von König Lear ist dabei voll auf Augenhöhe mit dem Original , so dass ich überzeugt bin Shakespeare hätte hier auch applaudiert.
Um so unverständlicher ist mir die stark unterkühlte Kritik in der Stuttgarter Zeitung.

Wir werden jedenfalls noch lange an dieses Theaterereignis denken.
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