Zur schönen Aussicht - Schauspiel Stuttgart
Es lebe die Sehnsucht
22. Juni 2025. Geldgier, Militarismus, Sexismus - Ödön von Horváth hat in "Zur schönen Aussicht" alle Übel ausgebreitet, im Zentrum steht die Gemeinheit gegenüber der jungen Christine. Regisseurin Christina Tscharyiski bringt das auf ihre ganz eigene Weise auf die Bühne.
Von Thomas Rothschild
Ödön von Horváths "Zur schönen Aussicht" von Christina Tscharyiski inszeniert am Schauspiel Stuttgart © Julian Baumann
22. Juni 2025. Christine fleht: "Strasser! Wo bin ich? Ha, ich bin auf der Flucht! Die Polizei! Rette mich! Rette mich! Die Polizei behauptet ja, ich, ich hätte unser Kind zur Seite, ich hätte unser Kind erwürgt, zerstückelt und in Zeitungspapier." Fünf Männer stehen unbewegt da und starren auf die gequälte Kreatur. So kennen wir Ödön von Horváth. So ist er uns vertraut. Aber in dieser Komödie "Zur schönen Aussicht" am Schauspiel Stuttgart tritt Christine erst auf, wenn mehr als ein Viertel des Stücks über die Bühne gegangen ist.
"Zur schönen Aussicht" stand seit der Wiederentdeckung Ödön von Horváths und Peter Handkes wegweisendem Vergleich mit Brecht, zugunsten des Revolutionärs des Volksstücks, stets ein wenig im Schatten der "Geschichten aus dem Wiener Wald", von "Kasimir und Karoline" und von "Glaube Liebe Hoffnung". Christoph Marthalers Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 1999 leistete für eine neue Sicht auf Horváth Ähnliches wie Hans Hollmanns "Geschichten aus dem Wiener Wald" 1973 in Basel. Der simple Gegensatz von Naturalismus vs. Verfremdung reicht seither nicht mehr aus.
Im Schatten des Unterleibs
Die Regisseurin Christina Tscharyiski hat sich am Schauspiel Stuttgart in diesem Zwiespalt zunächst eher für Stilisierung als für Milieurealismus entschieden. Mit der Ankunft Christines jedoch ändert sich der Stil. Wenn das Mädchen, das eben volljährig (und damit erbberechtigt) geworden ist, zum Hoteldirektor Strasser, der sie geschwängert hat, bemerkt "Ich habe es dir gesagt, wie ich dich liebe, alles, deinen Körper, es wird mir immer kalt und heiß –", dann ist er da, der gewohnte Horváth-Ton. Tscharyiski gelingt es, die komischen und die tragischen, die grotesken und die sentimentalen Elemente von Horváths frühem Stück ausgewogen zur Geltung zu bringen.
Tragikomik in Balance: Tim Bülow, Therese Dörr, Gábor Biedermann in "Zur schönen Aussicht" © Julian Baumann
Die Entscheidung gegen eine naturalistische Einleitung betrifft auch das Bühnenbild von Sarah Sassen. Anstelle einer von Horváth minutiös beschriebenen Hotelhalle zeigt es einen gigantischen liegenden Unterleib in kurzer (Leder?)Hose, mit Bergstiefeln, der von hinten bestiegen wird und von dem sich die Akteure vorne an Seilen herablassen. An der Vorderseite öffnen sich später Hoteltüren, die massiv aussehen wie in einem Flugzeug.
Wurzel allen Übels
Am Ende des ersten Akts schneit es Schneeflocken und Zettel unbekannter Herkunft, und der Chauffeur Karl stöhnt "Es lebe die Sehnsucht!", ehe im Vordergrund Wirtshaustische, bei Horváth beliebtes Mobiliar, aufgestellt werden. Auch bei den Kostümen von Miriam Draxl gilt das antirealistische Credo. Wenn Strasser den Kellner Max auffordert, den Frack anzuziehen, hängt der sich eine weiße Federjacke um und gleicht mehr Ariel als einem Hotelangestellten.
Die Gemeinheit gegen ein junges Mädchen wird nur von Geldgier übertroffen: Felix Strobel (Strasser), Simon Löcker (Max), Laura Balzer (Christine), Tim Bülow (Karl) © Julian Baumann
Die Sympathieträgerin verkörpert als Gast Laura Balzer vom Berliner Ensemble, ergreifend und eher zurückgenommen als unter Druck. Therese Dörr übertrifft sich selbst als Christines Gegenfigur Ada Freifrau von Stetten, deren Dürrenmatts Alte Dame vorwegnehmende Skurrilität unerwartet in die Misere des Alterns umschlägt. Die Gemeinheit der Männer gegenüber einem jungen Mädel, die in Horváths Volksstücken im Zentrum steht, wird hier noch von dem Motiv der Geldgier überlagert und gemildert durch die Mechanik der Komödie.
Demaskiertes Bewusstsein
Die Aktualität kommt, abgesehen von der ewigen Wahrheit, dass "Geldgier eine Wurzel alles Übels" ist, auf einem Umweg über Gábor Biedermann als Müller, Vertreter der Firma Hergt und Sohn, ins Spiel. Der predigt: "Heute aber nur nicht arbeiten, aber soziale Einrichtungen! Frech und faul! Lauter Gewerkschaftler! Ehrlichkeit und Pflichtgefühl haben unser Vaterland verlassen! Heute erholen sie sich! Skandal!" Und: "Wir brauchen einen neuen Krieg. Und Kolonien!" Zugleich behauptet er: "Ich hasse den Militarismus!" Als der Spielplan erstellt wurde, konnte man noch nicht wissen, wie heutig das klingt. Da muss man nichts hinzuerfinden. Tut Tscharyiski auch nicht.
Der bekannteste Satz aus dem Stück lautet: "Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu." Er wird von Ada gesprochen und soll sie rehabilitieren. Man wird schwerlich eine zweite Stelle finden, die so sehr nach Horváth und seiner Demaskierung des Bewusstseins klingt. Bestünde "Zur schönen Aussicht" nur aus diesem einen Satz: Es wäre ein Höhepunkt der deutschsprachigen Dramatik. Brecht eingeschlossen.
Zur schönen Aussicht
von Ödön von Horváth
Regie: Christina Tscharyiski, Bühne: Sarah Sassen, Kostüme: Miriam Draxl, Musik: Cornelia Pazmandi, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger.
Mit: Felix Strobel, Simon Löcker, Tim Bülow, Gábor Biedermann, Klaus Rodewald, Therese Dörr, Laura Balzer.
Premiere am 21. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.schauspiel-stuttgart.de
Kritikenrundschau
Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (23.6.2025) fuhr nach Stuttgart, weil er Christina Tscharyiski aus Münchner Erfahrungen heraus für "eine hoch spannende Regisseurin" hält. Aber von dieser Reise kommt er enttäuscht zurück. Das rätselhafte Bühnenbild-Ding sei vor allem "im Weg". Die Schauspieler*innen kraxelten darauf umher und "schauen aus, als sei die letzte vitaminreiche Nahrung schon länger her, alle sprechen Horváths Worte, als hätten sie sie eben irgendwo aufgelesen". Damit treibe man dem Stück "gründlich seinen Witz aus".
Otto Paul Burkhardt vom Schwäbischen Tagblatt (23.6.2025) ist angetan: "Die Regie meidet Klischees. Keine Überdrehtheit. Jeder Satz erzählt hier etwas über diese Zufallsgemeinschaft von Gefühlsinvaliden. Manches wirkt schwergängig. Dennoch gelingt eine eigenwillige Horváth-Lesart – ernst, herb und zeitlos aktuell."
Wozu dieses Stück in dieser Zeit, fragt Nicole Golombek von der Stuttgarter Zeitung (23.6.2025) und beantwortet ihre Frage sogleich: "Weil sich das Regieteam interessante Gedanken dazu gemacht hat. Und weil ein überaus spielfreudiges Ensemble offenbar mit der Konzeption eine Menge anfangen konnte und giftige Kritikpfeile in viele Richtungen treffen." Die Kritikerin hebt die "recht klare Kritik an einer Jugend, die den Kapitalismus verachtet, doch auf das Restgeld der Alten spekuliert", hervor und den Auftritt der Figur Christine: "Wie die Christine von Laura Balzer mit unfassbarer Traurigkeit im Blick, ganz ohne zickiges Wehklagen, auf das böse Spiel reagiert, das ist großes Theater."
"Was für ein auch noch nach einhundert Jahren starkes Stück!", ruft Jörg Riedlbauer im Reutlinger Generalanzeiger (23.6.2025) aus. "Die Wiener Regisseurin Christina Tscharyiski nimmt mit ihrer ersten Inszenierung für Stuttgart das Stück sehr ernst, geradezu bitterernst. Lotet es in seinen Tiefen und Abgründen aus. Legt mit schonungsloser Konsequenz die miesen Charaktere der fünf Männer offen, desgleichen das überzogen Besitzergreifende von Baronin Ada. Wiewohl sie auch deren zerbrechliche Seite hinter der Domina-Fassade deutlich werden lässt."
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Ah, und noch eines, kann mir irgendwer den Sinn dieses monströsen Bühnenbildes erklären?
Textunsichere Schauspieler? Pointen vergeigt? Das stimmt absolut nicht. Horváths Text wurde ganz hervorragend und kenntnisreich umgesetzt. Bei der Deutung des Bühnenbildes muss ich allerdings auch passen.
Aber anthropomorphe Bühnenbilder verursachen, ungeachtet Geschmacks-, Bildungs- oder Skalierungsfragen, auf der Bühne Fragen nach der Zeit - es sei denn, ihre Vorzeitlichkeit wäre so eindeutig definiert wie bei einer Totenmaske (Syberbergs Parsifal) oder einem Schädel (Sebastian Baumgartens Tote Seelen 2016 in Stuttgart). Die riskierte Assoziation des gebändigten Gulliver wäre separat zu betrachten, sie ist aber kaum zielführend.
Wenn in Stuttgart seit vorgestern ein weder sexualisierter noch getöteter, aber sehr großer Wanderer auf der Bühne liegt, so liegt er da vermutlich noch immer und ohne weitere narrative Funktion als die der ruhenden Zeit selbst. Bühnenbildlich bewirkt er ein temporales Spannungsverhältnis, das die Handlung explizit aus einer "größeren" Zeitebene herausrückt: diese, als der Lauf der Dinge, scheint arretiert, wenn man den Wanderer ernst nimmt - und warum sollte man nicht, im Theater?
Das Stück kreist um die (teils gewaltsame) Deutung vergangener Ereignisse im Hinblick auf konkurrierende Zukünfte. An diesem Ort aber passiert nichts - und Christine, das zur Hauptfigur avancierte Opfer der Handlung, bricht am Ende in ihre vergleichsweise reale Zeit und Zukunft auf. An ihren letzten Satz bei Horváth, "Wenn mich das Kind nicht mehr braucht, so komme ich dich besuchen – sollte dies Haus dann noch stehen", kann ich mich aus dem Staatstheater nicht erinnern, aber es gab ja auch kein Haus im Haus. Nur einen schlafenden Wanderer mit stehendem Knie - einem wesentlichen Unterscheidungsmerkmal der Ausruhenden von den Toten.
Thomas Rothschild weist dankenswerterweise auf einige besondere Sätze Horváths hin, zu ergänzen wäre vielleicht der rätselhaft selbstreferentielle, in Stuttgart pointiert vorgetragene Theatersatz bei Christines Eintritt in die Handlung, weit provokanter als jedes Bühnenbild:
Strasser: "Christine. Dein plötzliches Erscheinen wirft die ganze Exposition über den Haufen." –