Alles Mögliche - Theater Rampe
Rebellion im Ländle
3. Mai 2025. Zu Beginn ihrer neuen Performance schwelgt die Gruppe She She Pop noch in Melancholie. Dann aber schleicht sich revolutionäres Gedankengut in ihren Text. Das Stuttgarter Publikum reagiert sofort.
Von Steffen Becker
"Alles Mögliche" von She She Pop © Dominique Brewing
3. Mai 2025. Gehört der Jahreswechsel 1999/2000 zu den Momenten, bei denen Sie genau wissen, wo Sie waren, als "es" geschah? So wie – sagen wir – beim 11. September oder der Nachricht, dass Lady Di gestorben war? Nein? Dann geht es Ihnen wahrscheinlich wie der Mehrheit im Stuttgarter Theater Rampe, das der Performance "Alles mögliche" von She She Pop beiwohnt.
Immerhin: einem Streber aus den vorderen Reihen fällt ein Lied ein, dass 1999 rauskam – Funny van Dannens "Jan Ulrich". Das spielen sie dann auch. Die offenbar erwartete Antwort – "Baby one more time" von Britney – läuft dafür zu einem anderen Zeitpunkt. Was war sonst noch 1999? Die Mitglieder von She She Pop erinnern sich an Drogennächte; keine Verantwortung, weil keine Kinder und ein Gefühl von Leichtigkeit, das nie wiederkehrte.
Was war vor 25 Jahren?
Ob der Milleniums-Wechsel aber wirklich der einschneidende Moment war, da sind sich die Mitglieder des Kollektivs selbst nicht so sicher. In die beiden Mikrofone auf der Bühne sinnieren sie darüber, wann das "Jetzt", in dem sie leben, eigentlich angefangen hat – mit dem Berlin-Umzug nach dem Abi, mit der Heirat der Eltern? Trotzdem sind die 25 Jahre back in time der rote Faden des Abends. Sie versuchen zu tanzen wie vor 25 Jahren, sie sprechen darüber, was sie fühlten und wer sie damals waren.
Nebenher kartieren She She Pop das Publikum – Von A wie Alte bis Z wie … (leider vergessen). Man ist ja in Deutschland. Auch wenn man zu revolutionärem Denken einlädt, muss per Liste dokumentiert werden, wer wie beteiligt war. Man ist aber auch in Stuttgart und das mag erklären, warum das mit der Revolution an diesem Abend nicht so recht klappen will. Alles ist zwar eh schon im Konjunktiv gehalten ("Was wäre, wenn wir uns unserer Dinge entledigen und sie tauschen, so dass nichts mehr produziert werden muss"), aber im Materialismus-gestählten Schwaben ist schon die Aufforderung, sich am Kleiderwechsel der Performer zu beteiligen, ein Schritt zu weit (ich habe meinen Hoodie vor zehn Jahren für 20 Euro in einem heute nicht mehr existenten C&A gekauft, den schmeiß ich doch jetzt nicht über eine gammlige Bockleiter).
Von Kipp-Punkt zu Kipp-Punkt
Wohlwollend betrachtet bestätigt der Unwillen des Publikums, eine andere Rolle als die der Konsument*innen einnehmen zu wollen, den Ansatz der Performance. "Alles Mögliche" dreht sich gefühlt in weiten Teilen nicht ums Jetzt und ums Machen im Hier. Der Sound ist eher: Was hätte sein können, wenn wir uns vor 25 Jahren anders entschieden hätten – und noch Entscheidungs-Freiheit hatten statt uns nur noch von Kipp-Punkt zu Kipp-Punkt zu hangeln? Dazu passt auch das Rumreichen eines Notizbüchleins, in das wir schreiben sollen, welche Toten wir vermissen.
Der Star ist ein anderer
Absicht oder nicht – Pessimismus und eine Melancholie der verpassten Chancen durchziehen den Abend. Diese Downer werden auch nicht durch Spielchen vertrieben, wie der Nachbarin zu sagen, bei was man ihr helfen würde, wenn sie meine Cousine wäre (ich biete an, ihre Mutter zu töten, weil man im nicht-revolutionären Stuttgart nur noch durchs Erben was wird). Einziger Lichtblick: Ein junger Mann mit Rapper-T-Shirt, der von Minute 5 bis zum Schluss durchtanzt und damit eigentlicher Star des Abends wird. Ein Hoffnungsschimmer der Leichtigkeit. Ob das zur Intention der Performance passt und was war die eigentlich? Beim Sekt danach muss man sich eingestehen: Tja, keine Ahnung. Das hier war im wörtlichen Sinne "alles Mögliche".
Alles mögliche
Konzept und Percormance: She She Pop
Von und mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf; Künstlerische Mitarbeit: Tina Ebert; Beratung Bühne: Philine Rinnert; Beratung Licht: Claes Schwennen; Dramaturgische Beratung: Peggy Mädler; Produktion: Tina Ebert, Aminata Oelßner, Elke Weber.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
Premiere am 3. Mai 2025
www.theaterrampe.de
Kritikenrundschau
"Das scheinbar schlichte Spiel ist grundiert mit philosophischen Ideen", schreibt Thomas Morawitzky in den Stuttgarter Nachrichten/Stuttgarter Zeitung (5.5.2025). "She She Pops Spiel nimmt Zufall und spontane Eingebungen auf, ist dabei aber klar strukturiert. Die Truppe entwickelt eine sympathische Beziehung zu ihrem Publikum."
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