Arendt. Denken in finsteren Zeiten - Thalia Theater Hamburg
Wo kommen die Gedanken her?
12. Oktober 2025. Mit einem neuen Stück der Autorin Rhea Leman fächert Regisseur Tom Kühnel den Denkkosmos von Hannah Arendt auf. Und Corinna Harfouch glänzt in der Rolle der Philosophin. Aber neben ihr gibt es mindestens noch eine weitere – heimliche – Hauptdarstellerin an diesem großen Abend.
Von Michael Laages
"Arendt" in der Regie von Tom Kühnel am Thalia Theater Hamburg © Katrin Ribbe
12. Oktober 2025. Ob wohl jemand aus dem Kreis der wirklich wichtigen Autorinnen und Autoren im deutschsprachigen Raum einen Theatertext wie diesen schreiben könnte? So zupackend in der Struktur, so klar und konzentriert auf alles Wesentliche, so zielstrebig und stilsicher im zugleich quasi dokumentarischen und phantasiegesättigtem Erzählen? So sicher in Form, Effekt und Wirkung?
Rhea Leman, New Yorkerin vom Jahrgang 1954, seit 1981 in Kopenhagen zu Hause, hat zunächst fürs Fernsehen geschrieben und sich erstaunlicherweise erst spät als Dramatikerin etabliert. Erst "Arendt – Denken in finsteren Zeiten" (mit dem im Englischen poetischeren Untertitel "to see in darkness", übersetzbar auch mit "Sehen in der Dunkelheit"), uraufgeführt im Sommer vor zwei Jahren im dänischen Odense, hat den Weg auch nach Deutschland gefunden. Und dort gehört das Stück ja hin.
Rückhaltlos klares Denken
Rhea Leman thematisiert das Leben und die zentralen Themen, Gedanken und Provokationen der jüdischen Philosophin Hannah Arendt, geboren 1906 im Hannoverschen Stadtteil Linden, gestorben Anfang Dezember 1975 in New York. 1937 hatte Nazi-Deutschland ihr die Staatsbürgerschaft entzogen, Stationen der staatenlosen Exilantin waren Prag, Genf und Paris, bevor sie 1951 in New York eingebürgert wurde – was nicht vielen aus Deutschland Geflüchteten und Vertriebenen gelang in jener Zeit. Zehn Jahre später berichtete sie für die Zeitschrift "The New Yorker" über den Prozess, den der Staat Israel gegen Adolf Eichmann führte, den bürokratischen Chef-Manager des Holocaust an Jüdinnen und Juden in Europa. In der Beobachtung des Massenmörders, der darauf bestand, niemals höchstpersönlich jemanden umgebracht zu haben, prägte die Philosophin und politische Theoretikerin einen der für das Verständnis der deutschen Verbrechen wichtigsten (jedoch speziell in Israel sowie unter den Opfern, unter Jüdinnen und Juden, sehr umstrittenen) Begriff: denjenigen von der "Banalität des Bösen".
Schon in der vergangenen Theaterspielzeit hatte das Hamburger Schauspielhaus Hannah Arendt in Erinnerung gerufen: mit dem "Reenactment", dem Nachspiel also jenes legendären Gespräches im deutschen Fernsehen, das der Journalist Günter Gaus 1963 mit ihr geführt hatte. Schon das war eine Wiederbegegnung der besonderen Art – Arendts präzises, rückhaltlos klares Denken bewies enorm viel Kraft für die Bühne. Rhea Lemans Stück nun birst nur so von dieser theatralen Energie – in der Inszenierung von Tom Kühnel im Bühnen- und Video-Bild von Jo Schramm und mit dem Schauspiel-Trio um den Hamburger Thalia-Gast Corinna Harfouch.
Corinna Harfouch als Philosophin und Prozessberichterstatterin Hannah Arendt © Katrin Ribbe
André Szymanski gibt neben ihr vor allem Arendts Lebenspartner Heinrich Blücher und Gideon Hausner klares Profil, der 1961 Israels Chef-Ankläger war im Eichmann-Prozess; diesen beispiellos-beispielhaften Nazi-Täter (und im Video noch einige andere mehr) spielt Oliver Mallison – diese Figur, so böse gespielt wie banal, wird zum Abbild, zur Inkarnation für den umstrittenen Begriff.
Hannah Arendt ist im Stück aus New York gerade nach Kopenhagen gekommen, im April 1975. Auf der womöglich letzten Reise ins alte Europa, in die erweiterte Heimat also, soll sie den renommierten dänischen Sonning-Preis erhalten. Und im Hotel ist sie von den Geistern des eigenen Lebens umgeben, während sie an der Dankesrede schreiben will, die sie bei der Ehrung halten soll. Regelmäßig taucht der geliebte, aber schon fünf Jahre früher verstorbene Blücher auf. Mit ihm, dem Berliner Kommunisten und (wie sie selber) bis zum Tode starken Raucher, berät sie sich über das eigene Denken und Fühlen. Von Zeit zu Zeit aber werden beide vom toten Adolf Eichmann gestört, der sich aus der Toilette zu Wort meldet. Gerade zieht er sich die Hosen hoch, und die Hände hat er sich auch nicht gewaschen.
Verlust aller bürgerlichen Sicherheiten
Ein Ekel in vielerlei Hinsicht. Eichmann sieht sich selber übrigens auch als den Unschuldigen, der der Philosophin als Objekt in Reportagen und zahllosen Büchern zu Ehre, Ruhm und Geld verholfen habe und dafür eigentlich (wenn er noch lebte!) Tantiemen zuhauf verdient hätte. Vom Kopenhagener Hotelzimmer aus (das vom Bühnenbildner Jo Schram perspektivisch so trickreich gekippt ist, dass "draußen", vor den Fenstern also, der vorbei-rauschende Kopenhagener Großstadt-Verkehr zu ahnen ist) wandelt sich das Bild zum abstrakten Raum für Verfolgung und Ausbürgerung ab 1933, Polizei- und Gestapo-Mitarbeiter inklusive. In schnellen Schritten, immer mit Schrift-Projektion und Sound-Effekt begleitet, driftet Arendts erinnerte Geschichte von nun an durch die Jahre. Szymanski singt, noch fast im Tingeltangel-Stil einer 30er-Jahre-Revue, vom Verlust aller bürgerlichen Sicherheiten, Harfouch beschwört sehr zart Bertolt Brechts Gesang vom Abschiednehmen – wie unendlich traurig und grausam es doch sei, nie mehr die bayerischen Berge zu sehen, die Hänge mit den Weinreben über fränkischen Flüssen und sogar Augsburg, die Heimatstadt.
Mit den (Alp-)Traumgefährten an der Seite: Corinna Harfocuh als Hannah Arendt mit Oliver Mallison auf Jo Schramms Bühne © Katrin Ribbe
Die Traum- und Alptraum-Gefährten bleiben an Arendts Seite, immer wieder, wenn sie zurückkehrt ins Kopenhagener Hotel. In der Vorbereitung der Rede kommt sie aber kaum je über die ersten Worte hinaus: "Sehr verehrte Damen und Herren …". Aus der Erinnerung taucht der Moment auf, da sie sich rechtfertigen muss für die Aufnahme in den USA – in Zeiten, da Immigranten dort überhaupt nicht willkommen waren. Wie jetzt wieder: plötzlich schreit Lemans Stück geradezu schmerzhaft auf vor visionärer Aktualität. Und immer wieder erinnert sich Arendt an die Verpflichtung, die ihr die Mutter aus Hannover mit auf den Weg gab: "Wenn Du als Jüdin angegriffen wirst, wehre Dich als Jüdin!"; also mit allen Mitteln. Ein markantes Spiel habe es gegeben bei Arendts daheim. Die Mutter habe so getan, als kenne sie das eigene Kind nicht mehr und die Tochter musste die Mutter von sich selbst überzeugen.
So wurde sie zur Person, zur Persönlichkeit. "Persona" übrigens, so erzählt Hannah, sei im antiken Theater das Wort gewesen, das durch das Mundloch in der Maske gesprochen wurde. Leman hat extrem verstörende und bewegende Details und Motive in die Story gestrickt.
Dann, zum Ende 90 extrem aufregender Minuten hin, folgt der Prozess in Jerusalem: "Bruder Eichmann" (wie Heinar Kipphardt den Massenmörder später nannte, durchaus in Arendts Sinn) auf der einen, Ankläger Gideon Hausner auf der anderen Seite, die Berichterstatterin Arendt dazwischen. Und bald sieht es so aus, als klage Hausner (mit der ganzen Judenheit im Rücken) sie an, die Denkerin jenseits der Tabus, weil der Begriff der "Banalität" das Böse in Eichmanns Gestalt fundamental verharmlose.
Sturm der Gedanken
Banal darf das Böse nämlich auf gar keinen Fall sein, fordert Hausner, es darf auch nicht so dargestellt werden – monströs, wie es ja unübersehbar gewesen ist. Im Gegenteil, sagt Arendt: Die Banalität ist real; und gerade weil das abgrundtief Böse so banal ist, weil es immerzu und überall lauert und jederzeit wiederholbar ist, bündelt es viel mehr Gefahr als das Denken in Monstrositäten. Und gerade darum ist es so weltenbrandgefährlich. Sehen wir nicht heute an jedem einzelnen verfluchten Tag, wie recht Hannah Arendt hatte?
Was für ein Stück – "well made" ist es bis ins Detail; und Tom Kühnels Team formt es zum Sturm der Gedanken. Zum Schluss singt Corinna Harfouch Funny van Dannens Lied, dessen Text so geht: "Wo kommen die Gedanken her / Was wollen sie von mir / Wenn sie morgen wiederkommen / bin ich nicht mehr hier".
Arendt bleibt. Auch an diesem umjubelten, beglückenden Theaterabend. Hauptdarsteller aber ist eine Autorin, die wir bisher noch nicht kannten. Und natürlich Hannah Arendt. Forever.
Arendt – Denken in finsteren Zeiten
von Rhea Leman
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Tom Kühnel, Bühne und Video: Jo Schramm, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Musik: Hannes Gwisdek, Dramaturgie: Saskia Jablonska, Lichtdesign: Ralf Scholz, Tonmeister: Stefan Flad, Fabian Haugk.
Mit: Corinna Harfouch, Oliver Mallison, André Szymanski.
Premiere am 11. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.thalia-theater.de
Kritikenrundschau
"Der Abend versucht, das Leben dieser großen Frau in einer Art historischen Innenschau zu erzählen, reißerisch und grob vereinfachend", sagt Peter Helling auf NDR Kultur (13.10.2025). "Corinna Harfouchs Spiel fasst einen an, ohne Frage. Nur wirkt es, als sei sie im völlig falschen Stück. Wie sie sich Hannah Arendt anverwandelt, ihr beim Denken zuzusehen, wie Faschismus entsteht, das wäre die eigentliche Geschichte gewesen."
Einen "ganz schnell zu vergessenden Theaterabend am Thalia-Theater" sah Till Briegleb und wettert in der Süddeutschen Zeitung (13.10.2025): "Sie werden doch nicht ernsthaft Hannah Arendt gemeint haben mit dieser Karikatur einer Philosophin, die neue Intendanz des Hamburger Stadttheaters, die dänische Autorin und der deutsche Regisseur, die diesen Abend zu verantworten haben, gemeinsam mit der beliebten Fernseh-Schauspielerin Corinna Harfouch, die an diesem Abend so viel an Hannah Arendt erinnert wie „Unser Lehrer Doktor Specht" an Martin Heidegger." Die "banale Absicht von Autorin und Regisseur, eine der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts gossip-tauglich zu machen", werde "durch die vereinzelten Fetzen streitfreudiger Zitate nur umso klarer in ihrer geistigen Nacktheit", so Briegleb. "Wenn diese Version von Hannah Arendt die aktuell adäquate Form sein soll, ihr für die Gegenwart hochaktuelles Denken zu würdigen, dann sind das wirklich finstere Zeiten."
"Es gibt Momente, in denen einen der saure Kitsch dieser Aufführung wirklich fassungslos machen kann", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel online (13.10.2025). »Worte sind nicht alles / und es ist alles egal", singe Corinna Harfouch als Hannah Arendt am Ende ein Funny van Dannen-Lied. "Es ist das Finale einer vollkommen missglückten Annäherung an eine Denkerin, die uns gelehrt hat, dass eben nicht alles egal ist."
"Auch wenn die Inszenierung relativ konventionell und auch ein wenig lehrstückhaft die zentralen Lebensmomente Arendts in einem Kammerspiel verhandelt, gewinnt sie daraus viel dramatisches Potenzial", schreibt dagegen Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (13.10.2025). Dazu trage vor allem auch das hervorragend aufspielende Darstellertrio bei. "Neben einer überragenden Corinna Harfouch die alle Facetten der Selbstbehauptung, des Zweifelns und der gedanklichen Schärfe nuanciert beherrscht, glänzen auch ihre beiden Mitspieler André Szymanski und Oliver Mallison in diversen Nebenrollen." Fazit der Rezensentin: "Ein wichtiger, eindringlicher Theaterabend über die Kraft des Denkens. Auch in finsteren Zeiten."
Schon bald taumele Arendt auf ihrem schräg nach vorn gekippten Bett in einen surrealen Erinnerungsrausch, schreibt Peter Neumann in der Zeit (16.10.2025). "Das Stück entfaltet sich als eine Art Arendt-Revue, ein groteskes, verzerrtes Lebensbild der jüdischen Jahrhundertphilosophin." Anders scheint so ein bewegtes Denken offenbar gar nicht mehr vorstellbar. "Corinna Harfouch gibt als Power-Denkerin, was sie kann." Doch das Stück, so hat man den Eindruck, arbeite gegen sie. "Nur einmal schlägt die Inszenierung wirklich Funken, als der Eichmann-Prozess beginnt und nicht etwa Eichmann, der aus seiner Verhörkabine entwischt ist, sondern Arendt selbst auf der Anklagebank sitzt."
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Ich habe das Theater mit dem Gedanken verlassen, wie würde die aktuelle Situation zwischen Israel und den Palästinensern gestaltet haben wenn Hannah Arendts mehr Wirkung auf die Politik gewonnen hätte? Ein bewegender Abend!
im Kino sondern auch im Fernsehen lief.Dort wurde die Person Hannah Arendt und
auch ihr Leben erschöpfend behandelt. Sehr schade. H.Liebig
Regisseurin war übrigens Margarethe von Trotta
"erschöpfend" ist ein großes Wort.
Ich habe den Film so in Erinnerung, dass wegen der weitgehenden Beschränkung auf die Zeit des Eichmann-Prozesses und die nachfolgende Buchveröffentlichung die politische Philosophin Arendt doch eher zu kurz kam. Deshalb bin ich gespannt, wie der "Begriff des Politschen" dargestellt wird (vgl. #1). By the way: Ich fand auch, dass in von Trottas Film über Rosa Luxemburg die Bedeutung dieser Theoretikerin nicht wirklich deutlich wurde.
Eine Anmerkung zur "Banalität des Bösen": Eichmann stellte sich im Prozess als mehr oder weniger kleines Licht dar, das nur Befehle ausführte. Arendt ging ihm wohl auf den Leim; ein Aktenstudium hätte gezegt, was für eine treibende Kraft E. war. Den Begriff der Banalität des Bösen sollte man aber nicht verwerfen -- als Richtigstellung der Dämonisierung der Nazis, wie Laages ja auch schreibt.
Ich kann der Laages-Kritik an dieser Stelle aber vollauf zustimmen !!
Begeisternder Abend, für mich einfach phantastisch!
Idee, Text, Inszenierung und natürlich die schauspielerische Leistung!
Hannah Arendt's Vita und Fähigkeiten, auch jener, "bei sich zu bleiben", wurden toll umgesetzt!
Gerne noch mal!
Ohnehin zeigt die Inszenierung Arendt symbolisch den Mittelfinger; sie hätte es sicher gehasst, wenn sie nicht (wie bisher üblich) mit ihren theoretischen Ansätzen und als Geistesperson vorgestellt wird, sondern über Gefühle, Ängste und Psychologie.
Uns geht es aber noch um etwas anderes, das hier noch gar nicht zur Sprache kam: Nur in den ersten 15 Minuten erlebt man, wie es gewesen wäre, wenn Hannah Arendt als starke Intellektuelle inszeniert worden wäre. Danach darf Corinna Harfouch vor allem den weiblichen Körper und das kleine Mädchen Hannah zeigen. Arendts theoretische Texte werden von Männern vorgetragen oder diskutiert, die sie breitbeinig bedrängen. Wissenschaftlich kommentiert wird das Ganze ebenfalls ausschließlich von Männern (die einzige Frau in den Einspielungen darf Füße und Schuhe von Arendt kommentieren).
Und noch ein Wort zu Michael Laages „nachtkritk“: Dieser Text hat uns fassungslos zurückgelassen. Keinerlei fachliche Kritik, bloß eine Nacherzählung dieses missratenen Stücks, das er ohne Grund in den Himmel lobt.
Es sind Feministinnen im übrigen, die bei Hannah Arendt gelegentlich auf den sehr hohen Prozentsatz männlicher Quellen hinweisen (so es gewünscht wird, kann ich dazu späterhin ein Zitat nachliefern).