Traumnovelle - Volkstheater Wien
Wellenreiten auf Kopfsteinpflaster
1. November 2025. Arthur Schnitzlers berühmte Novelle erzählt von erotischen Fantasien eines bürgerlichen Paars, die immer mehr Raum in der Realität einnehmen. Die Regisseurin Johanna Wehner rückt dem Stoff am Volkstheater mit Geometrie und Musik auf den Leib.
Von Andrea Heinz
"Traumnovelle" von Arthur Schnitzler (Regie: Johanna Wehner) am Volkstheater Wien © Marcella Ruiz Cruz
1. November 2025. Wer sich eine üppige venezianische Orgie erwartet, wie in Stanley Kubricks Verfilmung "Eyes Wide Shut", oder wenigstens ein bisschen nackten Schleiertanz, wie in Schnitzlers Original, wird von Johanna Wehners Inszenierung der "Traumnovelle" am Wiener Volkstheater enttäuscht. Geometrisch klar, betont sachlich ist das Ensemble hier gewandet (Kostüme: Ellen Hofmann): weiß mit schwarzen Paspeln, schwarz mit weißen.
Wogen des Unbewussten
Die Handlung, in der das junge Ehepaar Fridolin und Albertine, das nach bürgerlicher Lesart doch alles haben sollte (Ehe, Kind, er ist ein geachteter Arzt), durch ihre normsprengenden sexuellen Phantasien entzweit zu werden droht, wird hier weniger ausgespielt als imaginiert und vorgetragen. Auf einer wellenartigen Bühnenkonstruktion (Benjamin Schönecker), die wohl die Wogen des Unbewussten, oder vielleicht auch allgemein die des Lebens darstellen soll, ist ganz oben die Musikerin Vera Mohrs (auch verantwortlich für die Komposition) am Bösendorfer-Flügel stationiert, daneben Stephan Goldbach am Kontrabass.
Um sie herum steigt und turnt das fünfköpfige Ensemble. Hier oder gerne auch vorne an der Rampe aufgereiht, erzählen sie, meist sich ergänzend, ins Wort fallend, manchmal auch unisono, was Albertine (Anna Rieser) und vor allem Fridolin (Nicolas Frederick Djuren) in einer Nacht und am darauffolgenden Tag erleben. Wobei Albertine als Hausfrau und Mutter für ihr Erleben meist nur der Traum bleibt. Und selbst da bekommt Anna Rieser leider kaum Möglichkeiten, ihrer Figur Kontur zu geben.
Überfordernde Emotionen
Während das Ensemble bisweilen ganz klar in seinen Rollen aufgeht – etwa Günther Wiederschwinger als Kostümverleiher, Katharina Pichler als schöne Unbekannte, oder Christian Ehrich als Musiker Nachtigall –, wirkt es an anderer Stelle so, als wären sie lediglich die inneren Stimmen von Albertine und vor allem Fridolin. Das könnte ein gelungener Move sein, zeigt es doch schön seine Zerrissenheit, oft auch die Überforderung mit den eigenen Emotionen.
Doch in den Sprech- und Spielweisen, anders als die klare Ordnung der Kostüme das suggeriert, wird kein einheitlicher Tonfall, keine klare Haltung zum Text erkennbar. Mal wirkt es fast, als würde man sich über den Text lustig machen. So wird alles, was irgendwie in eine schlüpfrige Richtung geht, mit übertrieben vielsagenden "Ohos" kommentiert. An anderer Stelle nimmt man die Vorlage dann wieder ganz ernst, und zurück bleibt schließlich der Eindruck: Hier ist man sich nicht ganz sicher, was man mit dieser Novelle anfangen, gar damit sagen will.
Zwischen Traum und Deutung: das Ensemble in Kostümen von Ellen Hofmann © Marcella Ruiz Cruz
Der Abend hat durchaus gute Momente, in denen die traumhafte Atmosphäre verfängt, man sich fast einfindet in einem in die Tiefen der Psyche abtauchenden Zwischenkriegs-Wien. Das Ensemble überzeugt durchweg. Besonders Nicolas Frederick Djuren ist stark als Fridolin, der verwirrt, hilflos und schwer in seiner Männlichkeit gekränkt über die Bühnenwellen stolpert, als wäre es das im Licht der Gaslampen glänzende Kopfsteinpflaster von Freuds Wien.
Gummibärchen und Pilates
Wobei, wieso singt Vera Mohrs dazu in einem fort ein säuselndes "Alles gut"? Diese bundesdeutsche Phrase über ein forciert historisches Wien zu legen, wirkt gelinde gesagt bizarr. Wieso Christian Ehrich als Nachtigall von Pilates und Gummibärchen singt: mit Freud ist das schwerlich zu erklären.
Je länger der Abend dauert, desto zäher wird er dann auch. Er trägt zunehmend schwer an seiner Unentschlossenheit. Worauf genau er hinaus möchte, was er sagen will, es bleibt unklar. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Unterschiede in den Geschlechterrollen unterbelichtet sind und die Figur der Albertine seltsam profillos bleibt. Da wäre mehr drin gewesen.
Traumnovelle
von Arthur Schnitzler
In einer Fassung von Johanna Wehner mit Liedtexten von Vera Mohrs
Regie: Johnanna Wehner, Bühne: Benjamin Schönecker, Kostüme Ellen Hofmann, Licht: Ines Wessely, Ton: Michael Sturm, Musikalische Leitung: Vera Mohrs, Dramaturgie: Julia Engelmayer.
Mit: Nicolas Frederic Djuren, Christian Ehrich, Katharina Pichler, Anna Rieser, Günther Wiederschwinger, Stephan Goldbach, Vera Mohrs.
Premiere am 31. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.volkstheater.at
Kritikenrundschau
"Unterm Strich bleiben stehen: ein wenig Prüderie. Aufreizendes Desinteresse an der Politik der Geschlechter. Kein Organ für die Wahrnehmung ihrer unaufhörlich sich verändernden Begehrensformen", schreibt Ronald Pohl in der Wiener Tageszeitung Der Standard (1.11.2025). In der "Traumnovelle" wandere das Begehren von Triebobjekt zu Triebobjekt. "Im Volkstheater, wo sich Regisseurin Johanna Wehner jetzt ihren eigenen Schnitzler-Digest eher unbedarft zusammengepresst hat, wechselt das Wort die Besitzer, geht von Mund zu Mund und wird dabei immer abgeschmackter. Fünf Darstellungsdienstleister stecken in konturverstärkter Mitternachts-Garderobe. Die beiden Modefarben sind Schwarz und Weiß."
Von der Erotik, dem Unbewussten, der Bedeutung von Träumen sowie dem nächtlichen Ausbruch aus bürgerlichen Konventionen bleibe in der Inszenierung von Johanna Wehner nicht viel übrig, so Marie-Sarah Drugowitsch in der Presse (3.11.2025). "Der Text ist stark gekürzt, jedoch chronologisch unverrückt. Die Novelle ist hörbar, nicht sichtbar." Wehner betont, dass Schnitzlers Text von Wiederholungen und Spiegelungen lebt. "Für Kenner birgt der Abend wenig angenehme Überraschung, eher Langeweile."
"Johanna Wehner inszenierte eine über weite Strecken hinreißende Sprechoper mit überraschend humoristischen Facetten", so Thomas Trenkler im Kurier (3.11.2025). "So hat man Arthur Schnitzler wohl noch nie in Wien gehört." Verortet ist die Inszenierung in die 1920-er Jahre, also in der Entstehungszeit der Novelle.
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