Die perverse Begeisterung der Menge

6. Juni 2025. Was kann man in einer Welt der schamlosen Medialisierung von Gewalt noch enthüllen? Milo Rau geht in "Die Seherin" mit Ursinal Lardi als  Kriegsreporterin dieser Frage nach. Bei den Wiener Festwochen uraufgeführt, kam der Abend nun an der Berliner Schaubühne heraus. 

Von Jakob Hayner

Milo Raus "Die Seherin" bei den Wiener Festwochen © Nurith Wagner Strauss

6. Juni 2025. Wer mit Alex Garlands Kinofilm "Civil War" einer Gruppe Kriegsreportern auf ihrer Odyssee durch die Ruinen der USA folgte, merkte schnell, dass sich in der Figur des professionellen Dokumentaristen von Elend und Gewalt stets auch das Medium selbst im Verhältnis zu solchen Grausamkeiten reflektiert. So auch in Milo Raus neuestem Stück "Die Seherin", in dem Ursina Lardi eine Kriegsfotografin spielt, die von einem Krisengebiet zum nächsten jettet. Aus der Suche nach den drastischsten Bildern ist eine Sucht geworden.

Die Obsession steigert sich zu der Omnipotenzfantasie, sie wäre gar die Herrscherin über die Bilder, die Seherin. Sie erliegt – aus Kaputtheit oder professioneller Deformierung? – der Verführungskraft ihres eigenen Mediums. Das Medium, das an diesem Abend verhandelt wird, ist nicht wie bei Garland der von der Fotografie kommende Film, sondern das Theater, das sich aber – nicht nur bei Milo Rau – immer häufiger beim Filmischen bedient. Auf der Leinwand sieht man eine karge Wüstenlandschaft, die Anton Lukas auf die Bühne verlängert hat, Plastikmüll und Autoreifen zwischen Sandhaufen. Lardi, die meiste Zeit vorne am Mikrofon, unterhält einen Dialog mit der dokumentarischen Ebene auf der Leinwand, auf der Azad Hassan nach vorne getreten ist.

Nächtelang Gewaltvideos  

Hassan ist Lehrer im Nordirak, der erzählt, wie der "Islamische Staat" 2014 in seine Heimatstadt Mossul eingefallen ist. Wie die Islamisten für Ordnung sorgten. Wie man sich an die Gebete und die Hinrichtungen gewöhnte. Und wie ihm die Hand abgehackt wurde, nachdem er festgenommen und vom Scharia-Gericht verurteilt wurde. Auf seinem Telefon zeigt er eine Videoaufnahme. Die Dschihadisten haben ihre Gewalttaten keineswegs verheimlicht, sondern gefilmt und zu Tausenden ins Netz gestellt – und massenhaft Klicks geerntet.

Ursina Lardi als Kriegsreporterin und Azad Hassan, dessen Verstümmelung von Dschihadisten gefilmt und ins Netz gestellt wurde in "Die Seherin" © Nurith Wagner Strauss 

Die von Lardi gespielte Kriegsreporterin ist eine, die von solchen Videos nicht genug bekommen kann und nächtelang Massenhinrichtungen im Internet anschaut. War sie früher oft als Einzige mit einem Fotoapparat unterwegs, um seltene Bilder von Gräueltaten oder verschütteten Massengräber zu liefern, hat nun jeder eine Kamera am Handy und die Produktion von Bildern ist unendlich. Und egal, wie krass man ist – "Kinder gehen immer" –, die Amateurkonkurrenz ist krasser. Ein "Epos des Sterbens", erzählt von den Mördern, die nach Aufmerksamkeit gieren. Und die Welt schaut zu?

In den Schmutz hinab

Was soll man in einer Welt der schamlosen Medialisierung von Gewalt noch enthüllen, wie es die gute alte Kriegsfotografie einst als aufklärerisches Ideal gehabt haben mag? Oder das gute alte Dokumentartheater, das ist übertragbar. Die ethische Geste des Zeigens, das einen zum Zeugen macht, hat sich erschöpft, wo alle immer schon Zeugen sind, nur keine Ethik mehr daraus folgt.

Man mag bestreiten, dass der Massenkonsum von Gewaltpornografie ein Problem für das Theater als solches ist, doch für das Theater von Milo Rau ist sie mit Sicherheit eines. Weil Rau sich nämlich den Vorwurf gefallen lassen muss, selbst einem Gewaltfetischismus zu frönen, der seinen Arbeiten den gewissen Kick verleiht. "Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum mittelmäßige Regisseure immer in Krisengebieten inszenieren?", heißt es an einer Stelle in "Die Seherin". Der Abend macht keinerlei Anstalten, dem Vorwurf, von dem Elend zu leben, das man anprangert, auszuweichen, sondern setzt einen kaum erträglichen Schilderungen von Gewalt aus. Schlimm? Ja, so wie die Wirklichkeit. Auch Picasso sah sich bekanntlich nicht als Urheber von "Guernica". Wie bereits in "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs", der ersten Zusammenarbeit mit Lardi, will Rau in den Schmutz hinab, ohne das dem Publikum als moralische Reinigung zu verkaufen.

Wendungen erschaffen 

Gibt es Gewaltdarstellungen, die nicht in den Fallstricken der brutalen Pornografie oder zynischen Vermarktung landen? Auf der Suche nach einer Antwort macht "Die Seherin" einen Umweg über die Zuschauer, die von der Gewalt angezogen werden. "Das Schlimmste war die Begeisterung der Menge", sagt Hassan über seine Verstümmelung. Eine perverse Faszination, die bei Rau nicht geleugnet und doch zugleich unterlaufen wird. 

Weil das Theater sich nicht reflexionslos dem Sog der Bilder hingibt, sondern zum Ort der Selbstbefragung solcher abgründigen Anziehungskräfte wird, kann es etwas wie einen Schutzfilm entwickeln. Und gar eine Begeisterung der Menge für das Ende der Gewalt entfachen? Zum Schlussapplaus kommt Azad Hassan persönlich auf die Bühne, beklatscht und bejubelt. Was für ein dramaturgischer Kontrapunkt, im Theater und im Leben!

Die Seherin
von Milo Rau
Text, Regie: Milo Rau, Mitarbeit Text: Ursina Lardi, Bühne, Kostüme: Anton Lukas, Sound: Elia Rediger, Video: Moritz von Dungern, Licht: Stefan Ebelsberger, Dramaturgie: Bettina Ehrlich, Carmen Hornbostel.
Mit: Ursina Lardi, Azad Hassan.
Premiere am 5. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at


Kritikenrundschau

Ein "klug reflektierendes Erzählstück" hat Thomas Kramar von der Presse (6.6.2025) gesehen. Die "Hauptperson, fein und völlig uneitel verkörpert von Ursina Lardi", sei besessen von Grausamkeit. Ob in der metaphysischen Betrachtung der Fotografin als "Seherin", die ihre entsetzlichen Bilder "vorhergesehen hat", eine Schuldzuweisung an den westlichen Blick liege, bleibe "auf faszinierende Weise offen". Trotz Themen wie Verstümmelung oder Vergewaltigung findet Kramar die Inszenierung "wenig plakativ": "Sie verlässt sich auf die Macht der Worte."

"Warum aber soll man der Schauspielerin Lardi glauben, ihre Figur würde hingerissen von der lebendigen Evidenz brutaler, unvermittelter Gewalt?", fragt Ronald Pohl im Standard (6.6.2025) und schüttelt den Kopf über einen "Abend, an dem kaum etwas mit anderem zusammenhängt. An dem nichts zu Ende gedacht ist". Wieso dienten stets Mythen dazu, die "Authentizität von Gewalterfahrungen zu verbürgen"? Auf einer "lieblosen Zusammenschüttung von Einzelheiten" sieht Pohl die vage Vermutung gegründet, alles stünde mit allem in Verbindung. Für den Kritiker eine "Blütenlese des Terrors".

"Die Seherin" ist aus Sicht von Martin Lhotzky von der FAZ (7.6.2025) eher ein Dokudrama als ein Theaterstück."Es handelt vom IS, verschweigt aber auch nicht die Kriegsverbrechen der Amerikaner und Europäer. Erschütternd und beunruhigend, in wenigen Punkten auch übertrieben, aber eben ziemlich dicht und präzise dran an der Wirklichkeit unserer Welt."

Kommentare  
Die Seherin, Wien: Pose & Behauptung
Drastische Schockeffekte sind ein Markenzeichen der Arbeiten von Wiener Festwochen-Intendant Milo Rau. Das Abschlachten von „Medea´s Kinderen“ in Großaufnahme führte vor wenigen Wochen beim Gastspiel zu Ohnmachtsanfällen.

Nichts für schwache Nerven und zarte Gemüter ist auch die neue Koproduktion „Die Seherin“ mit der Berliner Schaubühne: als fiktive Kriegsfotografin schildert Ursina Lardi eine traumatische Vergewaltigung auf dem Kairoer Tahrir-Platz in allen brutalen Details, in Großaufnahme erleben wir auch eine Selbstverletzung an der Wade im Florentina Holzinger-Stil. Die Grausamkeiten der islamistischen Fanatiker von Daesh durchlitt Azad Hassan, ein Lehrer aus Mossul, als diese 2014 in den Wirren des Bürgerkriegs mit der Errichtung eines Kalifats begannen.

Wie ebenfalls aus früheren Arbeiten bekannt, verschränkt Rau diese Kriegsfotografinnen Doku-Fiktion mit Motiven aus der griechischen Mythologie. Lardis Figur spiegelt sich immer wieder in Kassandra, Anspielungen auf den „Philoktet“ von Sophokles sind eingestreut ebenso wie Erinnerungen des Regisseurs an seine Altgriechisch-Stunden in einem Schweizer Gymnasium. Doch diese Motive sind nicht schlüssig eingebunden, zu viel bleibt an diesem Abend Pose und Behauptung.

Eine weitere Schwäche des Abends ist, dass die Reflexion über die gezeigten Brutalitäten zu kurz kommt. Dies gelang Alex Garland in seinem packenden Drama „Civil War“ im vergangenen Kino-Jahr besser, der zugleich eine sehenswerte Dystopie ist, wohin sich Trumps Amerika entwickeln könnte.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/06/09/die-seherin-milo-rau-theater-kritik/
Die Seherin, Wien: Zynisch und moralinsauer
Ich fand das einen zynischen, an seinem Personal - bis auf den Schockeffekt - nicht wirklich interessierten Abend, der einmal mehr das Leid der Welt auf die Bühne bringen will, ohne künstlerische Mittel dafür zu haben, der noch dazu moralinsauer und - in meinen Augen - beinahe ekelhaft wird, wenn man weiss, dass eine der Geschichten manipulativ-erfunden ist, im Versuch, im Fiktiven eine Entsprechung für das reale Grauen zu finden. Zudem findet er für sein zu großes Thema keine Form - und wird, wieder einmal, zum Beweis, dass Milo Rau das Theatermachen aufgegeben hat. Nur: warum schreibt er dann keinen Essay, das wäre ehrlicher. Und brächte das wichtige Thema ohne LEidenskitsch zu Gehör.
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